Endlich eine Biografie, die den schwulen Thomas Mann zeigt
Am 14. Juli 1920 hat Thomas Mann keinen hochbekommen, als er mit seiner Frau Katia schlafen wollte. Er hat sich dann spter einen runtergeholt. Oder in seinen eigenen Worten: «bei dem mich trotz lebhafter Begierde, das Organ im Stich lie, nur halb reagierte, soda es nicht zum Beischlaf kam, sondern ich ante portas ejakulierte».
So steht es in seinem Tagebuch. Doch als Peter de Mendelssohn Thomas Manns Tagebcher 1977 herausgibt, streicht er die Stze raus. Dabei hatte de Mendelssohn grospurig angekndigt, die Tagebcher «in seiner Gnze, ohne Abstriche» verffentlichen zu wollen, denn nur das htte sich der groe Schriftsteller gewnscht. Lediglich «an einigen ganz wenigen Stellen aus allerprivatesten Rcksichten» habe er gekrzt.
Bislang ungedruckte Briefe ber Homosexualitt und Konversionstherapie
Ganz wenige Stellen: Zwei ganze Buchseiten an Krzungen hat Tilmann Lahme zusammengetragen. Darin geht es um Manns Gesundheit, aber auch darum, wie sehr er unter seiner Sexualitt und der selbst erzwungenen Enthaltsamkeit leidet. Lahmes Fazit ist klar: «Ungekrzt ergibt sich ein anderer Thomas Mann.»
Dass der Nobelpreistrger homosexuell war, hat er selbst nach auen stets verheimlicht. Teile der Nachwelt taten es ihm gleich und griffen entsprechend in seinen Nachlass ein. So ignorierten Forschende 2004 aufgetauchte Briefe Manns an den Jugendfreund Otto Grautoff, in denen er sich so deutlich wie nie zu seiner Homosexualitt und Grautoffs Konversionstherapie uert. Bis heute sind diese zwei Briefe nicht Teil der Groen Kommentierten Frankfurter Ausgabe der Werke Thomas Manns. In Lahmes Biografie werden sie erstmals vollstndig abgedruckt.
Manche struben sich bis heute, Thomas Mann schwul zu nennen
Es ist bemerkenswert, wie sehr sich ein einflussreicher Teil der Thomas-Mann-Forschung bis heute dagegen strubt, den Schriftsteller als das zu bezeichnen, was er war: homosexuell. Und, nebenbei, wie falsch der langjhrige Freund Otto Grautoff dargestellt wird. Beides rckt der Literaturhistoriker und Autor Tilmann Lahme in seiner Biografie «Thomas Mann. Ein Leben» (Amazon-Affiliate-Link ) gerade. Das allein ist schon ein groes Verdienst.
Diese Klarstellung nimmt jedoch nur die letzten Seiten ein. Auf den knapp 500 Seiten zuvor lsst er den Jahrhundertschriftsteller lebendig werden. Ganz anschaulich erzhlt er das Leben Thomas Manns, geht aber auch auf das ein, was ihn prgte.
Thomas Mann kannte «Psychopathia Sexualis»
ber mehrere Seiten erlutert er etwa das damals einflussreiche Standardwerk der Sexualwissenschaft «Psychopathia Sexualis» des Arztes Richard von Krafft-Ebing. Darin wird die «Perversion» Homosexualitt ausfhrlich behandelt, es finden sich auch von Auflage zu Auflage mehr Erfahrungsberichte.
Thomas Mann kannte das Buch gut, las es als junger Mann. «Ob ihn je eine Lektre so erschttert hat?», fragt Tilmann Lahme. Er wird zeigen, wie sehr sich die Lektre in Manns Werk widerspiegelt.
Starke Thesen, gewagte Zuspitzungen
Lahmes Biografie profitiert nicht nur von dessen erzhlerischer Qualitt, sondern auch vom lockeren, manchmal fast flapsigen Ton. Er schafft es, inhaltlich anspruchsvoll und dicht, im Stil aber zugnglich zu schreiben. Auch schreckt er nicht vor starken Thesen oder gewagten Zuspitzungen zurck, etwa wenn er die Anfnge der literarischen Karriere der Brder Heinrich und Thomas Mann zusammenfasst: «Zwei intellektuell noch Halbstarke mit viel Talent und Geltungsdrang auf der Suche nach einem Weg und einem Publikum.»
Keine Biografie Thomas Manns kommt ohne dessen umfangreiches Werk aus. Tilmann Lahme gelingt es, die Erzhlungen und Romane nicht nur knapp zusammenzufassen, sondern auch vor dem Hintergrund biografischer Entwicklungen und mit besonderem Augenwerk auf Thomas Manns Homosexualitt und die (jungen) Mnner, fr die er sich interessierte, zu interpretieren. ber seine grte und unerfllte Liebe, den Maler Paul Ehrenberg, erschien bereits im vergangenen Jahr ein sehr lesenswertes Buch.
Die Biografie weckt Lust, Manns Werke erneut zu lesen
So ist seine Biografie auch fr all diejenigen lesbar und interessant, die mit Manns Werk noch nicht vertraut sind. Sie macht zugleich Lust, so manches Buch (erneut) in die Hand zu nehmen und mit anderen, erweiterten Augen zu lesen.
Der Fokus dieser neuen Biografie liegt dagegen weniger auf Thomas Manns Familie. ber seine Frau und die Kinder erfhrt man das Wichtigste. Manche biografischen Details, etwa der Tod der Mutter sowie der Schwester Julia Lhr, werden eher pflichtschuldig in wenigen Zeilen dargelegt. Das ist verstndlich, zumal Tilmann Lahme vor zehn Jahren bereits eine Geschichte der Familie geschrieben hat.
Ein Coup: Der erstmals gedruckte Text Susan Sontags
Ausfhrlicher dagegen wird geschildert, wie Susan Sontag Thomas Mann in dessen kalifornischen Exil besucht. Kaum 17, ist die Studentin noch weit davon entfernt, eine der wichtigsten Intellektuellen ihrer Zeit zu werden. Hier gelingt dem Biografen ein weiterer Coup: Erstmals weltweit wird Sontags Text «Bei Thomas Mann» gedruckt, den sie wohl kurz nach der Begegnung geschrieben hat.
Er wirft ein ganz anderes Licht auf den Besuch als der 40 Jahre spter entstandene Essay «Wallfahrt». Die Biografie rumt einem Vergleich der zwei Texte erstaunlich viel Raum ein, wo die Begegnung fr den damals bereits 74-Jhrigen Thomas Mann nur eine kurze Notiz im Tagebuch wert war: «Nachmittags Interview mit 3 Chicagoer Studenten ber den ‚Magic Mountain‘.» Relevant ist das vor allem, weil Tilmann Lahme einige Parallelen zwischen Mann und Sontag herstellt, was die Unterdrckung der gleichgeschlechtlichen Gefhle angeht.
Thomas Mann, der «homophobe Homosexuelle»
«Thomas Mann. Ein Leben» ist das, was die Biografie im Untertitel verspricht: Die Darstellung eines Lebens. Vollumfnglich, ehrlich, ohne falsche Vorsicht, die bisweilen auch als Homophobie gesehen werden kann. Und dennoch lsst sich Tilmann Lahme keine aktivistische Verblendung vorwerfen, so nachvollziehbar faktenbasiert sind seine Feststellungen.
Er hat eine Biografie geschrieben, die endlich auch den schwulen Thomas Mann zeigt in all seiner Komplexitt. Lahmes Zuschreibung, Mann sei ein «homophober Homosexueller» gewesen, ist schlssig und sicher kein Einzelfall. Thomas Mann war ein literarisches Genie, das im Privaten oft zweifelnd und unglcklich war.
Seine Liebe und seine Lust unterdrckte er, die Vertuschung ging nach seinem Tod weiter doch Tilmann Lahme trgt einen groen Teil dazu bei, ihn davon zu befreien. Im Mann-Jubilumsjahr, zum 150. Geburtstag des Schriftstellers, erscheint eine Vielzahl an neuen Sachbchern. Diese neue Biografie gehrt zu den wichtigsten.
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