Queeres Begehren in unterschiedlichen ren
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Queeres Begehren in unterschiedlichen ren

Eine Hollywood-Produktion mit Star-Besetzung. Groe Namen selbst in den Nebenrollen. Zahlreiche Nominierungen und Auszeichnungen auf Festivals und Preisverleihungen. «The Hours» ist zum einen gehobenes Mainstream-Kino anspruchsvolle Unterhaltung fr ein breiteres Arthouse-Publikum. Doch zum anderen ist dieser Film von Stephen Daldry ein einzigartiges Faszinosum: die Adaption eines als unverfilmbar geltenden Romans, der sich wiederum ganz wesentlich auf einen anderen, betont experimentellen Roman aus dem Jahr 1925 bezieht. Mit einer Geschichte, die kaum von ueren Handlungen lebt, sondern sich auf die inneren Welten der Figuren konzentriert, um Gefhle der Entfremdung und des Bedauerns zu vermitteln. Und beinahe nebenbei ist «The Hours» ein Film mit bemerkenswerter queerer Sensibilitt, der von unterdrcktem Verlangen, von Ausbruchsbemhungen, Desillusion, aber auch von allmhlichem Fortschritt erzhlt.

Der 1998 verffentlichte Roman «Die Stunden» von Michael Cunningham verknpft die Schicksale dreier Frauen auf drei Zeitebenen miteinander. In kurzen, einander abwechselnden Abschnitten, die jeweils mit dem Namen einer der Protagonistinnen betitelt sind, schildert der Autor die Gedanken seiner Heldinnen, die alle auf ihre Weise mit dem Roman «Mrs. Dalloway» und damit miteinander verbunden sind. Im Kern begleiten wir die Figuren fr je einen Tag: So hlt sich die britische Schriftstellerin Virginia Woolf im Jahr 1923 mit ihrem Ehemann Leonard in einem kleinen Ort in der Nhe von London auf. Nach zwei Suizidversuchen wird sie streng von rzten berwacht, sie fhlt sich wie eine Gefangene. Als der Besuch ihrer Schwester Vanessa mit deren drei Kindern ansteht, beginnt Virginia mit der Arbeit an ihrem neuen Buch und findet hierfr den ersten Satz: «Mrs. Dalloway sagte, sie wolle die Blumen selbst kaufen.»

Lesbische Lektorin pflegt ihren schwulen Ex

Den vollendeten Roman «Mrs. Dalloway» liest die Hausfrau Laura Brown, die im Jahr 1951 mit ihrem Ehemann Dan und dem gemeinsamen kleinen Sohn Richie in einem Vorort von Los Angeles wohnt und gerade das zweite Kind erwartet. Sie «versucht sich zu sammeln, indem sie sich Zugang zu einer Parallelwelt verschafft», heit es bei Cunningham. Ihr Vormittag besteht darin, eine Geburtstagstorte fr Dan zu backen. Nachdem sie ihren Sohn bei einer Nachbarin abgibt, sucht sie ein Hotelzimmer auf, um sich dort das Leben zu nehmen. Sie ndert ihren Plan allerdings wieder und kehrt nach Hause zurck, vorerst.

Im Jahr 2001 wiederum trifft sich die New Yorker Lektorin Clarissa Vaughan mit ihrem langjhrigen Freund Richard Brown, einem an Aids erkrankten Schriftsteller. Er nennt Clarissa «Mrs. Dalloway», da ihr Wesen dem der fiktiven Heldin gleiche. Sie lebt seit zehn Jahren in einer Beziehung mit ihrer Freundin Sally Lester und hat eine Tochter, die aufs College geht. An diesem Tag bereitet sie eine Party zu Ehren von Richard vor, der einen wichtigen Literaturpreis gewonnen hat. Einst waren Clarissa und Richard fr einen Sommer lang ein Paar; kurz darauf kam er mit Louis Waters zusammen, der nun (als Ex-Freund) ebenfalls zur Feier erscheint.

Im Film sind die drei Frauen noch enger miteinander verzahnt

Der Drehbuchautor David Hare hat die einzelnen Passagen um die drei Frauen noch enger miteinander verzahnt als in der literarischen Vorlage. Auf inszenatorischer Ebene nutzt Daldry gemeinsam mit seinem Editor Peter Boyle nicht nur die Parallelmontage, sondern hufig auch Match Cuts, die diverse Formen, Bewegungen und Dialogzeilen von einer Szene in der nchsten aufgreifen und damit den Eindruck flieender bergnge erzeugen. Figuren, die rumlich und zeitlich weit voneinander entfernt sind, knnen sich dank der Montage und der Kameraarbeit von Seamus McGarvey scheinbar anblicken. Situationen spiegeln sich und lassen dabei feststehende Strukturen erkennen, zuweilen jedoch auch Entwicklungen im Laufe der Jahrzehnte. Die Musik des Komponisten Philip Glass hlt die drei Erzhlstrnge auf einem emotionalen Level zusammen und sorgt fr eine dichte Atmosphre.

Alle drei Protagonistinnen hadern mit ihrem Leben. «Wieso ist alles verkehrt?», heit es an einer Stelle ernchtert. «Ich hatte gedacht, sie wrde gelingen», bemerkt Laura enttuscht, als sie die fertige Geburtstagstorte sieht und meint damit genauso ihre gesamte Vorort-Existenz als Gattin und Mutter. Laura ringt mit den Erwartungen, die sie an sich selbst stellt und die sie in ihrem Umfeld sprt. «Was, fragt sie sich, ist blo mit mir los? Dort, in der Kche, ist ihr Mann; dort ist ihr kleiner Sohn. Der Mann und der Junge verlangen gar nicht viel von ihr, nur ihre Anwesenheit und ihre Liebe natrlich.» Auf das Seelenleben der Figuren gerichtete Passagen wie diese, die einen Groteil des Romans von Cunningham ausmachen, bersetzt der Film in Blicke und Gesten und kann sich dabei mit Nicole Kidman (Virginia), Julianne Moore (Laura) und Meryl Streep (Clarissa) auf drei Schauspielerinnen verlassen, die kaum Worte brauchen, um komplexe psychische Prozesse auszudrcken.

Eingerahmt sind die drei Geschichten von Virginias Selbstmord im Jahr 1941. Wenn wir im Strang aus dem Jahr 1923 sehen, wie sich die Schriftstellerin bemht, an ihrem Lebenswillen festzuhalten, wissen wir schon, dass sie den harten Kampf gegen ihre Depressionen verlieren wird. Der Film romantisiert die Selbstttung nicht; die tiefe Tragik wird deutlich. Zugleich setzt er aber auch nicht auf die naiv-kitschige Formel, dass eine Entscheidung fr das (ber-)Leben automatisch zu einem Happy End fhren wird, das macht das Schicksal von Laura deutlich. Wie wir spter erfahren, wird sie ihre Familie kurz nach der Geburt ihres zweiten Kindes verlassen. Ihr Versuch einer Selbstverwirklichung geht mit lebenslangen Schuldgefhlen einher. Wir erleben sie im Jahr 2001 als einsam wirkende Frau wieder, die wei, dass ihr Sohn Richard, frher Richie genannt ihr nie vergeben hat. Sie trifft auf Clarissa, die durch Lauras Worte begreift, dass sie nicht dem Vergangenen nachhngen darf, sondern wertschtzen sollte, was sie hat. Auch dieser Erkenntnisgewinn muss im Skript nicht ausbuchstabiert werden, sondern teilt sich whrend Julianne Moores Monolog vor allem durch Reaction Shots auf Meryl Streeps Gesicht mit. Ein vielschichtiger innerlicher Vorgang, erzhlt durch die Augen einer Meisterin ihres Fachs.

Ein moderner Queer-Cinema-Klassiker

Schon die namhafte Besetzung (darunter etwa noch Ed Harris, Claire Danes, Toni Collette und Miranda Richardson) sowie die edle Optik, nicht zuletzt durch das bis ins Detail durchdachte Kostmdesign von Ann Roth, machen «The Hours» fr cinephile Zuschauer*­innen ganz allgemein attraktiv. Zu einem modernen Queer-Cinema-Klassiker wird der Film wiederum nicht nur dadurch, dass er sich mit Virginia Woolf befasst der Autorin des subversiven queeren Schlsselromans «Orlando eine Biographie» (1928), in dem die Titelfigur im Verlauf der Handlung ihr Geschlecht wechselt. Sondern auch durch die mannigfaltige Art, wie er queeres Begehren in unterschiedlichen ren betrachtet.


Laura (Julianne Moore) ist mit Dan verheiratet, liebt jedoch ihre Nachbarin Kitty (Bild: Constantin)

Mit zgerlichen Gesten im Umgang mit ihrem Ehemann und ihrem Sohn, immer im raschen Wechsel zwischen Antriebslosigkeit und bersteigerter Euphorie, bringt Moore Lauras Gefhl zum Ausdruck, die Rolle einer heteronormativen (Haus-)Frau und Mutter performen zu mssen, obwohl diese nicht zu ihr passt. Als «stnde sie hinter den Kulissen, mte gleich auf die Bhne und in einem Stck auftreten, fr das sie nicht entsprechend gekleidet ist, das sie nicht gengend geprobt hat», heit es an einer Stelle im Roman.

Als Laura aus einem spontanen und emotionalen Impuls heraus ihre Nachbarin Kitty ksst, offenbart sich fr einen kurzen Augenblick ihre Sehnsucht nach einem anderen Leben, in dem sie nichts verbergen, sich nicht verstellen muss. Ein Moment, der sich im Strang um Virginia in den 1920er Jahren spiegelt, als diese ihrer Schwester zum Abschied berraschend einen mit Leidenschaft aufgeladenen Zungenkuss gibt.

Die berauschende Unwirklichkeit des Ganzen

Clarissa ist in ihrem Leben weniger eingeschrnkt als Virginia und Laura, aber nicht frei von inneren Widerstnden und Hemmungen, die sie unglcklich machen. Damit ist sie, ebenso wie ihr Freund Richard, eine typische Cunningham-Figur. Das Verhltnis zwischen den beiden hnelt in mancher Hinsicht dem des Duos Clare und Jonathan im Roman «Ein Zuhause am Ende der Welt», den der Autor 1990 verffentlicht hat. Beide Figurenpaare wnschen sich geistige und krperliche Freiheit, wagen Experimente und stoen dabei an ihre Grenzen. In «Die Stunden» schreibt Cunningham ber Clarissas Beziehung zu Richard: «In jenem Sommer, als sie achtzehn war, schien alles mglich, einfach alles. Sie meinte, ihren so ernsten, berlegenen besten Freund drunten am Teich kssen zu knnen, sie meinten, in einer seltsamen Mischung aus Lust und Unschuld miteinander schlafen zu knnen, ohne sich darum zu kmmern, was es, wenn berhaupt etwas, bedeutete.»

Wenn Clarissa im Film gegenber Richards Ex-Freund Louis oder gegenber ihrer Tochter Julia von Richard spricht, ist in Streeps gedankenversunkenem Tonfall, im Schimmer eines Lchelns die von Cunningham beschriebene «berauschende Unwirklichkeit des Ganzen» zu spren, die Clarissa und Richard damals verband. Die Szenen, in denen die beiden in Richards Apartment miteinander interagieren, sind geprgt von einem Mix aus unverbrchlicher Nhe und einer Distanz, die nur zwischen Menschen besteht, die einander alles bedeuten und doch stets daran scheitern, eine gesunde gemeinsame Beziehung aufzubauen. Erst am Ende des Tages, an dem wir Clarissa begleiten, scheint sie dazu in der Lage zu sein, loszulassen und sich wirklich auf ihre Partnerin Sally einzulassen.

«The Hours» ist vieles. Ein feinfhliges historisches Biopic ber eine queerfeministische Ikone. Eine klischeefreie Hommage an Technicolor-Melodramen zu Zeiten des Hollywood-Studiosystems, von Regisseuren wie William Wyler («Die besten Jahre unseres Lebens», 1946) oder Douglas Sirk («Was der Himmel erlaubt», 1955). Und eine raue urbane Charakter- und Milieustudie im US-Indie-Stil der frhen 2000er Jahre. All das ist absolut zwingend, stimmig und kunstvoll ineinander verwoben. Ein Film sui generis, ein echtes Kinowunder, in dem alle Gewerke miteinander Perfektion erreichen.

Die Artikelserie «Queer Cinema Classics» wird gefrdert durch die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Sie erscheint parallel bei sissy und queer.de.

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