Die Antike als Identifikationsangebot fr Schwule
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Die Antike als Identifikationsangebot fr Schwule

Paul Brandt (1875-1929) war ein deutscher klassischer Philologe, der heute vor allem durch seine zumeist unter dem Pseudonym Hans Licht verfassten Schriften zur Homosexualitt in der griechischen Antike bekannt ist und einige Jahre als Lehrer wirkte. Nachfolgend stelle ich einige von Brandts Schriften vor, die zum Teil auch online zugnglich sind, und gehe danach auf seine Verbindungen zur frhen Homosexuellenbewegung ein. Fr den Sexualwissenschaftler Max Marcuse («Zeitschrift fr Sexualwissenschaft», 1. Dezember 1929, S. 446-447) war Paul Brandt «der» Philologe unter den Sexualwissenschaftlern.

Brandts Verffentlichungen ber Homoerotik in der Antike

Von Brandts vielen Verffentlichungen ber die Antike mchte ich nur die wichtigsten Bcher und Aufstze vorstellen. Soweit nicht anders angegeben, erschienen alle Beitrge unter Brandts Pseudonym Hans Licht. Auf seine Beitrge im «Jahrbuch fr sexuelle Zwischenstufen» werde ich spter im Zusammenhang mit der frhen Homosexuellenbewegung eingehen.

Seine Ovid-bersetzungen (1902 und 1911)

Ovid war ein antiker rmischer Dichter, der zu den groen Poeten der klassischen Epoche gehrt. Er ist vor allem durch sein Werk «Metamorphosen» bekannt und hat in der homosexuellen Geschichtsforschung einen besonderen Stellenwert (s. mein Artikel auf queer.de).

Paul Brandt hat (unter diesem Namen) vier Werke von Ovid bersetzt und kommentiert, wobei an seinen Kommentaren in zwei online verfgbaren Bchern bereits sein emanzipatorischer Standpunkt deutlich wird. In seinen Anmerkungen zu Ovids Lehrgedicht «De arte amatoria libri tres» (auch bekannt als «Ars amandi» bzw. «Liebeskunst», 1902) schrieb Brandt recht unbefangen auch ber die Mnner, die «weiblich fhlen und nach mnnlicher Liebe verlangen» (S. 44, zu Zeile 524), sowie ber die Liebe zu Mdchen und zu Knaben (S. 120, zu Zeile 684; s. a. S. 123, zu den Zeilen 719-720). In den Kommentaren zu Ovids Sammlung von Liebesgedichten «Amorum libri tres» (auch bekannt als «Amores», 1911) stellt er Homosexualitt als etwas Selbstverstndliches dar, greift Moralist*innen an (S. 66, zu Zeile 68) und betont, dass es so scheine, als wenn Ovid «den Gedanken, sich in einen Knaben zu verlieben, doch immerhin fr mglich gehalten» habe (S. 41, zu Zeile 20).

Ein Vorverweis auf Brandts Lebensthema «Sappho» (1905)

Sappho von Lesbos ist die indirekte Namensgeberin der «lesbischen Liebe» und wird manchmal sogar als eine Art «Urmutter» aller Lesben angesehen. Paul Brandt verffentlichte unter seinem Klarnamen das Buch «Sappho. Ein Lebensbild aus den Frhlingstagen altgriechischer Dichtung» (1905). Als erste Verffentlichung Brandts ber die griechische Antike kann man diese Schrift als einen Vorverweis auf sein spteres Lebensthema ansehen, auch wenn sie leider von einem emanzipatorischen Statement weit entfernt ist. Gerchte und «Gerede» ber Sapphos Homosexualitt sind fr Brandt «bertreibungen» und «Entstellungen» (S. 119) und er betont, dass «durch Welckers trefflichen Aufsatz die Ehre der Dichterin lngst wieder hergestellt ist, und wir jetzt von der Haltlosigkeit der () Anschuldigungen fest berzeugt sind» (S. 45). Mit Welckers Aufsatz meint er die Schrift des Altphilologen Friedrich Gottlieb Welcker «Sappho von einem herrschenden Vorurtheil befreyt» (1816), die ich in meinem Artikel «Die unehrenhafte ‚Ehrenrettung‘ von Sappho» auf queer.de bereits einer deutlichen Kritik unterzogen habe. Es ist leider nicht unblich, dass von Autor*innen die Homosexualitt von Frauen und Mnnern recht unterschiedlich bewertet wird. Spter nderte Brandt seine Meinung ber Sappho.

Ein Gedicht und vier Aufstze in «Anthropophyteia» (1910-1912)

Die ethnologisch-sexualwissenschaftliche Zeitschrift «Anthropophyteia» (1904-1913) erschien «nur fr Gelehrte» unter Ausschluss des Buchhandels und der breiten ffentlichkeit, was die Verantwortlichen nicht davor schtzte, ab 1910 in zahlreiche Prozesse verwickelt zu werden. Das Jahrbuch enthielt u. a. Buchrezensionen und homoerotische arabische Liebesgedichte und griff auch Themen wie sexuelles Vokabular in verschiedenen Sprachen auf. Zu einer Sammlung von sexuellen Toilettensprchen steuerte Paul Brandt als «Dr. Licht» einen Spruch aus einem Eisenbahnwagen bei: «Wenn zwei einander kssen, Und gehn dann pissen, Und kommen dann nicht wieder Sind’s warme Brder» (Jg. 1910, S. 406).

In drei Jahrgngen der «Anthropophyteia» verffentlichte Brandt als Hans Licht vier Aufstze ber Homosexualitt in der Antike. Themen sind: «Der paidon eros in der griechischen Dichtung. Die attische Tragdie» (Jg. 1910, S. 128-179), «Homoerotische Briefe des Philostratos» (Jg. 1911, S. 216-224), «Homoerotik in den homerischen Gedichten» (Jg. 1912, S. 291-300) und in Ergnzung zum ersten Beitrag noch einmal «Der paidon eros in der griechischen Dichtung. Die attische Tragdie» (Jg. 1912, S. 300-316). Auch hier schrieb Brandt erkennbar nicht mit wissenschaftlicher Distanz, sondern aus einem emanzipatorischen Interesse heraus: «Nun mgen die Mucker (ber die homosexuellen Handlungen) schreien und zetern, wahr bleibt’s darum doch» (Jg. 1912, S. 297). Er gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass sich die Erkenntnis durchsetzen mge, dass Homosexualitt kein «widernatrliches Laster» sei (Jg. 1912, S. 300). Alle vier Beitrge wurden im «Jahrbuch fr sexuelle Zwischenstufen» positiv besprochen und damit auch einer etwas greren ffentlichkeit bekannt.

«Die Homoerotik in der Griechischen Literatur» (1921)

Mit der Schrift «Die Homoerotik in der Griechischen Literatur. Lukianos von Samosata» (in der Reihe «Abhandlungen aus dem Gebiete der Sexualforschung», 1921) wollte Brandt anhand der Werke Lukians, des bedeutendsten Satirikers der griechischen Antike, beweisen, dass «die Jnglingsliebe mit der griechischen Literatur unlslich verbunden sei». Auerdem betonte er, dass sich das Wort Knabe nicht auf «Kinder, also auf Geschlechtsunreife», beziehe. Dass er manchmal den Begriff «Knabe» bevorzuge, liege nur daran, dass dieser schner und poetischer sei (S. 5). Auf diesen Umstand weist er in vielen seiner Schriften hin und verdeutlicht so seinen emanzipatorischen Ansatz. Auch die Literaturwissenschaftlerin Marita Keilson-Lauritz wies in ihrer Dissertation «Die Geschichte der eigenen Geschichte» (1997, S. 336) darauf hin, dass Brandt hier und an anderer Stelle den Begriff Knabenliebe «strategisch mit Jnglingsliebe» bersetze. Von Brandts Schrift von 1921 erschien 2014 bei Bremen University Press ein unvernderter Nachdruck.

Zum ersten Mal auf Deutsch Lukians «Erotes» (1920)

Von Lukian hat Paul Brandt ein Werk aus dem Griechischen bersetzt, kommentiert und unter dem Titel «Erotes. Ein Gesprch ber die Liebe» (1920) verffentlicht. Diese Ausgabe von 1920 ist die erste deutschsprachige bersetzung des Werks, weil dieses zuvor von dem Lukian-bersetzer Christoph Martin Wieland in seiner Lukian-«Gesamtausgabe» (1788-1789) ausgeklammert worden war, was Brandt wegen der dadurch zum Ausdruck gebrachten Tabuisierung von Homoerotik deutlich kritisierte (S. VII-IX). Brandts Ausgabe enthlt als Illustrationen acht Steinzeichnungen von Werner Schmidt, die recht banale Alltagssituationen zeigen und nicht besonders erotisch sind. Nach Brandts Ansicht waren diese Zeichnungen eine «Scheulichkeit» (Brief an den Schriftsteller Erich Ebermayer vom 27. April 1922).

In Lukians «Erotes» (S. 57-106) geht es um die Frage, ob die Liebe zu Frauen Vorrang vor der Liebe zu Jnglingen habe, wobei die frauenfeindliche uerung fllt: «ein Weib kannst du auch nach Knabenart genieen». Ein weiteres Thema ist das richtige Verhalten gegenber begehrten Jnglingen und es werden Stufen der Liebe aufgezeigt, die vom Gucken ber das Kssen bis zum «krnenden Finale» reichen. Die Herausgabe als erste deutsche bersetzung ist grundstzlich mutig. Brandt wirkt in seinen zugehrigen eigenen Texten (S. VII-X, 1-56, 107-188) jedoch auerordentlich zgerlich, vermutlich weil er Zensur befrchtete. So betont er, er habe bei seiner bersetzung «der Not gehorchend etwas mildern» mssen (S. 150) und wolle sich ber die «Unzucht mit dem Munde» (= Oralverkehr) gar nicht uern (S. 152). Ohne Vorwissen ist kaum verstndlich, was Brandt mit einem «Trster aus Leder» oder einem «Olisbos» (= Dildo) meint (S. 163-165). Brandt hatte sogar Hemmungen, den Hintern eines Mannes zu benennen, und schreibt tabuisierend von «der Behaarung des Krperteils, der als Altar der Lust dient», und von einem «haarigen H» (S. 156-157).

Trotz der zurckhaltenden Kommentierung schlug bei dieser «Erotes»-Ausgabe zunchst die Zensur zu, aber schon nach zehn Monaten konnte eine gerichtliche Freigabe erreicht werden. Das zeigen Bekanntgaben im «Brsenblatt fr den deutschen Buchhandel»: Die Beschlagnahmung im Januar 1921 (21. Januar 1921) wurde im November 1921 wieder aufgehoben, was der Verlag in der anschlieenden Werbung (24. Januar 1922) als Erfolg mitteilte. 2017 erschien im Mnnerschwarm Verlag eine verdienstvolle (und leider bereits vergriffene) Neuausgabe von Brandts «Erotes»-bersetzung.

Vergleiche mit Plutarchs «Erotikos» und Platons «Gastmahl» (beide 1924)

Brandts bersetzung von Plutarchs «Erotikos. Ein Gesprch ber die Liebe» (1924) enthlt ein aufschlussreiches Nachwort des bersetzers (S. 159-189). Brandt stellt fest, im «Erotikos» gehe es um die Frage, «ob die Knabenliebe oder die eheliche Liebe den Vorzug verdient». Von Plutarch werde Homosexualitt «sehr im Gegensatz zu der Tendenz der ‚Erotes‘ von Lukian wenn auch nicht verworfen, so doch als minder wertvoll bezeichnet». Plutarchs «Erotikos» und Lukians «Erotes» gehren fr Brandt deshalb zusammen.

«Der Reigen solcher Untersuchungen», ob der Homo- oder der Heterosexualitt der Vorzug zu geben sei, werde, so Brandt, durch Platons «Symposion» (aka «Das Gastmahl») erffnet («Erotikos», S. 185), worin ebenfalls verschiedene Formen der Liebe behandelt werden. Ich habe deshalb keinen Zweifel daran, dass es das Thema Homosexualitt war, das Brandt dazu bewog, im selben Jahr auch eine bersetzung von Platons «Gastmahl» (1924) herauszugeben.

«Beitrge zur antiken Erotik» (1924)

Brandts unterschiedliche Beurteilung von weiblicher und mnnlicher Homosexualitt wird auch in seinem Buch «Beitrge zur antiken Erotik» (1924) deutlich: In dem Kapitel «Von den Surrogaten der Liebe» (S. 75-82) stellt er die Liebe unter Frauen als einen Trost «in Ermangelung von Mnnern» dar. Sex ohne Penetration, z. B. durch einen Dildo, kann sich Brandt nicht vorstellen und er hat aus «begreiflichen Grnden kein Verlangen», ins Detail zu gehen. Als Beispiel lesbischer Liebe aus der Antike bersetzt er Lukians (von einigen bersetzern unterschlagenes) fnftes Hetrengesprch ber dieses Thema.

Ganz anders und ausfhrlich beschreibt Brandt die Liebe unter Mnnern bzw. von Mnnern zu Jnglingen in dem Kapitel «Vom andern Ufer der Liebe» (S. 162-206). Er schreibt, diese Liebe sei so alt wie die Menschheit und die Vorstellung, dass sie «erst ein Ergebnis dekadenter Zeiten sei, kann dem Wissenden nur ein mildes Lcheln ablocken». Er mchte dem Vorurteil von dem «unnatrlichen Laster» entgegentreten (S. 162-163) und wnscht sich indirekt, dass «die homoerotische Liebe in unserer Zeit ebenso anerkannt und geachtet wre wie im griechischen Altertume» (S. 184).

Das Buch erschien nur in kleiner Auflage (S. 230) mit dem Vermerk: «Privatdruck. Dieses Werk darf nur an Bibliotheken, Gelehrte und Sammler abgegeben werden» (S. 2). Das schtzte ihn jedoch nicht vor Zensur, vor allem wegen der Abbildungen antiker Kunstwerke. Auch dies ist im «Brsenblatt fr den deutschen Buchhandel» dokumentiert: Zunchst wurde das Buch nach einem Beschluss des Landgerichts Dresden vom Juli 1925 beschlagnahmt (8. August 1925). Ein Dreivierteljahr spter, im Januar 1926, wurde es vom Amtsgericht Dresden endgltig verboten, die Druckplatten sollten vernichtet werden. Nur sieben (von 14) Abbildungen wurden benannt, die nicht zu beanstanden seien (13. April 1926).

«Sittengeschichte Griechenlands» 1. und 2. Band (1925-1926)

Paul Brandts Hauptwerk ist die dreibndige «Sittengeschichte Griechenlands» (1925-1928). Die prchtig ausgestatteten und reich illustrierten Bnde haben u. a. mit Hermann Hesse, Thomas Mann und Franz Blei begeisterte Leser*innen gefunden. Thomas Mann schrieb, er habe die «Sittengeschichte» mit «besonderem Vergngen empfangen (). Die Abschnitte ber die griechische Homoerotik sind das Merkwrdigste, menschlich Aufschlureichste und brigens Amsanteste, was mir in Bchern ber die Antike vorgekommen ist» (3. Band, 1928, S. VII).

Im ersten Band «Die griechische Gesellschaft» (1925) gehen die Hinweise auf «Knabenliebe» ber einzelne Randnotizen (s. Register) nicht hinaus. Ganz anders der zweite Band ber «Das Liebesleben der Griechen» (1926): Im dritten Kapitel behandelt Brandt zunchst recht kurz die «Tribadische Liebe» (S. 27-42). Es fllt ihm auch hier schwer, sich lesbischen Sex ohne Penetration vorzustellen: Ein «Beischlaf» unter Lesben «klingt im ersten Augenblick unmglich», er komme aber so Brandt trotzdem nicht selten vor. Statt auf Anatomie wolle er jedoch lieber auf Literatur, bildende Kunst und Sappho eingehen. Danach behandelt er im fnften Kapitel sehr ausfhrlich «Die mnnliche Homoerotik» (S. 115-210) und hat hier mehr zu erzhlen: vom griechischen Schnheitsideal, der Literatur, der bildenden Kunst, der mnnlichen Prostitution, der Ethik der Knabenliebe, «Ablehnende und bejahende Stimmen», «Lokale Einzelheiten» und «Namhafte Homoeroten».

Von anderen Ausgaben dieser «Sittengeschichte» mchte ich ausdrcklich abraten: Parallel zu diesem dreibndigen Werk erschienen im selben Verlag die Bcher «Lebenskultur im alten Griechenland» (1925, textlich identisch mit Band 1 der «Sittengeschichte») und «Liebe und Ehe in Griechenland» (1925, textlich identisch mit Band 2 der «Sittengeschichte»). Sie sind auf schlechterem Papier gedruckt und beinhalten halb so viele Illustrationen. Spter erschienen sogar Volksausgaben in unterschiedlichen Sprachen, die auch textlich gekrzt wurden. Von den ursprnglichen 867 Seiten der drei Bnde blieben in der Rowohlt-Ausgabe von 1969 nur 315 Seiten brig. Die englischsprachige Ausgabe «Sexual Life in Ancient Greece» (1932) wurde auf 557 Seiten heruntergekrzt. Unter diesem Titel erschien 2016 eine Neuausgabe bei Routledge, bei der eine Illustration mit homosexuellem Motiv auf das Cover gesetzt wurde.

«Sittengeschichte Griechenlands» Ergnzungsband (1928)

Den Ergnzungsband «Die Erotik in der griechischen Kunst» (1928) gibt es im Gegensatz zu den beiden ersten Bnden nicht online. Das liegt offenbar daran, dass das Buch mit mehr als 60 gezeigten Erektionen bei Skulpturen, Lampenfiguren oder auf Vasenmalereien auch heute noch recht gewagt erscheint. Fr das Jahr 1928 mssen diese Erektionen wie Pornos gewirkt haben und die Nennung der prominenten Frsprecher diente offenbar der Legitimation. Der nichtffentliche Vertrieb (S. IV: «Dieser Ergnzungsband wird nur an Bibliotheken, Gelehrte und wissenschaftliche Sammler abgegeben, die einen Revers unterschreiben, wonach der Band nur wissenschaftlichen Zwecken dient») scheint diesmal ausreichenden Schutz geboten zu haben. Ich habe keine Hinweise auf Zensurmanahmen gefunden, wie sie oben gegen Brandts wesentlich unverfnglichere Bcher «Erotes» und «Beitrge zur antiken Erotik» dokumentiert sind.

Auch im Ergnzungsband kommt Brandt auf Homosexualitt zu sprechen. Im Kapitel «Tribadische Liebe» (S. 180-185) geht es um den «Mythos der Kugelmenschen», darum, dass sich Lesben angeblich mit einer groen Klitoris oder mit einem «Olisbos» (= Dildo) penetrieren, und um das vollstndig abgedruckte fnfte «Hetrengesprch» des Lukian ber lesbische Liebe.

Die sexuelle Deutlichkeit der Abbildungen spiegelt sich auch im Text des Kapitels «Die mnnliche Homoerotik» (S. 188-244) wider, in dem Analverkehr breit behandelt wird. Dazu bringt Brandt u. a. Gedichte wie «Die Grazien selbst, du Rundpopo, () Dein Anblick macht das Herze froh». Brandt geht auch auf das Wichsen ein z. B. habe der Grieche Rhianos «oft mit der Hand» den «Liebeskampf» gekmpft. Er erwhnt Mnner, die ebenfalls auf einen «Olisbos» (= Dildo) zurckgegriffen htten, und beschreibt auch das «Endstadium» (= Orgasmus), wobei Sperma von den Griechen mit einer Wasserquelle parallelisiert worden sei. Der «anale Akt» sei durch Begriffe wie «Hintern schnden» oder Andeutungen ber «Hintertren» zum Ausdruck gebracht worden. Er habe als «Krone» der Jnglingsliebe gegolten auch aus der «religisen Anschauung» ber einen «heiligen Samen» heraus. Auch das mnnliche Glied sei «Gegenstand religiser Verehrung» gewesen. Brandt geht auf die Frage ein, wieso auch der sexuell passive Partner Lustgefhle empfinde, und verweist auf eine antike Theorie, wonach bei passiven Mnnern «die Samengefe nicht zum Penis, sondern zum After fhren». In der Antike habe es Paare gegeben, die durch eine Art «Vermhlungsakt» miteinander verbunden gewesen seien. Als Zeichen fr Analverkehr (und fr Verachtung) sei der nach oben ausgestreckte Mittelfinger (= Stinkefinger) seit der Antike bekannt. Der zwischen Mittel- und Zeigefinger durchgesteckte Daumen sei ein Zeichen fr den Koitus.

Diese drei Bnde (von dem Inhalt des Lesbenkapitels einmal abgesehen) sind eine bedeutende Leistung der Kulturgeschichtsschreibung, die anspruchsvolle wissenschaftliche Texte, basierend auf einer emanzipatorischen Grundhaltung, mit anschaulichen und ansprechenden Fotos in guter Qualitt verbindet. Am bedeutendsten ist der Ergnzungsband, der nie als Reprint erschien und auch nicht online eingesehen werden kann.

«Kulturkuriosa aus Altgriechenland» (1929)

Brandts Buch «Kulturkuriosa als Altgriechenland» (1929) wurde als Sammlerstck in geringer Auflage publiziert, was die Seltenheit auf dem antiquarischen Buchmarkt erklrt. Es ist eine Sammlung von 194 (durchnummerierten) einzelnen Geschichten aus der antiken Literatur. Das Wort «Kulturkuriosa» ist manchmal durchaus passend, wenn Brandt z. B. von einer Dauererektion nach dem Baden in einer Wasserquelle berichtet («Knstlicher Priapismus», Nr. 107, S. 175-176). Rund 20 dieser Geschichten haben einen homoerotischen Inhalt, wie die als selbstverstndlich geschilderte Liebe von Mnnern zu Jnglingen. Sie handeln u. a. von dem rmischen Kaiser Hadrian, der sich in Antinous («Antinous», Nr. 35, S. 97-101), und von dem berhmten Redner Demosthenes, der sich in Aristarchos verliebte («Sinnlichkeit des Demosthenes», Nr. 23, S. 79-80). Der Buchtitel irritiert sptestens dann, wenn Brandt auch von Morden mit homosexuellem Hintergrund berichtet, wie der Ermordung Philipps II., des Knigs von Mazedonien, im Jahre 336 v. Chr. durch seinen Liebhaber und Pagen Pausanias («Aus Pderastie entstandene politische Verwicklung», Nr. 29, S. 85-87; s. a. Wikipedia).

Mit eigenen Kommentaren hlt sich Brandt in diesem Buch weitgehend zurck. Zu den Ausnahmen gehrt ein Hinweis auf die Bewohner*innen der Insel Melos, die ihre Knaben bis zum 16. Lebensjahr «nackt den Gsten aufwarten (lieen), um sich von ihnen abkssen zu lassen», was Brandt mit den Worten kommentiert: «Die Sache ist an sich bedeutungslos, wird aber wichtig fr die richtige Einschtzung der Bedeutung der griechischen Pdophilie» («Vom Liebsten das Liebste», Nr. 173, S. 271). Wenn Brandt eine Quelle zitiert, wonach Theseus mit Helena «wie mit einem Knaben» verkehrt habe («Theseus und Helena», Nr. 48, S. 119), ist damit heterosexueller Analverkehr gemeint. Dieses Zitat vergleicht Brandt mit einem hnlichen von Goethe: «Knaben liebt ich wohl auch, doch lieber sind mir die Mdchen, / Hab ich als Mdchen sie satt, dient sie als Knabe mir noch» (s. wikiquote; weitere Geschichten mit homoerotischem Hintergrund sind: Nr. 1, 4, 6, 10, 20, 23, 24, 27, 33, 49, 52, 59, 111, 112, 114, 144).

Paul Brandt und die frhe Homosexuellenbewegung

Paul Brandt war ansonsten politisch nie aktiv, hat aber mit seinen Schriften die homosexuelle Emanzipationsbewegung untersttzt und in zwei Fllen auch zu aktuellen Homosexuellenskandalen seiner Zeit Stellung bezogen.

Paul Brandts Verbindung zum WhK und zum «Jahrbuch fr sexuelle Zwischenstufen»

Brandts Kontakte zum Wissenschaftlich-humanitren Komitee (WhK), das das «Jahrbuch fr sexuelle Zwischenstufen» (JfsZ) herausgab, waren vielfltig. Bereits an dem ersten in diesem Jahrbuch unter dem Namen Paul Brandt verffentlichten Aufsatz «Der paidon eros in der griechischen Dichtung» (Teil I: Jg. 1906, S. 619-684; s. a. Teil II: Jg. 1908, S. 213-312) wird die Redaktion gemerkt haben, dass Brandt mit seinem emanzipatorischen Ansatz fr die Bewegung hilfreich sein konnte. Fast alle Besprechungen von Publikationen Brandts bzw. Lichts im JfsZ sind sehr positiv. In seiner Einleitung zu dem genannten Aufsatz (Teil I) bezeichnete es Brandt sogar als Pflicht jedes Gebildeten, an der Legalisierung der mnnlichen Homosexualitt mitzuarbeiten (S. 621). Die Petition fr die Abschaffung des 175 hat er allerdings wohl erst viel spter unterschrieben (JfsZ, Jg. 1923, S. 230).

Es spricht fr die Unabhngigkeit der Redaktion des JfsZ, dass sie eine recht deutliche Kritik von Brandts unsglicher «Sappho»-Schrift von Numa Praetorius (d. i. Eugen Wilhelm) abdruckte (Jg. 1906, S. 842-844): Brandt gehre zwar nicht zu den Autoren, die keine Ahnung von der Homosexualitt htten und «trotzdem sich anmaen, in salbungsvollem Tone mit der Brille ihres der Wirklichkeit entfremdeten Idealismus homosexuelle Persnlichkeiten und Verhltnisse zu betrachten». Umso mehr befremde es aber, wie er ber Sappho und ihre Liebe zu Frauen schreibe: «Es wirkt seltsam, () wie Brandt diese Verhltnisse () als Liebesverhltnisse schildert und danach den geschlechtlichen Charakter leugnet.» Wie schon erwhnt, nderte Brandt seine Meinung ber Sappho in spteren Jahren.

Paul Brandts Verbindung zu Magnus Hirschfeld

Der erste Aufsatz von Brandt im Jahrbuch ging auf eine Bitte von Magnus Hirschfeld zurck (JfsZ, Jg. 1906, S. 621). Beide Mnner standen also offenbar in Kontakt. In seinem wichtigen Werk «Die Homosexualitt des Mannes und des Weibes» (1914, s. Namensregister) nennt Magnus Hirschfeld neunmal Paul Brandt und sechsmal Hans Licht, wobei es an den betreffenden Stellen durchweg um die Antike und nicht um Brandt bzw. Licht selbst ging. Fr Hirschfeld scheinen Brandt und Licht demnach zwei verschiedene Autoren gewesen zu sein. Wusste Hirschfeld nicht, dass sich hinter dem Pseudonym Hans Licht Paul Brandt verbarg oder wollte er es einfach nicht aufdecken?

Nach Ansicht von Bernd-Ulrich Hergemller (Artikel ber Brandt im «Personenlexikon der Sexualforschung», 2009, S. 80-82) «drfte» es Brandt «gewesen sein, der den anonymen Grobeitrag» ber die Antike in Hirschfelds Werk «Die Homosexualitt des Mannes und des Weibes» geschrieben habe. Fr ihn deuten die zahlreichen Funoten mit Nennung Brandts bzw. Lichts darauf hin. Weder das 33. Kapitel ber die Antike (S. 737-809) noch ein anderes wurde jedoch als anonym gekennzeichnet. Fr die Annahme, dass ein Kapitel nicht von Hirschfeld stammt, sprechen keine Hinweise und es wrde auch nicht zu Hirschfelds Stil passen, fremde Texte als eigene auszugeben. Was allerdings stimmt: Die in diesem Buch abgedruckte Liste berhmter Homosexueller des klassischen Altertums (S. 650-657) wurde von Brandt zusammengestellt (s. Hinweis von «Hans Licht» in seiner Ausgabe von Lukians «Erotes», 1920, S. 113). Brandt hatte eine hohe Meinung von Hirschfeld. Das wird auch durch Brandts Rede zu Hirschfelds 50. Geburtstag deutlich, in der er den «allverehrten» Magnus Hirschfeld mit Herakles vergleicht, denn auch Hirschfeld habe gegen Bosheit und Unwissenheit gekmpft, andere befreit und sei zum Retter geworden (JfsZ, Jg. 1918, S. 53-54).

Paul Brandt ber zeitgenssische Themen

Mit zwei Verffentlichungen ber Homosexualitt in der «Zeitschrift fr Sexualwissenschaft» verlie Brandt den Bereich der klassischen Antike und beteiligte sich an aktuellen Diskussionen der Homosexuellenbewegung. Diese Beitrge sind allerdings von seinen Vorstellungen vom «pdagogischen Eros» geprgt, fr die er sich ebenfalls auf die Antike bezog. In «Betrachtungen zur Blherfehde» (Jg. 1921/1922, Heft 2, S. 66-70) geht es um Hans Blher, der insbesondere mit seinem zweibndigen, teils als skandals empfundenen Werk «Die Rolle der Erotik in der mnnlichen Gesellschaft» (1917, 1919) eine Diskussion ber Homosexualitt im Wandervogel entfacht hatte. Brandt betonte, er wolle sich nicht fr oder gegen Blher positionieren, sondern verurteile die aggressive Auseinandersetzung. Wenn Brandt in diesem Zusammenhang einen Blher-Gegner kritisiert, der behauptet hatte, Blher verherrliche eine Erotik, «an der das griechische Altertum zugrunde gegangen ist», wird sprbar, dass Brandt nicht Blher, sondern vor allem die Antike zu verteidigen versuchte.

Parallelen dazu gibt es in seinem Aufsatz «Betrachtungen zum Fall Wyneken» in derselben Zeitschrift (Jg. 1922/1923, Heft 1, S. 24-26), der vom Reformpdagogen Gustav Wyneken, dem Grnder der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, handelt. Weil Wyneken einen 12-jhrigen und einen 17-jhrigen Jungen nackt umarmt und geksst haben sollte, wurde er wegen Kindesmissbrauchs zu einer Gefngnisstrafe verurteilt. Brandt billigte Wynekens Handlungen nicht, sah sie aber auch nicht als Verbrechen an, die so hart bestraft werden drften: «Wynekens ganze Schuld besteht darin, da er mit der Griechenseele im Deutschland des zwanzigsten Jahrhunderts lebt.»

Das «Handwrterbuch der Sexualwissenschaft»

Auch in insgesamt 13 Artikeln in dem von Max Marcuse herausgegebenen «Handwrterbuch der Sexualwissenschaft» (1923, hier zitiert nach der 2. Auflage 1926) geht Brandt thematisch ber die Antike hinaus. Im lngsten Artikel, dem ber «Pderastie» (S. 534-543), ist er sexuell sehr deutlich, wenn er von der «gottgewollten Handlung» des Analverkehrs schreibt und davon, wie dieser einen «Liebesbund () besiegelt». Pderastie gehre «zur staatserhaltenden Kraft und zur Grundlage der griechischen Ethik». Er erwhnt auch die Sarten in Turkestan, die junge, gutaussehende sogenannte Batschas verehrten. Dieser «Pderastie»-Artikel wurde in dem 2017 erschienenen Reprint von Brandts «Erotes»-Ausgabe (S. 96-110) weitgehend vollstndig, aber ohne Illustrationen nachgedruckt.

Von den zwlf weiteren Artikeln Brandts im «Handwrterbuch der Sexualwissenschaft» mchte ich nur noch auf den Beitrag ber «Sappho» (S. 677-678) hinweisen, in dem Brandt auf seine eigene 20 Jahre alte «Sappho»-Schrift (1905) verweist. Bisher ist es brigens keinem Historiker aufgefallen, dass Brandt seit 1905 eine berraschende Kehrtwende vollzogen hatte und nun Sappho ihr Lesbischsein nicht mehr absprach.

Warum whlte Paul Brandt das Pseudonym Hans Licht?

Paul Brandt hat viele Beitrge ber Homosexualitt unter seinem Klarnamen verffentlicht, hufig aber auch das Pseudonym Hans Licht verwendet. Im «Jahrbuch fr sexuelle Zwischenstufen» verffentlichte er Texte unter beiden Namen. Besonders merkwrdig erscheint, dass im Anhang seiner Schrift «Die Homoerotik in der Griechischen Literatur», die unter dem Pseudonym «Hans Licht» erschien, (1921) darauf hingewiesen wurde, dass von «demselben Verfasser (Prof. Dr. Brandt)» weitere Publikationen unter beiden Namen erschienen waren.

Damit gibt es zwar keinen Zweifel an der Identifizierung des Pseudonyms, aber an seiner Notwendigkeit. Die Begrndung des Sexualwissenschaftlers Max Marcuse in seinem Nachruf auf Brandt («Zeitschrift fr Sexualwissenschaft», 1. Dezember 1929, S. 446-447), dass Brandt das Pseudonym wegen der «Rcksicht auf seine amtliche Stellung» verwendet habe, ist zumindest fr die spteren Jahre nicht besonders schlssig. Ich stimme daher Bernd-Ulrich Hergemller zu, der in seinem biografischen Lexikon «Mann fr Mann» (2010, S. 190-192, hier S. 190) betont, dass der Autor eine «schwer durchschaubare Doppelexistenz» als Paul Brandt und Hans Licht fhrte.

Erich Ebermayers Nachruf auf Paul Brandt

Auch nach dem Tod Paul Brandts am 28. Oktober 1929 wurde nie ein Foto von ihm verffentlicht. Die private Person Paul Brandt bleibt, auch wenn in seinen Bchern manchmal seine persnliche Meinung zum Ausdruck kommt, recht schatten- und schemenhaft. Der ihm nahestehende schwule Schriftsteller Erich Ebermayer war wohl (neben Max Marcuse) einer der wenigen, die einen Nachruf auf ihn verffentlichten («Ein Kmpfer stirbt», in: «Die literarische Welt», Nr. 51/52, 19.12.1929, S. 17). Er stellte zu Brandts frhem Tod fest: «Wen interessierte es? Wer nahm Notiz? Ich glaube niemand.» Er wies auf Brandts Schriften und seinen jahrzehntelangen Kampf gegen den 175 RStGB hin. Ansatzweise erfahren wir in diesem Nachruf auch etwas ber die Denunzierung Brandts an seiner Schule und die anschlieende Strafversetzung von Leipzig nach Schneeberg im Erzgebirge. Nur weil er «einen jungen Menschen angesprochen» habe (den er wohl fr einen Stricher hielt), sei er als Lehrer nach Schneeberg zwangsversetzt worden. Es sei sogar gespottet worden, dass man ihn wohl besser an eine Mdchenschule htte versetzen mssen. Dieser dezente Hinweis Ebermayers auf Brandts Homosexualitt war kein boshaftes posthumes Outing, sondern erkennbar von dem Wunsch nach Enttabuisierung der Homosexualitt getragen. Brandt wurde nur 54 Jahre alt. Ohne «Dummheit und Ha» der Schulbehrde so Ebermayer htte Brandt wohl lnger und glcklicher leben knnen.

Seine Bcher leben weiter

Im Gegensatz zu Brandts Leben ist sein Lebenswerk gut dokumentiert, weitgehend online und lsst sich daher leicht bewerten. Zum Weiterlesen kann ich vor allem das Nachwort von Wolfram Setz «̦’Opfern auf den Altren des Eros‘. Paul Brandt und Hans Licht» in der Neuausgabe von Brandts «Erotes»-bersetzung (2017, S. 111-172) empfehlen. Auch wenn der Schwerpunkt darin auf Brandts Lukian-bersetzung liegt, ist es der wohl ausfhrlichste Beitrag ber sein Leben und Werk. Setz zitiert ausfhrlich aus den Briefen Paul Brandts an Erich Ebermayer.

Zwei online verfgbare Beitrge stammen aus der Feder des Historikers Bernd-Ulrich Hergemller und wurden in den beiden biografischen Lexika «Personenlexikon der Sexualforschung» (2009, S. 80-82) und «Mann fr Mann» (2010, S. 190-192) verffentlicht. Im «Personenlexikon der Sexualforschung» schreibt Hergemller, Brandt erziele mit seinen profunden Kenntnissen der Antike insofern einen «Paradigmenwechsel in der traditionellen Hellas-Forschung, als er das Tabu der griechischen Knabenliebe durchbricht». Fr Brandt war homosexuelles Begehren keine «Perversion», sondern ein wichtiger Schlssel zum Verstndnis der antiken Kultur. Von seinen emanzipatorischen Schriften ist bis heute vor allem ein unterschwelliges Identifikationsangebot fr seine Leserschaft geblieben, das zumindest zu Beginn der Homosexuellenbewegung eine groe Bedeutung hatte.