«Das Kanu des Manitu»: Nicht wirklich was dazugelernt
Fast ein Vierteljahrhundert nach «Der Schuh des Manitu» reiten die Figuren Abahachi (Michael Bully Herbig) und Ranger (Christian Tramitz) erneut ber die Kinoleinwand diesmal sogar ber die ganz groe. «Das Kanu des Manitu» ist nmlich der erste deutsche IMAX-Film, auch wenn dabei vermutlich vor allem der konomische Erfolg des Vorgngerfilms ausschlaggebend ist und nicht die Qualitt des Films selbst.
In der Western-Komdie werden Abahachi und Ranger aufgrund falscher Anschuldigungen zum Tode verurteilt, was sich allerdings als Teil eines Plans der noch namenslosen siebenkpfigen Bande um den «Boss» (Jessica Schwarz) herausstellt, die es auf das titelgebende Kanu abgesehen hat. Dank Dimitri (Rick Kavanian) und seiner neuen Angestellten/Angebeteten Mary (Jasmin Schwiers) gelingt ihnen zunchst die Flucht, doch mit der Bande einerseits und dem Sheriff (Friedrich Mcke) und seinem Deputy (ebenfalls Rick Kavanian) andererseits auf den Fersen lsst sich schon erahnen, dass es nicht lange dauert, bis die vier Kamerad*innen wieder in Schwierigkeiten stecken. Zustzlich wird die Beziehung der «Blutsbrder» durch Geheimnisse ber ihre jeweiligen Familienverhltnisse belastet.
Flacher Humor und eine groe Schippe Nostalgie
Die einem typischen Abenteuerfilm folgende Handlung wird wie auch schon im ersten Film ab und zu von humoristisch gemeinten musikalischen Einlagen unterbrochen, ebenso wie von der ein oder anderen Abweichung vom Kurs, die durch ihre Absurditt zum Lachen bringen sollen. Fr einige Zuschauer*innen mag das funktionieren, fr andere wird es schnell langweilig und aufgrund der schieren Flle ermdend. Auch auf anderen Ebenen hat sich der Ton des Humors gegenber dem Vorgnger wenig verndert: Es gibt visuelle Jokes, bei denen Metaphern wrtlich interpretiert werden, popkulturelle Referenzen, Slapstick, fliegende Holzspne und natrlich drfen Urin- und Fkalhumor nicht fehlen. Die Dichte von flachen Sexwitzen hat glcklicherweise abgenommen, dafr gibt es mehr Bezugnahmen aufs lterwerden. Hinzu kommt eine groe Schippe Nostalgie.
Lediglich das Durchbrechen der vierten Wand und der neue «Komparse» Wolfgang (Merlin Sandmeyer) sorgen fr ein wenig Abwechslung. Dialekte diesmal nicht nur Bayrisch, sondern auch Schsisch -, Sprachfehler und stereotype Darstellungen sollen ebenfalls zum Lachen bringen, dabei wird aber leider weiterhin vor allem nach unten getreten, so dass es vielen auch im Hals stecken bleiben drfte. Insbesondere behindertenfeindliche und rassistische «Witze»/Entgleisungen scheinen immer noch en vogue.
Ranger als «alter weier Mann»
An einigen Stellen versucht der Film, selbstkritisch zu sein. Ranger wird als «alter weier Mann» beschrieben, und es mehrfach wird darauf verwiesen, dass das I-Wort nicht mehr genutzt werden soll wobei der Begriff natrlich weiterhin ausgesprochen wird. Sexismus wird zum Glck kaum noch als «humoristisches» Element eingesetzt und einmal auch direkt angesprochen, als Boss sich beschwert, dass Wolfang sie wohl nur nach Suppe fragen wrde, weil sie eine Frau ist. Die Frauenfiguren werden insgesamt als stark und kompetent inszeniert. Schade, dass ihr Weg am Ende dennoch stets in die Arme eines Mannes fhrt.
Abgesehen von ihnen scheint Abahachis schwuler Zwillingsbruder Winnetouch (ebenfalls Michael Herbig) die einzige Person zu sein, die kompetent genug ist, um nicht nur fr sich selbst zu sorgen, sondern auch anderen aus der Patsche zu helfen. Insofern ist an Herbigs Aussage, dass Winnetouch «die emanzipierteste Figur von allen» sei, tatschlich etwas dran. Die klischeehafte, rosarote Inszenierung des Charakters hat sich ansonsten nicht wirklich verndert. Dafr bekommt er aber kaum noch Screentime und entsprechend keine Gelegenheit fr emotionale Tiefe. Dies lsst sich besonders im Vergleich zur Romanze zwischen Dimitry und Mary sehen, die sich ber die gesamte Laufzeit hinweg entwickeln kann und eine eigene Musical-Einlage bekommt. Dass Winnetouch ebenfalls einen Partner findet, wird nur im finalen Voice-Over beschrieben und es wird keine einzige Interaktion zwischen den beiden gezeigt. Homoerotische Untertne zwischen Abahachi und Ranger sowie dem Sheriff und seinem Deputy werden als Witz eingesetzt.
Verantwortungslose Wildwest-Fantasien
Das grte Problem des Films liegt aber in seiner skurrilen Auseinandersetzung mit der deutschen Faszination mit Native Americans. So wird zwar anerkannt, dass Abahachi gar kein «echter Apache» ist, gleich im nchsten Atemzug gibt es dann aber schon die perfekte Lsung, damit sich ja keine*r schlecht fhlen muss, der*die frher «Cowboy und Indianer» gespielt hat oder Western-Fantasien feiert: Es zhlt doch nicht die Abstammung, sondern wer sich im Herzen als Apache fhlt, der sei es auch. Besonders absurd wird es, als Abahachi/Herbig zu einer Gruppe von Native Americans sagt «Seit ich denken kann, wollte ich so sein wie ihr» und von ihnen versichert bekommt, dass er weiterhin Teil von ihnen und ihr «Huptling» sei.
Ich begre die Botschaft, dass keine Person nach ihrer Herkunft verurteilt werden soll. In Anbetracht der beachtlichen Menge an weien Deutschen, die immer noch in ihrer Freizeit Redfacing betreiben und wahlweise zu «Powwows» oder Karl-May-Festspielen zusammenkommen, vom Amerikanistik-Professor Hartmut Lutz auch als «Indianerenthusiasmus» bezeichnet, kommt dies aber einer Ablehnung jeglicher Verantwortung fr Wildwest-Fantasien gleich. Die Vorwrfe von kultureller Aneignung, beridentifikation und Romantisierung kolonialer Projektionen knnen so einfach von sich gewiesen werden, schlielich seien wir doch alle «Brder im Geiste». So wird sich auch direkt selbst die Absolution erteilt, im Jahr 2025 noch einen solchen Film herauszubringen, in dem ein weier Mann mit schlechter Percke im Lederkostm ber die Leinwand springt.
Zumindest knnte man hoffen, dass nach einer solchen (wenn auch fehlplatzierten) vershnlichen Szene mit dem Franchise abgeschlossen wird, allerdings lsst die kurze Post-Credit-Szene befrchten, dass eventuell noch weitere Teile folgen.
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