«Frida» wird 80: Ein Leben voller Licht und Schatten
Es fllt schwer sich Anni-Frid Lyngstad heute in megahohen Plateaustiefeln und hautengen Glitzerklamotten vorzustellen. So wie sie vor 50 Jahren mit ABBA ber die groen Bhnen dieser Welt gefegt ist. Ihre wenigen ffentlichen Auftritte sind heute frei von irgendwelchen Show-Chichi.
Sonnenhelles, weit geschnittenes Outfit, Brille mit leicht getnten Glsern, die schlohweien Haare fallen wie sie fallen. Manchmal trgt sie einen Stock, damit geht es sich leichter. Das ist fr sie, die mal frher eine begeisterte Skiluferin und ambitionierte Bergwanderin war, die schon den schroffen Mount Kenya (5.199 m) erklommen hat, keine groe Sache, sondern eher ein beilufiger Hinweis auf ihr Alter: Am 15. November wird sie 80.
Mit ABBA zum Welterfolg
Von 1972 bis 1982 eroberte ABBA die Welt. Mit Hits, die heute noch im Radio gespielt werden. Songs wie «Waterloo», «SOS», «I Do, I Do, I Do, I Do, I Do, I Do», «Money, Money, Money» «Fernando», «Knowing Me, Knowing You», «Dancing Queen», «Take a Chance on Me», «Chiquitita», «The Winner Takes It All», «Thank You for the Music» und wie sie alle heien.
Die Alben der schwedischen Band sind allesamt Bestseller (400 Millionen verkaufte Tontrger), ihre Tourneen brechen alle Rekorde, die Welt ist vernarrt in die Melodien von ABBA. Es sei «weitaus widersprchlicher, ABBA zu hassen, als sie zu lieben», schreibt der amerikanische Popkultur-Autor Chuck Klosterman.
Tragische Vergangenheit
ABBA, das waren/sind: Agnetha Fltskog (75) und Bjrn Ulvaeus (80) sowie Benny Andersson (78) und Anni-Frid Lyngstad alias Frida. Zwei (damals noch) verheiratete Paare, die das weltweite Showbiz rockten. Anni-Frid war die dunklere Schnheit mit der samtigen Stimme, die auch mal in verruchtere Tiefen gehen konnte. Und sie hat im Gegensatz zu ihren drei Band-Freund*innen, die aus heilen schwedischen Familien stammen eine romanhafte Vergangenheit mit etlichen tragischen Abschnitten.
Sie ist eine gebrtige Norwegerin und kam 1945 in der Bergbausiedlung Bjrksen im Norden Norwegens zur Welt. Diese Gegend hatten deutsche Truppen whrend des Zweiten Weltkriegs besetzt. Mit ihnen kam der deutsche Soldat Alfred H. aus Gunzenhausen in Franken, er lernte 1943 die 17-jhrige Synni Lyngstad kennen. Sie verliebten sich und wurden ein Paar.
Im Februar 1945 musste Alfred H. zurck nach Deutschland. Wenig spter stellte Synni fest, dass sie schwanger war und glaubte, der Vater sei tot. Sie hatte gehrt, dass sein Schiff, das ihn nach Deutschland bringen sollte, torpediert und gesunken sei.
Die Geburt der Tochter Anni-Frid war fr die junge Frau kein freudiges Ereignis. Ihr Baby war fr die norwegische Bevlkerung, die unter der Besatzung gelitten hatte, nur mehr eines dieser «Tyskerbarna», eines dieser ungeliebten «Deutschenkinder». Anfang 1947 beschloss Synni Lyngstad, Norwegen mit ihrem Kind und ihrer Mutter Arntine zu verlassen. Die kleine Familie zog nach Schweden. Dort holte sich Synni eine schwere Nierenbeckenentzndung, an der sie mit 21 starb. Da war Anni-Frid zwei Jahre alt.
Die verwaiste Tochter wuchs bei ihrer Gromutter Arntine auf, nach der Schule wurde sie als Schwedin eingebrgert und sie begann eine Lehre als Schneiderin, die sie allerdings abbrach, weil sie lieber als talentierte Sngerin in einer Band jobbte. Dann verliebte sie sich in den Musiker Ragnar Fredriksson und heiratete mit 17. 1963 wurde der Sohn Hans Ragnar geboren, 1967 die Tochter Ann Lise-Lotte, ein Jahr spter trennte sich das junge Ehepaar, Scheidung 1970.
Eine schicksalhafte Begegnung
Zu diesem Zeitpunkt hatte Anni-Frid schon eine beachtliche nationale Karriere hingelegt, mit TV-Auftritten und einem Vorentscheid des European Song Contest. Dabei lernte sie backstage den Musiker Benny Andersson kennen, eine schicksalhafte Begegnung. Sie verliebten und verlobten sich. Andersson produzierte ihr erstes Album «Frida».
Die schwedische Zeitung «Dagens Nyheter» schrieb: «Professionelles, souvernes und berzeugendes LP-Debt eine zurckhaltende, aber selbstbewusste Persnlichkeit mit Temperament, Humor und Zrtlichkeit.» Im selben Jahr wurde ihre Single «Min egen stad» die Nr. 1 in der schwedischen Hitparade, die Backing Vocals sangen alle vier spteren ABBA-Mitglieder. Ihre Beziehung zu Benny Andersson und die Freundschaft mit Agnetha Fltskog und Bjrn Ulvaeus fhrten schlielich zur Grndung und der Erfolgsstory von ABBA.
Zehn Jahre hlt der Hhenflug der Gefhle, der Musik, der Erfolge. Mit dem Ende der Liebe ist auch ABBA am Ende. Die beiden Paare haben sich auseinandergelebt, Agnetha und Bjrn lassen sich 1980 scheiden, im selben Jahr trennen sich auch Anni-Frid und Benny, die erst 1978 geheiratet haben. Kurz danach ist auch mit ABBA Schluss.
Whrend der goldenen ABBA-ra hat die deutsche Jugendzeitschrift «Bravo» 1977 Anni-Frids deutschen Vater Alfred H. ausfindig gemacht. Er hatte den Krieg berlebt und wohnte in Karlsruhe, verheiratet, zwei erwachsene Kinder, von denen die Tochter schon auf der Welt war, als ihr Vater in Norwegen ein zweites Mdchen gezeugt hat.
Wiedersehen mit dem Vater
Lyngstad trifft ihren Erzeuger, lsst ihn sogar nach Schweden kommen, doch ein inniges Verhltnis entwickelt sich daraus nicht. Sie nimmt dem Mann nicht ab, dass er nichts von der Schwangerschaft ihrer Mutter gewusst hat. Nach etwa fnf Jahren schlft der Kontakt ein, die Sngerin meint: «Ich ziehe es vor, mit Menschen zusammen zu sein, die dich auch in schweren Zeiten nicht verlassen.» Alfred H. stirbt 2009 mit 89 Jahren.
Nach dem Ende der ABBA-Zeit startet Anni-Frid eine beachtliche Solo-Karriere. Ihr Album «Something’s Going On», produziert von Phil Collins, ist ein «berwltigender Erfolg» («Billboard»). Es verkauft sich ber 1,5 Millionen mal und wird vom «Rolling Stone» in den hchsten Tnen gelobt: «ein prgnantes, rockorientiertes und herrlich vielseitiges Album.»
Auch privat steuert Anni-Frid auf ein groes Glck zu auf ihre dritte Ehe: Diesmal scheint sie den Richtigen gefunden zu haben: den fnf Jahre jngeren schwedischen Landschaftsarchitekten Heinrich Ruzzo Prinz Reu von Plauen. Er entstammt dem deutschen Frstenhaus Reu und ist ein Freund von Knig Carl XVI. Gustaf. Die Hochzeit ist im Sommer 1992, Anni-Frid wird Prinzessin Reu, Grfin von Plauen und freundet sich mit der schwedischen Knigin Silvia an.
Familire Schicksalsschlge
Doch immer wieder treffen die steinreiche Frau (geschtztes Vermgen: 282 Millionen Euro) harte Schicksalsschlge: 1998 kommt ihre Tochter Ann Lise-Lotte, die in den USA lebt, mit 30 bei einem Autounfall ums Leben. Ein Jahr darauf muss sie ihren dritten Ehemann Heinrich Ruzzo beerdigen, er ist mit 49 an Lymphdrsenkrebs gestorben. Und 2023 stirbt ihr Enkel Jonathan, der Sohn von Ann Lise-Lotte, mit 34 an Magenkrebs.
Seit der Ehe mit Prinz Reu lebt sie zurckgezogen in der Schweiz, zunchst bei Fribourg, dann in Zermatt und in Genolier (Kanton Waadt). Die Alpenlandschaft scheint der naturverbundenen Schwedin, der die Umwelt sehr am Herzen liegt, gutzutun. «Ich bin auch in den Bergen geboren», sagt sie in der schwedischen Talkshow «Skavlan». «Es ist, als wrde sich der Kreis schlieen. Ich bin zurck in der Natur, in der ich einmal geboren wurde.»
Seit 2007 ist der britische Peer William Henry Smith, 5. Viscount Hambleden, ihr Lebensgefhrte. Zur «ABBA Voyage»-Premiere in London ist sie aus der Schweiz angereist. Sie lie sich geduldig fotografieren, auch mit ihrem Ex-Mann Benny Andersson. Auf die Frage, ob sie noch oft an die ABBA-Zeit denke, hat sie geantwortet: «Nein, es gibt Wichtigeres.» (cw/spot)
