Der queere Twist in der Geschichte um den «Salvator Mundi»
Das Rtselraten um das teuerste Gemlde der Welt hlt an. Stammt der «Salvator Mundi», auf dem Christus mit segnender Geste und einer Glaskugel in der Hand als «Erlser der Welt» zu sehen ist, wahrhaftig von Leonardo da Vinci? Oder handelt es sich um eine Arbeit aus dessen Werkstatt, an der Leonardo lediglich beteiligt war?
Zur Erinnerung: Nachdem ein Kunsthndler das stark beschdigte Werk 2005 fr knapp ber tausend US-Dollar auf einer nebulsen Auktion in New Orleans ersteigert, erfhrt es in den folgenden Jahren eine geradezu unglaubliche Aufwertung. Zunchst nimmt es die international anerkannte Restauratorin Dianne Modestini unter ihre Fittiche, und nach umfnglicher Arbeit an dem Gemlde will sie vor allem rund um die Mundpartie des Heilands hnlichkeiten mit der «Mona Lisa» entdeckt haben. In Andreas Koefoeds 2021 gedrehtem Dokumentarfilm «‚Salvator Mundi‘ oder Der verschollene Leonardo» wird sie mit der Aussage zitiert: «Nur Leonardo konnte dieses Bild gemalt haben» wobei Modestini in ihrer berzeugung durchaus glaubwrdig wirkt.
ber das Aktionshaus Sotheby’s wird das Werk fr 80 Millionen US-Dollar an einen Schweizer Kunsthndler verkauft, wenige Tage darauf erwirbt es wiederum ein russischer Oligarch fr 127 Millionen Euro. Einige Zeit spter kommt noch ein Expertengremium ins Spiel, das zunchst weitgehend einig zu sein scheint zumindest laut Angaben der Londoner National Gallery, die 2011 eine Ausstellung organisiert und dabei den «Salvator Mundi» eindeutig als ein Werk Leonardo da Vincis ausweist. Doch lngst geht es nicht mehr nur um Wahrheitsfindung, sondern auch um Geld, Ruhm und Macht.
Fr 450 Millionen US-Dollar verkauft
Nach einer spektakulren Auktion im Jahr 2017 bei Christie’s in New York, wo das Gemlde mit dem mehrdeutigen und gewissermaen hellsichtig-queeren Slogan «Die mnnliche Mona Lisa» angepriesen wird, geht das Bild mit einem erzielten historischen Rekordwert von 450 Millionen US-Dollar in andere Hnde ber. Seither ist es aus der ffentlichkeit verschwunden. Wem gehrt es, wo befindet es sich heute und wann wird es wieder ausgestellt?
Inzwischen werden Zweifel an der alleinigen Urheberschaft Leonardo da Vincis an dem Gemlde laut, die es zwar schon von Anfang an gab, doch bis dahin von den jeweiligen Besitzenden zurckgehalten wurden. Aber die ffentliche Neugier ist gro, und so kommen nach und nach immer mehr Details ans Licht. Die Herkunftsgeschichte gert erneut in den Fokus, da sie allzu groe Lcken aufweist, und auch wenn die Restauration gelungen scheint, wurde das Bild nach Ansicht von einigen Sachverstndigen derart umfassend bearbeitet, dass die ursprngliche Qualitt nicht mehr erkennbar sei. Allerdings kommen kaum Zweifel daran auf, dass der Meister fr diese Arbeit zumindest Pate gestanden haben muss.
Unabhngig davon ist der Fall «Salvator Mundi» zu einem weltweiten Mysterium geworden: die faszinierendste Geschichte, die der Kunstmarkt jemals hervorgebracht hat. Durch einen queeren Twist, der erhebliche Konsequenzen nach sich ziehen knnte, wird sie nun weiter Fahrt aufnehmen.
Uni Innsbruck: Jesus trgt ein weibliches Gewand
Einem aktuellen Forschungsbericht zufolge, der demnchst in der internationalen Fachzeitschrift «Artibus et Historiae» unter dem Titel «Die Bedeutung von Leonardos Salvator Mundi» erscheinen wird, hllt sich Christus auf dem Gemlde in ein weibliches Gewand. Dabei handelt es sich laut Philipp Zitzlsperger von der Universitt Innsbruck um eine «Schlsselerkenntnis, die bislang unentdeckt geblieben ist». Dafr hat der Kunsthistoriker ausfhrlich mnnliche und weibliche Gewnder in der Portrtmalerei der europischen Renaissance analysiert, sein Augenmerk auf weitere Werke Leonardos gerichtet und zudem Kopien anderer Maler zur Gegenberstellung herangezogen.
Ausschlaggebend ist fr Zitzlsperger der Ausschnitt des Gewands: «Im gesamten europischen Kunstschaffen vom spten Mittelalter bis ins 16. Jh. gibt es keine mnnlichen Darstellungen mit solch tiefen, offenen Ausschnitten». Dahingegen seien «niedrige, rechteckige Ausschnitte im frhen 16. Jh. fast ausschlielich Frauenkleidern vorbehalten, sei es bei Heiligen oder weltlichen Portrts». Kurzum: «Wenn man die Ausschnittpraxis der Renaissance betrachtet, wird klar, dass Leonardos Ausschnitt eine visuelle Neuerung ist.»
Zitzlsperger kommt nicht nur zu dem Schluss, dass sich das Gewand aufgrund seiner Merkmale von allen anderen Christusgewndern der Kunstgeschichte unterscheidet. Er ist auch der Ansicht, dass «das hier besprochene Werk in Technik und Stil tatschlich von Leonardo selbst stammt und in die Zeit zwischen 1503 und 1510 datiert werden kann».Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass es nicht das Ur-Original ist, blieben die Ergebnisse der ikonographischen Analyse unverndert gltig, so Zitzlsperger. Man habe es mit einem Bildtyp zu tun, der offensichtlich Leonardos Erfindung ist und als solche auch in die Kunstgeschichte einging.
Der «Cross-Gender-Aspekt» des Motivs
Dabei fokussiert sich der Kunsthistoriker vor allem auf den «Cross-Gender-Aspekt» des Motivs: nmlich auf «das scheinbare Paradox ein Christus, Sohn Gottes, jdischer Herkunft, mnnlich anmutend, in Damengewndern», ein Phnomen also, das zunchst einmal Fragen aufwirft. Und diese mchte er auch gar nicht allein aus der Perspektive der Kunstgeschichte beantworten, sondern einem «greren Kontext» unterordnen.
Damit rckt einmal mehr die lange verdrngte Frage in den Vordergrund, welche Bedeutung Queerness und gleichgeschlechtliches Begehren in Kunst, Religion und Alltag der italienischen Renaissance einnahmen und inwiefern Leonardo mglicherweise selbst eine Art queere Identifikationsfigur seiner Zeit war: ein Vorbild, das feststehende Rollenzuschreibungen und normative Beziehungen auch in seiner Kunst in Frage stellte und eine inklusive Perspektive auf das Gttliche entwerfen wollte.
Bis vor kurzem wurde noch darber diskutiert, ob moderne Begriffe wie «homosexuell» fr die Renaissance berhaupt eine angemessene Realittsbeschreibung sein knnen: eine in der Kunstgeschichte gngige Abwehrhaltung, die gleichgeschlechtliches Begehren im knstlerischen Ausdruck der Alten Meister bestreitet. Folgt man jedoch den neuesten Leonardo-Biografien, finden sich unmissverstndliche Hinweise auf seine Homosexualitt, die sich auch in seinem Schaffen spiegelt. Auch in Kenneth Burns aktueller TV-Dokumentation «Leonardo da Vinci» wird der Protagonist eindeutig als «schwul» bezeichnet. Die Arbeit des Kunsthistorikers Philipp Zitzlsperger liefert zweifellos einen wertvollen und beraus interessanten Ansto, um die Debatte zu erweitern und zu vertiefen.
Der saudische Kronprinz soll das Gemlde besitzen
Fr den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman hingegen, der das Gemlde in der New Yorker Auktion im Jahr 2017 ber Mittelsmnner der Kulturbehrde von Abu Dhabi ersteigert haben soll, drfte die neuerliche Wendung des Falls kein Anlass zum Jubeln sein. Es wird angenommen, dass der kostspielige Erwerb des Kunstwerks Teil einer nationalen Strategie war, um in eine Liga der groen Kulturmchte aufzusteigen nach dem Vorbild der «Mona Lisa», die zu einem nationalen Symbol Frankreichs wurde. Mit einem Werk von Leonardo da Vinci whnte man sich auf der sicheren Seite, da dieser der erste Maler war, dessen Gemlde und Zeichnungen um die Welt gingen und den globalen Bilderkanon prgten. Doch daraus wird wohl erst mal nichts.
Anstelle des erhofften Prestiges knnte das queerfeindliche und autoritre Regime, in dem Homosexuellen die Todesstrafe droht, nun mit einer unliebsamen und zweifellos brisanten Debatte ber die Cross-Gender-Aspekte des «Salvator Mundi» und der Homosexualitt des Urhebers konfrontiert werden und dabei in Erklrungsnot geraten. Schon seit einiger Zeit wird gemutmat, dass die ursprnglichen Plne des Kronprinzen bei den meisten islamischen Gelehrten in Saudi-Arabien auf vehemente Ablehnung stoen, weil allein schon die knstlerische Darstellung der Propheten als Gotteslsterung gilt.
Das mag auch der Grund dafr sein, dass das Gemlde seit der spektakulren Auktion nicht mehr gezeigt wird. Gerchten zufolge befindet es sich derzeit in einem Genfer Zollfreilager und nichts weist darauf hin, dass es in absehbarer Zeit ein Coming-out erlebt. Zumindest nicht in dem Umfeld, wo es nach den bisherigen Plnen seinen Glanz entfalten soll. Wann es je wieder ans Licht zurckkehrt, bleibt ungewiss doch der queere Blick auf dieses Gemlde ist nun nicht mehr zu bannen.
Links zum Thema:
Die Doku «‚Salvator Mundi‘ oder Der verschollene Leonardo» in der Arte-Mediathek
Auch Kenneth Burns aktuelle TV-Dokumentation Leonardo da Vinci ist bis zum 17. Juli 2025 in der Arte-Mediathek verfgbar
Die Fachzeitschrift Artibus et Historiae im Internet
Mehr queere Kultur:
auf sissymag.de
