Outcast Pride
Enid hat die Nase voll von Leichen. Whrend Wednesday sich wieder einmal kopfber in Mordflle strzt, erklrt ihre Mitbewohnerin trotzig, sie befinde sich in ihrer «Freizeit-und-Spa»-ra und die dulde keine Verbrechen. «Du wirst von einem Mrder verfolgt. Ich habe scharfe Zhne und Krallen, erinnerst du dich?», beschwichtigt sie ihre Freundin, um anschlieend trocken hinzuzufgen: «Und spter habe ich meine erste Fahrstunde.» Dieser Dialog fasst schon ganz gut zusammen, wie «Wednesday» auch in der zweiten Staffel zwischen Coming-of-Age-Komdie und familienfreundlichem Gothic-Horror pendelt.
Tim Burton fhrt uns zurck an die Nevermore-Akademie, wo sich die sogenannten Outcasts tummeln Menschen mit bernatrlichen Fhigkeiten, die von der Auenwelt als merkwrdig, fremd, ja, bedrohlich gelten. Hier lernen sie nicht nur, ihre Krfte zu beherrschen, sondern auch Stolz darauf zu entwickeln. «Outcast Pride», nennt es der neue Schulleiter Barry Dort (Steve Buscemi), der nebenbei Feuer aus seinen Hnden zaubern kann.
Eine deutliche queere Metapher
Dass die Serie zwar keine offenen queeren Beziehungen zeigt, aber in der Figur des Outcasts eine deutliche queere Metapher anlegt, ist kaum zu bersehen. Besonders, wenn die Schler*innen gegen eine Truppe soldatenhafter Pfadfinder antreten, um einen Campingplatz zu erobern: Die testosterongesteuerten Fremden werden als stumpfsinnige Karikaturen inszeniert, whrend die Outcasts sich in der Vielfalt ihrer Begabungen feiern. Niemand muss sich erklren oder gar outen ein schner Bruch mit dem sonst so ritualisierten Coming-out-Narrativ.
Im Zentrum steht einmal mehr Jenna Ortega, die als Wednesday Addams eiskalt glnzt. Sie lacht erstmals, als sie von ihrer Gromutter einen Friedhof geschenkt bekommt. Farben lsen bei ihr eine Allergie aus, ihr Handybesitz ist undenkbar, und Gefhle dokumentiert sie nicht in Chats, sondern auf der Schreibmaschine. FOBI «fear of being included» bestimmt ihr Sozialleben, whrend sie mit stoischer Obsession Cello spielt: mal Prokofiev, mal eine dster arrangierte Version von «Zombie». Nicht aus Leidenschaft, sondern aus Faszination fr das Streben nach Exzellenz. In geschickt montierten Szenen wird dieses Spiel zum Herzschlag der Serie.
Erfreulich: Tim Burtons Liebe zur Animation
Die Dynamik zwischen Enid und Wednesday schwankt zwischen zarter Komik und verschenkten Mglichkeiten. Vieles pltschert dahin, wo mehr schwarzer Humor den Ton htte schrfen knnen. Doch wenn die beiden in einer Episode die Rollen tauschen, entfalten Ortega und Emma Myers pltzlich ein wunderbar pointiertes Spiel. Ebenso erfreulich: Burtons Liebe zur Animation, die etwa in der Stop-Motion-Erzhlung eines Zombies aufscheint ein brillanter Junge mit fragiler Pumpe, der sich ein mechanisches Herz baut.
Die Addams-Eltern bleiben dagegen ein verwirrendes, aber unterhaltsames Rtsel: Der Vater ist Sympathietrger, aber dramaturgisch bloer Lckenfller «Fragst du als mein Anwalt oder als mein Vater?», heit es etwa. Die Mutter bleibt eine mysterise Goth-Ikone, die mehr Profil vertragen knnte, whrend die Gromutter die Devise vertritt, Gefhle sollten tief vergraben und innerlich zerfressen werden. Tiefgang sucht man hier vergeblich, pointierteren Witz ebenso. Dass die grte Sympathie letztlich einer Hand gehrt «The Thing» -, spricht Bnde.
Die zweite Staffel neigt dazu, ihre Story zu berladen
Nicht alles luft rund: Pugsley (Isaac Ordonez), Wednesdays Bruder, bleibt erschreckend schlecht geschrieben und gespielt, seine Suche nach Freund*innen wirkt verzweifelt. Der Zombie taucht anfangs wie ein zielloser Plotfller auf, bis ein spterer Twist das halbwegs rettet. Die zweite Staffel neigt dazu, ihre Story zu berladen: Sekten, Outcast-Forschung, Tylers Familiengeschichte, ratlose Nebenfiguren, Enids Entwicklung zur Alpha-Werwlfin.
Man mchte den Drehbuchautor*innen zurufen: Keep calm and don’t wolf out! so wie es in der Hhle steht, in der Werwlfe bei Vollmond weggesperrt werden. Dazu kommt ein World-Building, das sich stndig selbst neue Regeln aus dem rmel zieht. Warum Polizist*innen ausgerechnet die «Normis», also die Nicht-Outcasts, stellen mssen, bleibt vllig unlogisch.
Ein queeres Highlight setzt schlielich Lady Gaga mit ihrem Cameo als Rosaline Rotwood, einer Hellseher-Lehrerin aus den 1960ern, die frappierend an Gagas «American Horror Story»-Figur The Countess erinnert. Nicht nur optisch, auch musikalisch markiert sie einen Hhepunkt: Ihr Disco-Song «The Dead Dance» bekam von Tim Burton ein groteskes Musikvideo, gedreht auf der Island of the Dolls in Mexiko, wo Gaga zwischen grinsenden Puppen tanzt. In der Serie taucht das Stck mitsamt Choreografie auf ein cleverer Verweis auf den TikTok-Hype um «Bloody Mary».
So taumelt die zweite Staffel zwischen berbordenden Ideen, genialen Einzelmomenten und erzhlerischen Sackgassen und bleibt doch ein faszinierendes, schauriges Coming-of-Age-Spektakel.
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