Queere NS-Opfer: Historikerin fordert «offiziellen Gedenktag»
Die Stadt Dsseldorf erinnert derzeit mit einer umfassenden Veranstaltungsreihe an die Befreiung und das Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945. In diesem Rahmen setzte sich das freie Theaterkollektiv DsselDrama Ende Februar mit der fortgesetzten Verfolgung homosexueller Menschen in Dsseldorf nach Kriegsende auseinander. Unter dem Titel «Nach dem Rosa Winkel» prsentierten queere Jugendliche und junge Erwachsene eine szenische Lesung, die die Diskriminierung und Repression in der Nachkriegszeit beleuchtete.
Begleitet wurde das Kooperationsprojekt mit der Mahn- und Gedenksttte Dsseldorf von der queeren Historikerin Astrid Hirsch-von Borries, die ber die Verfolgung der queeren Szene der Stadt referierte. Wir sprachen mit ihr ber die queere Geschichte Dsseldorfs, die Kontinuitt der Verfolgung in und nach der NS-Zeit sowie ber verschiedene Formen der Erinnerungskultur in einer pluralen Stadtgesellschaft.
Du forschst zur queeren Geschichte und zur Rolle von Frauen in der Erinnerungskultur. Wie bist du zu diesem Thema gekommen?
Eigentlich durch die Arbeit selbst. Am Anfang war das fr mich noch kein klarer Schwerpunkt obwohl ich selbst Frau und queer bin. Erst mit der Zeit, durch verschiedene Texte und Anstze, habe ich gemerkt, wie zentral diese Themen fr mich sind. Neben der Historikerin in mir hat sich auch ein innerer Aktivismus entwickelt.
Welche Aspekte sind dir dabei wichtig?
Sichtbarkeit ist fr mich die groe berschrift. Frauen im Widerstand, Frauen im Nationalsozialismus das wurde lange kaum thematisiert. Erst in den letzten Jahren hat sich das durch mehr Historikerinnen verndert. Mich interessiert, wie diese Frauen heute sichtbar gemacht werden knnen: durch Straen- oder Platzbenennungen oder als Inspiration fr junge Frauen. Dabei mssen es nicht immer berhmte Namen sein, sondern Frauen, die Rckgrat bewiesen haben.
hnlich ist es bei queerer Geschichte. Besonders lesbische Frauen geraten oft in Vergessenheit, weil 175 fast nur auf Mnner angewandt wurde. Ihre Verfolgung verlief anders, aber sie war da und muss sichtbar gemacht werden.
Vor 1933 gab es in Dsseldorf eine kleine, aber lebendige queere Szene. Was wissen wir darber?
Dsseldorf war damals eine moderne Grostadt, oft als «Klein-New York» oder «Klein-Paris» bezeichnet. Das zog internationales Publikum an und sorgte fr eine gewisse Offenheit. Es gab Treffpunkte wie das Lokal «Vater Rhein» oder den «Tosca-Palast», wo man sich relativ unbeobachtet treffen konnte.
Gleichzeitig war Homosexualitt strafbar. Besonders die Morde von Fritz Haarmann haben zu einer Hysteriewelle gefhrt, die Queerness mit Kriminalitt verknpfte. Trotzdem war Dsseldorf in den 1920er Jahren ein Zentrum fr queeres Leben mehr als Kln zu dieser Zeit.
Mit der Machtbernahme der Nationalsozialist*innen begann die Verfolgung. Warum war Dsseldorf besonders betroffen?
Verfolgungspolitik hing stark von lokalen Funktionren ab. In Dsseldorf war das Gauleiter Friedrich Karl Florian, der eine starke persnliche Ablehnung gegenber Homosexuellen hatte. Die Gestapo griff das auf, und so wurde Dsseldorf zur Stadt mit den meisten Verhaftungen nach 175 in Westdeutschland.
Die Gestapo nutzte perfide Methoden, um homosexuelle Mnner zu berfhren. Gibt es ein Beispiel aus Dsseldorf?
Ja, klassische Lockvogel-Flle: Junge Stricher wurden verhaftet, brutal verhrt und vor die Wahl gestellt sie halfen der Gestapo oder kamen selbst ins Lager. Ein Beispiel ist, dass ein Stricher-Junge gezwungen wurde, in der Stadtmitte einem Abgeordneten «Guten Morgen» zu sagen. Wenn der Mann zurckgrte, konnte das als «verliebter Blick» ausgelegt und als Verhaftungsgrund nach 175 genutzt werden.
Besonders grausam war die Praxis der Zwangskastrationen in der «Ulmer Hh'». Wie wurde das begrndet?
Die Nationalsozialist*innen sahen Homosexualitt als Bedrohung fr den «Volkskrper». Zwangssterilisationen dienten offiziell dazu, «unerwnschte Fortpflanzung» zu verhindern, aber im Fall homosexueller Mnner ging es bei den Zwangskatrationen vor allem um die angebliche «Eindmmung des Sexualtriebs».
Viele der Mnner erlebten die Kastration unter Teilnarkose und bekamen den Eingriff bewusst mit. Ein traumatisierender Eingriff, von dem viele nicht mehr psychisch oder physisch zurck ins Leben fanden.
Nach 1945 blieb der 175 bestehen. Welche Auswirkungen hatte das auf berlebende?
Die Verfolgung ging weiter. Der kurze Moment nach Kriegsende, in dem man htte hoffen knnen, dass dieses Unrecht beendet wird, zerschlug sich schnell. Homosexualitt blieb strafbar, und damit war auch keine Entschdigung mglich.
Es gibt kaum persnliche Zeugnisse von Betroffenen. Viele hatten ihr Trauma verdrngt oder wollten um jeden Preis vermeiden, erneut kriminalisiert zu werden.
Wie prsent ist die Verfolgung queerer Menschen heute im kollektiven Gedchtnis Dsseldorfs?
2022 wurde das Denkmal auf der Apollo-Wiese errichtet ein wichtiger Schritt, der ber 20 Jahre erkmpft wurde. Es ist nicht nur ein Mahnmal fr die NS-Opfer, sondern auch fr den langen Kampf der Community um Anerkennung.
Dazu kommen Stolpersteine, mittlerweile sieben Stck. Aber insgesamt bleibt die Sichtbarkeit gering. Viele queere Orte der Weimarer Zeit sind heute verschwunden, ohne dass es Hinweise auf ihre Geschichte gibt. Es gibt keine Gedenktafeln, die an diese Rume erinnern.
Welche Rolle spielt das Theater in der Erinnerungsarbeit?
Theater spielt eine groe Rolle, weil es Geschichte erfahrbar macht besonders fr Menschen, die sich sonst vielleicht nicht mit diesen Themen auseinandersetzen wrden. Ich finde es groartig, dass das freie Theaterkollektiv DsselDrama mit der Mahn- und Gedenksttte kooperiert.
Besonders wichtig ist dabei ihre Rosa-Winkel-Trilogie, die sich mit der Verfolgung queerer Menschen vor, whrend und nach dem Nationalsozialismus befasst. In diesen Intensiv-Theaterworkshops wird nicht nur historisches Wissen vermittelt, sondern auch knstlerisch verarbeitet. Dadurch entstehen emotionale Zugnge, die das Thema besonders fr junge Menschen greifbarer machen.
Gerade bei Jugendlichen sind queere Themen oft noch mit Unsicherheiten oder Vorurteilen behaftet. Theater kann helfen, diese Barrieren abzubauen indem es nicht nur Fakten vermittelt, sondern Geschichten lebendig macht.
Was sollte aus deiner Sicht noch getan werden?
Mehr Sichtbarkeit. Neben Stolpersteinen und dem Denkmal auf der Apollo-Wiese sollte es weitere Zeichen im Stadtbild geben. Viele Orte der queeren Geschichte sind verloren gegangen zum Beispiel das Lokal «Vater Rhein», das heute nicht mehr existiert. Eine Gedenktafel oder eine kreative Erinnerungsform wre wichtig.
Darber hinaus wre ein offizieller Gedenktag denkbar. Auch als Zeichen, dass die Geschichte der queeren NS-Opfer einen festen Platz im kollektiven Gedchtnis erhlt.
Gibt es schon konkrete Plne fr einen solchen Gedenktag?w
Die Idee gibt es, ja. Es wre ein wichtiger nchster Schritt und die Apollo-Wiese wre der ideale Ort dafr. Denn Erinnerung ist nicht nur Rckblick, sondern auch Verantwortung fr die Gegenwart. Die queere Geschichte Dsseldorfs darf nicht in Archiven verschwinden. Sie muss erzhlt werden auf Gedenktafeln, auf Bhnen, in Bchern, im Stadtbild. Damit die Geschichten der Verfolgten nicht verstummen und wir aus der Vergangenheit fr die Zukunft lernen knnen.
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