Ewiger Zyklus aus Leid, Tod und sexueller Ausbeutung
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Ewiger Zyklus aus Leid, Tod und sexueller Ausbeutung

Eines der ersten Bilder, das sich in den Kopf einprgt: Alma, sechs Jahre alt, steht vor einer Totenfotografie und entdeckt, dass sie nach ihrer verstorbenen Schwester benannt wurde. «Das ist Alma. Sie sieht aus wie du.» Aufgrund dieser hnlichkeit wird sie von ihren lteren Schwestern veralbert und in makabre Spiele hineingezogen. Fortan beschftigt sich das Kind intensiv mit der eigenen Sterblichkeit ein frhes Zeugnis der ber Generationen weitergegebenen Last, die Mascha Schilinski in ihrem Film erforscht.

Alma ist nur die erste von vier Frauen, deren Leben auf dem abgelegenen Vierseithof in der Altmark ber ein ganzes Jahrhundert hinweg von Schmerz, Verlust und Unterdrckung geprgt ist vom Kaiserreich ber die Weltkriege und die DDR bis in die Gegenwart. Alle tragen denselben unsichtbaren Schmerz Unterdrckung durch Mnner, Verlust von Kindern, Mttern, Geschwistern, die Last vergangener Generationen.

Ein technisch beeindruckender Film

Technisch ist «In die Sonne schauen» beeindruckend: Das eng gestauchte 4:3-Format verstrkt die klaustrophobische Enge des Hofes; Kostme und Ausstattung wirken detailverliebt; und die teils albtraumhaften Sequenzen, das Spiel mit Unschrfen und Licht, lassen die Kamera beinahe als eigenstndige Erzhlinstanz agieren. Es sind Bilder voller Hrte und Sprdigkeit, eine deutsche Gespensterwelt, in der der Tod allgegenwrtig ist sei es in Form von lebendig begrabenen Gefhlen, tdlichen Strzen oder der permanenten Drohung des Unfalls. Der Originaltitel «Sound of Falling» beschreibt diese Dynamik treffend: Fallen, Springen, Abgrnde.

Und doch lsst einen der Film kalt zurck: Die wiederholten Muster von Misshandlung, Gewalt und Tod wirken nicht tiefgrndig, sondern eher kalkuliert und repetitiv. Schilinski inszeniert Pathos und Leiden auf eine Weise, die mehr ermdet als berhrt. Man verliert rasch den berblick ber die Figuren, ihre Verbindungen und ihre individuellen Qualen, und die angeblich poetische, anti-narrative Form wirkt oft erzwungen. Vinyl-Knacken, weies Rauschen und surreale Bildkompositionen sollen Distanz, Isolation oder Tiefe suggerieren, bleiben aber oft als Oberflchensthetik haften, ohne echten emotionalen Zugang zu schaffen.

Ein zermrbendes Ritual des Leidens

Besonders verstrend wirken die Szenen, in denen Figuren einen direkt anstarren schaurig und albtraumhaft, aber ohne Mitgefhl zu wecken. Manchmal wird die Grenze zur Absurditt berschritten, etwa in grotesken Bildern wie einem Penis, der an einen Kopf gehalten wird. Und trotz aller technischen Finesse fehlt es an Perspektive: berleben ist hier keine Hoffnung, sondern ein freudloses Durchhalten im ewigen Zyklus aus Leid, Tod und sexueller Ausbeutung. Am Ende hinterlsst der Film nicht Empathie, sondern emotionale Klte man ist perplex, erschpft und verstrt, ohne wirklich etwas verstanden zu haben.

«In die Sonne schauen» ist zweifellos kunstvoll, handwerklich exzellent und ambitioniert in seinen filmischen Experimenten. Aber hinter der poetischen Oberflche verbirgt sich ein zermrbendes Ritual des Leidens, das weder Hoffnung noch Sinn vermittelt. Die Sichtweise von Frauen ber Generationen hinweg wird sichtbar, ja doch sie wird in ein Kaleidoskop aus Schmerz, Tod und pathosbeladener Symbolik verpackt, das die Zuschauer*innen eher abstumpft als berhrt. Ein Film, der bei Cannes gefeiert wird und als Deutschlands Oscar-Beitrag ins Rennen geht, bei mir jedoch vor allem eines hinterlsst: Klte.