Missbrauchsopfer: Der sptere Erzbischof seifte mich ein und reinigte mein Glied
Es ist ein trauriges Jubilum: Vor 15 Jahren hat die katholische Kirche in sterreich nach Jahrzehnten des Fehlverhaltens und des Vertuschens eine eigene Opferschutz-Kommission eingesetzt. Bei dieser knnen sich Opfer von sexueller und krperlicher Gewalt melden. Die Mitglieder*innen berprfen die Flle und knnen eine finanzielle Entschdigung aussprechen. Nun hat die Kommission ber ihre Ttigkeit Bilanz gezogen. Die Zahlen sind erschreckend. Bis zum 31. Mai 2025 wurden 3.492 Flle berprft. Davon hat die Kommission in 3.214 Fllen zugunsten der Betroffenen entschieden.
In einigen Fllen gibt es mehrere Betroffene. So hat die Kommission bislang 3.640 Betroffene von sexueller und/oder physischer Gewalt in der katholischen Kirche anerkannt. Von den Betroffenen waren 2.271 Mnner (62,4 Prozent) und 1.369 Frauen (37,6 Prozent). Expert*innen sind davon berzeugt, dass es sich hier um die Spitze des Eisberges handelt. Sie gehen von einer wesentlich hheren Dunkelziffer aus. Denn viele Betroffene zeigen die bergriffe aus Scham nicht an. Hinzu kommt die Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird.
Kirche zahlte 37,7 Millionen Euro
Den Betroffenen wurden bislang von der katholischen Kirche in sterreich in Summe 37,7 Millionen Euro zuerkannt, davon 29,79 Millionen Euro als Finanzhilfen und 7,91 Millionen Euro fr Therapien. In 278 Fllen wurden keine Leistungen zugesprochen.Die Betroffenen haben seit Bestehen der Kommission 8.498 Vorflle gemeldet. Das bedeutet, dass die Mehrheit der Personen von zwei oder mehreren bergriffen betroffen war. 79 Prozent berichten von krperlicher Gewalt, 27 Prozent von sexueller Gewalt und 11 Prozent von krperlicher und sexueller Gewalt.
Die meisten Vorflle haben sich vorwiegend in den 1960er und 1970er Jahren ereignet. 11,7 Prozent der Flle passierten in den 1980er Jahren, 4,8 Prozent in den 1990er Jahren und 1,8 Prozent seit dem Jahr 2000. Betroffen waren fast immer Kinder und Jugendliche. 62,6 Prozent der Opfer waren zum Zeitpunkt der bergriffe zwischen 6 und 12 Jahre alt. 28,2 Prozent zwischen 13 und 18 Jahre, 7,3 Prozent waren jnger als 5 Jahre.
Aufarbeitung dauert oft lange
Die Aufarbeitung dauert oft lange, wie die jngst bekannt gewordenen sexuellen bergriffe in der Pfarre Schwechat bei Wien zeigen. Dort missbrauchte ein Priester ber Jahrzehnte Burschen und Mdchen. Der Priester starb im Jahr 2017. Erst in den vergangenen zwei Jahren brachten mehrere Opfer so viel Mut auf und meldeten die bergriffe. Im Frhjahr 2025 erklrte die Pfarre Schwechat, der frhere Pfarrer habe «das Vertrauen vieler Menschen missbraucht, sich ber viele Jahre hinweg sexuellem Missbrauch gegenber minderjhrigen Schutzbefohlenen schuldig gemacht und dadurch Menschen zutiefst verletzt».
Im Zuge der jetzigen Aufarbeitung wurde bekannt, dass der Pfarrer schon 1996 wegen sexuellem Missbrauch angezeigt wurde. Dies fhrte sogar zu einer gerichtlichen Verurteilung mit einer bedingten Strafe. Trotzdem entschied sich die Erzdizese Wien damals gesttzt auf ein positives Gutachten eines Psychiaters, den Pfarrer weiter im Dienst zu belassen.
Der Erzbischof von Wien gehrte zu den Ttern
Die katholische Kirche setzte die Opferschutz-Kommission viele Jahre nach dem Fall Groer ein. Kardinal Hans Hermann Groer war Erzbischof von Wien. 1995 meldete sich Josef Hartmann beim sterreichischen Nachrichtenmagazin «Profil» und erklrte, dass er als Jugendlicher im erzbischflichen Knabenseminar von Groer missbraucht wurde. Groer habe ihm zeigen wollen, «wie man richtig Intimpflege betreibt. Dann hat er mich am ganzen Krper eingeseift und mit hochrotem Kopf mein Glied gereinigt. Er war dabei sichtlich erregt. Daraufhin musste ich bei ihm im Bett liegen und seine Zungenksse ber mich ergehen lassen», sagte Hartmann. Er wurde bis zum Abitur von Groer missbraucht.
Die katholische Kirche lie sich mit der Aufarbeitung lange Zeit. Erst 1998 drei Jahre nach Bekanntwerden der bergriffe erklrten mehrere Bischfe: «Wir sind nun zur moralischen Gewissheit gelangt, dass die gegen Alterzbischof Kardinal Hans Hermann Groer erhobenen Vorwrfe im Wesentlichen zutreffen. Sein Schweigen haben wir zu ertragen, knnen aber selbst nicht schweigen, wenn wir unserer Verantwortung fr die Kirche gerecht werden sollen.»
Dann dauerte es noch noch einmal zwlf Jahre bis die katholische Kirche die Opferschutz-Kommission einsetzte. Josef Hartmann starb im Jnner 2025 im Alter von 68 Jahren in einem Pflegeheim. Die katholische Kirche versagte Hartmann «bis zuletzt jede Geste des Respekts und der Vershnung», schrieb Josef Votzi, der frhere «profil»-Chefredakteur, in einem Nachruf.
