Eine Geschichte queerer Beziehungsgewalt
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Eine Geschichte queerer Beziehungsgewalt

Jara sitzt mit ihrer 36-jhrigen Gesprchspartnerin im Studio, reicht ihr noch ein Glas Wasser und fragt, ob alles bequem sei. Erst als die Frau besttigt, dass es ihr gut gehe, beginnt sie zu erzhlen. Ihre Stimme ist ruhig, doch unter der Oberflche gespannt. Sie spricht davon, wie schwer es ihr immer gefallen sei, Menschen wirklich nah an sich heranzulassen bis sie einer Frau begegnete, bei der es pltzlich mglich war. Fr sie verlie sie ihren Mann, ihre Freund*innen, ihre Familie. Und stand am Ende ohne jedes Auffangnetz da. Dann der Satz, der den Raum fr einen Moment still macht: «Meine Frau kontrolliert mich komplett. Ich darf kaum noch raus. Sie kontrolliert die Finanzen. Ich hab Angst, dass sie mich irgendwann umbringen wird.»

Ein harter Schnitt «Nixe», das von Tia Morgen entwickelte und vom Westdeutschen Rundfunk beauftragte Hrspiel, springt an den Kanal. Jara sitzt mit Tonia am Wasser, ein Bier in der Hand. Tonia, ihre frhere Schwimmlehrerin und erste groe Liebe, die damals nach einem gemeinsamen Sommer einfach verschwand. Jetzt, Jahre spter, verspricht sie, diesen Fehler nicht zu wiederholen, bittet aber gleichzeitig darum, nichts hineinzuinterpretieren. Sie habe ihre Ex wiedergesehen, vielleicht etwas projiziert; die «zweite Hlfte» zu finden sei schlielich ein Privileg. Und tatschlich: Die alte Intensitt flammt wieder auf.

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Verhltnis von Kontrolle und Abhngigkeit

Was als vorsichtiges Wiederantasten beginnt, gleitet jedoch schleichend in ein Verhltnis von Kontrolle und Abhngigkeit. Zunchst sind es nur kleine Verschiebungen: krperliche Grenzen, die bagatellisiert werden, Freund*innen, die Jara kaum noch erreichen, Treffen, die sie kurzfristig absagt. Schnell unterbindet Tonia auch den Kontakt zu Jaras bestem Freund. Als ehemalige Leistungsschwimmerin hat sie zudem Probleme, Jaras beruflichen Erfolg auszuhalten. So entsteht eine Dynamik, in der Tonia zunehmend kontrolliert, was Jara im Podcast sagt, wie viel Privates sie teilt, worum sich ihr Leben drehen darf. Jara verliert den Zugriff auf ihre eigene Arbeit: verpasste Termine, abgebrochene Transkriptionen, eine geplante Episode ber queere Betroffene von Gewalt, die sie kaum noch fertigstellen kann ironischerweise genau das Thema, das sie vor ihrer eigenen Geschichte htte warnen knnen.

«Nixe» verdichtet diese Spirale aus psychischer und spter auch physischer Gewalt mit przisem erzhlerischem Gespr. Die Montage zeigt eindringlich, wie Tonia Kommunikation als Waffe nutzt: exzessives Zuspammen, gefolgt von totale Funkstille; Anwesenheit, wenn sie Kontrolle will Abwesenheit, wenn Jara Untersttzung braucht. Besonders stark sind die Momente, in denen Jara ihre Hilflosigkeit erkennt und damit den ersten Schritt in Richtung Selbstschutz macht. «Ich htte es viel frher schon bemerken mssen. Wie konnte ich nicht mitbekommen, was oben passiert, whrend ich unten im Wasser war?» Immer wieder taucht die Wasser- und Meerjungfrauen-Metapher auf, verknpft mit ihrer gemeinsamen Vergangenheit im Schwimmunterricht: eine poetische, zugleich schmerzhafte Linie, die das Hrspiel konsequent durchzieht.

Betroffene queerer Beziehungsgewalt sind nicht allein

Schade bleibt, dass «Nixe» sich weniger Zeit fr die Phase nach dem Bruch nimmt. Das Hrspiel deutet an, wie zerstrerisch Tonia gewirkt hat aber zeigt kaum, wie Jara langfristig wieder Stabilitt finden knnte, wie ein konsequentes Loslsen aus Gewaltbeziehungen aussehen kann, wie queere Menschen nach solchen Erfahrungen Untersttzung erhalten. Gerade diese Perspektive htte das Werk noch weiter vertiefen knnen.

Tia Morgen widmet die Geschichte allen, «die uns von sich erzhlt haben, die uns zugehrt haben», und «allen, die es brauchen». Immer wieder betont sie, dass Betroffene queerer Beziehungsgewalt nicht allein sind, und verweist auf anonyme Beratungsstellen. In zwei Episoden mit insgesamt rund zwei Stunden Laufzeit abrufbar in der ARD-Audiothek in der Kollektion «ARD-Hrspiel-Speicher» zeigt sie ihre groe Liebe zum Medium: przise montierte Dialoge, intime Innenperspektiven der Hauptfigur, kraftvolle Soundeffekte und die pulsierenden Kompositionen von Linda-Philomene Tsoungui. Eine klanglich dichte, atmosphrisch immersive Produktion, die die zerstrerische Kraft toxischer Beziehungen ebenso ernst nimmt wie die Zrtlichkeit, aus der sie oft entstehen.