Ein lesbisches Coming-out und die Demontage eines brgerlichen Lebens
Warum soll es Lesben anders gehen als allen anderen, die sich auf Begehren und Sexualitt und auf die daraus entstehenden Beziehungskisten einlassen? Menschen sind halt nun mal so gestrickt wie sie sind. Da kann man nichts machen. Die franzsische Schriftstellerin Constance Debr sieht die Sache jedenfalls nchtern und hlt romantische Liebe fr ein Gercht. Das klingt nach Provokation und ist durchaus beabsichtigt. Im Leben ist es nun mal so, dass Geschichten mitunter dann am besten sind, wenn sie enden.
In ihrem gerade bei Matthes & Seitz in der bersetzung von Max Henninger erschienenen Roman «Play Boy» (Amazon-Affiliate-Link ) erzhlt Debr von solchen Ernchterungen. Dabei fing die Geschichte vielversprechend an: Die Ich-Erzhlerin, verheiratet mit Laurent, von dem sie sich gerade trennt, erlebt ihr Coming-out als Lesbe. Sie ist da vierzig Jahre alt und lernt die zehn Jahre ltere Agns kennen. Sie ist ebenfalls verheiratet und hat Kinder. Bis zum ersten Sex dauert es eine Weile. Bis dahin umkreisen sich die beiden Frauen, verreisen gemeinsam, doch die Unerfahrenheit hemmt sie. Dann geschieht es mit einmal, bis schlielich die viel jngere Albertine auftaucht und die Beziehungen neu gemischt werden.
«Langeweile ist die Grundlage des Ehelebens»
Am Ende des mit 158 Seiten recht handlichen Romans lesen wir: «Das Problem ist, dass die Sache mit den Frauen jetzt auch alltglich geworden ist. Auch dabei geht es nur um Sex und Liebe. Nichts Neues. Nichts, was das Leben ndern wrde.» Genau das aber steht auf der Wunschliste der Ich-Erzhlerin ganz oben. Ja, wo ist der groe Knall im Leben? Stattdessen Routine und die Erkenntnis: «Langeweile ist die Grundlage des Ehelebens. Des Lebens als Paar oder vielleicht sogar des Lebens berhaupt.»
Das klingt nach totalem Frust, den die Autorin, die hier ihr Leben, wenn nicht autobiografisch so doch mindestens autofiktional erzhlt, mit einer nachgerade heldinnenhaften Gleichgltigkeit beantwortet. Die sieht zwar mitunter verdchtig nach Attitde aus, besitzt aber einen tieferen Grund, von dem noch zu sprechen sein wird. Doch der Frust ist sozusagen schreibfrdernd. Ziemlich am Anfang heit es: «Wir lassen unseren Frust an der Sprache aus.»
Das ist wrtlich zu nehmen und heit, die meisten Kapitel sind so knapp wie die Sprache, die sie transportieren, wo nur konstatiert wird und mglichst extra dry. Debrs Sprache ist hart und absolut offen, nie falsch, sondern ehrlich bis zur Unertrglichkeit. Da ist nichts politisch korrekt, aber jeder Sensibilisierungskurs wrde wahrscheinlich ihre lakonische Art nur zum Sarkasmus steigern.
Begabung der sprachlichen Verblffung
Ihre Sensibilitt liegt vielmehr in der Beobachtung all der Kleinigkeiten, die sonst gern bersehen werden Blicke, Gesten, Haltungen. Ihre Sensibilitt besteht in der Begabung der sprachlichen Verblffung. Ein Beispiel: Dass die wiederaufgewrmte Beziehung zu Agns nun endgltig am Ende ist, beschreibt die Autorin so: «Lang hab ich den leichten Schweigeruch unter ihrem Parfm geliebt. Jetzt rmpfe ich die Nase. Sie ist einfach nur schmutzig.»
Der tiefere Grund fr ihre Gleichgltigkeit, aber auch fr das Gelangweilt-Sein hat bei Debr familire Grnde. Sie entstammt einer brgerlichen Familie mit ein paar Herzoginnen im Stammbaum. Der Vater ist drogenabhngig, die Mutter, ein Model, stirbt frh. Die Autorin ist Anwltin, verteidigt Verbrecher, und ist durch und durch snobistisch. Sie ist gro, schlank, trgt kurzes Haar, ist ttowiert. Snobistisch ist sie nicht, weil sie einer illustren Familie entstammt oder reich ist, was ohnehin nicht zutrifft. Nein, sie trgt selbstbewusst das Label «Upper Class der Deklassierten» und zelebriert Nonkonformitt.
Die «Besitzgeschichte» mit Albert
Kommt sich die Erzhlerin bei Agns wie ein Provinz-Casanova vor, so ndert sich die Situation mit Albertine, die von allen nur Albert genannt wird, um 180 Grad. Heit es bei Agns noch «Es war nicht schlimm, dass wir nur selten Sex hatten, er war eh schlecht», so klingt es mit Albert so: «Die Lust ist mir egal, es ist das Verlangen, das mich beschftigt, ein Verlangen, das ich bisher nicht gekannt habe. Ein Verlangen, das nicht endet.»
Die Geschichte mit Albert ist eine Bettgeschichte und hat den Haken, dass daraus eine «Besitzgeschichte» wird, denn stndig verlangt Albert Beweise und Trophen und entpuppt sich schlielich als «mrrische kleine Schlampe». Damit kippt die Beziehung und besttigt die oben zitierte Erkenntnis, manche Geschichten sind am besten, wenn sie enden.
Erster Teil einer Roman-Trilogie
«Play Boy» ist Teil einer Roman-Trilogie und erschien in Frankreich 2018, gefolgt von «Love Me Tender» (2020) und «Nom» (2022). In deutscher bersetzung liegt neben dem hier besprochenen ersten Teil bereits «Love Me Tender» vor (ebenfalls bei Matthes & Seitz erschienen). In «Play Boy» wird erkennbar, dass es der Erzhlerin vor allem darum geht, was die Homosexualitt mit ihr als Frau macht. Und es ist keineswegs die Lust, die an erster Stelle steht.
In einem Interview erklrte sie: «Der Krper spielt in meinem Buch eine so groe Rolle, weil es um das Streben nach Freiheit geht. Gesellschaftlicher Zwang ist ja immer ein Zwang in Bezug auf den Krper. In dem Moment, in dem die Erzhlerin, in der etwas von mir selbst steckt, sich zu befreien versucht, nutzt sie ihren Krper. Sei es durch Sport oder durch Sex.» Natrlich liebt sie das Verlangen, das alles wie von selbst geschehen lsst. Aber sie liebt ebenso das Schwimmen und die Schwerelosigkeit dabei: «Der Gebrauch des eigenen Selbst.»
Links zum Thema:
Mehr Infos zum Buch, Leseprobe und Bestellmglichkeit bei amazon.de
Mehr queere Kultur:
auf sissymag.de
Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthlt Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de untersttzen: Kommt ber einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhht sich dadurch nicht.
