ber die Arroganz der Ignoranz
Kaum ein anderes Thema beschftigt die hellblaue Partei mit dem roten Haken so sehr wie das Thema Gender. Das heit dann bei ihr beispielsweise «Genderwahn», «Genderideologie» oder «Gender-Gaga» und richtet sich gegen alles, was auch nur entfernt die patriarchale Geschlechterordnung in Zweifel ziehen knnte. Ihr Kampf gegen die Geschlechterforschung und gegen eine geschlechtergerechte Sprache hat sich lngst als politisches Erfolgsrezept erwiesen.
Das hat wiederum die sogenannte politische Mitte, in der sich die CDU vorzugsweise wahrnimmt, ganz neidisch werden lassen. So neidisch, dass die Union in einigen Bundeslndern mit einer sprachpolizeilich anmutenden Verbotspolitik auf Kuschelnhe nach rechts gerckt ist und auch sie spricht gelegentlich von der «Genderideologie». Die Union, mal nebenbei bemerkt, scheint so von der AfD das Siegen lernen zu wollen. Auf jeden Fall beherrschen Konservative wie Rechte die sonst der sogenannten Wokeness unterstellte Cancel Culture am allerbesten.
Anti-Gender als «rechte Einstiegsdroge»
Die Historikerin und Politikwissenschaftlerin Daniela Rther hat sich in einem handlichen Taschenbuch mit dem Titel «Die Sex-Besessenheit der AfD» (Amazon-Affiliate-Link ) der Sache mit dem Gendern mal genauer angenommen. Die gut hundert Seiten, die dabei entstanden sind, haben es wirklich in sich und lassen vor allem die AfD ziemlich nackt dastehen. Die Diagnose ist eindeutig: Der Kampf der Hellblauen gegen das, was sie «Genderwahn» nennen, hat bei ihnen selbst einen scheinbar unheilbaren «Genderwahn» bewirkt. Das Dumme ist nur, dass dieser Virus hochansteckend ist, wie wir an den letzten Wahlergebnissen sehen konnten. Anti-Gender knne man, so Rther, auch als «rechte Einstiegsdroge» bezeichnen.
Dass die AfD mittlerweile in allen Parlamenten sitzt, bringt die Autorin dazu, sich zunchst einmal deren Auftritte im Parlament vorzunehmen und kommt dabei zu der Erkenntnis, dass man hier von Parlamentsarbeit, also von qualifizierter Arbeit im eigentlichen Sinne, kaum sprechen kann. Ein SPD-Abgeordneter kommentierte beim Stichwort Arbeit: «darauf versteht ihr euch sowieso nicht gut». Die Unprofessionalitt ihrer Antrge, dieser hochdotierte Dilettantismus, ist geradezu sprichwrtlich. Rther liefert dafr Belege ber Belege (eindrucksvoll dokumentiert in 343 Anmerkungen am Ende des Buchs). Rther analysiert als Elemente der politischen Strategie dieses ewige Wiederholen der immergleichen Phrasen, auch wenn es die plattesten Lgen sind. Hier hat der Wahnsinn in der Tat Methode.
Dabei sollten wir nicht vergessen, dass die AfD dafr Steuergelder in Hhe von etwas mehr als 11.000 Euro pro Bundestagsabgeordnete*n und nochmal fast 20.000 Euro fr Mitarbeitende in jedem Abgeordnetenbro monatlich kassiert. Was dabei herauskommt, ist so erbrmlich, dass sogar die Union schon mal genervt reagiert, wenn da wieder blo ein paar Stichworte, hingefetzt auf einem DIN-A-4-Blatt, als Antrag eingebracht werden.
Vordringen in die politische Mitte
Gender steht fr ein eher diffuses Feindbild und als «Etikett fr alles, was nicht zum rechtskonservativen heteronormativen Denken passt». Bedient wird sich dabei gern und reichlich im braunen Ideen-Fundus, wo immer es um Familie und Geschlechterrollen geht. Gerade mit «Anti-Genderismus» vermag die hellblaue Partei «am weitesten in die politische Mitte vorzudringen», so Rther. Mit diesem Feindbild, das wissen wir natrlich lngst aus einem transfeindlichen Alltag, entstehen seltsame und uerst toxische Allianzen gewisse feministische Gruppen gehren ebenso dazu wie Demo fr alle oder ein FAZ-Redakteur und noch viele mehr.
Dass sich die Politik der AfD, die als «autoritrer Nationalradikalismus» charakterisiert werden kann, frontal gegen eine offene Gesellschaft und eine liberale Demokratie richtet, ist ja nicht neu. Aber erschreckend bleibt dennoch, wenn wir das so ausfhrlich dokumentiert erklrt bekommen, wie jetzt in Rthers Buch. Dass bei der AfD alle familienpolitischen Vorschlge am Ende auf Bevlkerungspolitik hinauslaufen, ist so offenkundig wie der Zusammenhang zwischen ihrer Migrations- respektive Re-Migrationspolitik und ihren ziemlich brunlichen bevlkerungspolitischen Idealen. Rther nennt es die zwei Seiten einer Medaille.
Die ideologische Besetzung bestimmter Diskursfelder
Mit eingeschlossen in das Feindbild Gender ist der Hass auf die Gender Studies. Die AfD hat sich regelrecht verbissen in den Kampf gegen die Geschlechterforschung und startete Anfrage um Anfrage. Die eine so unsinnig wie die andere, von Realitt und Verhltnismigkeit weit und breit keine Spur. Die Hellblauen reagieren auf Kritik mit der «Arroganz der Ignoranz», denn natrlich geht es ihnen mit der Dauerbeschallung allein um die ideologische Besetzung bestimmter Diskursfelder. Der Stimmenzuwachs gibt ihnen ja nur recht.
Die Linken-Politikerin Heidi Reichinnek, nicht zuletzt bekannt durch ihre rhetorische Schlagfertigkeit, kommentierte den «Genderwahn» der AfD im Bundestag einmal so: «Ich freue mich, sie und euch alle wieder mal zur Selbsthilfegruppe ‚Wegen der AfD zwanghaft ber Gendern reden mssen‘ zu begren. [] Ehrlich, ihr Genderwahn macht mir langsam echt ein bisschen Sorgen.»
Wer sich also ein Bild von den politischen Methoden und Strategien der AfD machen will, dem sei Rthers Bchlein empfohlen. Schade nur, dass es wahrscheinlich diejenigen, die es am ntigsten htten, weil sie die Hellblauen whlen, nicht erreicht. So ist das mit der Arroganz der Ignoranz.
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