Mik, woher kommt die Begeisterung fr queere Animes?
ber eine halbe Million Menschen folgen dem Hauptkanal «darkviktory» des Animationsknstlers Marik Roeder, besser bekannt als Mik, auf YouTube. Damit zhlt er nicht nur zu den reichweitenstrksten queeren Content Creators Deutschlands, sondern auch zu den Pionier*innen: Seine Karriere begann bereits vor rund 16 Jahren. Doch Mik war seiner Zeit allgemein stets ein Stck voraus. Schon frh setzte er sich fr queere Themen ein und schuf mit seinen Videos eine Plattform fr Sichtbarkeit und Aufklrung.
Zu seinen populrsten Projekten gehrt zweifellos die erfolgreiche Reihe «TubeClash», in der laut «TubeClash Wiki» zwei Teams aus jeweils fnf ausgewhlten YouTubern den sogenannten Clashern auf einer Insel gegeneinander antreten. Einige Episoden verzeichneten bereits ber vier Millionen Aufrufe. Ein beachtlicher Erfolg insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Manga- und Anime-Szene in Deutschland erst seit wenigen Jahren im Mainstream angekommen ist.
Bekannt ist Mik aber auch durch seine Beziehung mit Kostas Wei, vielen besser bekannt als «Kostas Kind». Im Gesprch erzhlt er, warum der ffentliche Druck auf ihre Partnerschaft mitunter herausfordernd sein kann, weshalb er die kreative Zusammenarbeit mit Kostas besonders schtzt und was ihn gelegentlich an YouTube frustriert. Ein Gesprch ber die Anfnge, aktuellen Entwicklungen und Zukunftsplne.
Mik, du betreibst deinen YouTube-Kanal bereits seit Oktober 2009 also seit fast 16 Jahren. Wie wrdest du sagen, haben sich YouTube und die Welt der Mangas und Animes in dieser Zeit verndert?
Als ich angefangen habe, waren meine Animationen und Anime-Parodien noch ein absolutes Nischenprodukt und trotzdem Teil der YouTube-Subkultur, da YouTube selbst Subkultur war. Hier hatten sich frher Nerds und Videobegeisterte, Meme-Fans und Otakus getroffen, um alles Mgliche auszutauschen Parodie-Synchros, Fandubs, Anime-Musikvideos zu edgy Linkin-Park-Songs. Heute ist YouTube einfach eine groe Plattform, auf der jeder ist von Kleinkind bis Groeltern. Das heit aber auch: Durch die Professionalisierung der letzten Jahre gibt es qualitativ hochwertigeren Content als nur Hobby-Meme-Videos. Die Monetarisierungs-Optionen heute machen es mglich, dass wir Anime-Iceberg-Videos und Manga-Deepdives bekommen, die Dokumentarfilmlnge haben und die so niemals im Fernsehen laufen wrden.
Was wrdest du als Highlight und was als Lowlight deiner bisherigen Karriere bezeichnen?
Fr mich war «Secondhand Toyfriend» mein Highlight die Buchreihe, die ich mit meinem Boyfriend Kostas Kind zusammen geschrieben habe, in der sich zwei Jungs kennenlernen, weil der eine vom anderen ein Sextoy via Kleinanzeigen kauft. Der Schreibprozess, die Buchtour, aber vor allem der Inhalt, bedeuten mir alles. Denn obwohl die Prmisse so enorm laut und absurd klingt, versteckt sich dahinter eine sehr ehrliche und einfhlsame Geschichte ber Selbstfindung, Queerness und Beziehung, die viele Elemente unserer eigenen Beziehung spiegelt. Gerade in Buch 2, das jetzt im August erscheint, sind Kostas und ich wirklich in Bereiche vorgestoen, die uns selbst an die Grenzen gebracht haben: Wie weit kann man in einer Partnerschaft aufeinander zugehen, und ab wann sind Kompromisse nicht mehr tragbar, weil man fr die andere Person zu viel von sich selbst aufgibt? Der gesamte Schreibprozess hat uns selbst wachsen lassen als Paar, als Individuen und als Kreative.
Deine Videos erreichen sehr unterschiedliche Reichweiten von rund 20.000 Views bei neueren Clips bis zu 4,6 Millionen bei «TubeClash» vor zehn Jahren. Wie wichtig sind dir solche Zahlen? Treffen dich niedrige Views oder gehst du damit ganz entspannt um?
Sie rgern mich hin uns wieder, aber treffen tun sie mich nicht. Die Sache ist die: Ich wei im Vorfeld ziemlich gut, welche Videos funktionieren werden und welche eher weniger. Und trotzdem gibt es Themen, die sind nicht sexy, auf die passt kein hottes Thumbnail oder ein provokanter Titel und trotzdem sind sie wert, erzhlt zu werden. Daher plane ich immer so, dass sich mein Schaffen im Gesamten querfinanziert und die leichten Unterhaltungsvideos, die gut gehen und sich vielfach klicken, den aufklrenden Wissenscontent querfinanzieren. Darum spreche ich eher vom rger: Klar, wre ich happy, wenn diese Art Content genauso viel Aufmerksamkeit erzielen wrde wie ein Clip, in dem ich ber mein erstes Mal rede, oder ich groe YouTuber in animierter Form gegeneinander antreten lasse aber der Mensch ist der Mensch ist der Mensch. Ich versuche trotzdem weiterhin beides, solang ich es mir leisten kann.
Im Gegensatz zu deinem Partner Kostas steht bei dir nicht deine Person im Vordergrund, sondern die Geschichten, die du erzhlst. Hast du manchmal das Bedrfnis, strker selbst vor der Kamera zu stehen?
berhaupt nicht. Tatschlich war der Erfolg von «TubeClash» mir eine groe Lehre denn damit kam auch der Hype um meine Person und das quasi ber Nacht. Wir hatten keine Zeit, uns wirklich darauf vorzubereiten. Heute kennt man den Begriff «Influencer» und wei, was damit verbunden ist, aber wir waren die erste Generation «YouTube-Stars» und pltzlich in der «Bravo» und auf Zeitschriften-Covern. Zur diese Zeit konnten wir nur selten vor die Tr gehen, ohne auf unsere Videos angesprochen oder nach einem Foto gefragt zu werden. Kostas hat das nie viel ausgemacht aber mich als Introvert hat das so gestresst, dass ich irgendwann einfach nicht mehr das Haus verlassen habe und regelrecht paranoid und schlussendlich depressiv wurde. All das war ein groer Motivator, ein Jahr nach London zu ziehen, um Abstand zu all dem zu gewinnen. Das hat geholfen, alles in Perspektive zu rcken. Da habe ich entschieden, dass ich mich lieber in animierter Form zeigen will, statt vor der Kamera. Ich bin zwar auf meinem Musical-Kanal noch zu sehen, aber da geht’s auch nicht um mich als Person, sondern um die Kunstform. Wenn ich Fans von «DeadBoyWalking» treffe, freue ich mich eher, dass ich mich ber Shows auszutauschen kann. Man merkt, es ist gar nicht so einfach, rauszufinden, wie man sich mit sowas wohl fhlt.
Bleiben wir kurz bei Kostas: Es gibt queere Beziehungen, wie die von Nikolas Puschmann und Lars Tnsfeuerborn, die u. a. an dem Druck der ffentlichkeit zerbrochen sind. Sprt ihr manchmal auch ueren Einfluss auf eure Beziehung und wie geht ihr damit um?
Klar, seit Beginn. Leute wollen wissen, wer ist top, wer ist bottom, wann heiratet ihr endlich und und und Und natrlich kommt ein gewisser Druck mit Aussagen wie «Wenn ihr euch trennt, hab ich den Glauben an Liebe verloren». Aber let’s be honest: Queere Kids haben nicht unendlich viel Reprsentation und Vorbilder, nach denen sie sich richten knnen. Von daher kann ich die Neugier nachvollziehen und versuche, gemeinsam mit Kostas, auch so gut es geht, genau das zu bieten: eine Art Orientierung. Darum reden wir sehr offen ber unsere Beziehung, ber Grenzen, ber Sex denn gerade in dem Bereich gibt es wenig gute Aufklrung fr queere Kids. Dabei ist Wissen so wichtig, denn es schtzt: vor Krankheiten, vor bergriffen, vor Vereinsamung und Isolation. Ich denke, es ist ein Privileg mit groer Verantwortung, ein Vorbild fr andere queere Menschen sein zu knnen.
Ein gemeinsames Projekt von euch war die bereits erwhnte, sehr amsante Dildo-Geschichte «Secondhand Toyfriend». Wie ist es fr dich, mit deinem Partner kreativ zusammenzuarbeiten und welche gemeinsamen Projekte habt ihr noch in Planung?
Es ist die beste Zusammenarbeit, die ich bisher erlebt habe denn wir ticken sehr hnlich: Wir arbeiten kreativ, aber dabei diszipliniert und strukturiert. Dadurch, dass wir uns blind vertrauen, sind Feedbacks ehrlich und konstruktiv. Wir haben dieselben Werte und sind uns dadurch einig, wenn es um Moral und beherrschende Ideen von Geschichten geht. Es ist fast lcherlich, dass wir fr «Secondhand Toyfriend Vol. 2» einfach drei Monate am Stck von morgens bis abends jeden Tag aufeinandersaen, um zu plotten und zu schreiben und statt uns zu streiten, uns gegenseitig hochgezogen und motiviert haben, wenn es mal Hnger gab. Ich glaube, nur weil wir so funktionieren, konnte das Buch so ehrlich und gut werden wie es letztendlich wurde. Klar, gibt’s immer dieses Burnout-Gefhl nach so einem Groprojekt aber ich bin ganz ehrlich, ich wre schon wieder ready fr das nchste gemeinsame Buch. (lacht)
Die Faszination fr queere Mangas und Animes ist aktuell deutlich sprbar. Wie erklrst du dir, dass etwa Boys-Love-Reihen im Manga-Bereich so beliebt sind sogar bei Menschen, die sich selbst nicht als queer identifizieren?
Das hat verschiedene Grnde: Kein anderes Medium bietet fr queere Menschen eine so unglaublich hohe Anzahl an queeren Geschichten und ist dabei so abwechslungsreich in seinen Facetten und Themen. Da hat man neben den verschiedensten Gay-Mafia- und Slice-of-Life-Stories auch lesbische Will-They-Won’t-They-Geschichten und fr jedes Alter ist etwas dabei: von ser Romanze bis zum hartem Toxic-Love-Sex. Dann gibt’s aber auch Titel wie «The Gender of Mona Lisa» zum Beispiel in denen es um eine Welt geht, in der jeder erstmal geschlechtslos auf die Welt kommt, oder selbst Animes wie Sailor Moon, in dem die maskulinen Krper der Starlights whrend der Verwandlung zu weiblichen transitionieren. All das in Bewegtbild oder als Manga mit Bildern und kleinen Sprechblasen also einfach zugnglich fr ganz viele Menschen.
Dann gibt es natrlich die groe heterosexuelle weibliche Leserschaft von Boys Love, die in diesen Geschichten einen Safe Space finden, der sie Geschichten erleben lsst, die sie nicht unter Druck setzen. Es gibt keine direkten Rollenerwartungen: «So musst du sein, dass ein Mann dich will» da es in diesen Geschichten zwar um Liebe und manchmal Sex geht, aber nicht um sie selbst. Es erffnet auerdem Mglichkeiten, dunklere Themen und Dynamiken zu ergrnden, weil das Machtgeflle Mann-Frau nicht existiert. Ob es richtig ist, das auf schwule Beziehungen zu projizieren, ist eine andere Diskussion, aber es ist eine Erklrung, warum Boys Love heterosexuelle Frauen ansprechen kann. Natrlich gibt es neben diesem auch genug andere individuelle Grnde.
Aktuell luft deine Crowdfunding-Kampagne fr «Sukkers: Queer Vamps Bite Back» und mit rund 90.000 Euro hast du das ursprngliche Ziel von 15.000 Euro bei Weitem bertroffen. Worum geht es in dem Projekt genau?
«Sukkers» wird ein Dark Comedy Adventure, in dem es um Viktor geht. Der strzt sich eines Nachts von einer Brcke, weil er seinen Boyfriend verloren hat. Aber noch im Fall beit ihn ein kleiner Vampirjunge aus Mitleid Sam und verdammt Viktor so zur ewigen Unsterblichkeit. Nur drfte Viktor «eigentlich» gar nicht existieren die Old Sukkers ein Bund alter, konservativer Vampire hat ein Verwandlungsverbot verhngt, da sie kontrollieren wollen, wer Vampir sein darf und wer nicht. Viktor und Sam fliehen in den Londoner Untergrund und trommeln eine Gruppe queerer Vampire aus allen mglichen Epochen zusammen. So formen sie den Widerstand, um fr ihr Recht auf Existenz zu kmpfen. Die Geschichte setze ich mit meinem Animationsstudio um. Sie erscheint in achts Parts sogenannten Drops und formt am Ende einen zusammenhngenden Animationsfilm.
Auf der Crowdfunding-Seite erwhnst du, dass «Queer History» eine zentrale Rolle spielt auch um zu zeigen, dass Queerness kein Trend, sondern ein historisch verankerter Teil der Menschheit ist. Wie setzt du das in «Sukkers» um? Gibt es konkrete Bezge zur realen queeren Geschichte?
Wir wlzen seit geraumen Monaten alle mglichen Bcher zur queeren Geschichte, um zu filtern, auf welche Aspekte, Personen und Zeiten wir das Spotlight richten wollen. Ursprnglich ging es bei «Sukkers» um eine Gruppe schwuler Vampire aber je mehr man in das Thema eintaucht, desto schneller wird klar, dass man nicht ber LGB-Historie sprechen kann, ohne das TQ+ mitzusprechen. Die Kategorien, in denen wir heute denken, lassen sich manchmal nur schwer auf Queerness in der Vergangenheit anwenden. Daher wird der Fokus gar nicht stark auf einzelnen «bekannten Persnlichkeiten» wie Oscar Wilde liegen, sondern viel eher auf der Zeit-Epoche selbst und ihren Aggressoren. Warum war die Antike offener, was die Akzeptanz homoerotischer Beziehungen anging, und wie viel von dem Mythos stimmt eigentlich? Wann begann die gezielte Verfolgung von Queerness, wie, warum und durch wen? Und was bedeutet das fr uns heute?
Versteht mich nicht falsch, es gibt tonnenweise konkrete Flle, die wir referenzieren werden, Personen die genannt werden, auftauchen knnen etc. aber dennoch ist mir das Verstndnis dafr wichtiger, woher Ausgrenzung kommt, und dass Queerfeindlichkeit Menschen gemacht ist und zwar mit System. Wir sind natrlich der Hass ist es nicht. Der ist eine Waffe.
Viele kreative Menschen trumen davon, ein Buch oder Videoprojekt umzusetzen scheitern aber oft am Durchhalten. Welche Tipps hast du fr sie, gerade wenn es ums Dranbleiben und Nicht-Aufgeben geht?
Ich denke, jedes Projekt sollte aus einer inneren berzeugung umgesetzt werden: berlege und formuliere genau, was du sagen willst und weshalb. Lass das dein Motor sein. Sei ein bisschen delulu, denn das ist jede schriftstellende Person im Sinne von: «Die Welt braucht meine Geschichte!»
Aber im Endeffekt ist Planung und Handwerk das A und O. Storytelling ist eine Kunst, die man lernen kann so wie jede Kunst. Je mehr man wei, desto weniger verliert man sich im Prozess, weil man Tools erlernt, die einen aus Schreibblockaden rausholen, helfen, die Geschichte spannender zu erzhlen, indem man einfach die Bausteine neu anordnet oder gewisse Dinge streicht. Im Endeffekt ist Kreativarbeit genau das Arbeit. Solang man davon trumt, ist es ein Ideal, sobald du es lebst, deine Realitt. Manchmal probiert man was, und merkt, als Traum hat es mir besser gefallen und dann lsst man es wieder. Und auch das ist okay. Druck ist eine Sache, die hilft im richtigen Ma, aber zerstrt im berma. Finde die Mitte, in dem du dir Ventile schaffst und das sind in meiner Erfahrung: Handwerk, Zeitmanagement, Disziplin und viel, viel Zeit mit lieben Leuten als Ausgleich, um Kreativitt wieder aufzutanken.
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