Ein Schritt zurck ins Weihrauch-Nebelwerk
Vergangene Woche zog sich die katholische Kirche in Deutschland einmal mehr vor dem zurck, was sie am dringendsten braucht: Mut. Statt ein lngst berflliges Heft zur Anerkennung queerer Vielfalt in kirchlichen Schulen zu verffentlichen, trat der Stndige Rat der Bischfe den Rckwrtsgang an. «berarbeitung» heit es nun, «mglicherweise an anderer, weniger prominenter Stelle» (queer.de berichtete). Die bersetzung lautet: unter Ausschluss der ffentlichkeit, mit gesenktem Blick, in der Hoffnung, dass niemand mehr nachfragt.
Was war geschehen? Das Themenheft «Sichtbar anerkannt: Vielfalt sexueller Identitten» hatte sich erlaubt, auf wissenschaftliche Erkenntnisse zu verweisen etwa zur Pluralitt von Geschlechtsidentitten und diese ernst zu nehmen. Ein Affront fr Teile der katholischen Hierarchie, die lieber an einer «biblischen Zweigeschlechtlichkeit» festhlt, als sich der Realitt der Gegenwart zu stellen. Der Moraltheologe Franz-Josef Bormann echauffiert sich ber «aktivistische Terminologie» wie «Cis-Jugendliche», als handle es sich um Vokabular aus einem satanischen Vers, nicht um lngst etablierte Begriffe aus Wissenschaft und Alltag.
Teil einer greren Rckwrtsbewegung
Die Signalwirkung dieser Entscheidung ist verheerend nicht nur fr queere Jugendliche, die in kirchlichen Schulen lernen, sondern auch fr all jene in der Kirche, die sich auf einen echten Wandel durch den Synodalen Weg verlassen hatten. Schlielich hatten dessen Mitglieder 2023 die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare befrwortet und ein «neues Denken» im Umgang mit queeren Menschen gefordert, wie es etwa der Bischof von Dresden-Meien, Heinrich Timmerevers, forderte. Doch wer heute auf Offenheit setzt, steht offenbar wieder allein.
Man knnte diese Entwicklung als innerkirchliche Debatte abtun, wre sie nicht Teil einer greren Rckwrtsbewegung. In Kln wurde jngst das Tragen von Regenbogenfarben bei der Erffnung einer katholischen Schule untersagt mit der absurden Begrndung, sie seien ein «Kampfsymbol gegen die Kirche» (queer.de berichtete). Tatschlich wird hier ein Kulturkampf inszeniert, der aus Angst vor Bedeutungslosigkeit die alten Mauern wieder hochzieht. Die Parallelen zur Politik sind beunruhigend deutlich: Auch das Prideflaggen-Verbot von Bundestagsprsidentin Julia Klckner (CDU) zum Berliner CSD ist ein Kniefall vor dem lauter werdenden Kulturkonservatismus.
Kirche verpasst den Anschluss an das 21. Jahrhundert
Der Journalist Christian Geyer formulierte es in einem FAZ-Kommentar (Bezahlartikel) scharf, aber treffend: Die katholische Kirche beuge sich einem queerfeindlichen Zeitgeist, statt ihm zu widerstehen. Whrend in den USA rechte Krfte im Namen des «Schutzes der Familie» gegen queere Rechte agitieren und europische Unternehmen dazu schweigen, faltet auch die deutsche Kirche die Regenbogenfahne ein aus Angst, die Kontrolle ber das Narrativ zu verlieren.
Dabei htte sie die Chance, Vorbild zu sein. Ein Ort, an dem Vielfalt nicht als Bedrohung gilt, sondern als Gottesgeschenk. Ein Ort, der jungen Menschen sagt: Du bist gut, wie du bist und zwar nicht trotz deiner Identitt, sondern mit ihr.
Stattdessen: Schweigen, Rckzug, Diffamierung. Die Kirche verpasst wieder einmal den Anschluss an das 21. Jahrhundert und verliert damit das, was sie am meisten braucht: Glaubwrdigkeit.
Wer sich selbst frchtet, kann niemandem Hoffnung spenden.
