Eine Anti-Vorurteils-Therapie in Sachen trans
Mit der vorgezogenen Evaluierung des Selbstbestimmungsgesetzes (SBGG), so steht zu vermuten und auch zu befrchten, wird die Union die Schere mindestens an den Regelungen fr Minderjhrige ansetzen. Dass fr Kinder und Jugendliche in Sachen Namens- und Personenstandsnderung auch die Selbstbestimmung gelten soll, ist ihr bekanntermaen ein Dorn im Auge. Unterstellt werden die Unreife und Unmndigkeit von Menschen unter 18 in Fragen des eigenen Geschlechts.
Man kann es nicht oft genug sagen: Beim SBGG geht es nicht um medizinische Manahmen, sondern allein um einen neuen Namen und einen passenden Geschlechtseintrag, was im wohl eher seltenen Bedarfsfall auch wieder rckgngig gemacht werden kann. Aber auch die Medizin ist ein lebenswichtiges Thema.
Die Union argumentiert hier gern mit der Kindeswohlgefhrdung und verschleiert damit, dass es ihr in erster Linie um das Elternwohl geht. Denn die Bedrfnisse von Kindern und Jugendlichen interessiert sie weit weniger als der Schutz der Elternrechte. Da klingen die Argumente leider wie ein copy and paste, fr das die Partei rechts auen im Bundestag die Kopier-Vorlage liefert.
Das Kontra zum Problem der Union
Ich mach hier mal ’nen Punkt, denn das soll kein politischer Kommentar werden, sondern nur die Einleitung zu einer Buchbesprechung. Das Buch mit dem schnen Titel «trans* Don’t judge my journey» (Amazon-Affiliate-Link ), erschienen im Gabriel Verlag, herausgegeben von der Journalistin Beate Lakotta (hat lange fr den «Spiegel» gearbeitet) und angefllt mit groartigen Portrtfotos des Fotografen Walter Schels, passt haargenau zum Thema und liefert das Kontra zum Problem der Union.
Denn die 21 Personen, die mit ihren trans Biografien darin versammelt sind, zeugen alle von genau dem, was die Union dieser Gruppe abspricht: reflektiert, selbstbewusst und selbstkritisch zu sein. Kurzum sie beweisen souvern Geschlechtsmndigkeit und auch und gerade diejenigen unter ihnen, die mit einer Detransition den Weg zurckgingen. Nebenbei bemerkt: Man kann Detransitioner sein, ohne gleich in Transfeindlichkeit zu verfallen. Dass dieses Thema nicht ausgeklammert wurde, spricht allemal fr die Publikation.
In dem Buch kommen Kinder und Jugendliche zu Wort, die von der Herausgeberin und dem Fotografen ber viele Jahre begleitet wurden. In einer Reihe von thematisch sortierten Kapiteln kommen all diese jungen Menschen ausfhrlich im O-Ton zu Wort, dazwischen wunderschne Portrtaufnahmen, die zugleich die Stadien ihrer Transition eindrucksvoll dokumentieren.
Zuhren und Ernstnehmen sind die besten Wegbegleiter einer Transition
Die Lebensgeschichten dieser jungen Menschen strafen all jene Lgen, die immer nur von Verfhrung, bereilung, Unreife und Gefahren beim Thema trans sprechen. Wieder einmal besttigt sich, dass Zuhren, Ernstnehmen und Beobachten die besten Wegbegleiter einer Transition sind und wie wichtig gerade die Untersttzung durch die Eltern und das unmittelbare soziale Umfeld sind. Eltern, die ihre Probleme zu den Problemen des Kindes machen, sind als Eltern eine Fehlbesetzung.
Die Erfahrungen mit dem Coming-out und die ersten Schritte der Transition bringen erwartungsgem wiederkehrende Erzhlungen auf der Suche nach dem Selbst hervor, so individuell Biografien am Ende bleiben. Beruhigend zu lesen, dass es neben negativen Erfahrungen der Ablehnung, des Mobbings doch auch so viele positive Geschichten gibt. Natrlich kann die Erkenntnis, trans zu sein, immer beides bedeuten Befreiung und Verunsicherung. Doch klar wird auch, trans zu sein, ist keine Wahl.
Whrend der Lektre habe ich als die so viel ltere trans Frau diese jungen Menschen immer wieder auch beneidet. Denn Sie haben heute die Mglichkeit, die meiner Altersgruppe verwehrt blieb, nmlich so frh wie mglich auf die richtige Lebensspur zu kommen. Ich bewundere ihre so herzerfrischende Offenheit und Ehrlichkeit.
Beispiele aus dem Buch
Leonie meint, es brauche einen Regenschirm gegen Vorurteile, der leider auch mal kaputt gehen knne. Dann wrden Trnen flieen. «Aber das passiert jetzt nur noch sehr selten.» Elisa: «Ich bin jetzt 13. Ich bin ein Mdchen, nur dass ich frher im Krper von einem Jungen gesteckt habe. Also: Da stecke ich immer noch drin. Aber mein Kopf war schon immer weiblich.»
Die Eltern von Ben Julian hatten sein Trans-Sein erst als «kindliche Phase» abgetan, aber mit der Pubertt kamen die Depressionen. «Heute bin 24 Jahre alt und mache eine Ausbildung zum Ergotherapeuten.» Er habe etwas Wesentliches begriffen: «Dass es in meinem Leben mehr als das gibt. Dass mich mehr ausmacht als diesen Weg.» Womit er seine erfolgreiche Transition meint.
Maxine berichtet: «Mein Vater hat mich inzwischen als seine Tochter akzeptiert. Er nennt mich auch Maxine. Das ist schn, aber ich htte diese Akzeptanz frher gebraucht.» Und Magnus, mit mexikanischer Herkunft, beschreibt, wie belastend dieser Stress mit rzten und OPs war. «Aber wenn ich es nicht gemacht htte, wre es umso schlimmer. Dann htte mich, glaube ich, niemand so kennengelernt, wie ich wirklich bin.»
Und ein letztes Beispiel: Ben H. ist Polizist geworden und natrlich ein Mann. «Was ich gemacht htte, wenn es keine Mglichkeit der Behandlung gbe? Ich htte nicht weiterleben wollen. Ich wre in mir selbst gefangen gewesen. Es wre nicht mein Leben gewesen. [] Es ist schwer, dieses Unglcklichsein zu beschreiben.»
Aber es sollte nicht schwer sein, dieses Buch in die Hand zu nehmen und zu lesen. Es erfllt die besten Voraussetzungen fr eine Anti-Vorurteils-Therapie in Sachen trans. Der Unions-Fraktion im Bundestag jedenfalls sei es wrmstens empfohlen und natrlich all jenen, die diese selbstbewussten und selbstkritischen trans Kinder und Jugendlichen aus nchster Nhe erleben wollen, die mir oft lebensklger vorkamen als viele Erwachsene.
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