Queer in NRW: Mehrheit berichtet von Gewalterfahrungen
In einer Studie zu Lebenslagen queerer Menschen in Nordrhein-Westfalen enthllt eine Mehrheit der Befragten Gewalt-Erfahrungen. In einer Untersuchung fr das Landesgleichstellungsministerium gaben ber 2.800 Menschen und damit eine Mehrheit der Befragten an, dass sie in den vergangenen fnf Jahren in NRW entweder selbst bergriffe erfahren haben (38 Prozent) oder Menschen im nahen persnlichen Umfeld kennen, die Opfer eines bergriffs geworden sind (24 Prozent).
Trans, intergeschlechtliche sowie nichtbinre Personen htten besonders hufig von Ungleichbehandlung sowie Diskriminierung und Gewalt-Erfahrungen berichtet. Mit Blick auf die Zukunft befrchten laut Studie mehr als 80 Prozent aller Befragten der LSBTIQ*-Community, dass sich ihre Situation verschlechtern wird. Sie sorgen sich vor einer zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung.
Die am Freitag von Landesfamilienministerin Josefine Paul (Grne) vorgestellte Studie «Queer durch NRW» ist laut Landesregierung die bundesweit grte dieser Art. Laut Schtzungen sei etwa jede zehnte Person der gut 18 Millionen Einwohner*innen im bevlkerungsreichsten Bundesland Mitglied der LGBTIQ-Community.
Trotz negativer Erfahrungen hohe Zufriedenheit
Die Studie enthlt auch positive Ergebnisse: Fast drei Viertel aller Befragten uerten sich mit ihrem Leben zufrieden. Darber hinaus schtzten zwei Drittel ihren Gesundheitszustand als gut oder sehr gut ein.
In etlichen Lebensbereichen werden der Studie zufolge mehrheitlich positive Erfahrungen gemacht: am hufigsten in der Freizeit sowie im Umfeld von Kultur und Ehrenmtern (91 Prozent), bei der sozialen Arbeit (90 Prozent), in Hochschulen oder Berufsakademien (90 Prozent), in Kitas (83 Prozent), in der Arbeitswelt (83 Prozent) und in der Familie (82 Prozent).
«Fr Nordrhein-Westfalen ist es einerseits eine gute Nachricht, dass viele LSBTIQ* derzeit zufrieden sind mit ihrer Lebenssituation in NRW», erklrte dazu Ministerin Paul. «Es stimmt mich allerdings nachdenklich, dass LSBTIQ* mehrheitlich pessimistisch in die Zukunft schauen.» Die schwarz-grne Landesregierung setze sich deshalb kontinuierlich dafr ein, «queere Menschen vor Diskriminierung zu schtzen unter anderem durch die Frderung psychosozialer Beratungsstellen, die Landeskoordination der Anti-Gewalt-Arbeit sowie die spezifische Frderung der Landeskoordinationen fr Trans* und Inter*».
Wie geht es lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans*, inter*, nicht-binren und queeren Menschen in NRW? Was bewegt…
Nach Angaben des beauftragten Forschungsinstituts hatten im vergangenen Jahr rund 6.200 Teilnehmende aus der Community sowie Angehrige einen Online-Fragebogen zu ihren Erfahrungen beantwortet. Zudem wurden rund 5.200 Fachkrfte aus unterschiedlichen Berufen befragt darunter etwa Schulen, Polizei, Pflege, Sozialarbeit.
Die Erhebung liefert nach Angaben der Autor*innen keine statistisch reprsentativen Zahlen. Auf Basis der umfangreichen Daten aus ber 10.000 Erfahrungsberichten sei es aber mglich, magebliche Problemlagen zu identifizieren.
Angst ist eine hufige Begleiterin
Dazu zhle ein hohes Unsicherheitsgefhl der queeren Community: Mehr als ein Drittel der Befragten fhlt sich demnach im ffentlichen Raum eher unsicher, weitere rund sieben Prozent sehr unsicher. Mehr als drei Viertel aller Befragten meiden bestimmte Straen, Pltze oder Parks.
Aus einigen Lebensbereichen werden besonders hufig negative Erfahrungen geschildert, allen voran in der Schule: 42 Prozent derjenigen, die in den vergangenen fnf Jahren in Nordrhein-Westfalen zur Schule gegangen sind, berichten den Ergebnissen zufolge von berwiegend negativen Schulerfahrungen. Etwas mehr als ein Viertel gibt jeweils berwiegend negative Erfahrungen in mtern und Behrden (27 Prozent) und im Sport (26 Prozent) an.
Von denen, die Gewalt-Erfahrungen angaben, hat sich nicht einmal jeder Zehnte bei der Polizei gemeldet. «Unter den grten Hinderungsgrnden, Kontakt zur Polizei aufzunehmen, befinden sich neben dem Aufwand auch Befrchtungen, dass die Polizei geringe Kompetenz zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt aufweist oder auch Diskriminierung durch die Polizei selbst erfolgen knnte», heit es in der Studie. (dpa/dk)
Update 15:30 Uhr: Queeres Netzwerk NRW fordert Landesregierung zum Handeln auf
Das Queere Netzwerk NRW hat in einer ersten Reaktion die Landesregierung angesichts der Studienergebnisse aufgefordert, etwas zu unternehmen: «Die Landesregierung hat Hausaufgaben zu machen und zwar dringend!», erklrte Vorstandsmitglied Laura Becker. «Es erfordert nun eine entschlossene, finanzierte und ministeriumsbergreifende Strategie zum nachhaltigen Abbau von Queerfeindlichkeit in NRW. Aus der queeren Community wird schon seit Jahren Alarm geschlagen, sptestens jetzt gibt es keine Ausreden mehr!», so Becker weiter. Insbesondere in den Bereichen Schule, Gesundheit, Pflege und Polizei fehle es hufig an Queer-Kompetenz bzw. an geeigneten Fortbildungsangeboten.

