Hass gegen LGBTI als Trffner: Wie junge Menschen in den Rechtsextremismus abgleiten
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Hass gegen LGBTI als Trffner: Wie junge Menschen in den Rechtsextremismus abgleiten

Sie firmieren unter Namen wie «Unitas Germanica», «Zollern-Jugend Aktiv», «Strtrupp Sd» oder «Pforzheim Revolte»: In Baden-Wrttemberg sprieen immer mehr jugendliche rechtsextremistische Gruppierungen aus dem Boden. Die Zusammenschlsse knnen laut Verfassungsschutz groteils als neonazistisch eingestuft werden.

Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen vernetzten und radikalisierten sich zunchst in sozialen Medien und trfen sich dann vermehrt auch im realen Leben. Diese Aktivitten htten seit Sommer 2024 deutlich zugenommen.

Warum ist Rechtsextremismus fr junge Menschen so attraktiv?

Es gehe meist um Rebellion, sagt Rolf Frankenberger, wissenschaftlicher Geschftsfhrer beim Institut fr Rechtsextremismusforschung an der Universitt Tbingen. «Ohne es verharmlosen zu wollen, aber wenn ich die Erwachsenen provozieren will, bin ich heute rechts». Damit stellten sich Jugendliche klar gegen grne und linke, aber auch konservative Weltanschauungen.

Zudem wrden rechtsextreme Gruppierungen mit Narrativen wie Identitt, Gemeinschaft, Zusammenhalt und Strke werben. Junge Menschen seien immer auf der Suche. Und: Junge Mnner seien dafr anflliger als junge Frauen.

Auch die angespannte Weltlage spiele eine Rolle: «Krisen verunsichern», sagt Frankenberger. Die soziale Schicht oder bestimmte Charaktereigenschaften seien mit Blick auf die Anflligkeit fr solche Ideologien gar nicht so wichtig. Viele Jugendliche seien vor ihrer Radikalisierung in Umfeld und Freundeskreis gut integriert gewesen.

Gegen wen kmpfen die rechtsextremen Gruppen?

Feindbilder sind etwa Menschen muslimischen Glaubens, Auslnder*innen oder Menschen aus dem linken politischen Spektrum. Besonders der Kampf gegen die LGBTI-Community sei «eine Art Trffner», um sich der rechtsextremistischen Szene zuzuwenden, schreibt Innenminister Thomas Strobl (CDU) in einer Antwort auf eine Anfrage der SPD-Fraktion. Immer wieder riefen sie zu Straktionen und Gegendemonstrationen zu Veranstaltungen im Kontext des Christopher Street Day (CSD) auf.

Erst am Wochenende zeigten sich Anhnger auf den Straen Pforzheims als Gegenveranstaltung zum CSD. Motto der Veranstalter vom «Strtrupp Sd»: «Fr traditionelle Werte und gegen Frhsexualisierung unserer Kinder» (queer.de berichtete).

Gibt es bestimmte Regionen in Baden-Wrttemberg, in denen der Zulauf besonders gro ist?

Die rechtsextremistischen Gruppierungen sind laut Verfassungsschutz in ganz Baden-Wrttemberg und zum Teil bundesweit aktiv. Es knnten keine bestimmten Regionen oder Landkreise hervorgehoben werden.

«Momentan sehen wir schon, dass es eher kein Phnomen der Stdte, sondern mehr der Gebiete drumherum ist», sagt Experte Frankenberger. Im lndlichen Raum wrden rechtsextreme Gruppierungen immer sichtbarer werden. Besonders im Nordschwarzwald, auf der Schwbischen Alb, im Gebiet des Schwbischen Walds und in der Region Schwarzwald-Baar steige die Zahl an Gruppierungen an.

Wie treten die Gruppen in den sozialen Medien auf?

Mnnlich, kmpferisch und nationalistisch. Muskulse, vermummte Typen filmen sich mit Drohnen, wie sie mit der deutschen Flagge auf Gebuden posieren, sie nennen sich in den Kurzfilmen «Deutsche Jugend», «Nationalist» und «kampfbereit». Sie zeigen sich ebenfalls vermummt beim gemeinschaftlichen Wandern durch den Wald und wie sie Sticker gegen «Volksfeinde» an Masten anbringen. Sie zeigen Videoclips der Wehrmacht, unterlegt mit Techno-Musik, zu dem Slogan: «Fr Kaiser, Gott und Vaterland».

Klar ist: Online knnen Rechtsextremisten in krzester Zeit Hunderttausende erreichen. Auf Gaming-Plattformen wie Twitch kursieren zunehmend rechtsextreme Inhalte. Der Verfassungsschutz ist sich sicher: Die Rechtsextremisten verfangen mit ihren Themen und Kommunikationsstrategien.

Die Gruppen teilen zudem untereinander Inhalte, um sich gegenseitig Reichweite zu verschaffen. Innenminister Strobl spricht auch von einem Schulterschluss von neuen und etablierten rechtsextremistischen Gruppierungen wie den «Jungen Nationalisten» (JN), der Jugendorganisation der rechtsextremistischen Partei «Die Heimat».

Was machen die Gruppen im realen Leben?

Der Vernetzung im Internet folgen Aktivitten im echten Leben. Die Gruppen laden zu gemeinsamen Wanderungen und zu Kampfsport ein. Im Februar 2025 fand etwa eine Fackelmahnwache in Pforzheim statt, an der sich mehrere Gruppen beteiligten, im Mrz 2025 eine gemeinsame Wanderung in Nagold im Kreis Calw.

Veranstaltungen seien ein Schlssel bei der Rekrutierung, sagt Forscher Frankenberger. «Das gibt dem Ganzen so einen Eventcharakter». Auch ber Musik lieen sich junge Menschen erreichen.

Rechtsextreme Gruppierungen wrden dabei gezielt darauf setzen, die Jugendlichen von ihrem bisherigen Umfeld zu isolieren, sagt Frankenberger. Je tiefer man in die Szene eintauche, desto offener wrden dann die eigentlichen Ansichten der Gruppierungen offengelegt. «Die kommen natrlich nicht gleich am Anfang mit Hakenkreuz und Remigration um die Ecke.»

Wie gefhrlich sind diese neuen rechten Gruppen?

Die Sicherheitsbehrden schtzen das Gewaltpotenzial der jungen Rechtsextremisten als hoch ein. Ein Teil der Aktivisten betreibe Kampfsport, einige Gruppen veranstalteten regelmige Kampfsporttrainings.»Kampfsport wird dort unter anderem trainiert, um fr krperliche Auseinandersetzungen und grere Gewalttaten gewappnet zu sein», schreiben die Verfassungsschtzer.

«So wird die Notwendigkeit von Kampfsport beispielsweise mit einer stndigen Gefahr krperlicher Angriffe durch gewaltorientierte Linksextremisten und durch Menschen mit Migrationshintergrund begrndet», hie es weiter. Auerdem wrden Gruppen auch an Veranstaltungen des politischen Gegners teilnehmen, um «hierdurch eine Bereitschaft zur Auseinandersetzung zu demonstrieren».

Was kann gegen den Rechtsruck man tun?

Forscher Frankenberger fordert eine Demokratieoffensive an Schulen. Eintgige Workshops zum Thema Demokratie reichten nicht aus, um die Jugendlichen abzuholen. Sie mssten verstehen, warum es so wichtig sei, die Demokratie zu bewahren.