Kein Ausbruch aus der patriarchalen Ordnung
4 mins read

Kein Ausbruch aus der patriarchalen Ordnung

«Mnner, die aus dem Krieg wiederkommen, haben Geheimnisse. Als htte man ihnen die Zunge abgeschnitten.» Dieser Satz fllt frh im Film und legt den Grundton fr «Vermiglio», Maura Delperos formal beeindruckendes, aber inhaltlich schwerflliges Drama ber das Aufwachsen in einem abgeschiedenen Bergdorf in Sdtirol. Drei Schwestern teilen sich ein Bett, und sie teilen im geheimen Schatten ihrer Decken und der Dunkelheit Hoffnungen, Trume und ngste. Die Lehrersfamilie Graziadei lebt mit ihren zehn Kindern in rmlichen Verhltnissen, im Rhythmus der Natur und fest eingebunden in eine katholisch geprgte, patriarchale Ordnung. Als im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs der sizilianische Deserteur Pietro auftaucht, gert das fragile Gleichgewicht der Familie ins Wanken.

«Vermiglio», Italiens Beitrag fr die Oscarverleihung 2025 als Bester Internationaler Film, feierte im letzten Jahr bei den Filmfestspielen von Venedig seine Premiere. Der Film basiert lose auf der Familiengeschichte der Regisseurin, deren Grovater selbst Dorflehrer war. Delpero geht es darum, Erinnerung zu bewahren, ein kollektives Gedchtnis zu formen und sie tut das mit groer formaler Strenge. Die Bilder sind kalt, klar, oft wunderschn komponiert, aber auch durchdrungen von Stille, von Erstarrung. Die Kamera bleibt meist unbewegt, beobachtend nur selten, etwa bei einer Hochzeit oder wenn Pietro mit dem Schubkarren aufbricht, wird Bewegung zugelassen. Ein so khler, strenger und dennoch betrend schner Film, der einen in seine Erzhlung hineinzieht doch mit jeder neuen Jahreszeit trmt sich eine neue Last auf.

– w –

Das Leben der Kinder ist vorherbestimmt

Der kleine Rudolfo etwa steht stellvertretend fr das vorherbestimmte Leben der Kinder: «Jetzt, wo du grer wirst, musst du deiner Mutter helfen. Sie kann nicht alles alleine machen», sagt der Lehrer. Rudolfo mag acht oder neun Jahre alt sein, aber seine Rolle in dieser Welt ist lngst festgelegt. Mnner gehen in den Krieg oder schuften krperlich, Frauen werden Hausfrauen oder Mtter. Die Mutter der Familie versucht, leise Einfluss zu nehmen aber gegen den Vater, der streng, wortkarg und fast ikonisch auftritt, bleibt sie machtlos. «Vermiglio» zeigt diese patriarchale Ordnung eindrcklich, aber lsst sie kaum durchdringen. Denn was atmosphrisch dicht beginnt, verfllt bald in einen repetitiven, stockenden Modus. Der Film verliert sich in seinen Rckschlgen, in seiner Schwere ohne nennenswert voranzukommen. Unter der meterhohen Schneedecke scheint nicht nur die Gesellschaft eingefroren, sondern auch die Erzhlung.

Problematisch ist dabei vor allem die Vielzahl an Figuren. Der Lehrer hat zehn Kinder, doch der Fokus liegt vor allem auf Lucia (18) und ihren jngeren Schwestern Ada (16) und Flavia (13). Gerade diese intime Dreierkonstellation htte ein starkes Zentrum bilden knnen doch inmitten der vielen Nebenfiguren bleibt vieles blo skizziert. Konflikte werden angedeutet, aber nicht zu Ende gedacht. Die Hierarchien sind klar, selbst Informationen etwa ber das Ende des Krieges erreichen die Menschen im Dorf nur selektiv. In seiner Ambition, das Vergangene zu bewahren, wirkt der Film oft mehr wie ein museales Dokument denn wie ein lebendiges Drama. Strker in der Atmosphre als in der Figurenzeichnung und mit artifiziellen Inszenierungsmitteln, die das Geschehen eher verwssern als schrfen.

Eine Berhrung im Stall als Rebellion

Und doch: Inmitten dieser erstarrten Welt gibt es kleine, stille Momente des Widerstands. Besonders im queer lesbaren Verhltnis zwischen Ada und der aufmpfigen Virginia blitzt eine zarte Gegenwelt auf. Virginia raucht heimlich, trgt verbotenerweise Schminke und ihre Nhe zu Ada wirkt wie eine leise Rebellion gegen das alles bestimmende, von Snde durchdrungene Ordnungssystem. Es sind kleine Gesten ein Blick, eine Berhrung im Stall, ein gemeinsam gehtetes Geheimnis -, die in ihrer Unspektakularitt Kraft entfalten. Diese queeren Unterstrmungen bleiben zwar subtil, aber sie bieten einen Hoffnungsschimmer: einen mglichen Ausbruch, wenn auch nur in der Fantasie.

So bleibt «Vermiglio» ein Film, der mit viel Sorgfalt komponiert ist, visuell stark und atmosphrisch dicht ein Werk, das Respekt verdient. Doch in seinem Bedrfnis, Erinnerung festzuhalten, hlt es zu sehr an der Erstarrung fest. Die formale Strenge lsst wenig Raum fr emotionale Tiefe, die khle sthetik schafft Distanz, wo Nhe mglich gewesen wre. Ein Film, der durchaus beeindruckt aber selten wirklich berhrt.