Fnf schwule Freunde: Weltberhmt und unsichtbar zugleich
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Fnf schwule Freunde: Weltberhmt und unsichtbar zugleich

Wer htte das gedacht? Verwundert reibt man sich nach dem Rundgang durch diese Ausstellung die Augen. Selbst Jasper Johns Bilder von der US-Flagge, die zu den ikonischen bergangswerken vom Abstrakten Expressionismus zur Pop Art zhlen, erscheinen auf einmal in einem neuen Licht: Ohne Bezug zum Schwulsein des Knstlers lassen sie sich fortan kaum mehr denken.

Die Inspiration dazu kommt Johns in einem Traum, als er sich selbst die amerikanische Flagge malen sieht. Er erzhlt Robert Rauschenberg davon, seinem Freund, Kollegen und bald darauf auch Liebhaber, mit dem er ab Mitte der 1950er Jahre eine langjhrige romantische Bindung eingehen wird. Das Reflektieren ber den Traum verndert sowohl sein Leben als auch die Kunstgeschichte: Die Bilder, die daraufhin entstehen, gelten Jahrzehnte spter als Meisterwerke der amerikanischen Moderne. Im Jahr 2010 wird eines davon fr 30 Millionen Dollar gehandelt. Johns und Rauschenbergs einstige Liebesbeziehung ist zu diesem Zeitpunkt immer noch nur einem berschaubaren Publikum bekannt das Tabu wirkt noch lange Zeit nach.

Homosexuelle galten als Sicherheitsrisiko

Zur Entstehungszeit der Flaggenbilder sind homo­sexuelle Beziehungen in den USA streng verboten. Wer darber redet, riskiert Verfolgung und gesellschaftliche chtung. Es ist den beiden Kuratoren Yilmaz Dziewior und Achim Hochdrfer hoch anzurechnen, dass sie in ihrer Schau «Fnf Freunde» ber die aus John Cage, Merce Cunningham, Cy Twombly, Robert Rauschenberg und Jasper Johns bestehenden Knstlergruppe das soziale und politische Umfeld differenziert darstellen. «Der Kalte Krieg erzeugt ein Klima der Anpassung und der Angst, und Joseph McCarthy entfacht eine regelrechte Jagd auf Menschen, die er als Staatsgefahr wahrnimmt», heit es in den Erluterungen zur Ausstellung. «Personen, die oftmals nur vermeintlich den Ideen des Kommunismus nahestanden, gehrten ebenso dazu wie queere Menschen».

Whrend die 1940er Jahre hauptschlich von antikommunistischer Propaganda bestimmt sind, geraten ab den 1950er Jahren zunehmend auch homo­sexuelle Mnner und Frauen in den Fokus. Eingestuft als Sicherheitsrisiko, werden sie in dieser Zeit unter dem Begriff «Lavender Scare» massenhaft aus dem Staatsdienst entlassen. In diesem geschichtlichen Kontext mssen auch die Beziehungen von Rauschenberg, der zunchst mit Twombly anbandelte und spter mit Johns liiert war, sowie die lebenslange Liebesbeziehung von Cage und Cunningham gesehen werden. «Nur durch versteckte Andeutungen und Codes war eine Kommunikation ber gleich­geschlechtliches Begehren mglich», klrt uns der Ausstellungstext auf. So wird das Spiel mit Verhllung und Enthllung zu einem durchgngigen Merkmal im Werk der ‚Fnf Freunde‘.

Andy Warhol war ihnen «zu tuntig»

Jasper Johns‘ Darstellungen von Zielscheiben («Targets») kann in diesem Sinne nun auch als Kommentar auf die zu Zielscheiben gewordenen Schwulen und Lesben gelesen werden. Die amerikanische Flagge, die Johns immer wieder und in allen Variationen darstellt, lsst sich wiederum als doppeldeutige Aussage interpretieren. Einerseits steht sie fr die offiziellen Werte der USA: fr Freiheit und Gleichheit, die andererseits fr queere und politisch verdchtige Menschen in dieser Zeit nicht gelten sollen. Darber hinaus zeitigt Johns‘ knstlerische Technik, bei der Farbpigmente in heies Wachs eingearbeitet werden, eine weitere Wirkung: Sie verleiht dem Bild eine maskenhafte Oberflche, die symbolisch als lebensrettende Tarnung fr eine nicht akzeptierte Identitt gelesen werden kann.

Dabei geht es nicht nur um die fehlende Akzeptanz von auen auch der Selbstakzeptanz scheint hin und wieder eine verinnerlichte Homophobie in die Quere zu kommen. Das zeigt sich etwa an der Beziehung von Rauschenberg und Johns zu Andy Warhol, dessen anfangs unbekmmerter Umgang mit seinem Schwulsein den beiden peinlich gewesen sein soll. «Die haben ihn gedisst», besttigt Yilmaz Dziewor das Gercht. «Als sie Warhol kennenlernten, verhielten sie sich ihm gegenber uerst khl und distanziert. Er war ihnen zu tuntig, auch wenn sie ihn mochten und zu ihm eine enge Freundschaft pflegten. Das lag vor allem an der Angst, selbst geoutet und denunziert zu werden.»

«Zwei-Mann-Einheitsfront» gegen heteronormative Kunst

So gro war die Furcht, dass es jahrzehntelang keiner von den ‚Fnf Freunden» wagte, ber sein sexuelles Begehren zu reden. Cage und Rauschenberg verloren auch nie ein Wort darber, dass sie beide vor ihren gleich­geschlechtlichen Beziehungen mit Frauen verheiratet waren, mglicherweise auch der Tarnung wegen. Bestenfalls vage uert sich Rauschenberg ber sein Verhltnis zu Johns und die Zeit der Repression in einem Interview von 1988: «Jasper und ich waren entsetzt ber das, was vor sich ging, ber das emotionale Klima und die Angst». Gleichwohl rangen sie gemeinsam nach einem knstlerischen Ausdruck fr alles, was ihnen widerfuhr. Rauschenberg untersttzte Johns‘ Arbeit und verstand ihre Partnerschaft als eine «Zwei-Mann-Einheitsfront» gegenber der heteronormativen Kunst der 1950er Jahre, die von Macho-Heroen wie Jackson Pollock und Willem de Kooning dominiert war.

Als bissig-humorvollen Kommentar dazu lsst sich Rauschenbergs Odalisk (1955-58) verstehen: eine Installation, bei der er Zeitschriftenbilder von Pin-Up-Girls mit einem von einem Holzpfosten durchbohrten Kissen kombiniert. «Dass dieses Werk von einem ausgestopften Hahn bekrnt wird, sorgt bis heute nicht selten fr Heiterkeit», so Yilmaz Dziewior in einem erhellenden Text des Katalogs zur Ausstellung. «Wobei nicht unbedingt bekannt sein muss, dass das englische Wort fr Hahn, cock, umgangssprachlich auch als Bezeichnung fr Penis gebraucht wird.»

In einigen Werken von Rauschenberg, Johns und Twombly lassen sich Andeutungen, wenn nicht sogar Darstellungen des mnnlichen Geschlechtsteils finden, wie etwa auf der linken Hlfte der Leinwand von Cy Twomlys 1959 erschaffenem Werk «Untitled», dessen Motive der erluternden Texttafel zufolge an «Kritzeleien auf Hauswnden oder in Toiletten» erinnern.

Das Liebesnest von Rauschenberg und Twombly

Der Hhepunkt der Ausstellung ist jedoch unbestreitbar das zum Kunstwerk stilisierte Liebesnest von Robert Rauschenberg und Cy Twombly, eines von Rauschenbergs bekanntesten Werken. Die Leihgabe aus dem New Yorker MoMa trgt schlicht den Titel «Bed» und stammt aus dem Jahr 1955. In diesem Werk kombiniert Rauschenberg verschiedene Elemente zu einem senkrecht aufgestellten Bett, wobei auch ein mutmalich von Twombly bekritzeltes Kopfkissen dazugehrt. Die Decke ist leicht aufgeschlagen, und die leuchtenden Farben offenbaren, dass sich darunter reges Leben abspielt. Da erscheint es schon sehr merkwrdig, dass die sexuelle Dimension des Werks in den gngigen Rezeptionen schlichtweg ausgeklammert bleibt.

Ohnehin war die Homosexualitt der «Fnf Freunde» noch in keiner ihrer Ausstellungen auch nur eine Erwhnung wert. Ganz im Gegenteil: ihre Beziehungen wurden meist vertuscht oder heruntergespielt. In der «Fnf-Freunde-Schau»- einer Koproduktion vom Mnchner Museum Brandhorst und dem Museum Ludwig in Kln wird nun erstmals offen darauf eingegangen. Und auch wenn sich aus keinem einzigen der Werke unmissverstndlich die Homosexualitt der Knstler erschliet: «Mit dem Wissen darum wird es in vielen Werken ersichtlich», so Achim Hochdrfer. Gleichwohl betont er, dass die Kodierung nicht nur dem Schutz vor Denunziation diente, sondern auch als ein Bestandteil der Kunst zu verstehen ist.

Vier Jahre Vorbereitungszeit

«Bei Picasso kme niemand auf die Idee, die zentrale Bedeutung seines Begehrens fr sein knstlerisches Schaffen anzuzweifeln», sagt Yilmaz Dziewior, als er davon berichtet, wie die Idee zur Ausstellung entstand. Als Direktor des Museum Ludwig verfgt er ber eine der weltweit grten Sammlungen an Werken von Robert Rauschenberg und Jasper Johns. Das von Achim Hochdrfer geleitete Museum Brandhorst wiederum beherbergt die umfangreichste europische Sammlung von Werken Cy Twomblys. Gut vier Jahre arbeiteten Dziewior und Hochdrfer gemeinsam an den Vorbereitungen, sichteten nicht nur Kunstwerke, sondern auch Persnliches, darunter etliche private Fotos von allen Knstlern sowie Liebesbriefe des Komponisten John Cage an den Tnzer und Choreografen Merce Cunningham.

Mehr als 150 Kunstwerke, Partituren, Bhnenrequisiten, Kostme, Fotografien und Archivalien verschaffen einen umfangreichen berblick darber, wie sich die ‚Fnf Freunde‘ ber drei Jahrzehnte hinweg in den unterschiedlichsten Konstellationen gegenseitig inspirierten und dabei die Kunst der Nachkriegszeit in Musik, Tanz, Malerei, Skulptur und Zeichnung entscheidend prgten.

«Wir alle haben mit vollem Einsatz gearbeitet, jedes intensive Gefhl geteilt, und ich glaube, wir haben Wunder vollbracht, allein fr die Liebe» so beschrieb Robert Rauschenberg rckblickend die Zusammenarbeit. Schn, dass das Ergebnis nun erstmals zu sehen ist: als ein Groereignis, das noch bis August in Mnchen und ab Oktober in Kln gezeigt wird.