Mit Humor stirbt sich’s besser
Der Titel wirkte damals schon befremdlich. «Schreck von drben» hatte der «Spiegel» im Mai 1982 einen Artikel berschrieben, in dem erstmals in der deutschsprachigen Presse von «einer «Reihe geheimnisvoller, nicht selten tdlicher Krankheiten» unter schwulen Mnnern in den USA berichtet wurde. rzte htten sich daher «mit den Bruchen der Homosexuellen-Szene beschftigt», um der geheimnisvollen Krankheit auf die Spur zu kommen. Allein in den kommenden drei Jahren werden im «Spiegel» rund 60 weitere Texte zu dieser neuen Epidemie, darunter einige Titelgeschichten erscheinen.
Doch bereits mit diesem ersten Artikel hatte das Hamburger Nachrichtenmagazin den Ton gesetzt fr eine sensationsheischende wie diffamierende Berichterstattung mit immer apokalyptischeren Untergangszenarien und unter schwulen Mnnern gleichermaen Angst und Verunsicherung, wie Wut und Emprung ausgelst. «Ich las im ‚Spiegel‘ zu Tode erschreckt den Artikel ber die tdliche Schwulenkrankheit, den schwulen Krebs, an dem in New York jeden Tag einer stirbt», notiert der Filmemacher Rosa von Praunheim in seinem Tagebuch. «Sie schreiben sehr zynisch.» Nur zweieinhalb Jahr spter wird er selbst fr den «Spiegel» schreiben und dessen Politik der Moralisierung und die Forderung nach strengen Manahmen untersttzen.
1985 waren die offiziellen Fallzahlen in Deutschland noch gering, doch mit Blick auf die USA war Schlimmstes zu befrchten, und die Medizin stand dem neuen Virus weitgehend hilflos gegenber. In der schwulen Community wuchs die Verunsicherung bis hin zur Panik, andere reagierten mit Verdrngung, Verleugnung und Ignoranz. In der Politik und in Medien wie «Bild» und «Spiegel» hingegen wurde bereits offen eine staatlich angeordnete Absonderung und «Konzentrierung» der Aidskranken gefordert.
Eine polemische Revue voll schwarzem Humor
Man muss sich diese gesellschaftspolitische Atmosphre in Erinnerung rufen, um zu verstehen, wie der Berliner Regisseur Rosa von Praunheim damals auf die Aidskrise reagierte und zwar als erster Filmemacher in Deutschland berhaupt. Doch anders als man erwarten knnte, ist «Ein Virus kennt keine Moral» weder ein pdagogischer Aufklrungsfilm, noch ein um Verstndnis und Mitgefhl werbendes Drama. Stattdessen berraschte von Praunheim mit einer grellen, polemischen Revue voll schwarzem Humor.
Ein reaktionrer Saunabesitzer (gespielt von Praunheim selbst), der mit einem Theologiestudenten (Christian Kesten) zusammenlebt, will in seinem Etablissement keine Kondome verteilen, weil dies dem Geschft schaden knnte. Eine Therapeutin (Ina Blum) bietet Todesmeditationen fr Aids-Kranke an. Eine Skandalreporterin (Eva-Maria Kurz) verkleidet sich als Mann, um so inkognito die Schwulenszene ausspionieren zu knnen und trifft dabei auf einer Klappe den eigenen Sohn in Flagranti. Prof. Dr. Blut (Maria Hasencker) vom «Institut fr Seuchen, Pest und Tod» kommt angesichts der goldenen Zeiten fr die Pharmaindustrie ins Schwrmen: «Aids erffnet uns einen solch weiten Markt an Mglichkeiten. Auch finanziell ist jetzt etwas zu holen.»
Aber, Karma is a bitch. Auf einer Expedition in Afrika auf der Suche nach den Anfngen der Seuche wird die Forscherin von Grnen Meerkatzen gebissen und dabei mit dem Virus infiziert. Am Ende haben alle Aids, die Pflegerinnen auf der Krankenstation schlieen Wetten ab, wer zuerst sterben wird, und die Regierung verfrachtet alle Infizierten ins Exil nach Hell-Gay-Land. Zum Abschied gibt’s am Steg ein Stndchen mit deutschem Liedgut: «Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord».
Im Rckblick erscheinen viele dieser oft kabarettartigen Auftritte wie krude und vllig aus der Luft gegriffene Szenarien. Tatschlich aber bilden sie, lediglich leicht zugespitzt, den Diskurs dieser Zeit ab. Es gab damals tatschlich die monstrse Idee, Helgoland zur Quarantne-Insel fr HIV-Infizierte zu machen. Auch die Schlagzeilen, mit denen das Bro der Boulevardjournalist*innen tapeziert ist, sind echt. Ja, da wurde ernsthaft eine feuchte Aussprache als Infektionsrisiko ins Spiel gebracht.
Bitterbse Rundum-Attacke
Stilistisch ist diese Kollektivproduktion, die von Praunheim mit seinen Protagonist*innen aus der Berliner Tunten- und Schwulenszene entwickelte, wohl am besten als Revue zu bezeichnen. Trotz des sichtlich schmalen Budgets gibt es sogar Musiknummern, beigesteuert von der West-Berliner Tuntentruppe «Die Bermudas».
Die innerhalb weniger Monate realisierte, bitterbse Rundum-Attacke gegen schwule Dummkpfe, rcksichtslose Geschftemacher in den eigenen schwulen Reihen, gegen zynische Mediziner*innen, die Spekulationspresse und verlogene Frmmler*innen war schamlos berzeichnet und zugleich der akuten Situation im Entstehungsjahr 1985 weit voraus. Einige der grellen Szenen reien in ihrer bertreibung manche der zentralen Debattenthemen an, die in den Folgejahren den Diskurs um Aids bestimmen sollten. Etwa die Frage, ob der Schutz der gesellschaftlichen Mehrheit ber der Freiheit des Einzelnen steht oder ob zwischen «unschuldigen Aidsopfern» und selbstverschuldeten Erkrankten unterschieden werden muss.
Das promiske Sexleben berdenken
«Ich hoffe, dass mein Film auch einen Teil leisten kann, um ngste abzubauen und dass die Form der Komdie, der Groteske, des Tuntenhumors ein Weg ist, sich lustvoll zu engagieren, zu helfen ohne Druck und falsche Moral», hatte von Praunheim 1985 seine Herangehensweise begrndet.
Nicht alles, worauf «Ein Virus kennt keine Moral» anspielt, drfte fr jngere Menschen, die die Aidskrise nicht direkt miterlebt haben, zu entschlsseln und zu verstehen sein. Die Sache mit den Meerkatzen etwa. Der zwischen Trash, Drama und Kolportage oszillierende Film vermittelt jedoch auch nach 40 Jahren immer noch die kreative und politische Energie, mit der man 1985 auf die existentielle und damals schwer einzuschtzende Bedrohung reagierte. Das liegt auch an manch pointierten Zuspitzungen wie etwa der Auftritt der Kabarettgruppe «Die 3 Tornados» als perfide Regierungsberater.
An anderer Stelle rutscht die Satire dann aber auch in vordergrndigen Klamauk ab. Seine Message jedoch formuliert von Praunheim deutlich: nmlich die Gefahren anzuerkennen, die sich durch das neue Virus ergeben haben und deshalb das promiske Sexleben zu berdenken. Und nicht zuletzt in dieser Krise die mhsam erkmpften Rechte von Homosexuellen zu verteidigen.
Auf «Ein Virus kennt keine Moral» folgte die Aids-Trilogie
Von Praunheim geht damit auch mit der schwulen Community ins Gericht, ist aber keineswegs so selbstherrlich richtend, wie in Teilen der einige Jahre spter entstandenen Aids-Trilogie (1990/1991), die mit dem Film «Schweigen = Tod» beginnt. Die Arbeit an seinem frheren Dokumentarfilm «Armee der Liebenden oder Aufstand der Perversen» ber die homosexuelle Emanzipationsbewegung in den USA hatte in den 1970er Jahren Praunheims Verstndnis von politischem Aktivismus geprgt. Sie war und blieb fr ihn Vorbild, ihr fhlte er sich nher verbunden als der Homosexuellenbewegung in Deutschland. Er erlebte die Eskalation der Epidemie in den US-Metropolen wie auch die Mobilisierung von Teilen der Community auf direktem Wege mit.
In «Schweigen = Tod» der Titel lehnt sich an den Slogan der Aktionsgruppe ACT UP («Silence = Death») an portrtiert von Praunheim Akteur*innen der New Yorker Kunstszene, die unmittelbar durch Aids betroffen sind und ihre Kunst als dezidiert politischen Aktivismus verstehen. Von Praunheim erweist sich hier als berraschend zurckhaltender Interviewer. Er gibt seinen Protagonist*innen den Raum, sich zu ihrem Umgang mit der Krankheit und ihrer Arbeit zu uern und ihre Kunst zu zeigen. Gleich mit den ersten Szenen, wenn sich der Performanceknstler Emilio Cubeiro eine geladene Waffe in den Hintern schiebt und abdrckt, fordert Praunheim sein Publikum heraus. David Wojnarowicz schreit in seinem Spoken-Word-Vortrag seine Wut auf die Ignoranz der US-Regierung und seine Verzweiflung ber das mit Aids verbundene Elend direkt in die Kamera. Mit den bildenden Knstler Don Moffet und Keith Haring, dem Knstlerkollektiv Gran Fury oder der Avantgarde-Sngerin Diamanda Gals kommen zudem eine ganze Reihe weitere wichtigster Akteur*innen zu Wort, die sich in ihren Arbeiten offensiv mit Aids auseinandersetzen. Portrtiert wird zudem auch das Names Project, das mit dem Aids-Memorial-Quilt eine individuelle wie ffentliche Form des Trauerns und Gedenkens schuf.
Teddy Award fr die ersten beiden Teile der Aids-Trilogie
In dem parallel entstandenen Dokumentarfilm «Positiv» widmet sich von Praunheim dem Aids-Aktivismus in den USA. So besucht er beispielsweise Larry Kramer, den Mitbegrnder der Aids-Hilfsorganisation Gay Men’s Health Crises und fhrenden Kopf der Aids-Aktionsgruppe ACT UP, die mit spektakulren wie innovativen Protestformen der Regierung, den Kirchen und der Pharmaindustrie den Kampf angesagt und die Demonstrationskultur nachhaltig geprgt hat. Fr diese beiden Teile seine Aids-Trilogie wurde von Praunheim 1990 mit dem Teddy Award der Berliner Filmfestspiele ausgezeichnet. Sie bleiben ein wichtiges Dokument einer der tiefsten Krisen der queeren Community der Nachkriegszeit.
In der Bundesrepublik war zu dieser Zeit ein richtungsweisender Kampf entschieden. Der bayrische CSU-Staatssekretr Peter Gauweiler hatte mit seiner Strategie der Stigmatisierung, Kriminalisierung und Ausgrenzung von Menschen mit HIV und Aids keinen Erfolg. Durchgesetzt hatte sich die neue CDU-Gesundheitsministerin Rita Sssmuth. Sie lehnte Gauweilers Forderungen nach namentlicher Meldepflicht, Zwangstests und Schlieung schwuler Treffs ab und setzte stattdessen auf Prvention durch Aufklrung und auf eigenverantwortliches Handeln.
Der misslungene dritte Teil der Aids-Triloge
Im dritten Teil seiner Aids-Trilogie wendet sich von Praunheim nun der Situation in Deutschland bzw. in Berlin zu und wechselt die Seiten, wie es ihm viele Kritiker aus den eigenen schwulen Reihen vorwarfen, etwa der Journalist Elmar Kraushaar. Waren «Positiv» und «Schweigen = Tod» vor allem emphatische Reportagen, in denen sich von Praunheim als Person auffallend zurckhlt, so ist «Feuer unterm Arsch» ein filmisches Pamphlet und fragwrdiger Frontalangriff auf wichtige Akteure der Schwulenbewegung. Ihnen wirft er Ignoranz gegenber der lebensbedrohlichen Situation vor, was er auch schon zuvor getan hatte. Doch wo von Praunheim in «Ein Virus kennt keine Moral» mit polemisch und provokativen Mitteln Aufmerksamkeit zu erregen suchte, holt er in «Feuer unterm Arsch» zu einem wtenden, die Grenze der Denunziation berschreitenden Rundumschlag aus.
Von Praunheim portrtiert zunchst einige Berliner schwule Mnner und deren Umgang mit ihrer Aidserkrankung, darunter den Kabarettisten Gnther Thews, von den «3 Tornados». Doch Safer-Sex-Aktivisten, so die Message Rosa von Praunheims, sind eine Minderheit. Stattdessen werde weitergefeiert und ohne Kondom weitergevgelt, als gbe es kein Morgen und kein Virus. Dass Aidshilfen, der Berliner Abgeordnete der Alternativen Liste Dieter Telge, der Journalist Matthias Frings oder der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker statt auf Verbote vielmehr auf Prvention und Selbstverantwortung setzen, ist fr Praunheim nicht nachvollziehbar.
Sie kommen zwar kurz zu Wort, erhalten aber kaum Raum, um ihre Argumentation ausfhren zu knnen. Das Urteil hat der Filmemacher da lngst gefllt. Fr ihn sind sie «Schuldige am Tod von vielen Unschuldigen», und «Kriminelle», die es zu bekmpfen gilt. In einem Text der Begleitung zum Kinostart im Mai 1990 im «Spiegel», legte Praunheim noch nach. Seine Philippika mndet in der Sehnsucht nach staatlicher Repression und einem hart durchgreifenden Mann: «Vielleicht wre es besser, wir htten mehr Gauweiler und weniger Sssmuth gehabt.»
Praunheim kalkuliert platzierte Provokation sorgte fr die gewnschte Aufmerksamkeit. Ob er mit den Reaktionen gerechnet hat, ist zu bezweifeln. Es gab Boykottaufrufe, wtende Proteste, Praunheim wurde zur Persona non grata erklrt. Aidshilfen und Positivengruppen sagten ihre Mitwirkung bei Veranstaltungen rund um die Premierentour des Films ab. Von den drei Teilen der Aids-Triloge ist «Feuer unterm Arsch» am schlechtesten gealtert. Denn anders als in «Ein Virus kennt keine Moral», wo die bertreibung der Wirklichkeit zu deren Kenntlichkeit beitrgt, sind hier die Verzerrungen, Vereinfachungen und Auslassungen Mittel zum Zweck, nmlich um von Praunheims persnliche Agenda und Sicht zu untermauern.
Die Artikelserie «Queer Cinema Classics» wird gefrdert durch die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Sie erscheint parallel bei sissy und queer.de.
Links zum Thema:
«Ein Virus kennt keine Moral» auf DVD auf rosavonpraunheim.de
Mehr queere Kultur:
auf sissymag.de
