«Genderinklusive Sprache ist eine Errungenschaft, keine Deformation»
In einem Offenen Brief (PDF) hat die Arbeitsgemeinschaft Trans, Inter, Nicht-Binr der Queer Media Society (QMS) von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer gefordert, sich fr inklusive Sprache zu engagieren. Der Brief war am Dienstag zunchst von Filmregisseur und Mitinitiator Kai S. Pieck in der «taz» vorgestellt worden und kann online mitunterzeichnet werden.
Der auch fr Medien zustndige Weimer hatte Anfang August angekndigt, dass seine im Kanzleramt angesiedelte Behrde nicht «gendern» werde: «Statt Formulierungen mit Sternchen oder Binnen-I zu verwenden, begren wir die Adressaten mit der Anrede ‚Sehr geehrte Damen und Herren'» (queer.de berichtete). Der frhere Publizist sprach dabei von einem «erzwungenen Gendern», dass die «Spaltung unserer Gesellschaft» vertiefe. Spter forderte er, dass ffentlich gefrderte Stellen wie Museen und ffentlich-rechtliche Medien dieser Linie folgen sollten, stellte nach einem Aufschrei aber klar, dass dies eine Empfehlung sei und kein Kriterium bei der Mittelvergabe (queer.de berichtete).
In dem «taz»-Begleittext weist Pieck darauf hin, dass sich die Richtlinie des Amtes bereits diskriminierend auswirke. So sei die QMS krzlich vom Filmreferat des Kulturstaatsministers mit «Sehr geehrte Damen und Herren» eingeladen worden, Vorschlge zur «Neuberufung der Fachjurys fr Preise» einzureichen. Whrend beteuert werde, dem Minister sei «eine diverse und ausgewogen besetzte Jury ein besonderes Anliegen», sei darauf hingewiesen worden, «fr jeden Gremiensitz jeweils eine Frau und einen Mann vorzuschlagen».
Vorwurf Populismus und Diskriminierung
In dem offenen Brief zeigt sich die QMS besorgt, dass Weimer Sprachverbote verhnge dabei schaffe gerade «das Verbot diversittssensibler Sprache Spaltung, Zwang und genau die ideologisch getriebene ‚bevormundende Spracherziehung‘, die Sie vorgeblich ablehnen». Auch wenn der Minister bei ffentlich gefrderten Kulturinstitutionen inzwischen zurckgerudert sei, bleibe «der fade Nachgeschmack, dass Gender als populistischer Spielball verwendet wird».
Wo trans, inter und nicht-binre Menschen sprachlich nicht erwhnt werden, bleiben sie unsichtbar, beklagt der Brief weiter. Wenn in Formularen, Schreiben und offiziellen Kontakten nur noch «Herr» oder «Frau» als Anrede zulssig sind und mit Pluralformulierungen im generischen Maskulinum nur Mnner direkt angesprochen werden, werde die Sprachlenkung «zu einem Akt staatlicher Diskriminierung, der den Zugang zu staatlichen Leistungen, Kulturangeboten und ffentlicher Kommunikation einschrnkt.» Weimer wisse das und nehme es billigend in Kauf.
«Genderinklusive Sprache ist eine Errungenschaft, keine Deformation», betont der Brief. «Sie mchte Frauen und Mnner nicht semantisch abschaffen, sondern auch die Menschen ansprechen, die von der binren Einteilung in Mann und Frau nicht abgebildet werden.» Diese seien nicht nur wissenschaftlich, sondern auch juristisch anerkannt. Die QMS verweist auf die von Karlsruhe durchgesetzte Mglichkeit eines dritten Geschlechtseintrags und der «Pflicht des Staates, inter und nichtbinre Menschen auch in der Anrede sprachlich abzubilden», sowie generell auf einen inklusiven Umgang mit Minderheiten, wie er sich unter anderem durch das Grundgesetz, die Europische Menschenrechtskonvention, die EU-Grundrechtecharta und die Yogyakarta-Prinzipien ergebe.
Konstruktives Handeln Weimers gefordert
«Sprache aktiv zu verbieten, die uns respektiert und einschliet, ist ein Angriff auf unsere Menschenrechte und unsere Wrde», so Pieck sowie Terry Reinhold und Alison Schumacher in dem offenen Brief. «Und sie ist Wasser auf die Mhlen all derer, die uns mehr nehmen wollen als Sternchen oder Doppelpunkte. Antrieb fr diejenigen, die uns Stck fr Stck aus dem ffentlichen Leben verdrngen und unsere Rechte einschrnken wollen.»
Zwar knnten «manche genderinklusiven Formulierungen umstndlich oder sperrig wirken», so die QMS. Der Brief ldt Weimer ein, den Dialog zu suchen und gemeinsam Lsungen und Alternativen zu finden, «anstatt unliebsame Fortschritte zu verbieten»: «Ein Engagement fr inklusive Sprache wre das Gebot der Stunde.» So knne man einen behrdlichen Sprachleitfaden entwickeln, der die Vielfalt der Geschlechter respektvoll bercksichtigt. (cw)
Mehr zum Thema:
QMS-Webseite zum Offenen Brief
