Hamburger Abgeordnete Miriam Block: Wir polyamoren Menschen existieren
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Hamburger Abgeordnete Miriam Block: Wir polyamoren Menschen existieren

Die Grnen-Politikerin Miriam Block ist seit 2020 Mitglied der Hamburgischen Brgerschaft und setzt sich politisch vor allem fr Queerfeminismus, Antifaschismus und Klimagerechtigkeit ein.

Vor zwei Jahren wurde sie bundesweit bekannt, als sie als einziges Mitglied ihrer Fraktion zusammen mit den Linken fr die Einsetzung eines parlamentarischen NSU-Untersuchungsausschusses stimmte. Die Brgerschaftsfraktion der Grnen beschloss daraufhin mit Zweidrittelmehrheit, dass die 34-Jhrige ihre Position als wissenschafts- und hochschulpolitische Sprecherin und ihre Mitgliedschaft im Wissenschaftsausschuss und Innenausschuss verliert.

In der aktuellen Legislaturperiode ist die pansexuelle Politikerin Fachsprecherin der Grnen fr Queerpolitik sowie fr Arbeitsmarktpolitik. Das folgende Interview mit ihr fhrte der Bi-Aktivist Frank Thies im Mai zum Internationalen Tag gegen Homo-, Bi,- Inter-, Trans- und Afeindlichkeitkeit (IDAHOBITA*) in Hamburg. In dem Gesprch outete sich Block erstmals auch als polyamor.

Wie wurdest du gewhlt?

Ich wurde ber Personenstimmen auf der Landesliste von Platz 37 auf Platz 9 hochgewhlt.

Wie bewertest du deine Wiederwahl, obwohl du von deiner Partei mit einer nicht so aussichtsreichen Aufstellung abgestraft wurdest?

Ich sehe das als klares Zeichen dafr, dass Whlende eine linke queere grne Abgeordnete sehen wollen. Ich bedanke mich bei allen Whlenden fr ihr Vertrauen gerade beim jetzigen Rechtsruck.

Du bist unter anderem queerpolitische Sprecherin. Was ist dir wichtig in Bezug auf Queerpolitik?

Gerade in Zeiten von mehr Rechtsextremismus und Zunahme von Hass­kriminalitt ist es wichtig, sich dagegen zu stellen und Schutzrume anzubieten. Es ist mir als bi+, pansexuelle Frau wichtig, in der Politik als queere Frau sichtbar zu sein und gegen Vorurteile zu arbeiten. Konkret ist es mir auf Bundesebene wichtig, das Selbst­bestimmungs­gesetz beizubehalten und ein gerechtes Abstammungsrecht zu schaffen, das trans* und nichtbinre Menschen, lesbische und bisexuelle Frauen gleichstellt. In Hamburg muss der Aktionsplan weiterentwickelt werden, eine Beratung fr queere Familien muss ausgebaut und Hass­kriminalitt noch effektiver bekmpft werden.

Ich bin noch dabei, alle queeren Akteur*­innen zu treffen und ihre Forderungen einzuholen. Intersektionalitt ist mir auch wichtig. Es kann zum Beispiel nicht sein, dass Geflchteten ihre Bi+sexualitt und andere queer­feindliche oder rassistische Erfahrungen abgesprochen werden.

Mit welchen Gruppen und Organisationen hast du schon gesprochen?

Ich bin ja erst eine Woche im Amt. Mein Plan ist es, mit allen Initiativen und Verbnden zu sprechen natrlich dem LSVD+, der Bi+Pride, dem Lesben*verein Intervention, aber auch Gruppen, die sich fr das Thema trans* und enby-Rechte einsetzen. Ich mchte auch neue Organisationen kennenlernen. Und ich freue mich auch, wenn ich angesprochen werde so wie zum Beispiel heute beim IDAHOBITA* und Rainbowflash auf dem Rathausmarktplatz. Ich sehe uns Grne als Bndnis-Partei und als Stimme von sozialer Bewegung im Parlament.

Aus dem Parlament sind ein paar wichtige Personen fr queere Menschenrechte ausgeschieden. Wirst du in ihre Fustapfen treten?

Ich mchte wertschtzen, wie viele Jahre oder sogar Jahrzehnte Farid Mller sich fr uns eingesetzt hat und zum Beispiel die Hamburger Ehe geschaffen hat ein Meilenstein fr die queere Community. Aber auch Adrian Hector hat in kurzer Zeit viel fr geschlechtliche Vielfalt erreicht. Ihre Arbeit will ich natrlich mglichst gut fortfhren.

Gleichzeitig versuche ich einerseits Mehrfachdiskriminierung strker einzubeziehen und Sichtbarkeit fr Themen zu erhhen, die lange nicht so stark im Fokus standen wie zum Beispiel Regenbogen­familien, Bi+, Inter*, nichtbinre und trans* Menschen oder auch queere Frauen. Natrlich knpfe ich da an ganz viel an, aber das hatte ich ja schon gesagt.

Gibt es schon eine queerpolitische Person von der SPD nach Simon Kuchinke?

Das macht knftig Indira Chuda als Fachsprecherin fr LSBTIQ* und ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit ihr.

Wie kam es zu deinem Coming-out? Was bedeutet deine Bi+sexualitt fr dich?

Ich habe erst sehr spt im Leben festgestellt, dass ich Menschen anderer Geschlechter als Mnner romantisch und sexuell anziehend finde. Mir htte es viel frher auffallen knnen. In Schule und Bchern fehlte mir leider die Reprsentation. Ich habe das mit Anfang 30 festgestellt und angefangen zu leben.

Dann habe ich mich damit beschftigt, was ein ffentliches Coming-out bedeutet und warum das wichtig ist. Ich hatte Befrchtungen, sehr viel Hass von rechts abzubekommen, und habe darauf gewartet, die Kraft dafr zu haben. Im Sommer 2023 bin ich dann nach dem Coming-out im Freundeskreis und bei Eltern an die ffentlichkeit gegangen.

Ich habe sehr positive Erfahrungen gemacht. Aber ich habe auch festgestellt, dass Menschen nicht verstehen, dass ich mich in Menschen unabhngig vom Geschlecht verliebe, dass manche den Begriff «bisexuell» binr verstehen und denken, er wrde nichtbinre Personen ausschlieen. Der Begriff «pansexuell» ist aber nicht so bekannt. Daher gibt der Begriff «bi+» die Mglichkeit, das Leuten, die sich nicht so gut auskennen, schneller zu erklren. Ich selbst identifiziere mich als pansexuell, freue mich aber ber den Oberbegriff bi+, und Solidaritt ist wichtig.

Ich habe mich auch von der Arbeit von Bi+Pride ermutigt gefhlt, mich ffentlich zu outen. Und ich finde es inhaltlich wichtig: Ich erinnere mich an meine Jugend, Vorbilder htten mir da gut getan.

Ich habe bei meinem ffentlichen Outing als bi+ lange berlegt, mich auch als polyamor zu outen. Dies tue ich jetzt hiermit. Denn ich finde wichtig als Politikerin auch dazu reprsentativ aktiv zu sein und zu zeigen: Wir existieren. Von Fragen zu meinem Privatleben bitte ich abzusehen. Es gibt viele tolle Menschen, die Aufklrungsarbeit machen und als Teil dessen auch sehr persnliche Informationen ffentlich teilen. Fr die, die nicht wissen, was mit Polyamorie gemeint ist, mag ich die Definition aus dem Buch «Lieben und lieben lassen» von Saskia Michalski sehr gern: «Menschen, die Liebe nicht als begrenzte Ressource ansehen und offen dafr sind mehrere romantische Liebesbeziehungen zu fhren. Polyamorie kann als Identitt, Entscheidung oder als Einstellung angesehen werden. Polyamore Beziehungen sind Beziehungen, in denen Menschen in der Lage sind, feste, dauerhafte, emotionale, intime und/oder sexuelle Beziehungen mit mehr als einer Person zu fhren. Polyamore Menschen werden stark mit Vorurteilen und Stigma belastet.»

Was hltst du davon, dass Politiker*innen wie Spahn oder Weidel es ablehnen, sich queer zu nennen?

Dass konservative und rechtsextreme Krfte queere Rechte bekmpfen, wissen wir schon lange. Wie queere Menschen bei der AfD ttig sein knnen, kann ich mir nicht vorstellen. Wie sich Menschen in der CDU konkret identifizieren, bin ich nicht in der Position, das zu kommentieren. Ich erwarte, dass sie sich in der Union fr queere Menschenrechte einsetzen, die Beobachtung ist allerdings, dass dies nicht die Realitt ist.

Hast du als geoutete grne Politikerin schon Bedrohungen erhalten?

Dafr dass ich eine junge queere Frau in der Politik bin, habe ich mich relativ wenig damit beschftigen mssen. Aber ich will das nicht runterspielen. Es gab zum Beispiel eine Morddrohung und Bodyshaming. Dies habe ich selbstverstndlich angezeigt, die Ermittlungen zur Morddrohung wurden leider eingestellt. Auf TikTok erhalte ich schon viel Hass, aber das lese ich nicht.

Welche Chancen siehst du, dass neben der Frderung vom Peer-Aufklrungsprogramm «soorum» in Hamburg auch eine Stelle fr Schule der Vielfalt gefrdert und Diversittsbeauftragte und Antidiskriminierungskonzepte an allen Schulen etabliert werden?

Ich habe mich lange in der Hochschulpolitik engagiert und mich fr solche Programme eingesetzt auch bundesweit. Ich freue mich darauf, Gesprche dazu mit Kolleg*innen, dem Koalitionspartner und Senator*innen zu fhren.

Du bist ja nicht nur Fachsprecherin fr Queerpolitik. Was ist dir als Fachsprecherin fr Arbeitsmarktpolitik wichtig?

Mir ist die Zusammenarbeit mit Gewerkschaftvertreter*innen und vielen Verbnden und gemeinntzigen Vereinen wichtig, der Ausbau des sozialen Arbeitsmarktes, das Tariftreuegesetz und der Einsatz fr die Rechte der Menschen, die Sexarbeit machen.