Der schwule Meister der Melancholie
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Der schwule Meister der Melancholie

In seinem neuesten Roman «Unsere Abende» (Amazon-Affiliate-Link ) erzhlt Alan Hollinghurst die Geschichte von David «Dave» Win, einem Mann, der sein Leben lang mit Rassismus, Homophobie und Klassenschranken ringt. Der vielschichtige Roman spannt den Bogen von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart und begleitet seinen Protagonisten vom Internat ber die Bhnen der queeren Theaterszene bis ins Alter als Rckblick eines Mannes, der nie aufgehrt hat, um Zugehrigkeit zu ringen.

Als Stipendiat des wohlhabenden Philanthropen-Paars Mark und Cara Hadlow betritt Dave eine Welt der Elite, die ihn fasziniert und befremdet zugleich. «Es gehrte zum Abenteuer, hier zu sein, dass die Hadlows keine Erklrungen abgaben», erinnert er sich. Trotz des Aufstiegs durch die Gunst der Reichen bleibt er stets ein Auenseiter geduldet, aber nie selbstverstndlich. Sein eigentliches Zuhause findet er auf der Bhne: «Aber die ganze Zeit war das Theaterstck mein ganzes Leben», sagt er und in diesem Satz bndelt sich alles, was ihn antreibt.

Dave kmpft darum, gesehen zu werden

Gerade in der ersten Hlfte verliert sich der Roman jedoch immer wieder in kunsthistorischen und kulturellen Anspielungen, die wie eine exklusive Einladung an die Eingeweihten wirken. Hollinghurst schichtet Referenzen aufeinander Malerei, Theater, Literatur bis man fast vergisst, dass es um einen Jungen geht, der einfach nur wissen will, wer er ist. Erst in der zweiten Hlfte, wenn die subkulturelle queere Theaterwelt in den Vordergrund rckt, beginnt der Text wirklich zu atmen.

Dave, Sohn einer englischen Mutter und eines birmanischen Vaters, den er nie kennenlernte, erlebt Rassismus und Exotisierung in der Schule und im Theater gleichermaen. Als Schauspieler kmpft er darum, gesehen zu werden nicht als «der andere», sondern als Knstler. Immer wieder sucht er nach Solidaritt, nach anderen BiPoC-Personen, nach einem Echo seiner eigenen Erfahrung. Und immer wieder wagt er vorsichtige homo­erotische Annherungen, die selten von Dauer sind. Hollinghurst bleibt hier auffllig unpolitisch: Er beschreibt Diskriminierung przise, ohne sie je wirklich zu konfrontieren. Oft scheint die Schnheit der Umstnde wichtiger als ihr Aufbruch.

Einige Nebenfiguren wirken dagegen schemenhaft: etwa Giles, der Sohn der Hadlows, der spter als rechtspopulistischer Politiker Karriere macht. Er steht als billiger Kontrast zu Dave ein Symbol des weien, mnnlichen Privilegs -, doch ihre gemeinsame Geschichte bleibt flach. «Die meisten seiner Vorstellungen ber mein Leben und alles, was mir wichtig war, wren lcherlich falsch», denkt Dave ber Giles und man glaubt es ihm sofort, nur wnschte man, der Roman wrde diesen Gegensatz strker und bissiger ausspielen.

Ein Roman, der in seinen leisen Momenten am strksten ist

Weitaus berhrender ist Daves Beziehung zu seiner Mutter Avril, einer Schneiderin, die eine zarte, unausgesprochene Liebe zu ihrer Kundin Esme Croft pflegt. «Ich hatte das Gefhl, dass etwas nicht stimmte, weil ich an zwei Orten zugleich war: in der Schule mit all ihren wichtigen Gesetzen, und in der Welt einer Frau mittleren Alters, der diese Gesetze vollkommen egal waren», sagt Dave und in diesem Satz liegt die ganze Wrme und Widersprchlichkeit des Romans. Avril und Esme leben eine stille Form von queerer Intimitt, die Dave prgt, auch wenn Hollinghurst diese weibliche Allianz nie wirklich ausformuliert.

Gegen Ende kehrt der Roman zur Melancholie zurck, die Hollinghurst so meisterhaft beherrscht. Dave blickt zurck, arbeitet an seinen Memoiren, und der Titel «Unsere Abende» bekommt neue Tiefe: Er steht fr die Jugendabende voller Sehnsucht, die Abende auf der Bhne, und die ruhigen Abende mit Richard, seinem Ehemann. Diese Beziehung, geprgt von Reife und gegenseitiger Frsorge, schenkt Dave endlich das, was er sein Leben lang gesucht hat Verlsslichkeit. «Wir knnen keine Sicherheit bieten, weil wir oft keine Arbeit haben, und wenn wir Arbeit haben, sind wir oft nicht da, wenn wir gebraucht werden», sagt er ein Satz, der zugleich ber Knstler*innen, Liebende und ganze Generationen von Auenseitern spricht.

«Unsere Abende» ist kein makelloses Buch, doch es ist ein reiches, klangvolles Werk eine melancholische Meditation ber Herkunft, Begehren und die Kunst, sich selbst zu erfinden. Wenn man Geduld mitbringt fr seine Langsamkeit und seine Anspielungen, wird man mit einem Roman belohnt, der in seinen leisen Momenten am strksten ist: dort, wo Hollinghurst seinen Figuren erlaubt, einfach zu leben ohne Erklrung, ohne Entschuldigung, aber mit Anmut.

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