Schwule Liebe im Kosovokrieg
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Schwule Liebe im Kosovokrieg

Gegenstze ziehen sich an. Sagt man so. Aber manche Gegenstze sollten sich nicht anziehen. Weil sie gefhrlich werden. Albaner und Serbe zum Beispiel. Natrlich sind das keine Gegenstze, fr manche Ideolog*innen aber eben schon. Und dann wird’s problematisch und fast unmglich, wenn es zwei Mnner sind, die einander anziehen, und das alles whrend des Balkankriegs passiert.

Der 24-jhrige Arsim ist Albaner, der ein Jahr ltere Milo ist Serbe. Der eine studiert in Pristina Literatur, Geschichte und Englisch, trumt von einem Leben als Schriftsteller. Der andere will Herzchirurg werden. Es ist 1995, und Arsim hat schon vor vier Jahren Ajshe geheiratet vor allem fr seinen Vater. Und «weil es sich fr einen Mann gehrt, eine Frau an seiner Seite zu haben, weil es sich auch fr eine Frau gehrt, einen Mann neben sich zu haben.» Doch Ajshe liebt Arsim wirklich.

Die Liebe muss im Verborgenen bleiben

Arsim, der Ich-Erzhler, beginnt seine Geschichte aber nicht mit Ajshe. Sondern damit, wie er Milo in einem Caf zum ersten Mal sah, ihn eine Weile lang beobachtete und es einfach «unumgnglich» war, den jungen Mann anzusprechen, so hingerissen war er von ihm. Ihre Liebe ist heftig und kitschig, und sie mssen sie lautlos und im Verborgenen leben. Der Roman verliert hier keine Zeit mit langer Vorgeschichte, sondern geht ganz unmittelbar los.

Doch so glcklich die beiden Verliebten sind, so schnell wendet sich alles. Ajshe wird schwanger, Arsim hasst das Geschrei des Kindes, der Balkankrieg weitet sich auf den Kosovo aus. Arsim und seine Familie flchten aus dem Land. Und, ohne zu viel zu verraten: Es geht weiter abwrts, und zwar steil.

Arsim ist ein furchtbarer Ehemann, aber ein leidenschaftlicher Liebhaber

«Bolla» (Amazon-Affiliate-Link ) ist nach «Meine Katze Jugoslawien» und «Grenzgnge» der dritte Roman des finnisch-kosovarischen Schriftstellers Pajtim Statovci. 1990 im Kosovo geboren, zog er mit zwei Jahren mit seinen albanischen Eltern nach Finnland. Wie in den anderen beiden Werken geht es auch in «Bolla» um Fragen rund um Identitt, Getriebenheit und Entwurzelung.

Arsim ist dabei ein vielschichtiger Protagonist. Fr Ajshe und die spter zwei Kinder ist er ein furchtbarer Ehemann und Vater. Er ist egoistisch, ignorant und gewaltttig. Im Umgang mit Milo aber zeigt er sich herzergreifend romantisch, angesichts der Trennung verzweifelt, betrbt und von einer ganz berraschenden Sanftheit. Die meiste Zeit ber kein bemitleidenswertes Opfer seiner Umstnde, sondern sich seiner Handlungen bewusst.

Die Traumata bleiben auch nach dem Krieg

«Bolla» besteht aus drei Teilen fr die drei wichtigen Stationen in Arsims Leben. Vor allem im zweiten Teil nach der Flucht aus Pristina erzhlt der Roman aber zu gehetzt. Die Ereignisse berschlagen sich, man kommt fast nicht mehr mit wobei das gut widerspiegelt, wie sich Arsim fhlen muss. Auch der dritte Teil ist von einer enormen Dichte, die bewusste Lcken lsst. Wollte man etwas kritisieren, dann, dass man hier durchaus weitere Einzelheiten vertragen htte, statt mehrere Jahre in einem Absatz zusammengefasst zu bekommen.

Denn die bedrckende Geschichte von Arsim und Milo ist in seiner Traurigkeit wunderbar erzhlt. «Bolla» ist kein historischer Roman ber den Kosovokrieg, doch die Brutalitt des Krieges ist deutlich sprbar. Und sie hrt nach dem Krieg nicht auf, die Traumata begleiten die Protagonisten weiter. «Der Krieg ist lngst zu Ende, aber das Ende des Krieges bedeutet nichts», hlt der Ich-Erzhler in einem dieser geschliffenen, sentenzartigen Stze fest, von Stefan Moster hervorragend aus dem Finnischen ins Deutsche bersetzt.

Bolla, der menschenverschlingende Drache

Dramaturgische Spannung erhlt Pajtim Statovcis Roman, indem er noch einen zweiten Ich-Erzhler einfhrt. Immer wieder lesen wir Briefe oder Notizen, die ein paar Jahre nach Arsims Berichten datiert sind. Erst nach und nach wird deutlich, von wem sie stammen und was sie bedeuten.

«Bolla», das ist in der albanischen Mythologie die drachenartige Kreatur auf dem Cover. Das Wesen erwacht nur am Festtag des Heiligen Georg, um einen Menschen zu verschlingen. Ein langer Schlaf, dann ein fast ekstatischer Ausbruch bis zur bald eintretenden Ruhe. Arsim und Milo haben einiges mit dem Drachen gemein.

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