Oscar Wilde: Von Londons Liebling zum schwulen Verstoenen
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Oscar Wilde: Von Londons Liebling zum schwulen Verstoenen

Nachdenkliche Pose, zugewandter Blick, lngere Haare, Mittelscheitel, schwerer Pelzmantel: So kennt man Oscar Wilde. Es ist ein ikonisches Bild des Fotografen Napoleon Sarony. Anfang der 1880er Jahre erstellte der US-Amerikaner eine Serie aus mindestens 27 Posen, um die Fotos anschlieend zu verkaufen. Der irische Schriftsteller war zu dieser Zeit in den Vereinigten Staaten, um Vortrge ber den sthetizismus und dekorative Knste zu halten.

Eine Illustration, die sich an diesem Foto orientiert, ziert die Romanbiografie «Das Bildnis des Oscar Wilde» (Amazon-Affiliate-Link ) von Stephen Alexander. Den Pelzmantel liebte der Dandy innig. «Er kennt mich in- und auswendig, und ich brauche ihn wirklich», zitiert ihn sein einziger Enkel Merlin Holland in dessen lesenswertem Oscar-Wilde-Album.

35 Minuten Applaus fr Oscar Wilde

Oscar Wilde trug den Mantel nicht nur in den USA, sondern auch bei all seinen Premieren. Mit der Urauffhrung seines Stcks «Ernst sein ist alles» («The Importance of Being Earnest») beginnt der Autor Stephen Alexander seine Romanbiografie. Es ist eine auf den ersten Blick verwunderliche Wahl, weil Wilde nur knapp fnf Jahre spter bereits starb gut 40 Lebensjahre erzhlt das Buch also nicht.

Auf den zweiten Blick jedoch ergibt es Sinn und passt zur Herangehensweise: Denn die Premiere am 14. Februar 1895 markiert den Hhe- und zugleich Wendepunkt von Wildes Karriere. Das Publikum feierte das Stck und den Dichter, 35 Minuten lang applaudierte der Saal. Doch danach ging es nur noch bergab.

Der «Somdomite» wird zur Spottfigur

Denn John Douglas, der 9. Marquess of Queensberry, versuchte, Oscar Wilde nach der Premiere mit vergammeltem Gemse zu bewerfen. Warum? Weil er dem Dramatiker eine Affre mit seinem Sohn Lord Alfred Douglas unterstellte. Der 16 Jahre Jngere, den Oscar Wilde nur liebevoll Bosie nannte, war tatschlich sein Liebhaber.

Vier Tage spter hinterlie der Adelige dem Dandy eine Visitenkarte mit handschriftlicher Notiz und Rechtschreibfehler: «For Oscar Wilde posing Somdomite» John Douglas wusste nicht, wie man Sodomit schreibt, vermochte es aber, den von der Londoner Society gefeierten Schriftsteller rasend schnell zur Spottfigur zu machen.

Das Urteil: Zwei Jahre Zwangsarbeit

Oscar Wilde wollte sich die Notiz nicht gefallen lassen. Er strengte einen Verleumdungsprozess an und ging Douglas damit wohl in die Falle. Der konnte nmlich dank zweifelhafter Zeugen beweisen, dass Oscar Wilde mit seinen schwulen Affren gegen das Gesetz verstt. Dafr wurde er zu zwei Jahren Zuchthaus und Zwangsarbeit verurteilt.

Stephen Alexander erzhlt das alles sehr anschaulich, lebendig, fast filmisch. Fr die Darstellung des Gerichtsverhrs sttzt er sich auf die verffentlichte wrtliche Wiedergabe. Hin und wieder geht er das fordert das Genre angenehm fantasievoll mit Oscar Wilde und dessen Umfeld um, wird ihm aber stets gerecht. Vor allem zum Ende hin hlt er sich nicht an die Fakten, sondern deutet sie trumerisch.

Oscar Wilde, Dandy und Exzentriker

Auf rund 250 Seiten erzhlt er konzise und ohne lange Ausstaffierungen. Von der ersten Trennung von Bosie zur Vershnung braucht es nur ein paar Seiten, und die zwei Jahre im Zuchthaus finden lediglich auf 20 Seiten Platz. Stellenweise wirkt das etwas gehetzt, gerade die Zeit nach dem Gefngnis in Paris und die Reise nach Neapel mit Bosie htten mehr Platz verdient.

Natrlich bedient sich der Autor an Oscar Wildes Bonmots, die sich heutzutage auf Postkarten, Tassen und Wandtattoos wunderbar vermarkten lassen, und zeichnet dessen dandyhaften und exzentrischen Charakter nach.

Seine Liebe kann ihm nicht genommen werden

Aber, und das ist das Besondere: Die Romanbiografie reduziert Oscar Wilde nicht darauf, auch wenn das Pelzmantel-Cover das womglich suggeriert. Nein, «Das Bildnis des Oscar Wilde» zeigt vielmehr, wie sehr der Schriftsteller von der Justiz, der Presse und der ganzen Gesellschaft gedemtigt wurde, wie der Andersliebende gebrochen werden sollte. Nur dass sie das nicht schaffen.

Denn Oscar Wilde wird sich zwar krperlich nie mehr von der unwrdigen Haft erholen. Was ihm aber niemand nehmen kann, sind seine geschliffene Sprache, seine Philosophie und schlielich seine Liebe zu Bosie, aber auch zu seiner Familie.

Oscar Wilde stellt sich der Justiz, mit allen Konsequenzen

Oscar Wilde war einst «der berhmteste Homosexuelle der Welt» und kann als «der erste queere Mrtyrer des Medienzeitalters» gelten. Das schreibt der Autor Kevin Clarke in einem lesenswerten Essay im Programmheft zur groartigen Inszenierung «Die Mrchen des Oscar Wilde erzhlt im Zuchthaus zu Reading» von Regisseur Andr Kaczmarczyk am Dsseldorfer Schauspielhaus.

Das ist ein Aspekt, der bei den geistreichen und zum Schmunzeln bringenden Aperus, auf die Wilde gern reduziert wird, oft untergeht: Oscar Wilde als Mrtyrer, der eben nicht vor der Justiz floh, sondern sich ihr stellte mit allen Konsequenzen. Darauf bezieht sich auch der Titel des langen Briefs, den er aus der Haft an Bosie schreibt: «De Profundis», so beginnt auch Psalm 130, wenn Jesu Gott vor der Kreuzigung «aus der Tiefe» ruft.

Der tiefe Fall eines Stars

«Das Bildnis des Oscar Wilde» schafft es, diese Seite des Schriftstellers wrdig darzustellen. Ohne sein Schicksal zu sehr auf unsere Zeit bertragen zu wollen, zeigt die Romanbiografie auch, wie schnell ein gefeierter Star wegen seiner Queerness verstoen wird, wenn sich der Wind dreht und die Gesellschaft beschliet, es zu tun.

Den Pelzmantel trug Oscar Wilde nach der Premiere brigens nicht mehr lange. Sein Bruder verkaufte ihn whrend Oscars Haft.

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