Eine schwule Liebe und das Gesetz des Dschungels
Es war einmal ein Schamane aus dem Volk der Khmer, der die Gestalt verschiedener Tiere annehmen konnte. Des Nachts wanderte er als Tiger durch den Dschungel und trieb Schabernack mit den Bewohnern der umliegenden Drfer. Eines Nachts jedoch wurde er von einem Jger erschossen, und whrend der Leib des Tigers in einem Museum in Kanchanaburi zu besichtigen ist, kehrt der Geist des Schamanen allnchtlich zurck und durchstreift den Dschungel auf den Spuren der Lebenden.
Ein junger Soldat kommt in eine kleine Stadt in der thailndischen Provinz Phetchaburi, um einer Art Mordserie auf die Schliche zu kommen. Das Vieh der Dorfbewohner wird allnchtlich gettet von einem Ungeheuer, erzhlt man sich. «Sud pralad», der Originaltitel von Apichatpong Weerasethakuls hypnotischem Meisterwerk, bedeutet so viel wie «Monster». Nur wer oder was ist das Monster hier? Und was will es von uns?
Ein Film in zwei Teilen, die sich wechselseitig reflektieren
«Tropical Malady» sprt diesen Fragen in zwei sehr unterschiedlichen Hlften nach. Die erste ist semidokumentarisch nur allzu leicht vergisst man, dass der groe magische Realist des Weltkinos, Apichatpong Weerasethakul, seine Ursprnge im Dokumentarischen hat. «Mysterious Object at Noon», so der Titel von Apichatpongs Langfilmdebt, portrtierte die Menschen des lndlichen Thailand allerdings nicht nur in ihrem Sein und ihren Lebensumstnden, sondern in ihrem Erzhlen und Fantasieren. Eine kollektive Erzhlung entstand, indem immer wieder neue Menschen eine abgebrochene Geschichte fortschreiben. Und durch das experimentell-spielerische Format nherte sich Apichatpong den Trumen, Sehnschten, Mythen und Innenwelten seiner Protagonist*innen an.
In seinen folgenden Kinofilmen entstanden zwischen zahlreichen Kurzfilmen, Videokunstarbeiten und einem bis heute berraschenden Ausflug in den Drag-Queen-Superheld*innenfilm nutzt der Regisseur ebenfalls Strategien des Bruchs und des neuen Ansatzes. Zunchst in «Blissfully Yours» und dann in «Tropical Malady» sind es jedoch nicht die fortwhrenden Mikrobrche, sondern jeweils eine einzelne, klar und deutlich markierte Risslinie zur Hlfte der Laufzeit, die die Filme in zwei Teile aufspaltet, die sich wechselseitig reflektieren mehr oder weniger enigmatisch, mehr oder weniger opak.
Ein ganz bezauberndes Hangout-Movie
Die erste Hlfte von «Tropical Malady» ist eine schwule Liebesgeschichte zwischen zwei unterschiedlichen Mnnern, deren Wege sich zufllig kreuzen und die fortan ein Stck gemeinsam gehen. Der Soldat Keng reist nach Phetchaburi, um das titelgebende Ungeheuer zu fangen, und findet stattdessen die Liebe zum analphabetischen Arbeiter Tong, der in einer Fabrik Eisblcke zersgt. Keng bringt ihm das Autofahren bei und begleitet ihn bei der Auslieferung des Eises, und so verbringen die beiden immer mehr Zeit zusammen und kommen sich zuerst zaghaft und dann auch immer krperlicher nher. Und das, obwohl der schchterne Tong anfangs im Bus noch sehr sehnsuchtsvoll ein hbsches Mdchen anblickte.
In dieser ersten Hlfte ist «Tropical Malady» nicht zuletzt auch ein ganz bezauberndes Hangout-Movie. Man bt das Autofahren, sucht Unterschlupf vor dem Monsunregen, besucht ein Kino ebenso wie ein Schuhgeschft, fhrt mit dem Moped durch nchtliche Straen, irgendwann legen sich Hnde auf Knie und mnden in scherzhaftes Gerangel und schlielich immer vertrauteres Schmusen. Und doch sickern auch hier stetig Geschichten, Legenden, Erinnerungen und Mythen in die Gegenwrtigkeit der Erzhlung hinein.
Wenn Steine sich in Gold und Silber verwandeln
Einmal treffen die beiden auf eine ltere Frau, die sich zu den beiden offensichtlich frisch Verliebten gesellt und diese in ein Gesprch verwickelt. Aus ihrem eigenen Leben erzhlt sie ihnen «eine Dschungelliebesgeschichte, voller Malaria» ebenso wie aus dem Legendenschatz der Provinz. Es waren einmal zwei Fischer, denen ein junger Mnch auftrug, im nahe gelegenen Teich Steine zu sammeln. Zurck am Ufer, verwandelten sich diese in Gold und Silber. Als die Fischer jedoch zurckgingen, um mehr Steine zu sammeln, behielten diese nicht nur ihre ursprngliche Gestalt. Die Gold- und Silberklumpen, die sie auf der Jagd nach weiteren Reichtmern am Ufer liegen lieen, waren unterdessen zu Frschen geworden und sprangen in alle Richtungen davon.
Diese Fabel bleibt zwar eine kurze Abschweifung, wird von Apichatpong Weerasethakul aber gleichwohl als ein veritabler narrativer Bruch in Szene gesetzt, denn uns wird sie im Gegensatz zu Keng und Tong nicht nur erzhlt, sondern auch filmisch vor Augen gefhrt. «Tropical Malady» wechselt hier fr Augenblicke zwischen verschiedenen Ebenen filmischer Realitt und bereitet damit einen noch greren, essenziellen Bruch vor, der das filmische Erzhlen auf eine vllig andere Ebene berfhrt. Zunchst verbleiben wir aber noch eine Weile im Hier und Jetzt der ersten Filmhlfte, kehren aus der Fabel in die Situation zwischen Keng, Tong und der lteren Dame zurck, die die beiden mitnimmt auf ein Abenteuer.
Keng luft ins Dunkel
Beim Abstieg in eine riesige Hhle machen die drei nmlich nicht bei der Buddhastatue halt, die dort unten angebetet wird (und deren Altar mit Weihnachtslieder piepsenden Lichterketten behangen ist). Stattdessen werden Tong und Keng weiter hinabgefhrt, zu einem verborgenen Durchgang, den angeblich nur die von Buddha Gesegneten durchschreiten knnen. Das Kerzenlicht erlsche dort, aus Mangel an Sauerstoff oder auch aus spirituelleren Grnden, man ist sich nicht ganz einig. Und auch giftige Gase knnten dort warten, auf die Mutigen und vielleicht Erleuchteten, die es wagen, weiterzugehen. Doch hier ist es Keng, der zurckschreckt, whrend Tong bereit scheint, alle Wagnisse auf sich zu nehmen eine Umkehrung jener kurz darauf folgenden Sequenz vielleicht, die den zentralen Bruch einleitet.
Die fhrt die beiden Mnner in ein nchtliches Dunkel, im Nirgendwo am Rande des Dschungels. Keng beginnt an Tongs Hand zu riechen, diese schlielich zu kssen und zu lecken jene Hand, die er Sekunden zuvor noch zum Urinieren am Waldrand zur Hilfe nahm. Ein romantischer Augenblick, sicher, aber auch einer, der etwas Animalisches in die Liebesbeziehung der beiden Protagonisten einbringt. Und der Moment, von dem an «Tropical Malady» seinen Erzhlmodus grundlegend verndern wird. Lchelnd lst sich Tong aus der Situation, wendet sich von Keng ab und luft hinaus, aus der Szene, aus dem Film, ins Dunkel. Aus dem Licht ins Schwarz der dunklen Leinwand.
Es dauert dann noch ein paar Momente, «Tropical Malady» mag diese erste Erzhlung noch nicht ganz loslassen. Wir sehen Keng mit anderen Soldaten auf der Ladeflche eines Truppentransporters, in einem Haus, wir betrachten Fotos, und das «Ungeheuer» der ersten Sequenzen wird uns wieder in Erinnerung gerufen. Aber lange hlt es den Film nicht mehr auf dieser vermeintlich ungebrochenen Realittsebene, immer strker beginnt die Leinwand zu flackern, zu flimmern, und dann schaltet Apichatpong so jedenfalls wirkt es einfach das Licht aus und lsst uns im Dunkel sitzen.
Auf der Jagd nach einem Ungeheuer
Lang genug dauert es dann, bis «Tropical Malady» neu zu erzhlen ansetzt. Die Zeichnung eines Tigers schlt sich aus dem Schwarz, und es beginnt ein zweiter Film im Film, der mit einem eigenen Vorspann und einem eigenen Titel («A Spirit’s Path») eingeleitet wird. Und von hier an wird jeder Realismus fallen gelassen «Tropical Malady» folgt fortan nur noch den Gesetzen von Mythos und Legende. Der Logik des Dschungels.
Dabei bleibt sein Protagonist derselbe. Erneut begegnen wir Keng als jungem Soldaten auf der Jagd nach einem Ungeheuer. Hier allerdings sucht er kein Tier, das an der Grenze zwischen Dschungel und Zivilisation wildert. In dieser zweiten Hlfte gibt es nichts als den Dschungel, den der junge Mann durchstreift, ohne je auf dessen Grenzen zu stoen. Vielmehr scheint es nichts mehr als den Dschungel zu geben, und alles folgt seinen Gesetzen. Das Monstrum, das Keng sucht und das gleichzeitig selbst auf der Lauer liegt, ist der schamanische Gestaltwandler, dessen Geschichte wir eingangs erzhlt bekamen einerseits. Und andererseits vielleicht die Liebe, die menschliche Leidenschaft selbst das, was den Menschen zum Tier werden lsst und was ihn in seinen zivilisatorischen Gewissheiten einzig grundstzlich zu verunsichern vermag.
Eine wahrhaft magische Kinoerfahrung
Diese zweite Filmhlfte ist hypnotisch, trancehaft. Auf das gesprochene Wort vermag sie (beinahe) vollstndig zu verzichten. Der einzige Dialog findet zwischen Keng und den geisterhaften Tierwesen statt, auf die er auf seinem Weg durch den Dschungel und immer tiefer in ihn hinein trifft, er bleibt stumm und findet lediglich in Form von ins stille Filmbild eingefgten Untertiteln statt. Die Geruschkulisse des tiefen Waldes dominiert diese zweite Stunde von «Tropical Malady», sie ist tranceartig und doch nie still, von urwchsiger Lebendigkeit und bedrohlich wirkender Ruhe zu gleichen Teilen geprgt. Eine Allgegenwart von Leben, das nicht laut sein muss, um seine unmissverstndliche Prsenz auszudrcken.
Themen und Motive aus der ersten Filmhlfte tauchen wieder auf und tief in den Mythos ein, den Apichatpong hier fr uns durchsprbar macht. Von einem Affen erfahren wir von der Natur des Tigers, den wir nicht nur jagen, sondern der auch uns jagt, immer schon. Nur zwei Mglichkeiten gebe es: Entweder wir tten ihn, den Schamanen, den Gestaltwandler, den Tiger, das Tier in uns. Oder er zerfleischt uns, verschlingt uns ganz und gar, und dann bleibt uns nichts, als fortan in seiner Geisterwelt zu existieren.
«Tropical Malady» wird in dieser zweiten Filmhlfte, bis hin zum enigmatischen Schlussbild, zu einer wahrhaft magischen Kinoerfahrung. Dabei hat man nicht fr eine Sekunde das Gefhl, dass das, was Apichatpong Weerasethakul hier mit einer zugegeben abstrakten, aber gleichzeitig durch und durch sinnlichen Formgebung zu erreichen sucht, auch mit konventionelleren Mitteln htte erzhlt werden knnen. Allzu oft erschpft sich der «Magische Realismus» des Weltkinos ja in eitlen Formsperenzchen, die auf allzu Dechiffrierbares verweisen. Aber «Tropical Malady» ist ein Filmrtsel aus einem Guss, und keine andere Form scheint dafr denkbar als genau diese. Seine verschiedenen Erzhl-, Realitts- und Bedeutungsebenen reflektieren einander unendlich, und obgleich nichts vollstndig ineinander aufgeht, obgleich stets ein enigmatischer berschuss verbleibt, wei und sprt man doch am Ende alles, was man wissen muss.
Die Artikelserie «Queer Cinema Classics» wird gefrdert durch die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Sie erscheint parallel bei sissy und queer.de.
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Weitere Filmkritik von Christian Scheu: Geister, Tiger und eine schwule Liebe (25.04.2006)
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