Schwarz-Rot-Gold auf Glitzerschuhen
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Schwarz-Rot-Gold auf Glitzerschuhen

Eine Sommerparade. Regenbogenfahnen wehen. Musik. Applaus. Die Menschen feiern. Und dann: Schwarz-Rot-Gold. Mittendrin. Irritation. Blicke. Stirnrunzeln. Verunsicherung. Warum eigentlich?

Ich erinnere mich an meinen ersten CSD, fr den ich mir Glitzerschuhe in Schwarz-Rot-Gold bestellt hatte. Ein bewusstes Statement, weil ich der Meinung war, dass das, worum es hier ging, auf dem Grundgesetz fut.

Ein queerer Freund kommentierte trocken: «Hm, sehr deutsch.» Nicht abwertend eher vorsichtig. Verwundert. Vielleicht besorgt. Und ich frage mich bis heute: Warum ist es eigentlich «sehr deutsch», in Deutschland nicht zu deutsch zu sein oder halt verdchtig «deutsch» zu sein?

Im Fuballstadion darf man das. Da ist man Fan. Da fragt niemand, ob der Typ mit der Fahne gerade ein Hakenkreuz im Herzen trgt. Wer mit der Deutschland-Fahne vom Bahnhof zur Arena zieht, wird als deutscher Fuballfan erkannt.

Aber wehe, du wedelst damit auf dem CSD. Oder am Fenster. Oder auf der Demo fr Vielfalt. Dann wird’s pltzlich still. Kritisch. Skeptisch. Und sehr verdchtig.

Leere Hllen werden leicht gekapert

Eine Flagge ist nicht demokratisch, weil sie flattert sondern weil sie mit Bedeutung gefllt ist. Wenn wir diesen Inhalt nicht aktiv besetzen, tun es andere lauter, radikaler, entschlossener. Vielleicht, weil wir Deutschen die seltene Kunst beherrschen, unsere Vergangenheit weder zu vergessen noch wirklich in unser heutiges Handeln zu integrieren.

Wir erinnern, wir gedenken aber wir ziehen zu selten Konsequenzen fr die Gegenwart. Wir sprechen von Verantwortung aber wir fllen unsere Symbole nicht mit Inhalt. Wir sagen «Nie wieder» aber lassen offen, wie dieses «Nie wieder» heute aussehen soll.

Wir wissen, wohin es fhrt, wenn Staatssymbole von antidemokratischem und faschistischem Gedankengut unterwandert werden wir haben es gesehen, gehrt, erfahren, berliefert, dokumentiert. Wenn wir aus Geschichte lernen wollen wirklich lernen dann doch bitte auch das: Dass Demokratie nur berlebt, wenn nicht nur ihre Ideale, sondern auch ihr Handeln stark ist und nicht zuletzt auch ihre Symbole.

Wenn sie mit Werten aufgeladen sind mit Freiheit, Gleichheit, Menschenwrde. Wenn sie so klar, so positiv, so einladend wirken, dass kein Platz mehr bleibt fr vlkisches Gift, fr Ausgrenzung, fr den alten braunen Schleim. Eine lernende Gesellschaft fllt ihre Symbole mit Haltung. Nicht mit Neutralitt oder gar Angst.

Neutralitt ist keine Haltung

Und genau deshalb ist es so beunruhigend, dass wir gerade jetzt wieder anfangen, uns wegzuducken und in den Mantel der Neutralitt hllen uns hinter Regeln, Gesetzesformulierungen und leeren Worthlsen verstecken. Dass wir uns einreden, Neutralitt sei staatstragend whrend drauen auf der Strae genau diese Lcke und inhaltliche Leere gefllt wird: von rechts und dem Faschismus.

Wenn die Obersten im Staat entscheiden, die Regenbogenfahne drfe nicht auf Bundesgebuden wehen, dann ist das keine neutrale Geste mehr das ist ein Rckzug. Ein Rckzug vor denen, die ohnehin schon versuchen, den ffentlichen Raum zu dominieren. Und wenn dann auch noch queere Netzwerke nicht am CSD teilnehmen drfen, weil sie staatliche Institutionen vertreten, dann ist das ein doppelter Schlag ins Gesicht:

Fr jene, die sich im Namen dieses Staates gegen Diskriminierung und fr Menschenrechte engagieren. Fr jene, die Schutz brauchen und ihn eigentlich vom Staat erwarten drften. Denn die Deutschlandfahne weht genau auf diesen Staatsgebuden. Sie steht fr diesen demokratischen Staat, fr seine Werte, fr das Grundgesetz und die Verfassung. Und gleichzeitig steht sie auf der Strae in der Wahrnehmung vieler schon lange fr das Gegenteil: Fr «Wir zuerst». Fr Ausschluss. Fr rechtes Denken. Fr vlkische Identitt und eine Gesellschaft, die vom Rassismus durchsuert wird.

Wenn der demokratische Staat nicht bereit ist und ihm der Mut zum Handeln fehlt -, seine Fahne zielgerichtet inhaltlich zu fllen: mit Haltung, mit Menschlichkeit, mit Klarheit, mit den Grundwerten, die die Verfassung hergibt, dann wird dieses Vakuum eben von anderen gefllt. Von Populisten. Von denen, die sich zwar demokratisch legitimieren lassen, aber mit Demokratie nichts am Hut haben. Von denen, die lngst planen, dieses Land umzubauen. In ihrem Sinn. Mit ihrer Sprache. Mit ihren Feindbildern.

Sich wegzuducken und von der Bhne zu verschwinden das ist nicht neutral. Das ist verantwortungslos und besonders in diesen Zeiten brandgefhrlich.

Worauf flaggt ihr eigentlich?

Das zeigt sich auch am 3. Oktober: Ein Feiertag, der fr Einheit, Demokratie und Grundrechte stehen sollte und doch oft vor leeren Straen, steifen Empfngen und bedeutungslosen Gesten endet. Warum nicht auch hier ein neues Signal setzen? Warum nicht diesen Tag zum sichtbaren Bekenntnis machen fr das, was uns verbindet: Freiheit, in aller Vielfalt Gleichheit, Menschenwrde? Die Diskussion um die Flagge bleibt oft auf der Oberflche: Sie wird gehisst, weil man es soll. Weil es staatlich angeordnet ist. Weil es «Identitt» zeigen soll.

Aber worauf genau? Worauf sind wir eigentlich stolz? Was flaggen wir da genau? Wenn etwa in Schulen das Aufhngen der Deutschlandflagge zur Pflicht werden soll, ohne dass darber gesprochen wird, welche Werte sie eigentlich verkrpert, dann bleibt sie ein leerer Stoff. Ein Symbol ohne Substanz.

Eine Flagge ist nicht demokratisch, weil sie flattert sondern weil sie auf etwas verweist und im Kern auf etwas fokussiert und erinnert: Auf Grundrechte. Auf die Wrde des Menschen. Auf das Recht, verschieden zu sein und dennoch gleich behandelt zu werden. Deshalb reicht es nicht, Symbole zu zeigen man muss sie erklren, fllen, leben.

Wer heute will, dass Schwarz-Rot-Gold auf Schulhfen, Umzgen oder Pltzen zu sehen ist, muss auch sagen: Was genau wird hier gezeigt? Welche Geschichte, welche Werte, welche Verantwortung? Und deshalb braucht es auch ffentliche Impulse, staatliche Akteure, die zeigen und begrnden, warum auch bei einer Pride, bei einer Demo fr Vielfalt oder gegen Rassismus diese Flagge ihren Platz hat und haben sollte.

So entsteht die Abgrenzung zum Rechtsradikalismus nicht ber das Verbot sondern ber den gelebten Inhalt. So bernehmen wir Verantwortung fr die Deutungshoheit, statt sie Rechten zu berlassen, die nur zu gern fllen, was andere entleeren.

Die Flagge gehrt der Demokratie

In Norwegen ist das zum Beispiel anders. Dort weht die Nationalflagge u.a. an Geburtstagen, in Kindergrten, Beerdigungen und an Krnungsfeiern mit Liebe, mit Inhalt und geerdetem Stolz. Sie steht nicht fr «gegen etwas», sondern fr etwas: Fr Freiheit. Fr Zusammenhalt. Fr ein Wir, das sich in Vielfalt trgt. Und weil sie so stark ist, so aufgeladen mit echter Bedeutung, haben Rechtsradikale dort keine Chance, sie fr ihren Mll zu instrumentalisieren. Die Flagge gehrt den Werten, die der Verfassung entsprechen. Sie dient den Menschen im demokratischen System. Punkt.

Warum also nicht auch bei uns? Warum nicht Schwarz-Rot-Gold und Regenbogen? Nicht als Konkurrenz sondern als Kampfansage: Diese Republik, dieses freiheitliche Land, gehrt uns allen. Unsere Rechte sind keine Sonderrechte. Sie sind Grundrechte. Vielfalt ist keine Ideologie. Sie ist Verfassungsauftrag von dir und mir.

Wer jetzt noch glaubt, er knne sich wegducken, macht’s den Feinden der Demokratie nur leichter und pulverisiert das demokratische System. Denn der rechte, braune Sumpf drfte doch mit Schnappatmung zu kmpfen haben, wenn Menschen sichtbar sagen: «Dieses Land ist auch meins.»

Also: Zeigen wir Flagge? Im wahrsten Sinne des Wortes? Nicht, weil wir mssen. Sondern weil wir wollen. Weil wir knnen! Ob mit schwarz-rot-goldenem Glitzer-Top, Paillettenjacke, Pride-Cape oder einer selbstgebastelten Regenbogen-Staatsflagge es geht nicht um Mode oder Klischee. Es geht um Botschaft: Diese Republik gehrt auch uns. Diese Grundrechte sind nicht abstrakt sie leben in uns und unter uns.

Ein CSD, eine Pride-Demo, ein Platz voller Menschen in Regenbogenfarben und Schwarz-Rot-Gold: Das mag anstoen ist in unserem demokratischen Wertesystem aber keine Provokation. Das ist deutsche Verfassungswirklichkeit auf der Strae. Das ist Heimat: sichtbar, hrbar, tanzbar ungeachtet der Herkunft, der Identitt und der religisen Zugehrigkeit.

Denn in dieser Vielfalt liegt doch die einende Kraft. Und in dieser Sichtbarkeit liegt der Schutz. Und vielleicht, ja vielleicht, sind schwarz-rot-goldene Glitzerschuhe auf einem CSD pltzlich das identittsstiftende Outfit, das diese Demokratie je gesehen hat. Weil sie sagen: Deutschland ist bunt. Und wir als Teil der Gesellschaft auch.

Unser Gastautor Gordon Logemann schreibt, unterrichtet und stolpert als schwuler Theologe, alleinerziehender Vater und norwegischer Staatsbrger durchs deutsche Leben. Er sagt: «Wer mich nach meiner Haltung fragt, bekommt meistens mehr als einen Satz zurck.»