Der erste Aktivist
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Der erste Aktivist

Auch 2025 bentigt es immer noch ein Stckchen Mut, sich zu outen. Noch ein bisschen mehr, auf CSD-Demos fr Gleichstellung und Toleranz zu kmpfen. Wie sich das wohl vor rund 160 Jahren anfhlte? 1864 verffentlicht Karl Heinrich Ulrichs seine erste von insgesamt zwlf Schriften, die sich mit seiner Forschung rund um homosexuelle Liebe unter Mnnern auseinandersetzen. Zu seinem anstehenden 200. Geburtstag wird sein Schaffen im Buch «Invictus Unbesiegt» (Amazon-Affiliate-Link ) neu kommentiert und eingeordnet.

Karl Heinrich Ulrichs wird am 28. August 1825 im heutigen Aurich in Ostfriesland geboren. Kurz vor seinem 70. Geburtstag, am 14. Juli 1895, stirbt der Jurist, Journalist, Verleger, Schriftsteller und Sexualwissenschaftler in Italien, wohin er 15 Jahre zuvor flchtete, weil zur deutschen Reichsgrndung Homosexuelle zunehmend verfolgt und bestraft wurden. Seine angestrebte Liberalisierung funktioniert nicht. Im Gegenteil.

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Die homosexuelle Liebe nannte er «Uranismus»

Ulrichs gilt als «erster Schwuler der Weltgeschichte» eine wahrhaftig unglaubliche wie tief beeindruckende Bezeichnung. Der Begriff Homosexualitt selbst kommt erst kurz nach Ulrichs ersten Theorien auf. In seinem Kosmos lautet sie stattdessen «Uranismus». Ein wertneutraler Begriff, sogar eher positiv besetzt. Mnner, die Mnner lieben, nennt er «Urninge», sich selbst eben auch.

Bis 1880 erscheinen seine zwlf Ausarbeitungen, in denen er kleinschrittig darlegt, warum die «mannmnnliche Liebe», wie er sie nennt, keine krankhafte Veranlagung, sondern etwas Natrliches sei. Er erkennt die weibliche Seele im mnnlichen Krper, die je nach Ausprgung zu einer rein mnnerliebenden Sexualitt oder einer Mischform fhrt.

Bei seiner Theorie handelt es sich laut ihm selbst nicht um die Analyse eines Einzelfalls, sondern um ein System, das sich auf die gesamte Gesellschaft bertragen lsst. Neben der Sichtbarkeit fr gleichgeschlechtliche Liebe ist Ulrichs sowieso einer der ersten Wissenschaftler*innen, die sich auf ernstem Wege und ohne Scham behaftet mit menschlicher Sexualitt befassen, wodurch der Denkraum fr all jene, die nach ihm folgen, erweitert wird.

Vorwissen ber Ulrichs‘ Theorien sind kein Muss

In der 200 Seiten umfassenden Sammlung «Invictus» finden sich sechs Essays aus jngster Vergangenheit, verfasst von den sechs mnnlichen Autoren Jens Dobler, Kevin Junk, Rdiger Lautmann, Douglas Pretsell, Axel Schock und Heinz Vo. Alle beschftigten sich ber lange Zeitrume historisch, soziologisch oder journalistisch mit Queer und Gender Studies.

Vorwissen ber Ulrichs‘ Theorien sind eindeutig von Vorteil, aber kein Muss, um die kontextuelle Einordnung der Autoren zu verstehen. Einige berichten sogar aus sehr persnlicher Sicht ber die Durchschlagskraft Ulrichs und seine auch gegenwrtig immer noch hoch angesehene Przision und Beobachtungsgabe menschlichen Sexualverhaltens. Natrlich sind manche Ansichten von Ulrichs veraltet und berholt, im Kern bleiben viele Aussagen jedoch valide.

Dass Karl Heinrich Ulrichs‘ Werke zu ihrer Verffentlichung mehr auf Kritik als auf Lob stieen, berrascht wohl niemanden. Weil er selbst zu der von ihm beschriebenen Mnnergruppe zhlte, wird seine eigene «Betroffenheit» als unwissenschaftlich bewertet. Auch wenn viele folgende Wissenschaftler*­innen Ulrichs zitieren, so liest man hufig von Negativkommentaren wie «kontrren Sexualempfindungen». Ein Bild, das sich selbst 2025 immer noch nicht ganz aufgelst hat.

«Der erste mit der Idee einer eigenartigen sexuellen Identitt»

Wer vor wissenschaftlichen Analysen nicht zurckschreckt und gerne mal eine Reise in die Vergangenheit zu den Anfngen der Sexualwissenschaft antreten mag, ist mit «Invictus Unbesiegt» sehr gut bedient. Besonders die Einordnung gegenwrtiger Wissenschaftler*­innen hilft, um etwas irritierende Ansichten und Begrifflichkeiten zu verstehen sowie distanzierter zu bewerten. Rdiger Lautmann beschreibt es in seinem Text besonders treffend: Ulrichs «bleibt () ein innovativer Kopf der erste mit der Idee einer eigenartigen sexuellen Identitt».

Ein Mensch, dem etwas Heldenhaftes innewohnt. Das erste Coming-out, der erste Aktivist, wie Junk hingegen sagt. Einer, der fr viele zum Sprachrohr und Identifikationsfigur wurde und manchen das Gefhl gab, weniger allein und seltsam zu sein.

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