Mit Herz und Haltung: Queerness in der ukrainischen Kunst
Ein auf einem Mooshgel thronender und von schimmernden Blutgefen durchzogener Hohlkrper wird in einer Glasvitrine zur Schau gestellt. Dem Anschein nach handelt es sich um die Nachbildung eines Herzens. Auffllig sind die metallisch gepiercten, tentakelartigen Fortstze, an deren Enden sich kleinere organische Strukturen anschlieen.
Gerade weil Alina Kleytmans Installation «Bioinstallation_Prosthesis» auf den ersten Blick wie ein realistisches menschliches Gewebe aussieht, stellt sich beim Betrachten unmittelbar Unbehagen ein wird man doch mit einer offenen, verletzlich wirkenden Struktur konfrontiert, die das Innerste nach auen kehrt. Ganz zu schweigen von den Ketten, die an den Piercings befestigt sind und das Objekt in Schach halten. Ein Bild fr die Situation der queeren Community in der Ukraine?
So erscheint das Exponat im wahrsten Sinne des Wortes als Herzstck einer aktuellen Schau im Berliner Schwulen Museum es ist ein Werk, das bereits von weitem die Blicke auf sich zieht und sinnbildlich mit dem Titel korrespondiert: «A Heart That Beats Queere ukrainische Kunst im Fokus» (zu sehen noch bis zum 26. Januar 2026).
Unsichtbarkeit, Aufgehren und Widerstand
In der Metapher klingt einerseits eine Zeile des 1871 geborenen Ahatanhel Krymskyj an, dessen Leben und Werk sich aus heutiger Perspektive immer deutlicher als ein Schlssel zu den Anfngen queerer Kulturgeschichte in der Ukraine erweisen so gleicht in der bildhaften Sprache des schwulen Schriftstellers und Linguisten das Herz dem Ort innerer Sehnschte und eines verborgenen Begehrens. Andererseits deutet das schlagende Herz im Titel der Ausstellung die Lebendigkeit und Widerstndigkeit der queeren Szene in der Ukraine an, deren Geschichte vor allem geprgt ist vom Kampf um die Sichtbarmachung gleichgeschlechtlichen Begehrens und queerer Identitt.
In der von Maria Vtorushyna und Anton Shebetko uerst facettenreich und zugleich bersichtlich kuratierten Schau gelingt dabei ein kleines Wunder: Sie vermittelt eine nachdrckliche Ahnung von der Vitalitt und Vielfalt der ukrainischen Community, wie sie gleichwohl auf ihre Verankerung in der Geschichte verweist. Dabei werden vor allem drei Phasen beleuchtet: die Zeit der Unsichtbarkeit unter dem Sowjetregime, das Aufbegehren in den ersten Jahren der Unabhngigkeit, und schlielich der Widerstand gegen die russische Invasion.
Ein Meisterwerk sublimierten homosexuellen Begehrens
In dem dreigeteilten Ausstellungssaal befindet sich im ersten Bereich eine Vitrine, die sich als spiegelbildliches Gegenber zur Herzprothese von Alina Kleytman im letzten Segment des Ausstellungsparcours verstehen lsst. Darin wird eine Papiercollage des Filmemachers und Knstlers Sergej Paradschanow prsentiert, der vom Sowjetregime aufgrund seiner Homosexualitt verfolgt und 1973 zu fnf Jahren Gefngnis verurteilt wurde. Als queerer Dissident, der sich der Ukraine verbunden fhlte, wird er heute als Vorreiter verehrt nicht zuletzt seines Kultfilms «The Colour of Pomegranates» (1969) wegen, der aufgrund seiner verschlsselten Bildsprache als ein Meisterwerk sublimierten homosexuellen Begehrens gilt.
«Orpheus» nennt sich die hier ausgestellte Arbeit, und es ist erstaunlich, wie viel sich darin bei genauer Betrachtung entdecken lsst. Am oberen Bildrand deuten die geschlossenen Augen einer Skulptur einen Traum oder eine Meditation an, gleich darunter weist ein Renaissanceportal mit einem roten Teppich den Weg zurck in die griechische Mythologie. In der Bildmitte befindet sich eine goldene Statue von Orpheus, wobei die berlieferten homoerotischen Neigungen des Sngerhelden fr Paradschanow womglich eine nachgeordnete Rolle gegenber der Orpheus-Metaphorik in den Filmen des von ihm verehrten Jean Cocteau gespielt haben drften.
In der unteren Hlfte des Bildes der mutmalichen Unterwelt, in der die Gattin von Orpheus gefangen bleibt sehen wir eine Eurydike-Abbildung, die einerseits eine volkstmliche Figur aus dem sowjetischen Kulturraum darstellen knnte, andererseits aber auch Gesichtszge von Frida Kahlo aufweist eine hnlichkeit, die womglich kein Zufall ist. Kahlo drfte Paradschanow schon deshalb nahe gestanden haben, da die mexikanische Knstlerin in dissidentischen und kunstaffinen Kreisen der Sowjetunion durchaus ein Begriff war lange bevor sie zur queeren Ikone stilisiert wurde. Der goldene Hintergrund verleiht der Szene zustzlich eine sakrale Aura.
Paradschanows Collage in der Berliner Ausstellung ist zudem ein klares politisches Statement, wurde er doch im Dezember 2023 von einer Nationalen Kommission in der Ukraine offiziell rehabilitiert. Dabei handelt es sich nicht nur um spte Gerechtigkeit fr einen groartigen Knstler, sondern auch um ein Signal aus einem Land, das sich gegen einen queerfeindlichen Aggressor verteidigt und kultur- wie identittspolitisch neu orientiert trotz fortbestehender Diskriminierungen im Alltag.
Queere Soldat*innen im Groformat
Dabei wird in der Ukraine eine paradoxe Folge des Krieges deutlich: Einerseits fhlen sich Angehrige der queeren Community durch den russischen Angriff besonders bedroht, anderseits leisten sie sichtbaren Widerstand gegen die Angreifer und setzen sich auch im eigenen Land verstrkt gegen Diskriminierung ein wodurch ihre Akzeptanz deutlich gestiegen ist.
Die Ausstellung greift das Thema in Anton Shebetkos 2018 entstandener Bilderserie «We Were Here» auf, in der die «Ukrainian LGBT* Military and Veterans for Equal Rights» auf inszenierten Fotografien im Groformat vorgestellt werden. Die persnliche Identitt der Portrtierten tritt jeweils in den Hintergrund: Auf einem Bild dient eine Sonnenblume dazu, ein Gesicht zu verdecken; auf einem anderen wird eine Figur in regenbogenfarbene Rauchfahnen gehllt. Unweigerlich rufen die Bilder Assoziationen hervor, die mit queerer Selbstermchtigung ebenso verknpft sind wie mit einer Irritation gegenber nationalistischer Symbolik und gerade darin entfaltet die Serie ihre Kraft.
Auch Yevgenia Belorusets leistet mit ihrer Arbeit «A Room of My Own» einen Beitrag zur Sichtbarmachung, allerdings auf einer sehr persnlichen Ebene. Dabei hat sie Fotografien und kurze, pointierte Erzhlungen von queeren Menschen zusammengestellt, der sie von 2011 bis 2012 auf einer Reise durch die Ukraine begegnete. So erfahren wir von einem Neunzehnjhrigen, wie er sich eines Tages in den 36-jhrigen Valery verliebte und ihn seither jedes Wochenende in Kiew besuchte. Eine trans Person berichtet, warum sie sich zu einer Geschlechtsangleichung entschied, obgleich sie die Einteilung der Geschlechter fr absurd hlt. Ein lesbisches Paar wiederum beklagt, dass sie und ihre Lebensgefhrtin wie alleinstehende Mtter behandelt werden sie versuchen, nicht daran zu denken, dass der Mangel an Absicherung katastrophale Folgen fr die Familie haben knnte.
Satire auf den krperlichen Optimierungswahn
Wie unsicher und ambivalent sich die Situation inmitten des Krieges besonders fr queere Menschen in der Ukraine darstellt, lsst sich bei einem zweiten Blick auf Alina Kleytmans Herzprothese erahnen. Was zunchst wie eine stille Metapher fr Verletzlichkeit anmutet, entpuppt sich als grelle Satire auf den krperlichen Optimierungswahn.
Im unauffllig am Podest der Vitrine angebrachten Begleittext, den die Knstlerin selbst verfasst hat, scheint eine zum Sarkasmus neigende Verzweiflung durch: «Sie fhlen sich herzlos…? JEDES Problem kann mit Hilfe UNSERER Prothetik gelst werden. () Mit diesen prachtvollen Implantaten gewonnen aus dem Gewebe und den Organen bedauernswerter, armer und hsslicher Idioten knnen auch Sie in krzester Zeit dauerhaft Schnheit und grenzenlose Beliebtheit erlangen!»
So gesehen spendet Kleytmans Herzprothese keinen Trost und doch findet das Werk in der Bitterkeit der Sprache eine Form des Widerstands, die nicht verstummen will.
Links zum Thema:
Mehr Infos zur Ausstellung auf der Homepage des Schwulen Museums Berlin
Mehr queere Kultur:
auf sissymag.de
