Ein Mosaik lesbischer Lebenserfahrung
Unter dem Titel «Umbrche, Wendepunkte» setzt das jngst verffentlichte Jahrbuch «Mein lesbisches Auge» (Amazon-Affiliate-Link ) seine Zeitgenoss*innenschaft lesbischen Lebens fort. Auf rund 270 Seiten kommen 34 Beobachter*innen sapphischer Realitten zu Wort und Bild. Der Sammelband schenkt sowohl etablierten Namen wie Koschka Linkerhand, Yoko Tawada und Volcano DeLa-Grace Gehr als auch Debtant*innen. Bei genauerem Blick in die Kurzbiografien scheint sich hier eine Szene zu versammeln, die in literarischer und knstlerischer Praxis in jedem Fall auf die ein oder andere Weise erprobt ist und von einem akademischen Hintergrund aus in verschiedene Richtungen strebt.
Der thematische Fokus «Wendepunkte» schliet Vernderungen in mehrfacher Hinsicht ein: Wo das Vorwort auch gegenwrtige politische und gesellschaftliche Vernderungen wie den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine sowie den Klimawandel einbezieht, nhern sich die Beitrge dem Schwerpunkt berwiegend autobiografisch an. Die 24. Ausgabe von «Mein lesbisches Auge» steht damit nicht nur numerisch in einer Reihe mit den vorherigen Editionen, die seit den 1980er Jahren «Einblicke in das lesbische Lieben und Leben» dokumentieren. Neben wiederkehrenden Motiven wie Kennenlernen, Lieben, Trennen und Neubeginn kristallisieren sich jedoch auch Schwerpunkte heraus, die als kollektive Wendepunkte lesbar werden.
Lebensvernderungen zwischen Bildungsbiografien
Ein zentrales Motiv vieler Beitrge ist die Kindheit, die Jugend, das Coming-out samt wachsender lesbischer Selbsterkenntnis. Biografische Einschnitte, die sich schon in der 21. Ausgabe unter dem Titel «Herkunftsgeschichten» fanden, tauchen nun im neuen thematischen Licht der Wendepunkte erneut auf. Die Erzhlung «Der Auszug» von Lizzy Fabinder etwa schildert den Moment des Verlassens des patriarchalen Elternhauses noch vor dem Abitur und verdeutlicht so das Ausziehen als Aufbruch und Loslsung, die gleichzeitig eine Form der Selbstermchtigung darstellen.
Heidi von Plato beschreibt in «Crazy for you» das erste lesbische Verliebtsein whrend der Pubertt auf dem Gymnasium, das durch das elterliche Umfeld der ersten Liebe unterbunden wird. In beiden Texten zeigt sich ein wiederkehrender Subtext: Der berwiegende Teil der Autor*innen scheint aus einem bildungsbrgerlich geprgten Milieu zu stammen. Und auch das Studium selbst taucht in Regina Nsslers eine der Herausgeberinnen nicht chronologischen Wendepunkten auf.
Vom Wendepunkt zur Zeit der Wende
Am Begriff der «Wende» zeigt sich aber zwischen den Zeilen noch ein weiteres Motiv, das die Ausgabe bewegt. Historisch aufgeladen verrt es nmlich auch, je nachdem, woran Leser*in dabei als Erstes denkt, etwas ber deren sozial-geografische Verortung innerhalb Deutschlands. Wer dabei zuerst 1989, Mauerfall und Umbruch im Kopf hat, wird nicht enttuscht, denn berraschenderweise schenkt der Band dieser Erlebniswelt mal mehr mal weniger explizit Aufmerksamkeit. Anja Mllers dokumentarischer Beitrag etwa bringt die ersten Jahre der «Wendezeit» zwischen 1989 und 1990 in Fotografie und Wort ins Gedchtnis zurck.
In «Die heimliche Geliebte» spricht Michaela Regus von Berlin als gemarkter, geteilter Stadt, die in ihrer Unstetigkeit ihren Reiz findet. Karen-Susan Fessel wiederum verknpft in ihrer Kurzgeschichte «Georgenberg» die Wende mit der biologischen Abstammung vom Vater. Indem die Frage, wie es sich zu einem verstorbenen, leiblichen Vater zu positionieren gilt, der einen zeitlebens vertuschte, hier mit der Zeitgenoss*innenschaft des Mauerfalls verknpft wird, werden auch die ambivalenten Gefhle deutlich, die sich in viele familire Biografien eingeschrieben haben.
Tod, Abschied und Erinnerung
Aber nicht nur in Karen-Susan Fessels Beitrag wird der Tod als existentielle Verschiebung der Perspektive deutlich. Traude Bhrmann widmet sich in «Zur Hausarbeit des Ablebens» einem eher tabubehafteten Thema: dem Schreiben eines Testaments. Der Text beschreibt diesen Akt mit einem Hauch Selbstironie als bewussten bergang zwischen Leben und Tod, den es formal abzuarbeiten gilt. Francis Kaufmanns Erinnerung «Kopfsachen» schlielich verwebt das Auftauchen und Verschwinden einer Freund*innenschaft mit dem Tod als Prozess, der auch verbinden kann und gerade dadurch berdauert.
Poesien der Vernderung in Wort und Bild
Whrend der Groteil des Bandes damit aus Prosa besteht, werden die Texte von visuellen Beitrgen durchbrochen, die selbst eigene kleine Erzhlungen entfalten. Anja Mllers analoge Portrts etwa fangen nicht nur Menschen, sondern auch Lebensabschnitte ein. Ihre dokumentarischen Bilder der Wendezeit wirken dabei fast wie Gegenpole zu den poetischen Schwarzwei-Landschaften von Claudia Gehrke und Wiebke Kahn sowie den farbintensiven Gemlden von Minette Dreier und Margarete Leube.
Unter den Bildbeitrgen ist auerdem Lilith Terras Aktportrt-Serie hervorzuheben, in der sich weibliche Identitt und Sexualitt im Spannungsverhltnis zur Mutterrolle neu verhandeln. Unter den lyrischen Beitrgen bleibt vor allem Sabine Ksters «Gezeiten» im Gedchtnis, das den Sammelband erffnet. «Fruchtwasserblase & Styx» werden bei ihr zur markanten Metapher fr die «Ursuppe» des «Fluiden Sein» (S. 12).
Wendepunkte des Lesbianismus
Die Frage nach lesbischer Identitt wird im Band nicht nur retrospektiv gestellt, sondern auch im Spannungsfeld mit queeren, genderdiversen Perspektiven ausgelotet. Bereits die letzte, 23. Ausgabe von «Mein lesbisches Auge» sah sich mit dem Widerspruch konfrontiert, sowohl gender-variierende Perspektiven bereits seit Beginn einzubeziehen als auch «ein wenig Transphobie» in einzelnen Stimmen zuzulassen. Gerade damit zeigt der Sammelband aber auch auf, dass lesbisches Leben und Lieben kein in sich geschlossenes Regelwerk befolgt und sich ebenso kontinuierlich ja sogar in sich strittig fortbewegt.
Als kaum merkliches oder kontrovers relevantes Detail zeichnet sich das auch in der inkohrenten Handhabung des Genderns ab: Mal werden die Autor*innen neutral als Mitwirkende angesprochen, an anderer Stelle erscheint das Binnen-I und an noch anderen Stellen taucht das Gender-Sternchen auf von eher klassischen, lesbisch-feministischen Positionen bis hin zu queerfluiden, non-binren Perspektiven ist damit nahezu alles vertreten. Das explizite Einbeziehen von inter und nichtbinren Positionen zeigt: Hier wird Lesbischsein nicht nur in seiner Entwicklung, sondern auch in seinem Verhltnis zu Queerness thematisiert. Die Sichtweisen variieren nicht nur zwischen den Beitrgen, sondern auch innerhalb einzelner Texte. Yoko Tawadas Beitrag «Eine leere Flasche» pointiert dabei auch die Frage nach den Pronomen des sprechenden Subjekts zwischen der japanischen und deutschen Sprache.
Am deutlichsten zeigt sich diese bergreifende Bewegung jedoch in Volcano DeLa-Graces Beschreibung des eigenen Lebenswegs. In einem Mutterhaus aufgewachsen, in dem lesbisch zu sein scheinbar als hchste Anerkennung galt, hinterfragt Volcano in spteren Jahren genau die Festschreibungen zwischen chromosomalen (Um-)Ordnungen, Gender und Sexualitt. Queerness wird hier weniger als Identitt denn als Lebensart verstanden, die sich stetig im Wandel befindet.
Wendepunkte, die nur rckblickend sichtbar werden
Mit der Zusammenfhrung unterschiedlichster lesbischer Narrative, Positionierungen und Perspektiven wird deutlich, dass den Sammelband eine Reflexion ber die Zeit selbst umgreift. Indem die meisten Beitrge autobiografisch zurckblicken, zeigt sich, dass Brche, Ecken, Kurven des Lebenswegs sich erst im Nachhinein als markante Wendepunkte erkennbar machen. Im gegenwrtigen Erleben selbst wirken sie oft so flieend, chaotisch und widerstndig gegenber einer klaren emotionalen Einordnung. Vielleicht haben Wendepunkte als solche gerade das mit der Idee von Queerness gemein.
Insgesamt ergibt sich in der 24. Ausgabe von «Mein lesbisches Auge» ein Mosaik lesbischer Lebenserfahrung, das ber eine Handvoll Dekaden hinweg zeigt, dass Vernderungen keine Ausnahmen sind, sondern das eigentliche Kontinuum. Der diesjhrige Sammelband ist damit eine weitere wichtige Zeug*innenschaft lesbischen Lebens der letzten Jahrzehnte.
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