Die geheime Jugendliebe, die Lionel ein Leben lang nicht vergessen kann
Ein D ist ein wackeliger Kreis, dunkelviolett wie Heidelbeeren. Ein perfektes C schmeckt nach sen Kirschen, ein unsauberes H-moll ist von einer wachsartigen Bitterkeit. Als Kind denkt Lionel, jeder knne Tne sehen. Dass Tne an Farben und Formen gekoppelt sind, ist fr ihn ganz normal.
Der Synsthet mit dem absoluten Gehr wchst auf einer Farm in Kentucky auf. Seine Musiklehrerin erkennt sein Talent und schickt ihn ans Konservatorium in Boston. Dort lernt der 17-Jhrige in einer Spelunke David kennen. Es ist 1916, und Lionel ist augenblicklich gefesselt von dem Mitstudenten am Klavier, der grer war als alle anderen im Raum.
Die «erste Kostprobe der Liebe»
Auch David sprt die Anziehung, die beiden verbringen ab sofort ein Dutzend Dienstagabende zusammen. Erst singen sie in der Kneipe, dann verziehen sie sich in dessen kleine Wohnung. «Eine erste Kostprobe der Liebe», hlt der Ich-Erzhler fest.
Es folgt der Erste Weltkrieg, in den die USA eintreten, der Kontakt bricht ab. Lionel vergisst den Herbst mit David nicht, und umso mehr freut er sich, als ein Brief von ihm eintrifft. Ob er ihm helfen wolle, fr ein Uniprojekt Volkslieder in New England zu sammeln. Was fr eine Frage. Einen Sommer mit dem Geliebten umherziehen und Musik zu erkunden, fr Lionel gibt es nichts Schneres.
Dass er sich in einen Mann verliebt, ist fr ihn kein Problem. Er habe keine Schuldgefhle. «Ich liebte David und dachte nicht weit darber hinaus.» Das ist fr einen jungen Mann aus den Sdstaaten bemerkenswert und womglich zu leicht. hnlich wie in deutschen Grostdten gab es auch in den US-Metropolen zu dieser Zeit erste inoffizielle queere Treffpunkte, doch die Stigmatisierung und Verfolgung war enorm. Doch es scheint Autor Ben Shattuck ohnehin nicht um eine strukturelle Analyse der politischen Verhltnisse zu gehen.
Die erste Liebe, an die man sich ewig zurckerinnert
«Die Geschichte des Klangs» (Amazon-Affiliate-Link ) erzhlt die Geschichte dieses gemeinsamen Sommers, in dem Lionel und David im Zelt oder unter freiem Himmel schlafen, sich lieben und Menschen ihre traditionellen Songs in einen Phonographen singen lassen. Doch der Sommer endet, und ihr Kontakt findet ein pltzliches, unerklrliches Ende. Es ist eine Zeit, die den bisexuellen Lionel prgt, die jede weitere Beziehung berschattet und die ihn die vielleicht erdrckendste aller Fragen stellen lsst: Was wre, wenn?
Genau darum kreist die Erzhlung des US-amerikanischen Autors Ben Shattuck: Um die eine Liebe, an die man sich ewig zurckerinnert, die eine*n auch Jahrzehnte spter noch schwelgen und verklren lsst. Und die zermrbende Frage, ob nicht alles ganz anders htte laufen knnen. Oder mssen.
Zwei Geschichten, die miteinander in Beziehung stehen
«Die Geschichte des Klangs» findet dafr eine herausragende Form und eine ebenso gewaltige Sprache. Der Text ist knapp, konzentriert sich aufs Wesentliche. Um zu erlutern, wie Lionel von Kentucky nach Boston kam, gengen zwei Stze. Fr Lionels przise Beschreibung von David braucht es dafr eine halbe Seite. Es ist eine intime, unmittelbare und kunstsinnige Sprache, die mal genau beobachtet, mal scharf resmiert. Der Ich-Erzhler nutzt zudem keine chronologische Form, sondern erzhlt aus der Rckschau, und schafft es so, Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu verbinden.
Das Besondere: Das Buch umfasst zwei Erzhlungen, die in einem unmittelbaren Zusammenhang stehen. Die zweite ber Annie und ihren Mann Henry ergnzt die Geschichte von Lionel und David und macht diese erst ganz verstndlich. Vor allem erweitert sie die durchaus betrbte Stimmung der verpassten schwulen Liebesgeschichte um das Gefhl, dass auch die vorzeigbarsten Zufallsbegegnungen Schattenseiten haben.
Die Erzhlung wurde hochkartig verfilmt
Der US-amerikanische Band umfasst insgesamt sechs dieser Erzhlungs-Paare. Der deutsche Verlag hat sich dazu entschieden, nur eines in uerst gelungener bersetzung von Dirk van Gunsteren zu verffentlichen, das dank grozgigen Zeilenabstands gerade so auf ber 100 Seiten kommt. Im kommenden Frhjahr soll eine weitere Erzhlung erscheinen.
Das hat womglich damit zu tun, dass «Die Geschichte des Klangs» im Herbst als Spielfilm erscheint. Ben Shattuck schrieb dafr auch das Drehbuch, der Sdafrikaner Oliver Hermanus inszenierte das Drama hochkartig mit Josh O’Connor und Paul Mescal. Fr die drei ist es nicht der erste queere Film: Der Regisseur drehte das Liebes- und Antikriegsdrama «Moffie», Josh O’Connor spielte eine Hauptrolle in «God’s Own Country», Paul Mescal in «All of Us Strangers». «Die Geschichte des Klangs» feierte seine Premiere in Cannes, die bisherigen Kritiken fallen eher zurckhaltend aus.
Die Erzhlung berhrt, ohne rhrselig zu sein
Und noch eine weitere Entscheidung des Verlags muss nicht nachvollziehbar sein: Die zugegebenermaen sehr stimmige Sepia-Fotografie auf dem Cover zwei junge Mnner, die durch einen Wald radeln ist KI-generiert. Das ist transparent gekennzeichnet, aber dennoch nicht unproblematisch. Fragen nach Authentizitt, Entwertung professioneller Arbeit und Urheberrecht werden noch hufig gestellt werden, insbesondere wenn es um marginalisierte Menschen geht.
Das soll den Gesamteindruck aber nicht trben: «Die Geschichte des Klangs» ist eine wunderbare historische Kurzgeschichte originell, an den richtigen Stellen herzergreifend, nur um das ein paar Seiten spter wieder einzufangen. Die berhrt, ohne rhrselig zu sein.
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