Als die DDR ihre «homophilen Brger» zu akzeptieren begann
Eine kurze Nachricht im SED-Zentralorgan «Neues Deutschland» informierte ber eine Gemeinschaftstagung «Psychosoziale Aspekte der Homosexualitt» der Sektionen Ehe und Familie (Gesellschaft fr Sozialhygiene der DDR) sowie Andrologie (Gesellschaft fr Dermatologie der DDR) am 28. Juni 1985 im Uniklinik-Hrsaal, Liebigstrae 21 in Leipzig. Wer allerdings auf baldige Detail-Informationen gehofft hatte, wurde enttuscht. Ein Tagungs-Manuskriptdruck von 1986 der Uni Jena erreichte aufgrund der geringen Auflage nur wenige Menschen in der DDR. Im Jahr 1989 wurde von Gnter Amendt in der BRD der Band «Natrlich anders. Zur Homosexualittsdiskussion in der DDR» mit ausgewhlten Beitrgen der Leipziger Tagung herausgegeben.
Kurz vor der Tagung legte im April 1985 eine interdisziplinre Arbeitsgruppe «Homosexualitt» an der Humboldt-Universitt Berlin ein Positionspapier «Zur Situation homophiler Brger in der DDR (Analyse des Phnomens und Lsungsvorschlge)» vor. Ziel war die Verbesserung der Lebenssituation von Homosexuellen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen.
Der Handlungsdruck war gewachsen: Die Ttigkeit der «Homosexuellen Interessengemeinschaft Berlin» wurde Ende der 1970er Jahre verhindert, ab 1982 grndeten sich in mehreren Stdten der DDR Arbeitskreise in der Evangelischen Kirche. Schlsselpersonen zum Beispiel in Wissenschaft, Kultur und Beratungsstellen wussten um die schwierige Lebenssituation homosexueller Menschen und nach Beitrgen 1984/85 in der Zeitschrift «Deine Gesundheit» erhielt die Redaktion erschtternde Briefe von Schwulen und Lesben. Zudem waren in der BRD mehrere emanzipatorische Sachbcher erschienen, die auch Anlaufstellen (Gruppen, Initiativen, Vereine) enthielten.
Lesben und Schwule kamen mit eindringlichen Statements zu Wort
Dass just am CSD die Gemeinschaftstagung in Leipzig stattfand, war den Teilnehmenden wahrscheinlich nicht bewusst. Mehrere Redner*innen legten aus philosophischer Perspektive ihre Analysen und Vorschlge vor, so Bert Thinius «Zu Fragen der Persnlichkeitsentwicklung Homosexueller im Sozialismus». Er bezeichnete spter als zentralen Satz der Tagung, mit dem das Umdenken und praktische Handeln in der ganzen Gesellschaft vorangetrieben werden sollte: «Es gibt keine humane Alternative zur vollen Anerkennung Homosexueller als gleichwertige und gleichberechtigte Brger, zur Respektierung ihrer sexuellen Orientierung und der daraus resultierenden Formen ihrer Partnerschaften.»
Aus lesbischer Sicht legten Ursula Sillge (bereits in den 1970er Jahren engagiert, 1986 Mitgrnderin des Sonntags-Clubs Berlin) und aus schwuler Perspektive Eduard Stapel (1982 Mitgrnder des Arbeitskreises Homosexualitt der Evangelischen Studentengemeinde Leipzig, ab 1985 bei der Evangelischen Kirche fr DDR-weite Schwulenarbeit angestellt) ihre Anstze, Erfahrungen und Vorschlge dar. Auch weitere Lesben und Schwule kamen mit eindringlichen Statements in der Diskussion zu Wort. Aber: Fr den Manuskriptdruck 1986 wurden Passagen aus dem Beitrag von Eddi Stapel unter anderem mit Kritik am Chefredakteur von «Deine Gesundheit» sowie zur Beschrnktheit der Beratungen in Ehe- und Sexualberatungsstellen gestrichen.
ber alle gesellschaftlichen Bereiche hatte das Ministerium fr Staatssicherheit bis zur Wende ber inoffizielle und hauptamtliche Mitarbeitende einen Schirm der berwachung gespannt. Das Misstrauen war gro. Staatswidrige Aktivitten, der «Missbrauch Homosexueller fr politisch-negative bzw. feindliche Ziele und Handlungen» sowie der Anschluss homosexueller Menschen und Gruppen an die politische Opposition sollten verhindert werden. Nahezu in jedem Arbeitskreis gab es Schwule und Lesben, die als IM ttig waren und der Hauptabteilung XX des MfS viel berichteten. In Gruppen wurde versucht, einen Keil zwischen Aktiven zu treiben sowie Intrigen und weitere Manahmen der Zersetzung eingeleitet.
Wohnungen auch fr gleichgeschlechtliche Paare
Trotzdem ging es durch das Engagement der Berliner Uni-Arbeitsgruppe und nach der Leipziger Tagung in einigen Bereichen voran. Whrend einige SED-Bezirkszeitungen sich noch lnger gegen Anzeigen zur Suche gleichgeschlechtlicher Kontakte strubten, ermglichte die «Wochenpost» ab 1985 unter der Rubrik «Bekanntschaften» entsprechende Annoncen. Da immer mehr heterosexuelle Menschen von der Rubrik «Heiraten» auf die andere auswichen, wurde die Wartezeit auf das Erscheinen der Anzeige allerdings immer lnger (1987/88 sechs bis sieben Monate). Bei der Vergabe von Wohnungen an gleichgeschlechtliche Paare tat sich bei einigen Wohnungsverwaltungen etwas zum Positiven, zum Beispiel in gesamt Ost-Berlin Ende 1985. Die langjhrigen, teils zermrbenden Bemhungen um Begegnungsmglichkeiten auerhalb der Kirche fruchteten in der DDR-Hauptstadt 1986 mit der Grndung des Sonntags-Clubs. In Halle (Saale) dauerte dies nach zhen, erfolglosen Aktivitten durch das Abblocken und Hinhalten staatlicher Behrden allerdings bis 1989.
Das Jahr 1985 brachte weitere Lichtblicke, in deren Folge sich die Toleranz und Akzeptanz von Homosexualitt unter jungen Menschen in der DDR signifikant erhhten und die Situation homosexueller Menschen allmhlich verbesserte. Whrend in den ersten Auflagen im Aufklrungsbuch «Denkst du schon an Liebe?» von Heinrich Brckner gleichgeschlechtliche Sexualitt als defizitr und entsprechende «Spielereien» in der Pubertt als problematisch eingeordnet wurden, war die 5. Auflage 1985 deutlich berarbeitet. Der Autor sprach sich hierin zudem gegen die geltende hhere Schutzaltersgrenze fr homosexuelle Handlungen aus, die dann noch vor der Wende mit der Streichung des 151 DDR-StGB zum 1. Juli 1989 abgeschafft wurde.
Pldoyer fr Akzeptanz in der Zeitschrift «Deine Gesundheit»
In der November-Ausgabe 1985 wurde in der weit verbreiteten DDR-Zeitschrift «Deine Gesundheit» von einem der Protagonist*innen der Leipziger Tagung (Prof. Dr. Erwin Gnther, Uni Jena) ein Beitrag zur Homosexualitt verffentlicht. Dieser hob sich vom Geschwurbel vergangener Verffentlichungen deutlich ab und war von vorn bis hinten ein Pldoyer fr Akzeptanz. «Homosexualitt ist eine natrliche Variante in dem sehr weiten Bereich sexuellen Erlebens und Verhaltens Unkenntnis und alte Moralvorstellungen mssen beseitigt werden, damit Vorurteile und falsche Haltungen gegenber Homosexuellen berwunden werden.» Als Anlaufstellen benannte Gnther mangels nicht-kirchlicher Alternativen nur die Ehe- und Sexualberatungsstellen.
Einen Meilenstein fr den schulischen Bereich setzte mit Dr. Kurt Bach ein anderer Protagonist der Leipziger Tagung in Heft 12/1985 von «Biologie in der Schule». In seinem Beitrag «Homosexualitt-Gesellschaft-Sexualerziehung» revidierte der bekannte DDR-Sexualpdagoge seine frhere Haltung (Homosexualitt als Fehlentwicklung; Jugendliche sollten keine Freundschaften zu homosexuellen Menschen eingehen), fr die er sich bereits 1984 entschuldigte. «Akzeptanz und Integration der homosexuellen Mitbrger in die Gesellschaft sind unser Ziel. Wir mssen die Einsicht, da wir nicht 5 % der Bevlkerung in wichtigen Bereichen ihrer Lebensfhrung unbeachtet lassen drfen, nicht nur kognitiv herausbilden, sondern auch emotional und volitiv festigen.» Bach bezieht auch BRD-Studien in seinen Beitrag ein und gibt didaktisch-methodische Empfehlungen. Wermutstropfen des Beitrages ist aus heutiger Sicht seine Einordnung von Transgeschlechtlichkeit und Cross Dressing.
Trotz mancher Widersprchlichkeit und Unvollkommenheit: Das Jahr 1985 markiert entscheidende Wendungen in der DDR im Umgang mit Homosexualitt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
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