Es beginnt mit feindseliger Sprache
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Es beginnt mit feindseliger Sprache

«Eines Morgens erwachte ich aus unruhigen Trumen und fand mich in meinem Bett in eine monstrse Kakerlake verwandelt. Es war der 21. Januar, nachdem Prsident Trump verkndet hatte, dass die Bundesregierung von diesem Tag an nur noch zwei Geschlechter anerkennen wrde. [] Nach 25 Jahren als Frau hatte ich mich in einen Mann zurckverwandelt. Sie knnen sich meine berraschung vorstellen.»

Die das in der «New York Times» schrieb, heit Jennifer Finney Boylan und ist eine erfolgreiche US-amerikanische Schriftstellerin und trans Frau. Sie reagierte auf die Dekrete, mit denen das Trump-Kabinett trans Menschen in ihrer Existenz frontal angreift und aus sozialen Rumen verbannt inklusive Berufsverbote.

Wir erinnern uns, da ging es beispielsweise um das sogenannte biologische Geschlecht und um eine exklusive Zweigeschlechtlichkeit. Da aber trans Menschen bekanntlich niemals ihr Geburtsgeschlecht sind, sondern eine davon abweichende Geschlechtsidentitt leben, wird ihre Geschlechtlichkeit mal eben als Fiktion und Lge hingestellt (vor allem bewusst als Letzteres).

Der angebliche Schutz von cis Frauen ist eine glatte Lge

Boylan ist jedoch aufgefallen, dass das Dekret vom Geschlecht zum Zeitpunkt der Empfngnis spricht. Und was sagt die Biologie dazu? Ganz einfach: Erst nach ungefhr der siebten Woche entscheidet sich, ob «ein Gen auf dem Y-Chromosom die Entwicklung von Hoden auslst». «Ich fand diesen Vorschlag boshaft amsant.» Denn im Moment der Empfngnis gibt es noch gar kein mnnliches Geschlecht. Aber wirklich amsant ist das leider nicht, denn es gehe letztendlich darum, «uns aus dem ffentlichen Leben auszuschlieen».

Damit nicht genug. Weil Trump und die Seinen angeblich die cis Frauen schtzen wollen, sollen trans Frauen vom Frauensport ausgeschlossen bleiben. Darber hinaus sollen trans Personen generell nicht mehr der US-Armee angehren drfen. Das alles blieb nicht ohne Antwort. Vor allem Gerichte kamen nun ins Spiel, um die Rechtmigkeit der Dekrete zu prfen mit teils erfreulichen Einsprchen. Ich komme darauf zurck.

Dass der beabsichtigte Schutz von cis Frauen nun wirklich eine glatte Lge ist, zeigte sich an weiteren Dekreten wie etwa die Ablehnung von Diversittsprogrammen im Arbeitsleben. Das heit, im Zuge der «neuen Breitbeinigkeit» einer absolut mnnerdominierten US-Politik landete die Gleichstellungspolitik, die Frauen vor noch immer bestehenden Benachteiligungen schtzen sollte, mal eben auf dem Mll.

«Reaktionrer Wille zur Macht und zur Kontrolle von Lebensentwrfen»

Der «Spiegel» titelte einen seiner Beitrge mit «Wenn politische Entscheidungen zur Gender Reveal Party werden» und traf damit den Kern einer nicht nur trans-, sondern auch frauenfeindlichen, weil absolut anti-feministischen Politik. Zu erkennen ist, dass die Angriffe gegen trans nur eine Art Testballon fr einen viel greren Plan beim Abbau demokratischer und menschenrechtlicher Regeln und Strukturen darstellen.

Dazu stellt Simon Strick in dem besagten «Spiegel»-Artikel klar: «Eine einfache Daumenregel gilt: Immer wenn eine angebliche ‚biologische Wahrheit‘ durch Regierungsmanahmen stabilisiert werden muss, steht dahinter ein reaktionrer Wille zur Macht und zur Kontrolle von Lebensentwrfen. Biologie wird genutzt zum politischen Verbot menschlicher Variation das Paradox ist offensichtlich.»

Ja, es ist allzu offensichtlich. Ebenso unverschleiert kommt die feindselige Sprache Donald Trumps daher. Fr Amy Harmon ist die Absicht dahinter deutlich genug. Fr sie gibt es keinen Zweifel, dass mit Begriffen wie «Verstmmelung», «Junk-Wissenschaft», «Transgender-Geisteskrankheit» und mehr dieser Art trans Personen als unehrlich und nicht integer dargestellt werden sollen mit der Konsequenz, «als unwrdig fr gesetzliche Rechte» zu gelten. Es gehe, so Harmon in ihrem Artikel fr die «New York Times» nicht darum zu sagen, die Forderungen der trans Community seien zu weitgehend, sondern trans Personen generell als falsch und defekt zu diskreditieren und als auerhalb jeglicher Rechtsansprche stehend.

Bundesrichterin kritisierte bsartige Formulierungen

Doch, wie schon gesagt, das alles blieb nicht ohne Antwort. Schauen wir uns ein wenig nher an, was Gerichte und juristische Vertretungen, wie etwa Alexander Chen von der LGBTIQ+ Advocacy Clinic der Harvard Law School, zu all diesen Angriffen sagen. Und werfen wir auerdem einen Blick in die Meinungsforschung zu den hier angesprochenen Problemen. So viel vorab: Die transfeindliche Politik, wie sie aktuell das Weie Haus betreibt, wird jedenfalls nicht oder vielleicht noch nicht von der Mehrheit der Amerikaner*innen mitgetragen.

Am deutlichsten wird das beim Verbot von Einberufung und Dienst von trans Personen im Militr. Es wurde im Mrz dieses Jahres durch eine Bundesrichterin vorlufig blockiert, worauf das Justizministerium mit der Anschuldigung gegen die US-Bezirksrichterin aus Washington D.C., Ana Reyes, reagierte, hier wolle eine «aktivistische Richterin» «auf Kosten des amerikanischen Volkes [] die Macht an sich reien».

Reyes hatte sich erlaubt festzustellen, dass die Verordnung gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz verstoe und trans Personen diskriminiere (queer.de berichtete). Auerdem sei die Verordnung «von Feindseligkeit durchdrungen». Und genau die drfe nicht Rechtsgrundlage sein. Eine Formulierung wie die folgende ist jedoch zu hundert Prozent bsartig: «Die Behauptung eines Mannes, er sei eine Frau, und seine Forderung, dass andere diese Unwahrheit respektieren, steht nicht im Einklang mit der Demut und Selbstlosigkeit, die von einem Soldaten erwartet werden.»

Worauf Reyes den Vertreter des Justizministeriums fragte, ohne jedoch eine Antwort zu erhalten: «Wre es fair zu sagen, dass der Ausschluss einer Gruppe von Menschen vom Militrdienst aufgrund unbegrndeter Behauptungen, sie seien Lgner, unbescheiden, unehrlich, undiszipliniert und unehrenhaft, von Feindseligkeit motiviert ist insbesondere wenn es fr keine dieser Behauptungen Belege gibt?»

Mehrheit der Bevlkerung gegen Trans-Ausschluss

Was sagt die amerikanische Gesellschaft dazu? Das in Washington D.C. beheimatete Meinungsforschungsinstitut Gallup erhielt diese Antworten: Von allen Befragten war eine Mehrheit von 58 Prozent fr die Beschftigung von trans Personen in der US-Armee. 2019 waren es allerdings noch 71 Prozent. Die grte Zustimmung kommt von Whler*innen der Demokraten, nmlich 84 Prozent. Interessant auch die Aufschlsselung, denn bei den Frauen berwiegt die Zustimmung mit 64 Prozent deutlich. Dieser Trend setzt sich fort bei BIPoC Personen und Menschen mit akademischem Hintergrund. Interessant vielleicht noch dieses Detail in der Kategorie Einkommen: Am hchsten ist die Zustimmung bei Menschen mit eher niedrigem beziehungsweise sehr hohem Einkommen, whrend die Mittelklasse eher schwchelt.

Nicht unerwhnt sei hier eine sehr umfangreiche Erhebung, durchgefhrt vom Pew Research Center mit dem Titel «Americans‘ Complex Views on Gender Identity and Transgender Issues». Verffentlicht wurde sie bereits im Sommer 2022.

Hervorzuheben bleibt, dass die Forderung nach dem Schutz von trans Personen vor Diskriminierung im Beruf sowie in privaten und ffentlichen Rumen von 64 Prozent der Befragten befrwortet wird, auch wenn fast ebenso viele angeben, Geschlecht werde durch das Geburtsgeschlecht bestimmt. Wobei es hier eine klare Meinungsverschiedenheit zwischen Republikanern und Demokraten gibt. Letztere gehen mit 61 Prozent davon aus, dass Geschlecht vernderbar ist. Anzunehmen ist, dass die Resultate heute wahrscheinlich nach einem immer schriller agierenden Rechtspopulismus ungnstiger ausfallen wrden ein Trend, den Gallup leider besttigte (siehe oben).

Das Phnomen des vorauseilenden Gehorsams

Ja, das Klima ist verdammt rau geworden. Und dann kommen noch solche Stimmen aus unserer trans Community hinzu, die Freudenfeste veranstalten, wenn vom «biologischen Geschlecht» die Rede ist, weil sie es offenbar nicht schaffen, ihr Transsein als Normalitt zu begreifen. Namen sind hier berflssig wir kennen die blichen Verdchtigen. Zum Glck gibt es aber Menschen wie Alexander Chen, den die National LGBT Bar Association unter die 40 besten LGBTIQ+-Anwlte zhlt.

Zusammen mit Dallas Estes schrieb Chen fr das LPE Project (Law and Political Economy) einen ausfhrlichen Kommentar zu der Flut von Anti-Trans-Verordnungen der Trump-Regierung. Es geht darin vor allem um die Auswirkungen im Hochschulbereich, und die beiden warnen dabei vor dem Phnomen des vorauseilenden Gehorsams, denn man msse klar zwischen politischer Rhetorik und rechtlichen Verpflichtungen unterscheiden. Die Gefahren fr das Bildungswesen benennen Chen und Estes in ihrem Artikel als sehr konkret und real. Warum nun auch der Bildungssektor fr Trump zur Zielscheibe wurde, ist so offensichtlich wie die Feindseligkeit seiner Sprache. Autokratische Macht hatte noch nie etwas am Hut mit einer freien Wissenschaft.

Im Deutschen Bundestag sitzt immerhin schon eine Partei mit politischen Vorstellungen, die ganz auf Trump-Linie liegen zumindest wo immer es um Trans-Rechte und Feminismus geht. Siehe deren Antrag (Drucksache 20/8862) mit dem Titel «Genderideologie Gefahren von Bildung, Wissenschaft und Kultur abwenden». Von «Genderideologie» spricht brigens auch die Union. Eine Lachnummer, bei der einem freilich das Lachen vergeht. Die USA unter Trump machen es uns gerade vor.