Nach brutaler Attacke in Berlin: Nour kmpft gegen das Schweigen
Am Freitag, den 22. August ereignete sich in Berlin-Kreuzberg nahe dem Halleschen Tor ein abscheulicher Vorfall: Zwei Mnner im Alter von 30 und 37 Jahren wurden queerfeindlich attackiert (queer.de berichtete). Beide Opfer erlitten Verletzungen am Kopf, an den Armen sowie im Bereich des Oberkrpers. Alarmierte Rettungskrfte brachten sie zur ambulanten Behandlung in ein Krankenhaus.
Eines der Opfer hat inzwischen Kontakt zu unserer Redaktion aufgenommen, um ber die Tat zu sprechen mit dem klaren Ziel, sich nicht zu verstecken und ffentlich ber Queerfeindlichkeit aufzuklren. Seinen Nachnamen mchte er aus Angst, von den Ttern aufgesucht zu werden, nicht preisgeben, da dieser auf dem Klingelschild steht. Seinen Vornamen, Nour, sowie Fotos drfen wir jedoch nach Rcksprache mit ihm verffentlichen.
In dem Interview spricht Nour nicht nur ber den genauen Ablauf der Tat und die daraus resultierenden krperlichen und emotionalen Folgen, sondern auch ber eine Petition, die er infolge des Vorfalls ins Leben gerufen hat. Darber hinaus thematisiert er den berwltigenden Rckhalt aus der queeren Community sowie die Rolle und Verantwortung der Medien im Umgang mit queerfeindlicher Gewalt.
Wir haben bereits auf Grundlage der Polizeimeldung ber den Vorfall am Halleschen Tor berichtet. Magst du ihn noch einmal in deinen eigenen Worten schildern?
Als mein Kumpel und ich am Mehringplatz vorbeigegangen sind, haben wir eine Gruppe Mnner abgelehnt, die uns Drogen angeboten haben. Daraufhin sind wir von einem der Mnner verfolgt worden. Ich fragte, ob alles OK ist. Er lachte und ging zurck, dann wurden wir von denen beleidigt mit «Schei-LGBTQ, ihr Ficker, Hurenshne, Schwuchteln». Wir sind weitergelaufen, dann wurden wir verfolgt von zwei weiteren auf einem Moped, beleidigt und angespuckt.
Die Situation eskalierte, als sie uns erneut mit dem Moped verfolgten, einer der Mnner abstieg und meinen Kumpel angriff. Whrend des Angriffs bin ich auch geschlagen worden, wobei mein Handy auf den Boden fiel. Obwohl wir um Hilfe gerufen haben, haben die Security-Mitarbeiter der BVG nicht reagiert. Schlielich haben uns die Angreifer zu neunt oder zehnt brutal geschlagen, bis eine Frau schrie und sie flohen. Nach dem berfall waren wir beide verletzt mein Kumpel hatte eine ausgekugelte Schulter und ich war benommen. Ich habe dann die Polizei angerufen, danach wurden wir ins Krankenhaus gebracht.
Welche unmittelbaren krperlichen und psychischen Folgen hattest du durch den Angriff?
Unmittelbar nach dem Angriff stellte sich heraus, dass meine Stirnhhle gebrochen war. Obwohl ich nach einem ersten CT aus dem Krankenhaus entlassen wurde, bemerkte ich Stunden spter, wie mein Gesicht anschwoll. Eine erneute Untersuchung besttigte den Bruch, der schlielich eine Operation notwendig machte. Die krperlichen Schmerzen und die OP waren die direkten, sprbaren Folgen.
Psychisch hat der Angriff ein neues Trauma bei mir ausgelst. Als jemand, der bereits in Syrien traumatisierende Erlebnisse hatte und aus einer Kultur floh, die keine Toleranz fr queere Menschen hat, suchte ich hier nach einem friedlichen Leben. Nun wurde ich auch in Berlin Opfer von Gewalt, was meine alten ngste und Traumata wieder hochkommen lie.
Wie beeinflusst der Vorfall bis heute deinen Alltag sowohl krperlich als auch emotional?
Krperlich bin ich froh, dass ich das Krankenhaus verlassen konnte, aber die Genesung braucht Zeit. Viel wichtiger ist der emotionale und psychische Einfluss auf meinen Alltag. Ich fhle mich nicht mehr sicher, besonders wenn ich abends allein unterwegs bin. Ich muss mich stndig umdrehen, um sicherzugehen, dass mir niemand folgt. Schon eine unerwartete Berhrung von hinten lsst mich panisch zusammenzucken.
Dieser Vorfall hat mich gezwungen, mich erneut mit der Aufarbeitung eines Traumas zu beschftigen, um wieder ein normales, friedliches Leben fhren und in meinem Beruf arbeiten zu knnen. Es ist eine enorme Last, die mich tglich begleitet.
Wie haben dein Umfeld und die Community auf den Angriff reagiert? Gab es Untersttzung, die dir besonders geholfen hat?
Mein Umfeld und die Community haben unglaublich liebevoll reagiert, was mir sehr viel Kraft gegeben hat. Die Untersttzung kam von allen Seiten: von Freunden, Bekannten, Kollegen und sogar von Freunden von Freunden und den Familien von Kollegen. Ich hatte viele Besucher im Krankenhaus, bekam zahlreiche Anrufe, E-Mails und Nachrichten und meine Freunde haben sogar Anzeigen im Internet gepostet.
Diese Welle der Solidaritt war berwltigend und hat mir gezeigt, dass es noch sehr viele Menschen gibt, die sich Frieden und ein gewaltfreies Miteinander wnschen. Die Untersttzung, die ich erfahren habe, hat mir geholfen, mich nicht allein zu fhlen. Mein Umfeld hat mich bis jetzt nicht im Stich gelassen und steht mir weiterhin zur Seite. Zustzlich habe ich mich an verschiedene Organisationen gewandt, die mich rechtlich untersttzen.
Du hast eine Petition gestartet kannst du erklren, worum es dabei genau geht?
In der Petition geht es im Kern darum, ein starkes Zeichen gegen Hass und Hetze in unserer Gesellschaft zu setzen. Ich bin der festen berzeugung, dass beides niemals eine Option fr ein friedliches Miteinander sein kann.
Mein zentrales Anliegen ist es, dass wir alle einander mit Respekt und Akzeptanz begegnen. Es geht darum, zu verstehen, dass jeder Mensch, so wie er ist, in Frieden leben darf. Die Botschaft «Leben und leben lassen» ist dabei entscheidend, auch wenn leider viele Menschen dieses Prinzip noch nicht verinnerlicht haben.
Ich bin sehr emotional bei diesem Thema, weil ich mir wnsche, dass die nchste Generation in einer bunteren und offeneren Welt aufwachsen kann und nicht die gleichen Erfahrungen machen muss, die ich gemacht habe. Mit der Petition mchte ich dazu beitragen, dass Liebe, Toleranz und Freiheit als die Werte gesehen werden, die sie wirklich sind: die Grundsteine fr eine menschliche und friedliche Gesellschaft.
Welche konkreten Vernderungen oder Reaktionen erhoffst du dir durch die Petition?
Durch die Petition erhoffe ich mir konkrete Vernderungen auf drei Ebenen.
Erstens geht es darum, eine lckenlose Aufklrung meines berfalls zu erwirken und dafr zu sorgen, dass er nicht als «zufllige Prgelei» bagatellisiert, sondern klar als queerfeindlich motivierte Gewalt anerkannt wird.
Zweitens soll der Schutz und die Sicherheit fr queere Menschen im ffentlichen Raum verbessert werden, beispielsweise durch mehr Polizeiprsenz und den Ausbau von Anlaufstellen fr Opfer von Hasskriminalitt.
Und drittens soll die Petition ein klares politisches Signal senden, dass Queerfeindlichkeit in Berlin keinen Platz hat, und nachhaltige Prventionsmanahmen wie Aufklrungsprogramme frdern.
Unsere Vision ist, dass Berlin eine Stadt bleibt, in der Vielfalt nicht nur geduldet, sondern aktiv geschtzt und gefrdert wird. Wir wollen zeigen, dass Hass und Gewalt hier auf null Toleranz stoen.
Warum ist es dir so wichtig, nun ffentlich ber den Angriff zu sprechen, obwohl es belastend ist?
Mir ist es wichtig, nun ber diesen Angriff zu sprechen, obwohl es emotional sehr belastend ist, weil so viele Menschen von hnlichen Taten betroffen sind, sich aber nicht trauen, darber zu reden. Ich mchte meine Stimme erheben, weil ich glaube, dass wir alle lauter werden mssen, um wirklich etwas zu verndern.
Ich hoffe, dass ich mit meiner Offenheit anderen, die hnliches erlebt haben, Mut machen kann, ebenfalls zu sprechen. Fr mich ist Zusammenhalt das Wichtigste und zwar fr alle Menschen. Es geht nicht nur um queere Menschen, sondern um jeden, der in einer offenen, vielfltigen Gesellschaft in Frieden und ohne Hass leben mchte.
Welche Botschaft mchtest du an andere Betroffene oder Menschen in hnlichen Situationen weitergeben?
Meine Botschaft an alle, die hnliches erlebt haben oder sich in vergleichbaren Situationen befinden, ist eine Botschaft der Hoffnung und des Muts.
Bitte, schweigt nicht. Erhebt eure Stimmen, denn Schweigen ndert nichts. Wenn wir uns verstecken, dann gewinnen diejenigen, die Hass verbreiten. Aber wenn wir uns zeigen und unsere Geschichten erzhlen, dann sind wir nicht mehr allein.
Halten wir fest zusammen. Seien wir freinander da, mit Liebe und Mitgefhl, denn das ist die strkste Waffe gegen Hass. Habt keine Angst, denn ihr seid nicht allein. Es gibt so viele von uns, die sich eine bessere Welt wnschen.
Nur gemeinsam knnen wir die Gesellschaft verndern. Lasst uns laut sein fr Frieden, Akzeptanz und Vielfalt. Das ist unsere Chance, eine Welt zu schaffen, in der niemand mehr Angst haben muss.
Wie siehst du die Rolle von Medienberichten ber queerfeindliche Gewalt? Was sollte sich in der Berichterstattung ndern?
Ich sehe die Rolle der Medien darin, dass sie durch eine verharmlosende und unzureichende Berichterstattung dazu beitragen, dass Politik und Gesellschaft nicht angemessen auf Gewalt gegen queere Menschen reagieren. Eine ehrliche und genaue Berichterstattung ist daher essenziell, um eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen und Betroffene besser zu schtzen.
Wenn du nach vorne blickst was gibt dir Hoffnung und was wnschst du dir fr dich persnlich und fr die Community?
Durch die berwltigende Untersttzung der Menschen um mich herum habe ich wieder Hoffnung geschpft. Diese Hoffnung gilt einem offenen und liebevollen Deutschland und erstreckt sich darber hinaus auf die ganze Welt. Mein tiefster Wunsch ist es, dass eines Tages berall Frieden herrscht, wo jeder Mensch frei und ohne Hass leben kann.
Ganz persnlich wnsche ich mir, dass das Wort «Trauma» irgendwann seine negative Bedeutung fr mich verliert und ich es positiv besetzen kann im Sinne, dass wir immer einen Weg finden, um Lsungen zu schaffen, anstatt um einen Therapieplatz kmpfen zu mssen, nur um zu berleben. Fr die Community wnsche ich mir eine bunte, freie Welt, in der jeder seinen Frieden findet und das Wort «Hass» fr immer aus den Herzen aller Menschen verschwindet.
Links zum Thema:
Petition gegen queerfeindliche Gewalt in Berlin Fr ein sicheres, freies und vielfltiges Berlin
