«Kleidung dient vor allem dazu, dass man sie ablegt»
Meine Mutter und ihr Bruder waren noch Kinder, als ihnen mein Grovater eine Dunkelkammer einrichtete. Ihre halbe Jugend verbrachten sie mit dem Entwickeln selbstgeschossener Fotos ganz die alte Schule. Spter arbeitete meine Mutter eine Zeitlang als Fotomodell, und nach der Hochzeit war die Kamera meines Vaters ihr stndiger Begleiter. Unser gesamtes Familienleben, jeder Ausflug wurde festgehalten und bei Diaabenden an die Wohnzimmerwand projiziert, zur Freude von Freunden und Verwandten.
Wenig berraschend zog es auch mich zur Fotografie. Einen entsprechenden Abschluss strebte ich zwar nicht an. Aber whrend meines Studiums in Stanford und an der UCL A belegte ich immer wieder Kurse im Fotolabor, um mich mit Schwarz-Wei-Fotografie und den technischen Finessen der Bildbearbeitung vertraut zu machen.
Als um 2007 anspruchsvollere Bildbearbeitungsprogramme auf den Markt kamen, war ich sofort Feuer und Flamme. Analoge Verfahren waren mir soweit vertraut, aber was digitale Bildbearbeitung anging, war ich blutiger Anfnger. Ich nahm mir vor, erst dann nach Models Ausschau zu halten, wenn ich mich technisch sicher fhlte, und so entstanden in den nchsten Jahren unzhlige Selbstportrts, whrend ich mich durch Berge von Bchern ber Studiofotografie, den richtigen Umgang mit Models, Bildbearbeitung und fotorealistische Malerei whlte.
Irgendwann war ich bereit fr den nchsten Schritt und machte mich an die Einrichtung meines Fotostudios. Um Platz zu schaffen, musste der Flgel weichen, den ich Jahre zuvor angeschafft hatte, als meine groe Leidenschaft die freie Improvisation war. Glcklicherweise fand sich sofort ein Kufer.
Auf der Suche nach Models, die meine Vision teilten, tummelte ich mich auf Craigslist, Model Mayhem und Instagram. Meine Grundregel war: keine Fotosession ohne vorheriges Treffen. Einmal, weil man dem Internet nicht trauen kann, und dann, weil ich sie dadurch als Personen mit ihren ganz individuellen Wnschen, Zielen und Eigenheiten kennenlernen konnte, was die Arbeit im Studio immens erleichtert.
Gelegentlich werde ich fr Modefotos angefragt, aber solche Angebote schlage ich meist hflich aus. In meinen Augen dient Kleidung vor allem dazu, dass man sie ablegt ein Zwischenstopp auf dem Weg zum eigentlichen Ziel.
Eine andere Frage, die ich gelegentlich zu hren bekomme: «Wer, bitteschn, will denn Aktfotos machen? Und was sind das fr Leute, die sich dafr hergeben?» Dabei ist es durchaus nichts Ungewhnliches, den menschlichen Krper in seiner Nacktheit zu zeigen: Correggio, Caravaggio, Rodin, Michelangelo, Donatello, Czanne, Manet, Degas und Picasso, sie alle haben ihn in ihren Werken verherrlicht, und nur im Mittelalter wurde seine Darstellung weil nach christlichem Verstndnis alles Fleisch sndhaft ist aus dem Kulturleben verbannt.
Freundlicherweise nderte sich das mit der Renaissance, aber angesichts der gegenwrtig tobenden Kulturkmpfe kann man nur hoffen, dass uns kein neues dunkles Zeitalter bevorsteht.
Aktfotos von mir selbst zu machen war lehrreich ich wei um meine Schokoladenseiten, und wichtiger noch: wie verletzlich man ist, wenn man nackt posiert. Ohne diese gesteigerte Empfindlichkeit fr mein eigenes Abbild wrde es mir am Gespr fr die Empfindlichkeiten meiner Models fehlen; ohne diese Erfahrung knnte ich mich nicht im selben Mae in sie einfhlen.
Models entscheiden sich aus ganz unterschiedlichen Grnden frs Modellstehen: einer hatte vor kurzem den Krebs besiegt und suchte nach knstlerischen Ausdrucksformen, um seinen wiedergewonnenen Krper zu feiern; ein anderer, aufgewachsen in den entlegensten Appalachen, hatte endlich seinem Drang nach der Grostadt nachgegeben und wollte das Grostadtleben in all seinen Facetten kennenlernen; einer hatte allzu lang auf einer Ranch in Oregon gearbeitet und nun den Sprung nach Hollywood gewagt, um es mit dem Show-Business wenigstens versucht zu haben; einer war Maler und Bildhauer und wollte sich und seinen Krper in einem anderen knstlerischen Medium ausprobieren; ein anderer hatte sich in den Kopf gesetzt, einmal um die ganze Welt zu reisen und finanzierte sein Abenteuer, indem er an jeder Station Modell stand, selbst wenn’s damit nur frs Couchsurfen reichte; ein anderer war Luftakrobat in einem Wanderzirkus und wollte sein reiches Repertoire jeder Erdenschwere spottender Posen im Bild festgehalten sehen; manche wollten den fotografischen Nachweis, dass die Monate intensiven Bodybuildings nicht umsonst gewesen waren; einige empfanden ihre Krper als entstellt (durch Narben, Vitiligo, Muttermale) und wollten ihre Scheu berwinden; andere waren mit Recht stolz auf ihre schnen Krper und wollten sich unbedingt zeigen; wieder andere wollten ihre Portfolios um Aktaufnahmen ergnzen; und die brigen posierten fr Aktfotos, weil sie darin eine Herausforderung sahen, der sie nicht lnger ausweichen durften, wenn sie irgendwann zu ihrem wahren Ich finden wollten.
In der Welt der sozialen Medien sind Selfies und sogar Nackt-Selfies allgegenwrtig. Doch selbst, wenn heute jeder jederzeit einen Schnappschuss machen und Filter drauflegen kann zu wirklichen Fotografien werden Bilder erst durch einen einzigartigen Blickwinkel, durch sorgfltig komponierten Bildaufbau, Ausleuchtung, Inszenierung. Ich gebe meinen Models immer Regieanweisungen, um sie in imaginre Welten zu versetzen, und bitte sie dann beispielsweise, einen Punkt an der Wand zu fixieren, als gbe es dort, hoch oben auf dem zerklfteten Fels, eine brennende Burg zu sehen oder einen Engel, der inmitten eines blendenden Strahlenkranzes herabsteigt aus dsteren Himmeln. Solche fantastischen Details sollen Emotionen wachrufen, und die besten Aktmodels zeichnen sich dadurch aus, dass ihre Krper ganz Ausdruck dieser Emotion werden.
Meine Aufgabe besteht im Wesentlichen darin, sie ansprechend auszuleuchten und auf ihre Fantasiereisen zu schicken eine Inszenierung, die sich in der digitalen Nachbearbeitung vollendet.
Und hier unterscheide ich mich von anderen Fotografen. Zuletzt war es geradezu Mode, Bildern einen rauen, unfertigen, scheinbar unbearbeiteten Look zu geben, und ich hoffe sehr, dass dieser Trend bald der Vergangenheit angehrt. Mir ging es immer darum, meine Models bestmglich in Szene zu setzen, alles soll kunstvoll sein und kunstvoll wirken und keine falsche Natrlichkeit vorspiegeln. Ich arbeite meist in Farbe, weil ich es liebe, Filter zu mischen, mit vielfarbigem Licht zu malen, und verwende dunkle Hintergrnde (und zuweilen Nebel), weil sich dadurch noch intensivere Farbwirkungen einstellen. Die Bilder werden bewegter, dramatischer und damit sollte klar sein, welches Fach ich tatschlich studiert habe.
Bei Auftrgen fr Zeitschriften oder die Werbeindustrie ist die Reihenfolge immer gleich: Erst kommt das Moodboard dann sucht man nach einem Model, das diesen Vorgaben entspricht. Ich verfahre genau umgekehrt: Ausgangspunkt meiner Arbeiten ist stets das individuelle Model, sie sind Herz, Seele und Krper meines Werks, um sie herum erschaffe ich meine Welten.
Auch frher schon haben mich gute Freunde immer wieder ermutigt, meine Fotografien in unterschiedlichen Formaten zu zeigen, ob als gerahmte Drucke in Bars oder als Dialeuchtksten in groen Galerien. Darum freut es mich, allen, die meine Vision des jungen mnnlichen Krpers teilen und zugleich die haptischen Qualitten von Papier schtzen, dieses, mein erstes Buch zu prsentieren.
Todd Paris 2025
Die Verffentlichung dieses Texts erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Knstlers und der Salzgeber Buchverlage. «Day Dreaming» und viele weitere spannende nicht-heteronormativen Fotobnde, Romane und DVDs sind unter anderem erhltlich im Salzgeber.Shop.
