Abercrombie & Abuse: Wie Schnheit zur Waffe wird
Es beginnt mit einem Versprechen: Schnheit ist Kapital, Sichtbarkeit ist Erfolg, Mode ist ein Traum. Und es endet zu oft in einem Albtraum. Der Fall des schwulen Ex-Models Barrett Pall und der des Modekonzerns Abercrombie & Fitch ist mehr als ein Skandal er ist ein Lehrstck ber strukturellen Missbrauch, verpackt in Wei, cis, trainiert und attraktiv. Es ist das Bild einer toxischen Industrie, die systematisch junge Menschen ausbeutet, weil sie wei, wie leicht Sehnsucht manipulierbar ist.
Barrett Pall, einst Model, heute Aktivist, erzhlt diesen Albtraum in der ersten Person. Seine Geschichte handelt von Armut, Homophobie, krperlicher Schnheit als Fluch und davon, wie die Modebranche aus all dem Kapital schlgt. Er spricht von Grooming, Schuldsklaverei und dem Verlust der eigenen Intuition aber auch von der Kraft, sich selbst zurckzuerobern. Es ist eine Geschichte, die sich zu oft wiederholt. Nur selten wird sie erzhlt.
Glamour schtzt die Tter
Die Geschichte von Barrett Pall ist untrennbar mit seiner queeren Identitt verbunden: Ein junger, schwuler Mann aus armen Verhltnissen, der sich in der Modebranche als exotisches Kapital erleben sollte und stattdessen am eigenen Krper die zerfetzte Moral dieses Systems sprte. Sein Coming-out wurde zur fundamentalen Tat: In einer Branche, die Homosexualitt oft versteckte, sprach er aus, was viele wussten, aber nicht hren wollten und wurde zur lebenden Anklage gegen die eigene Branche. Sein Kampf gleicht der Geschichte von David gegen Goliath.
Denn die Branche ist geschtzt durch ihren Glanz. Vivienne Westwood wusste das. Ihre Parolen wie «Don’t buy a bomb» oder «Get a life» waren keine ironischen Modestatements, sondern Notrufe aus dem Herzen eines Systems, das Waren produziert, indem es Menschen kommodifiziert. Mode, sagt Westwood, sei lngst Propaganda geworden und das nicht nur sthetisch.
Coming-out als Kampfansage
Als Barrett Pall seine Stimme erhebt, hat das einen Preis: das Ende seiner Modelkarriere. Dass die Journalistin Rianna Croxford fr ihren Dokumentarfilm «Die Abercrombie-Story Sex, Lgen, Missbrauch» (erhltlich als Video on Demand in der ZDF-Mediathek) drei Jahre recherchieren muss, um die Fassade eines globalen Ausbeutungsnetzwerks um Abercrombie-CEO Mike Jeffries zu durchstoen, ist ein Symptom dafr, wie lange die Verhltnisse geschtzt bleiben. Schnheit ist ein perfekter Schleier fr Machtmissbrauch vor allem dann, wenn sie mnnlich, jung und still ist.
Das System funktioniert, weil es doppelt verfhrt: mit Sichtbarkeit und mit Schweigen. Models wie Pall werden gelockt mit Versprechungen von Geld, Einfluss und Ruhm und abgeschreckt durch die Drohung, als «schwierig» zu gelten, wenn sie sich wehren. Die Branche ist narzisstisch im strukturellen Sinn: wenig Empathie, viel Kontrolle, perfektes Gaslighting. Wer mitmacht, gehrt dazu. Wer aussteigt, wird gelscht.
BBC-Recherche als moralischer Dammbruch
Die BBC-Recherche zu Abercrombie & Fitch ist ein moralischer Akt, weil sie sichtbar macht, wie normalisierte Gewalt funktioniert. Wie ein scheinbar harmloses Instagram-Posting zur Spur in ein Netzwerk sexueller Ausbeutung werden kann. Wie ein ganzer Industriezweig sich eine Sprache des Glamours gibt, um systematische Ausbeutung zu tarnen.
Die Frage, die bleibt, ist unbequem: Warum haben wir als Gesellschaft so lange weggesehen? Weil die Opfer mnnlich sind? Weil sie schn sind? Weil sie Erfolg wollten? Die klassische Tter-Umkehr «Sie wollten es doch» funktioniert in der Modebranche besonders gut. Denn wer jung, willig und bildhbsch ist, darf offenbar kein Opfer sein. Dabei sind genau sie die bevorzugten Ziele.
Die Anklage und das verlorene Gedchtnis der Tter
Am 22. Oktober 2024 wurde Michael Jeffries, ehemaliger CEO von Abercrombie & Fitch, gemeinsam mit seinem Partner Matthew Smith und einem weiteren Komplizen formell angeklagt (queer.de berichtete). Die Anklage umfasste 16 Strafpunkte, darunter Sexhandel («sex trafficking») sowie zwischenstaatliche Prostitution («interstate prostitution»).
Im Frhjahr 2025 brachte die Verteidigung ein Gutachten ein, dass Jeffries an einer signifikanten Demenz, vermutlich Alzheimer, leide und daher nicht verhandlungsfhig sei. Am 2. Mai 2025 besttigte das Gericht, dass er aufgrund einer psychischen Erkrankung das Verfahren nicht verstehen oder aktiv daran teilnehmen knne (queer.de berichtete). Eine stationre Behandlung zur weiteren Untersuchung seiner Verhandlungsfhigkeit wurde angeordnet.
Die Strafsache ist also bislang nicht verhandelt. Der Prozess wurde aufgrund von Jeffries‘ psychologischer Erkrankung ausgesetzt. Eine abschlieende Entscheidung ber seine Verhandlungsfhigkeit und mgliche Weiterfhrung des Verfahrens steht noch aus.
Vom Opfer zum Aktivisten
Barrett Pall hat den Kreislauf durchbrochen. Er wurde zum Life Coach, Aktivist, Frsprecher. Und zur unbequemen Stimme einer Branche, die auf Schweigen gebaut ist. «Ich wollte der Sicherheitsmentor sein, den ich selbst gebraucht htte», sagt er. Das ist ein Satz, den man nicht berhren sollte.
Barrett nutzte seine neue Sichtbarkeit, um politisch zu intervenieren: Gemeinsam mit einem progressiven Politiker einem offen queeren Abgeordneten initiierte Pall einen Gesetzesentwurf, der Models zuknftig rechtlich vor sexueller Ausbeutung schtzen soll. Der Entwurf sieht verbindliche Standards fr Fotoshootings vor (zum Beispiel Team vor Ort, Dokumentation, Gangways bei Vertrgen), strkt Strafverfolgung bei Grooming durch Agenturen und Verwerter und fordert eine unabhngige Ombudsstelle fr junge Models.
Das Gesetz, in mehreren US-Bundesstaaten eingebracht, wurde medial nicht breit thematisiert aber Barretts Rolle wird von queeren Aktivist*innen als Vorbild gefeiert.
Wer Macht hat ber Begehren, hat auch Macht ber Menschen
Barrett Pall zeigt: Queere Subjekte sind nicht nur Opfer sie knnen Stimme und der Beginn einer Vernderung sein. In Barrets Fall wird sichtbar, dass Schnheit nicht nur Waffe, sondern auch Hebel zur Gerechtigkeit sein kann.
Denn das Problem ist nicht ein einzelner bergriffiger Fotograf oder ein enthemmter CEO. Das Problem ist ein System, das Schnheit zur Whrung macht und die Verletzlichsten zur Ware.
Die Wahrheit ist: Wer Macht hat ber Begehren, hat auch Macht ber Menschen. Und solange wir dieses Verhltnis nicht hinterfragen, bleibt Schnheit eine Waffe.
Links zum Thema:
«Die Abercrombie-Story Sex, Lgen, Missbrauch» in der ZDF-Mediathek
Rianna Croxford: How my investigation led to sex trafficking charges against ex-Abercrombie boss
Mehr queere Kultur:
auf sissymag.de
