Als queere Person in der AfD-Familie: Es bleibt nur der Bruch
Leonie Plaar erzhlt vom Coming-out in der Provinz eine Erfahrung, die viele queere Menschen teilen, die auf dem Land aufgewachsen sind. Ihre Eltern wischen ihre Identitt zunchst als Phase vom Tisch; schon als Jugendliche berfllt sie die «hilflose Angst, unsichtbar gemacht zu werden». Als Tochter eines AfD-Mitglieds verbringt sie ihre Kindheit inmitten von Verwandten, die immer tiefer in den Sumpf aus rechtspopulistischen und -extremen Weltbildern hineingezogen werden. Whrend ihres Coming-outs dmmert ihr zum ersten Mal, «dass hier kein sicherer Ort fr meine Identitt war, obwohl ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Worte fassen konnte».
In «Meine Familie, die AfD und ich» (Amazon-Affiliate-Link )verhandelt Plaar eine Erfahrung, die kein Einzelfall ist. Es ist eine Familiengeschichte, zerfressen von endlosen, aussichtslosen Diskussionen, von menschenverachtenden Stzen, Lgen und Ideologien. Sie beschreibt, wie sie sich gezwungen sieht, den Kontakt zu ihrer Familie weitgehend abzubrechen und stattdessen aufklrenden Content fr Social Media zu produzieren. Sie will ihre Geschichte nicht lnger als Scheitern gelesen wissen, sondern als Aufruf: Mut zu machen, Empathie zu wecken, Ressourcen klug einzusetzen und das Schweigen derer zu brechen, die sich in endlosen, fruchtlosen Diskussionen mit AfD-Whlenden verfangen, machtlos gegenber deren Radikalisierung, aber entschlossen, die Normalisierung einer rechtsextremen Partei nicht einfach durchzuwinken.
Wenn der Streit vom Politischen in Private kippt
Klar benennt sie unter Einbezug ihrer eigenen Positionalitt als weie, queere, deutschsprachige cis Frau -, dass Selfcare, so richtig das Bedrfnis nach Schutz und Rckzug auch ist, nicht zum Vorwand fr Kapitulation werden darf. Denn: Von Rassismus Betroffene haben nicht die Option, sich wegzuducken. Wir schulden es den Verletzbarsten unserer Gesellschaft, den Kampf gegen den erstarkenden Rechtsradikalismus nicht aufzugeben.
Plaar, die als «Frau Lwenherz» im Netz bekannt ist, zeigt, wie der Streit mit der Familie vom Politischen ins Private kippt. Es reicht nicht, einfach nur Falschbehauptungen zu widerlegen man muss den Spie rhetorisch umdrehen, Fragen stellen, die ins Mark treffen. Wieder und wieder erklrt sie ihren Verwandten allen voran ihrem Erzeuger (wie sie ihn nur noch nennt, so weit geht die Entfremdung) -, wie queerfeindlich die AfD ist, wie tief sie im Sumpf der «Anti-LGBTIQIA*-Propaganda der rechtsextremen Medienmaschinerie» steckt. Am Ende bleibt die absurde wie traurige Tatsache: Ihr eigener Vater untersttzt eine Partei, die ganz konkret seine Tochter bedroht.
Plaar: Alice Weidel wird irgendwann fallen gelassen
Besonders scharf analysiert sie das Paradox, dass die AfD sich nach auen als nicht homophob gerieren muss, whrend sie gleichzeitig queerfeindliche Politik am laufenden Band produziert. Offene Homophobie lsst sich ffentlich kaum mehr verkaufen whrend Gewalt gegen Queers steigt und Transfeindlichkeit frhlich weiter eskaliert. Bei Alice Weidel formuliert Plaar die These, dass sie irgendwann von ihrer eigenen Partei fallen gelassen wird; bis dahin instrumentalisiert Weidel das Thema und verklrt Homophobie zum «Migrationsproblem». Damit kapituliert sie nicht nur vor der Realitt, sondern spuckt auch auf die Kmpfe, denen sie ihre Rechte verdankt. Plaar hlt dagegen: «Wie lautstark wir Alice Weidel auch kritisieren mgen, wir werden immer auch fr ihre Rechte mitkmpfen.»
Ebenso betont sie, wie massiv das Internet im Gegensatz zu physischen Rumen fr Jugendliche zum Motor der Radikalisierung wird. Die rechte Propaganda funktioniert erschreckend gut, weil sie einfache Antworten auf komplexe gesellschaftliche Fragen bietet. Plaar zitiert den frheren AfD-Pressesprecher Christian Lth: «Je schlechter es Deutschland geht, desto besser fr die AfD.» Deutlich macht sie den Unterschied zwischen Meinung und gezielter Desinformation: knstlich konstruierte Feindbilder, die Migrant*innen und queere Menschen gleichermaen treffen. Ihnen wird eine angebliche Ursprungsnation entgegengestellt, in der einzig Platz fr die patriarchale, heteronormative Kleinfamilie ist sexistisch, rckwrtsgewandt, exklusiv.
Pldoyer fr die Wahlfamilie
Und ja: Wer sich schon intensiv mit Faschismus und Rechtspopulismus beschftigt hat, findet in «Meine Familie, die AfD und ich» keine groen Enthllungen. Aber genau darin liegt die Kraft des Buches: Es ist ein Sprachrohr fr all jene, die gezwungen sind, ihre Bratkartoffeln am selben Tisch mit radikalisierten Familienmitgliedern zu essen. Am Ende zieht Plaar ein Fazit, das in queeren Biografien lngst gelebte Praxis ist: Wer vor der eigenen Familie Scham oder Angst empfindet, findet seine Wahlfamilie in den Freund*innen. Blutsverwandtschaft kann man sich nicht aussuchen Familie schon.
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