Queere Annherungen whrend der Bombenentschrfung
Die Gefahr lauert unter uns. Etwa 100.000 Tonnen Blindgnger aus dem Zweiten Weltkrieg liegen noch in Deutschland. Hamburg ist besonders betroffen. Bei der «Operation Gomorrha» bombardierten die Alliierten die Stadt, 30.000 Menschen starben. Und Lebensgefahr besteht bis heute.
Lane soll dafr sorgen, dass nichts passiert. Die Bombenentschrferin trgt aber nicht nur die Verantwortung fr irgendeinen Stadtteil: Ganz in der Nhe des Blindgngers lebt ihre Mutter Margit. Die ist ber 80, schon ein wenig vergesslich, latent alltagsrassistisch und hat als Kind die Bombardierung der Hansestadt erlebt. Erinnerungen kommen hoch, mit ihnen ngste und Panik. Sie weigert sich, das Haus zu verlassen.
Auch Junis hat Angst vor der Bombe
Genauso geht es dem Teenager Junis ein Stockwerk weiter. Die Traumatisierung des afghanischen Geflchteten ist noch frischer, seine Angst genauso gro. Dass dann auch noch die Polizei durch die Straen fhrt, laute Durchsagen macht und an den Tren klopft, sorgt bei ihm fr noch mehr Beklemmung. Zwei Perspektiven, weit voneinander entfernt und doch ganz hnlich.
«Blindgnger» ist ein Episodenfilm, der in einer abgesteckten Zeit Fund der Bombe ber Evakuierung bis zur Entschrfung eine Vielzahl an Geschichten erzhlt. Die sind mehr oder weniger miteinander verwoben, manche Verbindungen werden auch erst ganz spt klar.
Unerwartet explodieren die Gefhle
Die Bombe ist dabei nicht nur eine ganz reale Gefahr. Sie erinnert auch an den Zweiten Weltkrieg, dessen Ende sich dieses Jahr zum 80. Mal jhrt und an die Ukraine, die von Russland schwer mit Landminen verseucht wird. Der titelgebende Blindgnger dient darber hinaus auch als Metapher fr alles, was in uns schlummert, und jederzeit unerwartet explodieren kann.
Gefhle zum Beispiel. So geht es der Entschrferin Lane, Ende 40. Die ist sowieso schon gestresst, weil sie die Einsatzleitung von ihrem Kollegen Otto bernehmen muss und weil ihre Mutter die Wohnung nicht verlassen will. Und dann findet sie die neue Psychologin des Teams, Ava, auch noch ziemlich anziehend. Ava geht es genauso. Und das ist nicht die einzige queere und zrtliche Annherung whrend der Bombenentschrfung. Viktor, der den Geflchteten Junis bei sich wohnen lsst, hat nmlich noch ein Geheimnis.
Diversitt, die nicht Selbstzweck ist
Man merkt schnell, dass «Blindgnger» von Regisseurin Kerstin Polte ein besonderer Film ist. Er beginnt mit atmosphrischen, leicht verfremdeten Archivbildern vom Bombenkrieg, poetisch und geheimnisvoll unterlegt. Und er sieht groartig aus, was nicht nur an Kamerafrau Katharina Bhler liegt, sondern auch am Szenenbild von Daniela Herzberg: Sowohl Lanes Wohnwagen als auch die Altbauwohnung ihrer Mutter sind detailverliebt eingerichtet.
Auergewhnlich ist auch, wie unverkrampft divers «Blindgnger» ist, hinter der Kamera, wo fast nur Frauen beteiligt waren, aber auch davor. Eine rztin im Rollstuhl oder eine Schwarze Angestellte sind da selbstverstndlich Teil des Films, und auch dass Lane und Ava sich (auch?) fr Frauen interessieren, wird weder thematisiert noch zum Problem gemacht. Eine ungezwungene Diversitt, die berhaupt nicht nur Selbstzweck ist, und die immer noch viel zu selten im deutschen Kino ist. «Blindgnger» setzt da definitiv einen neuen Standard.
Ein besonderer Film
Auf erzhlerischer Ebene sind Episodenfilme immer Gratwanderungen, weil natrlich nicht alle Figuren gleichberechtigt sein knnen, der Film aber von der Flle der Perspektiven profitiert. «Blindgnger» htte aber etwa auf Ottos Frau Hanne oder den Schler William verzichten knnen zwei Figuren, die zu unterkomplex und schablonenhaft bleiben.
Hamburg als Kulisse kommt auerdem leider wenig zur Geltung, auer in bertriebenen Radionachrichten. Zum Ende hin verliert die Geschichte zudem etwas vom Mut und der Innovation, die die erste Hlfte prgten. Doch viele schne Ideen vom weien Kaninchen bis zur queeren Party machen «Blindgnger» doch zu einem sehr besonderen Film.
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