«Der CSD ist ein Aushngeschild fr ein weltoffenes Deutschland»
5 mins read

«Der CSD ist ein Aushngeschild fr ein weltoffenes Deutschland»

Die jngsten Vorflle rund um CSD-Veranstaltungen werfen ernste Fragen auf: So musste die CSD-Demo in Regensburg beispielsweise kurzfristig abgesagt werden, weil die Sicherheitslage eine Durchfhrung unmglich machte (queer.de berichtete). Auch in anderen Stdten kam es zu Bedrohungen und Angriffen auf Teilnehmende.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie touristisch geprgte Regionen wieder zu sicheren und sichtbaren Rumen fr queere Feste werden knnen. Welche Verantwortung tragen dabei Tourismus-Organisationen und wie knnen sie zum Schutz und zur gesellschaftlichen Verankerung solcher Veranstaltungen beitragen?

Wir sprachen darber mit Norbert Kunz, Geschftsfhrer des Deutschen Tourismusverbands.

– Werbung –

Wo sehen Sie derzeit die grten Herausforderungen fr sichere CSD-Veranstaltungen speziell in touristisch geprgten Regionen?

Anfeindungen und bergriffe auf CSD-Umzge und ihre Teilnehmenden sind ein groes Problem. Zuletzt gab es solche Flle sogar beim CSD in Berlin. Dort gibt es aber durch die Menschenmenge einen gewissen Schutz anders als in kleinen Orten, wo vielleicht nur 100 Leute zum CSD kommen. Im Mai wurde der CSD in Gelsenkirchen wegen einer Bedrohungslage abgesagt, der in Schnebeck musste frhzeitig abgebrochen werden. Wenn sich Menschen nicht sicher fhlen knnen, ist das potenziell ein Problem fr den Tourismus.

Wie nehmen Sie die Haltung touristischer Organisationen gegenber queeren Festen im ffentlichen Raum wahr, insbesondere in Hinblick auf Sichtbarkeit und gesellschaftliche Verantwortung?

Zu vielen CSD-Umzgen reisen Teilnehmende aus anderen Regionen an, zu den Feiern in den Grostdten kommen viele Menschen aus dem Ausland. Der CSD hat also eine groe Bedeutung fr den Tourismus, er ist ein Aushngeschild fr ein weltoffenes Deutschland. Zu unseren Mitgliedern zhlen Landestourismus-Organisationen, von denen sich viele sehr fr queere Anliegen engagieren. Die Hamburg Tourismus GmbH ist gerade Patin der Initiative Welcomingout geworden, visitBerlin ist Partner vom Lesbisch-schwulen Stadtfest. Es muss unser Ziel sein, dass diese Untersttzung auch auf der lokalen Ebene zur Normalitt wird.

Welche Mglichkeiten hat ein bundesweiter Verband wie der DTV, um auf die Bedeutung von CSDs als Teil demokratischer Kultur aufmerksam zu machen?

Wir knnen ffentlichkeit und Aufmerksamkeit schaffen. Es geht nicht allein um den Schutz des CSD und seiner Teilnehmenden, sondern um Vielfalt und Toleranz in unserer Gesellschaft. Der CSD ist kein Partikularinteresse, wie es manche aktuell darstellen. Wir fordern vom Bund, fr die Sicherheit demokratischer Feste zu sorgen und die Veranstalter*­innen auch finanziell nicht im Stich zu lassen.

Sie betonen, dass Vielfalt zum Wesen des Tourismus gehrt. Welche konkreten Initiativen planen Sie, um das knftig auch im Zusammenhang mit Pride-Veranstaltungen sichtbar zu machen?

Der DTV hat vor zwei Jahren die Charta der Vielfalt unterzeichnet. Dahinter stehen wir, aber wir sehen auch: Wir mssen nher ran und Zeichen setzen. Mit Blick auf Pride-Veranstaltungen sind wir gerade in den Dialog mit dem CSD-Bundesverband getreten. Ich hoffe, dass sich daraus eine Zusammenarbeit ergibt.

Inwiefern versteht sich der DTV als Vermittler oder Brckenbauer zwischen touristischen Institutionen und anderen relevanten Akteur*­innen wie NGOs, Veranstalter*­innen oder kommunalen Stellen?

Der DTV ist der Dachverband der kommunalen, regionalen und landesweiten Tourismus-Organisationen. Wir untersttzen unsere Mitglieder bei unterschiedlichen Anliegen, wir kooperieren bereits mit dem Bundesverband Mobile Beratung und knnen so Hilfsangebote vermitteln. Auerdem bieten wir Mitarbeitenden von touristischen Betrieben und Organisationen Schulungen zum Thema Diversity an.

Wie knnen touistische Organisationen zuknftig dazu motiviert werden, CSDs nicht nur zu tolerieren, sondern aktiv zu untersttzen etwa durch Kommunikation oder Kooperation?

Neben dem demokratischen Aspekt liegt es im wirtschaftlichen Eigeninteresse der Regionen, fr Besucher*innen attraktiv zu sein. Es ist die Basis von Tourismus, Menschen willkommen zu heien. Wenn ein rtlicher CSD-Verein sich mehr Untersttzung vom Tourismus erhofft, wre mein Rat: Geht auf die rtliche Tourismus-Organisation zu, sprecht miteinander!

Was msste sich strukturell verbessern, damit sich Veranstalter*innen von CSDs sicherer und wertgeschtzter fhlen auch ber Sicherheitsfragen hinaus?

Die Sicherheit steht an oberster Stelle. Bei manchen CSD-Umzgen durften Rechtsextreme als Gegenprotest der CSD-Demo hinterherlaufen. Eine solche behrdliche Genehmigung muss kritisch hinterfragt werden. Alle demokratischen Krfte mssen sich engagieren. Das fngt an der Rathausspitze an. Mancherorts wird es dafr leider einen langen Atem brauchen.

Welche Mglichkeiten sehen Sie innerhalb Ihrer ffentlichkeitsarbeit, auf bestehende Gefhrdungslagen queer-demokratischer Feste aufmerksam zu machen und damit Sichtbarkeit zu schaffen?

Es braucht einen breiten Schulterschluss zwischen queerer Community und Akteuren im Tourismus und darber hinaus: Zivilgesellschaft, Unternehmen, Verbnde, Politik. Wir bringen uns als Verband auf politischer Ebene ein, da geht es nicht nur um CSD-Umzge: Krzlich ist ein Fest fr Vielfalt in Bad Freienwalde von Rechten berfallen worden. Solche Feste sind ein Bestandteil unserer demokratischen Gesellschaft und Kultur.

Deutschland gilt fr viele queere Reisende als Zufluchtsort. Was mchten Sie tun, um dieses Vertrauen knftig zu strken und touristische Orte als sichere Rume zu etablieren?

Gerade mit Blick auf die Situation in anderen Lndern, in denen queere Menschen bedroht und sogar vom Staat verfolgt und eingesperrt werden, mssen wir uns bewusst sein, wie wertvoll unsere Freiheit ist. Die mssen wir verteidigen. Wir als DTV wollen dazu beitragen, dieses Bewusstsein und die Aufmerksamkeit in den Reiseregionen zu erhhen.