Eine frhe queere Stimme der bulgarischen Literatur
«Zeig, Mond, mir das glckliche Land, wo die stolzen Infanten und steinalten Zauberer sind» dieser Vers aus dem titelgebenden Gedicht verspricht eine poetische Reise in fremde, funkelnde Welten. Leider kann der Band «Gedichte vom blauen Jungen» (Amazon-Affiliate-Link ), erschienen im Arco Verlag, dieses Versprechen nicht einlsen. Was in der Ankndigung nach einer Entdeckung klingt, entpuppt sich in der Lektre oft als mhsam, unzugnglich und unntig sperrig.
Dabei ist Aleksandăr Vutimsk) alles andere als ein unbedeutender Autor: Geboren als Aleksndar Kotsev Vtov in Svoge, studierte er Klassische Philologie in Sofia, schrieb in den politisch wie kulturell aufgeladenen Jahren zwischen den Weltkriegen eine Lyrik voller Melancholie, Symbolkraft und subtiler homoerotischer Anklnge ein mutiger Unterton in einer zutiefst homophoben Gesellschaft. Seine Texte kreisen um Sehnsucht und Verlust, um das Trgerische, Unmgliche, Flchtige. Er adressiert konkrete Geliebte und beschreibt Liebe als bittersen Verlust, einen «Hirngespinst, Vortuschung, Trick, hohler Schall?».
Das Verborgene, Zurckweisung und Selbstzweifel
Vutimskis innerer Zwiespalt, die Unmglichkeit und das Verstecken seiner Liebe, ziehen sich wie ein roter Faden durch sein Werk. So fleht er: «Nur beieinander knnen wir nicht sein darum verfolg mich nicht mit deinem langen, stummen Blick verbirg dich! Geh weg!» oder sehnt sich nach heimlichen Begegnungen: «Jetzt, wo kein Mensch mehr in der Nhe ist, will ich mit ihm treffen in der Dunkelheit.» Das Verborgene, die Zurckweisung und Selbstzweifel prgen diese frhe queere Stimme der bulgarischen Literatur.
Doch so kraftvoll manche Verse sind der Band selbst macht es schwer, in Vutimskis Welt einzutauchen. Die bersetzungen von Andreas Tretner wirken oft stockend und holprig; die schiere Dichte und Monotonie, mit der die Texte prsentiert werden, bremst den Lesefluss aus. Viele Gedichte sind in Tonfall und Bildwelt so hnlich, dass sie beim Lesen ineinanderflieen, statt sich gegenseitig zu verstrken.
Diese Anstrengung nimmt den Gedichten leider jene Unmittelbarkeit, die in den Originalen vermutlich vorhanden war. Der am Ende platzierte biografische Essay des bersetzers liest sich wie eine berlange, akademische Fingerbung, voller selbstverliebter Abschweifungen und Name-Dropping. Fr eingefleischte Vutimski-Fans mag das noch reizvoll sein, alle anderen werden eher ausgebremst. Dass rassistische Begriffe ohne Kontextualisierung unkommentiert stehenbleiben, verstrkt den schalen Beigeschmack.
«So grm dich nicht: Du bist verschieden»
Und dennoch blitzen immer wieder Momente auf, in denen Vutimski seine Zeit weit hinter sich lsst. Wenn er Mnnlichkeitsrituale verachtet «Ihr meine Freunde, besoffenen Schweine» oder das Lustprinzip feiert: «Wollen wir endlich verstehen, dass der natrliche Mensch, der seine Lust ohne Angst und schlechtes Gewissen zu genieen wei, sich genauso freudig ihrer enthalten kann?». Wenn er im Pessimismus badet «Krank ist die Sonne, die Luft ist krank, krank sind die Vgel» und doch zu einer queeren Selbstermchtigung findet: «So grm dich nicht: Du bist verschieden. Bis eines Tages, im reifen Alter, du zu den Menschen steigst hinab und kndest dort mit schlichten Worten von der Heiterkeit des Himmels.»
«Gedichte vom blauen Jungen» htte eine leichtere, sensiblere bersetzung, eine straffere Gestaltung und mehr editorisches Feingefhl gebraucht, um sein poetisches Versprechen einzulsen. So bleibt ein Band, der mehr durch einzelne, funkelnde Fragmente besticht als durch das groe Ganze.
Links zum Thema:
Mehr Infos zum Buch und Bestellmglichkeit bei amazon.de
Mehr queere Kultur:
auf sissymag.de
Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthlt Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de untersttzen: Kommt ber einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhht sich dadurch nicht.
