Ambivalenzen zwischen queerer Liebe und geschichtlicher Verantwortung
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Ambivalenzen zwischen queerer Liebe und geschichtlicher Verantwortung

Yael van der Wouden legt mit ihrem Debtroman «In ihrem Haus» (Amazon-Affiliate-Link ) ein literarisches Ereignis vor, das von der ersten Seite an in seinen Bann zieht. Mit berraschenden Wendungen und einer Sprache, die gleichermaen detailverliebt wie affektiv ist, gelingt der Autorin ein kunstvolles Spiel mit Wahrnehmung und Ambivalenz und fhrt so die eigene Ahnungslosigkeit vor.

Auf den 320 Seiten des im Gutkind Verlag erschienenen Buchs verteilen sich 15 Kapitel. Diese wiederum sind in drei Teile gegliedert, die grob den Erzhlstrang vorgeben. Im ersten Teil werden die beiden Protagonistinnen eingefhrt – zwei Charaktere, die beide auf den ersten Blick nicht gerade Sympathietrgerinnen sind: Isabel, die pedantisch das Haus htet, das dem ltesten ihrer Brder versprochen ist, und Eva, dessen neue Freundin, die sich wiederum vorgenommen hat, die letzte neue Liebschaft zu sein, die Isabells Bruder zum Abendessen mitbringt. Darin kann ein Kampf gegen die internalisierte Misogynie, mit der sich lesbische Frauen auseinandersetzen, hineingelesen werden. Viel mehr traut sich Yael van der Wouden damit jedoch, ihre Figuren nicht gefllig zu gestalten.

Trotzdem oder gerade deshalb schafft die Autorin es, eine subtile Spannung aufzubauen, in der sich Nhe ber krperliche Teilhabe beschreibt. Details, wie die anfangs gefundene Scherbe, die wie beilufig erzhlt werden, rcken dabei immer mehr in den Hintergrund, sodass die Rtsel, die die Autorin der Leser*innen aufgibt, gar nicht als solche erscheinen. Sie zeichnet dadurch narrative Kontraste, deren Wirkkraft sich an jeder der berraschenden Wendungen immer wieder neu und intensiv entfacht.

Der Krper als Schauplatz der Emotionen

Van der Woudens Strke liegt nmlich darin, das Krperliche ins Zentrum des emotionalen Erzhlens zu rcken. Krper sind «in ihrem Haus» nie nur Trger von Handlung, sondern selbst Schaupltze der sich entfaltenden Komplexitten von Emotionen, auf denen sich Verlangen, Wut und Verletzlichkeit verdichten manchmal sogar gleichzeitig.

Deutlich wird das vor allem im zweiten Teil, der sich der Annherung der beiden Frauen widmet einer Annherung, die zunehmend von Begierde und dem Widerspiel von Anziehung und Zurckweisung bestimmt ist. Die Strke des Romans mag in der sinnlichen Beschreibung erotischer Begegnungen gesehen werden, der Zauber liegt jedoch in den zarten Momenten, in denen Krpersprache mehr erzhlt als Worte, wie dem Entgegenstrecken einer Hand, um mit einem kurzen Hndedruck zwischen Widerwillen und Wohlwollen ein vershnliches «Lebewohl» auszudrcken.

Im dritten Teil schlielich werden die Geheimnisse gelftet. Dass Yael van der Wouden sich in ihrem Schreiben nicht nur mit queerer Identitt, sondern auch dem Jdischsein beziehungsweise beidem gleichzeitig auseinandersetzt, steht dabei im Vordergrund. Hier arbeitet sie die Geschichte entlang des historischen Kontexts gefhlvoll auf, ohne dabei in verurteilende Dichotomien zu rutschen stattdessen werden die Ambivalenzen, die zwischen Liebe und geschichtlicher Verantwortung gleichzeitig zugange sind, sprbar.

Ein bemerkenswertes Debt

Der Titel «in ihrem Haus» bleibt damit bis zur letzten Seite auch ein kleines Geheimnis, denn wessen Haus eigentlich? Das der Mutter, die verstorben ist? Das von Isabel, die es sich angeeignet hat? Das von Eva, die es wie selbstverstndlich fr sich beansprucht? Oder knnte es sogar das Haus von beiden sein?

Mit «In ihrem Haus» gelingt Yael van der Wouden ein bemerkenswertes Debt. Darin besticht sie nicht nur durch kunstvolle Sprache und eine spannungsgeladene Erzhlweise, sondern bearbeitet auch komplexe Fragen von Identitt, Zugehrigkeit und Begehren. Am Ende wird das titelgebende Haus selbst zum lebendigen Ort, der Verlust, Erinnerung und die Suche nach einer gemeinsamen Gegenwart verhandelt.

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