Die Knigin des Queercore
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Die Knigin des Queercore

Die Kulisse knnte prachtvoller nicht sein. Vor Beginn des Ausstellungs-Rundgangs schreitet Vaginal Davis majesttisch durch den glsern berdachten Innenhof des Berliner Gropius Bau selbstbewusst lchelnd, in einem wallenden Gewand aus durchsichtigem, gemusterten Stoff.

Aufmerksamkeit erregt auch ihre Tasche: eine collagierte Shoppingtte, auf der Motive von Schwulenpornos zu sehen sind. Vaginal Davis, die Knigin des Queercore, geniet das Blitzlichtgewitter, das sie auf dem Pressetermin zur Erffnung ihrer Ausstellung mit dem Titel «Fabelhaftes Produkt» entfacht.

«Ich fhlte mich damals berall als Auenseiterin, als crazy faggot»

Man muss diesen Auftritt, dessen Bilder schon kurz darauf die sozialen Medien fluten, als Teil der Retrospektive verstehen, als Zitat und Anschluss an die bisherige Arbeit von Vaginal Davis. Das reicht bis zu den Wurzeln ihres Schaffens in Los Angeles zurck, als sie in den 1970er Jahren die Band «Afro Sisters» grndete, mit knstlerischen Performances experimentierte und in den 1980ern ein Fanzine herausgab, mit dem sie eine Art Durchbruch feierte.

«Ich fhlte mich damals berall als Auenseiterin, als crazy faggot», so Davis. «Ich hatte keinen boyfriend, ich war die ganze Zeit nur mit meinen kleinen Kunstprojekten beschftigt, also grndete ich dieses Magazin und der Ton, den ich von Anfang an setzte, war, dass es das wichtigste Magazin ist, das jemals existiert hat, und dass es ein Privileg ist, fr das Magazin interviewt oder auch nur darin erwhnt zu werden.»

Zu ihrer berraschung hat diese Strategie funktioniert, die Nachfrage war riesig. «Als Bestellungen aus Argentinien, Australien und Lateinamerika kamen, wusste ich: Ich habe Anschluss an eine Art Zeitgeist gefunden an etwas, das grer war als das, was ich mir ursprnglich ausgemalt hatte.

Aus der Not des Ausgegrenztwerdens geboren

Doch was genau bedeutet eigentlich Queercore: jene Bewegung, die Vaginal Davis in den 1980er Jahren ins Leben gerufen hat? Ihren Beschreibungen zufolge handelt es sich nicht nur um ein weiteres Genre in der als ausdifferenziert geltenden Kunst- und Kulturwelt, sondern um ein Phnomen, das weit ber die sthetische Verbindung aus Punk, queerem Hardcore und Glamour hinausreicht. Um etwas, das aus der Not des Ausgegrenztwerdens geboren wurde und aus der Kraft der Imagination.

In den 1970er Jahren fhlte sich Vaginal Davis noch im alternativen Punk-Milieu zuhause. «Doch der Fokus der Szene hat sich nach ihrer Entstehung schnell verschoben», erinnert sie sich. Schwarze und queere Personen wie sie fanden dort keinen Zugang, stattdessen wurde Punk sehr bald von weier toxischer Mnnlichkeit beherrscht. Auch in der queeren Emanzipationsbewegung stie Vaginal Davis lange auf Ablehnung. «Schwule und Lesben waren von meinen Filmen schockiert, manche entwickelten eine richtige Wut. Keines von den queeren Filmfestivals wollte sie zeigen inzwischen sind sie Kult.»

«Drag-Terroristin» in der kulturellen Visitenkarte Deutschlands

Der Low-Budget-Film «That Fertile Feeling» von 1983 etwa ist ein schriller Streifzug durch das Leben queerer Charaktere, die mit Sexualitt, Fruchtbarkeit und gesellschaftlichen Zwngen konfrontiert werden. Es ist bezeichnend, dass der knstlerische Wert und die unterschwellige Komik erst so spt erkannt und anerkannt wurden. «Alles kulturell Faszinierende und Interessante hat seinen Ursprung in der Halbwelt der Schwarzen Queer-Community», schtzt Vaginal Davis das Phnomen ein: «Danach wird es von den heterosexuellen Schwarzen adaptiert und schlielich in die dominierende Popkultur bernommen.»

So gesehen stellt Queercore nicht nur eine mitunter heitere Gegenkultur zum heteronormativen und weien Mainstream dar, sondern auch zu nahezu allen anderen Gegenkulturen: ein gleichwohl humorvoller wie anarchischer Blick vom uersten Rand auf die Gesellschaft, der zunchst auf heftigen Widerstand stt.

Was fr ein Glck und was fr eine Ironie, dass das radikale uvre der hufig als «Drag-Terroristin» bezeichneten und seit mittlerweile zwanzig Jahren in Berlin lebende Vaginal Davis nun einen so wrdigen wie reprsentativen Ort fr die Retrospektive findet. Der Gropius Bau nahe dem Potsdamer Platz ist zurecht bekannt dafr, ein Haus zu sein, das als kulturelle Visitenkarte der Bundesrepublik Deutschland gilt und gleichwohl ber internationale Strahlkraft verfgt: Das setzt ein Zeichen in einer Zeit, in der weltweit queerfeindliche und homophobe Strmungen lauter werden und um Trans-Identitt einen regelrechten Kulturkampf anheizen.

Provokativ und schreien komisch

«Fabelhaftes Produkt» ist eine Koproduktion des Gropius Bau mit dem Stockholmer Moderna Museet, wo die Schau bereits lief, und dem MoMa PS 1 in New York, in dem sie danach gezeigt werden soll. Schon jetzt lsst sich erahnen, welche gesellschaftspolitischen Turbulenzen sie in den USA vor dem Hintergrund der aktuellen Kulturpolitik provozieren knnte.

Ein Film wie etwa «The White to be Angry» von 1999 ist nicht nur von abgrndigem Humor, sondern enthlt auch gengend Potential, um Ansto zu erregen: Es geht um amerikanische Neonazis und die rassistische Ideologie der weien Vorherrschaft, aber auch um deren unterschwellig erotische Faszination und um unter der Oberflche lauernde Konflikte, die gesellschaftliche Rollenerwartungen und verklemmtes homosexuelles Begehren umkreisen. Schon der Titel des komplexen Werks ist ein Wortspiel, das mit der Gleichsetzung von «White» und «Right» auf mehrere Deutungsebenen verweist: auf das Privileg weier Menschen, wtend zu sein; auf die Verknpfung von Weisein und Wut in der amerikanischen Gesellschaft sowie auf die Erfahrungen von Schwarzen, deren Entrstung auf unverhltnismige Weise als Bedrohung wahrgenommen wird.

Genauso drfte die Installation «Tween Bedroom» als Provokation empfunden werden allerdings eine, die vor allem fr Heiterkeit sorgt. Im rosaroten Barbie-Ambiente eines Schlafzimmers hngen zahlreiche Poster von Film- und Popstars, die von jugendlichen Sehnschten erzhlen. Und auf dem rotierenden Bett liegt eine monumentale, mit Tll dekorierte Phallusskulptur als Platzhalter fr den sprichwrtlichen rosa Elefanten im Raum.

Doch die Kunst von Vaginal Davis ist vor allem eines: schreiend komisch. Auch deshalb gert dieser knallbunte, mit einer berflle an Details angereicherte und von fetziger Punkmusik unterlegte Ausstellungsbesuch zu einem Ereignis, das man nicht verpassen darf.