Schwule Liebe zwischen Ost und West
Zwei Filme, die im Abstand von zwei Jahren entstanden sind, haben dem Anschein nach wenig gemeinsam. Und doch sind sie, jeder fr sich genommen, eine Archologie von Stadt-, Sozial-, Kultur- und Mentalittsgeschichte und, sogar dies, Weltgeschichte im Brennpunkt Europas. 1985 drehte Wieland Speck «Westler» fr die ZDF-Reihe «Das kleine Fernsehspiel» (eine Kinoauswertung folgte), 1987 Wim Wenders «Der Himmel ber Berlin». Beide Filme beginnen mit einem irdischen Traum, bevor sie in der Realitt von Berlin landen.
Der Traum bei Speck ist das neue Gelobte Land und heit Kalifornien. Im roten Cabriolet kurven der deutsche Felix und der US-Amerikaner Bruce durch LA, den Drehbuch und Regie bald fallen lassen. Die beiden sehen im Vorberfahren, whrend launiger Pop sie beschwingt, eine Skulptur des Berliner Bren auf einem Rasen stehen, besuchen das Observatorium, in dem James Dean einst nach den Sternen griff, und schauen sich beim Auto-Cruising um. Bruce sagt mit Blick auf die nchtlich leuchtende Stadt der Engel: «Fr einen Amerikaner bedeutet eine Stadt Zukunft.» Der Deutsche antwortet, fr einen Europer bedeute sie vor allem Vergangenheit. Auf den Prolog an der Pazifikkste, die dem Drang des weien Mannes nach Westen eine natrliche Grenze setzte, folgt die Exposition eine deutsch-deutsche Romanze in Moll.
Erzhlte Geschichte in Bildern
Wenders startet ber den Wolken. Ein Flugzeug senkt sich fr die Ankunft in Berlin-Tegel in das Schwarzwei der Straen, Huser und Menschen Engel belauschen deren Geschichten, helfen, heilen, trsten und trauern. Beide Filme erzhlen von einer Welt, die uns historisch geworden ist, obwohl sie uns vom Heute weniger als eine halbe Generation trennt. Wenn der greise Homer (Curt Bois), geleitet von Cassiel (Otto Sander), ber eine wste Brache im Niemandsland der halbierten Stadt irrt und den Potsdamer Platz und seine Vorkriegs-Erinnerung an ihn nicht wiederfindet, ist diese fiktive Szene ein Dokument des deutschen Dramas.
Nicht anders bei «Westler». Die mit einer versteckten Super-8-Kamera gedrehten Aufnahmen aus der «Hauptstadt der DDR» sind Zeugnisse eines verschwundenen Landes. In weiter Ferne, so nah. Die hintergrndig mit dem Naiven flirtenden sommerlichen Szenen luftig gekleideter Leute beim Promenieren, vor dem Sowjetischen Ehrenmal und dem Palast der Republik, aus dem Kaufhaus Central brechen dabei den touristischen Blick. Und bleiben, bedingt durch die nichterteilte Drehgenehmigung, sprachlos und nur von Musik aus dem Off kommentiert. Das lsst sie heranrcken an Robert Siodmaks und Billy Wilders Stummfilm «Menschen am Sonntag» (1929) aus den besseren Tagen der Weimarer Republik. Erzhlte Geschichte in Bildern.
Folgenreiche Begegnung auf dem Alexanderplatz
«Ich muss die andere Seite auch sehen», sagt Bruce. Also unternehmen er und sein Gastgeber Felix einen Tagesausflug in den Osten. Trotz aller Munterkeit verspren sie wohl die gleiche Beklommenheit, die mich berkam, wenn ich im Auto den Transit-bergang Helmstedt/Marienborn passierte; das Empfinden, dass auch den Luftraum eine undurchlssige Grenze durchzge und es drben anders rche als hben; meine aus Neugierde, Ahnungslosigkeit, Beschmung, Bangigkeit und Vorsicht gemischte Konfusion, wenn ich wie die beiden Jungs in «Westler» in der S-Bahn am Reichstag mit seiner davor verlaufenden Beton-Naht vorbeifuhr, sie am Bahnhof Friedrichstrae verlie und zur «Grenzbergangsstelle und Passkontrolle» ging, mich der «Einreise»-Schlange anschloss, immer unbeholfen wirkend, weil ich den Eindruck, ich knne wie ein Zoobesucher eingesperrte Artgenossen betrachten, unbedingt vermeiden wollte.
Pltzlich, auf dem Alexanderplatz, treffen sich die Augen von Felix (Sigurd Rachman) und dem Blondschopf Thomas (Rainer Strecker) vom Prenzlauer Berg (was das ist, musste «Westlern» vor der Wende noch erklrt werden). Gemeinsam essen sie Currywurst und Broiler und sitzen in der Schoppen-Stube bei Gin-Tonic und Weiwein, wobei sich Felix‘ bequeme westliche Kapitalismus-Kritik an Thomas‘ stlichem Frust wegen all dem reibt, was hinter dem Eisernen Vorhang nicht mglich ist. Sie sehen sich wieder. Verlieben sich ineinander. Twisten zu Nina Hagen, schmusen auf Thomas‘ Bude (jugendfrei vor dem ffentlich-rechtlichen Zweiten Auge, mit dem man hier nicht besser sieht), ben Normalitt. Nicht nur, aber auch die verhngte Besucher-Sperrstunde um 24 Uhr macht Rendezvous schwierig. Befristete Zeit.
Aus Schwchen eine stilistische Strke gemacht
«Eine Liebe, das kostet immer viel». Fassbinders Diktum nimmt hier noch eine weitere Bedeutung an: nicht nur die der Gefhlsausbeutung des Liebenden durch den Geliebten und umgekehrt; sondern die systemische Verhinderung der Liebe und ihrer selbstverstndlichen Alltglichkeit durch staatliche Gewalt. Dass der Freizgigkeit gewohnte Felix, obschon in der privilegierten Position, unter Schikanen der Grenzbeamten bis hin zur Leibesvisitation mehr leidet als Thomas, der gelernt hat, stoisch mit den Gegebenheiten umzugehen, um dann als Ausweg die Flucht via Prag und Ungarn und Jugoslawien zu planen, sagt auch etwas ber die Ich-Schwche des Westlers.
Wieland Speck (zusammen mit seinem Co-Autor Egbert Hrmann) agiert in seinem Debt mit charmant prpotenter Geste, die das amateurhaft Unbeholfene von der bermutter Rosa von Praunheim abwandelt und aus einigen Schwchen eine stilistische Strke macht und wie aus dem Underground heraus aufs Leben schaut und das Bilderverbot zu umgehen scheint. Er hat beilufige Aufmerksamkeit und Zrtlichkeit fr seine Figuren und Laiendarsteller, von denen Rainer Strecker der berzeugendste ist; und driftet gelegentlich ins absurd Surreale, wenn Felix am Behrdenschalter (20 Mark Zwangsumtausch) vor einem Frulein steht, das in dem riesigen Wartesaal allein unter einer Banderole mit Polit-Propaganda vor sich hin stempelt.
«Westler» gehrt in die ra von Frank Ripploh («Taxi zum Klo», 1980), Derek Jarman («The Angelic Conversation», 1985), Romy Haag und Zazie de Paris, die einen Gastauftritt im Film hat. Wir befinden uns hier noch in der ra des Analogen und ein Telefongesprch von Ost nach West ist beinahe ein Abenteuer. Doch das harmlos Unbeschwerte, manchmal Neckische tuscht: «Westler» endet mit einem skeptischen Blick. Fr die Liebe von Felix und Thomas hat der nicht viel Hoffnung. Auch wenn sich vier Jahre spter vieles ndern wird.
Die Artikelserie «Queer Cinema Classics» wird gefrdert durch die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Sie erscheint parallel bei sissy und queer.de.
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