Schwules Leben vor 100 Jahren: Film, Fotos und Musik
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Schwules Leben vor 100 Jahren: Film, Fotos und Musik

Filme ber Geschlechterrollen, Gefhle und Sex

Heute ist der Film ein bestimmendes Leitmedium. Frher war dies anders, was u. a. daran lag, dass Filme im Gegensatz zu heute nicht nach Belieben mehrfach konsumiert werden konnten. Meine Auswertung der Homosexuellenzeitschriften des Jahres 1925 vermittelt den Eindruck, dass sich die Bewegung fr Filme kaum interessierte. Zu den wenigen Ausnahmen gehrte ein Artikel ber den Film «Michael» (UA: 26. September 1924; Rezension in «Die Freundschaft», Jg. 1925, Heft 1, S. 13-14), auf den ich vor einem Jahr hier auf queer.de bereits ausfhrlich eingegangen bin.

Nachfolgend mchte ich anhand von sechs Filmen aus dem Jahr 1925 aufzeigen, wie unterschiedlich sich Homosexualitt und Geschlechterrollen in unterschiedlichen Filmgenres zeigen konnte. Es handelt sich um die beiden Travestie-Komdien «Charleys Tante» und «Bad Boys», den Geschichtsfilm «Oberst Redl», den lebensreformerischen «Kulturfilm» «Wege zu Kraft und Schnheit», den Liebesfilm «Parisian Love» sowie den Horrorfilm «Dr. Palmers unheimliches Haus». Alle genannten Filme lagen mir zur Auswertung vor; mit Ausnahme von «Oberst Redl» sind sie alle online verfgbar. Vor den Hinweisen zu den einzelnen Filmen mchte ich noch auf Bewertungen der beiden Filmhistoriker Vito Russo und Wolfgang Theis eingehen.

Vito Russo in «The Celluloid Closet»

Es ist ein wenig irritierend, dass der US-amerikanische Filmhistoriker Vito Russo («The Celluloid Closet», 1981; hier zitiert nach der deutschen Ausgabe «Die schwule Traumfabrik. Homosexualitt im Film», 1990) keinen der im Folgenden vorgestellten Filme auch nur erwhnt. Dabei handelt es sich in der Mehrzahl mit Ausnahme der beiden deutschen Filme «Wege zu Kraft und Schnheit» und «Oberst Redl» um US-amerikanische Produktionen. Das, was Russo ber «weichliche» Mnnerrollen in bestimmten frhen Filmen schreibt, lsst sich jedoch leicht auch auf die ersten beiden von mir vorgestellten Filme bertragen: «Der Sprung vom harmlosen weichlichen Typen zum offenen Hinweis auf Homosexualitt wurde lange vor dem Tonfilm gemacht.» Diesen Sprung erlaubten sich oft Komdien. Nach Russo diente das Bild des «harmlosen Weichlings» dazu, «Homosexualitt vorzufhren», denn die «manchmal stillschweigende Verbindung von weibisch und homosexuell» sei in einigen Filmen klar zu erkennen (S. 22, 28).

Verdrngen, Verschweigen und «Heterosexualisieren»

Der Filmhistoriker Wolfgang Theis («Verdrngung und Travestie. Das vage Bild der Homosexualitt im deutschen Film 1917-1957», in dem Ausstellungskatalog «Eldorado», 1984, S. 102-113) zeigt gut auf, wie mehrfach verfilmte Stoffe das Verschieben von Akzenten, das Verschweigen von Homosexualitt und das «Heterosexualisieren» in Filmen dokumentieren knnen. Die Verfilmungen des Spionage-Skandals um den sterreichischen homosexuellen Oberst Alfred Redl (1925, 1931, 1955, 1985) sind sehr unterschiedlich, wobei nur die erste Verfilmung von 1925 eine erfundene heterosexuelle Erpressungsgeschichte erzhlt. Bei den Verfilmungen des Lebens von Knig Ludwig II. von Bayern (1913, 1919, 1922, 1954, 1972) war der Regisseur Luchino Visconti der Erste, der 1972 den Mut besa, die Homosexualitt des Knigs zu thematisieren. In den unterschiedlichen Verfilmungen der Travestie-Klamotte «Charleys Tante» (u. a. 1911, 1925, 1930, 1934) wurde insbesondere die mann-mnnliche Krpernhe recht verschieden inszeniert, womit auch unterschiedliche Rume fr homoerotische Phantasien geboten wurden.

«Charleys Tante» aus Brasilien wo die Nsse herkommen

In «Charleys Tante» bentigen die beiden Studenten Charley und Jack fr eine geplante Verabredung mit ihren Freundinnen dringend eine Anstandsdame. Weil die dafr vorgesehene Tante von Charley aus Brasilien nicht rechtzeitig eintrifft, berreden die beiden ihren Freund Fancourt, als Frau verkleidet diese Rolle zu bernehmen. Zunchst war «Charleys Tante» ein Theaterstck, das 1892 von Brandon Thomas geschrieben wurde. Es entwickelte sich sehr schnell zum erfolgreichsten Theaterstck mit einer Travestierolle.

Auf diesem Erfolg aufbauend, wurde das Stck rund zehnmal verfilmt. Die Verfilmung unter der Regie von Scott Sidney wurde am 8. Februar 1925 in den USA uraufgefhrt und lief ab September 1925 auch in den deutschen Kinos (hier online). Diese Verfilmung des Stoffeswar die erste in Spielfilmlnge. Die Hauptrolle der «Tante» bernahm Sydney «Syd» Chaplin, der heute vor allem als lterer Bruder von Charlie Chaplin bekannt ist, zu seiner Zeit aber ebenfalls ein beliebter Komiker war.

Vermutlich wurden einige Szenen dieses Films, in denen krperliche Nhe zwischen Mnnern zu sehen ist, frher als recht gewagt empfunden bzw. lsten Assoziationen mit Homosexualitt aus. Damit meine ich die Ksse zwischen zwei Mnnern als Ausdruck der Freude ber einen Lottogewinn (7:15 Min.), die krperliche Nhe, die die «Tante» zu anderen Mnnern sucht (33:00, 36:20 und 42:05 Min.), und den zrtlichen Klaps Charleys und Jacks auf den Po ihres Freundes Fancourt, damit er sich nicht weiter strubt, als sie ihm den Rock anziehen wollen (1:05:30 Std.). Der sexualisierte Hinweis auf «Brazil where the nuts come from» (u. a. 52:15 Min.) ist im Film ein Running Gag. Wie in fast jedem Travestie-Film wird am Ende der Schwindel durchschaut und fast alles ist wieder beim Alten.

Zwischen dem Erfolg des Theaterstckes um die Jahrhundertwende und der zeitgenssischen Diskussion ber Homosexualitt, Transvestitismus und Magnus Hirschfelds Theorie der sexuellen Zwischenstufen wird in Wikipedia ein indirekter Zusammenhang hergestellt. Ein solcher Zusammenhang kann auch fr das Jahr 1925 angenommen werden. Ob Travestiefilme wie «Charleys Tante» jedoch geschlechtsspezifisches Rollenverhalten tatschlich in Frage stellen oder dieses eher besttigen, kann unterschiedlich gesehen werden.

«Bad Boys», die auch mal soft sein drfen

In dem Kurzfilm «Bad Boys» (UA: 12. April 1925, hier online) bernahm der bekannte US-amerikanische Schauspieler Charley Chase die Hauptrolle Er verkrpert hier Jimmie, den eher zartbesaiteten Sohn eines reichen Fabrikbesitzers. In dessen Fabrik, wo «Mnner noch Mnner sind» (3:02 Min.), prgeln sich die Arbeiter. Jimmie ist anders und unterhlt auf einer Party seiner Mutter die Gste lieber mit einem Balletttanz im Kleid (11:05-13:55 Min.). Seine Freundin ist darber irritiert und trennt sich von ihm. Danach versucht er sie zurckzugewinnen, indem er in einem Tanzlokal nun als «Bad Boy» besonders «maskulin» auftritt (14:15-18:15 Min.). Das Happy End besteht darin, dass sich Jimmie ihr gegenber authentisch gibt und sie wieder ein Paar sind. «Bad Boys» zeigt zwar Travestie-Szenen, ist aber kein klassischer Vertreter dieses Genres, weil sich der Protagonist nicht aus einer Notsituation heraus als Frau verkleidet und weil der Film die zustzliche fr einen US-Film recht untypische Message beinhaltet, dass auch zu viel Maskulinitt als bertrieben und unpassend wahrgenommen werden kann. Auch die Schlussszene des Films (23:25 Min.), in der Jimmie recht «unmnnlich» auf das Anspritzen mit einer Wasserpistole reagiert, ist nicht nur witzig, sondern auch untypisch.

«Oberst Redl» mit ausgeschalteter Triebfeder

Der sterreichische Film «Oberst Redl. Der Spion» (aka: «Der Totengrber der Monarchie»), der am 20. Februar 1925 uraufgefhrt wurde, behandelt den bekannten sterreichisch-ungarischen Spionagefall von 1913: Der Chef der k. u. k. Spionageabwehr verriet Geheimnisse an Russland, weil er aufgrund seiner Homosexualitt erpresst wurde. Der Hinweis in der Werbung, dass der Film «nach Originalakten bearbeitet» worden sei («Neues Wiener Journal», 20. Februar 1925), suggeriert eine Authentizitt, die jedoch nicht in allen Punkten gegeben war, denn in diesem Film wird Redl nicht als homo-, sondern als heterosexueller Mann dargestellt.

Weil der Homosexuellenskandal erst zwlf Jahre her war, liegt eigentlich die Vermutung nahe, dass die Zeitungen auf den homosexuellen Hintergrund des Skandals eingingen, doch das blieb die Ausnahme. Das «Prager Tagblatt» (8. Februar 1925) wies ohne Wertung darauf hin: «Nur das homosexuelle Moment, das mit die Triebfeder fr Redls verbrecherische Handlungen bildete, ist im Film vollkommen ausgeschaltet.» Die Wiener Zeitung «Die Stunde» (24. Mrz 1925) bietet sogar eine Erklrung an: Der Film habe diesen homosexuellen «Hochverrter dem Publikum menschlich nher gebracht, indem er eine leidenschaftliche Liebe als treibendes Motiv fr dessen Verfehlungen erdichtete». Dieser Satz suggeriert, dass eine «leidenschaftliche Liebe» nur heterosexuell verstanden werden knne. Auf die deutliche Kritik der sterreichischen sozialdemokratischen «Arbeiter-Zeitung» (19. Mrz 1925) an der heterosexuellen Darstellung Alfred Redls in Theater und Film bin ich in der achten Folge bereits anlsslich eines Theaterstcks eingegangen.

«Wege zu Kraft und Schnheit» zeigt halbnackte Mnner in antiker Szenerie

Der Film «Wege zu Kraft und Schnheit» (1925, hier online, s. vor allem ab 7:00 Min.) hatte am 16. Mrz 1925 seine Urauffhrung im Berliner Ufa-Palast. Der abendfllende Stummfilm zeigt Sport-, Gymnastik- und Tanzvorfhrungen. Die Propagierung von Krperertchtigung in freier Natur sollte zur Gesundheitsfrderung beitragen und stand in Verbindung mit der Lebensreformbewegung. «sthetisch inszeniert der Film den menschlichen Krper im Stil der Antike, indem er zahlreiche antike Szenarien nachstellt» (Wikipedia). Wolfgang Theis wrdigt in seinem oben genannten Aufsatz den Film als «eine Lobeshymne auf Krper- und Nacktkultur», die auch im Ausland ein groer Erfolg wurde und das wohl nicht nur aus sthetischen, sondern auch aus erotischen Grnden. Die zeitgenssische Rezeption in den Homosexuellenzeitschriften war jedoch weniger ausfhrlich, als erwartbar gewesen wre. Im «Freundschaftsblatt» (Jg. 1925, Heft 6) wird der Film nur kurz erwhnt.

Bei diesem Film fungierte neben drei Professoren und einem Doktor der Arzt Nicholas Kaufmann als wissenschaftlicher Berater und Drehbuchautor, der nicht nur auf die besonders freizgige Inszenierung hinwies, sondern auch darauf, wie nah der Film einer Zensur war: Dieser Film enthalte «zum erstenmal Bilder des unbekleideten Menschen in so reichlichem Ma wie bisher noch nie ein Film. Es ist der deutschen Filmzensur nicht hoch genug anzurechnen, da sie in grozgiger Weise bis auf verschwindende Kleinigkeiten diesen Film zugelassen hat» (zitiert nach Joachim S. Hohmann: «Sexualforschung und -aufklrung in der Weimarer Republik», 1985). Dieser Film gehrt damit zu den ernsthaften Filmen, die sich an ein breites Publikum wendeten und von rzten und anderen Wissenschaftlern begleitet wurden. Diese notwendige Form der Legitimierung ist auch von anderen Filmen und aus anderen Epochen bekannt. So wurden die Aufklrungsfilme «Anders als die Andern» (1919) durch Magnus Hirschfeld und «Das Wunder der Liebe» (1968, Regie Oswalt Kolle) vom Sexualforscher Hans Giese und dem Psychologen Wolfgang Hochheimer legitimiert.

«Parisian Love» zeigt Pierres Gefhle fr Armand

In dem Film «Parisian Love», der am 1. August 1925 in den USA uraufgefhrt wurde, ist der Protagonist Armand Mitglied einer Pariser Einbrecherbande, die den reichen Pierre Marcel in seinem Haus ausrauben mchte. Bei dem berfall wird Armand verletzt. Statt ihn der Polizei auszuliefern, versteckt ihn Pierre Marcel jedoch, nimmt ihn bei sich auf und pflegt ihn.

«Die Intimitt in den Szenen, in denen Pierre Marcel den verletzten Armand bei sich aufnimmt und seine Wunden versorgt, wurden von der Kritik als Ausdruck von Homosexualitt gedeutet» (David Cairns nach Wikipedia). Ergnzend lsst sich noch anfhren, dass in der IMDB die ersten drei Schlagwrter, um diesen Film inhaltlich zu erfassen, «gay interest», «Schwule» und «Homoerotik» sind. Weil es diesen Film auch online gibt, kann sich jede*r selbst einen Eindruck davon verschaffen, ob die Versorgung des kranken Armand (Teil 2: 0:25-1:05 Min., 1:50-7:40 Min.; Teil 3: 2:35-7:00 Min.) und eine sptere mgliche Eifersuchtsszene (Teil 7: 00:00-1:50 Min.) homoerotisch wahrgenommen werden knnen. Es bleibt offen, ob die Szenen mit dieser Absicht inszeniert wurden. Wenn es hier tatschlich um homoerotische Gefhle geht, gehen diese einseitig von Pierre Marcel aus und werden von Armand nicht erwidert.

«Dr. Palmers unheimliches Haus» Stiefmtterchen in einem Horrorfilm

«Dr. Palmers unheimliches Haus» (OF: «The Monster», 1925) ist ein US-amerikanischer Horror-Stummfilm mit Komik- und Science-Fiction-Elementen. Der Film feierte am 16. Februar 1925 seine Premiere in den USA und lief ab dem 25. Dezember 1925 auch in sterreichischen Kinos.

In diesem Film untersucht der schchterne Angestellte Johnny Goodlittle als Amateurdetektiv seltsame Vorgnge in einer Nervenheilanstalt. In der IMDB wurde bei diesem Film das Schlagwort «gay interest» vergeben. Das liegt an der Hauptrolle des Johnny Goodlittle, die von dem Schauspieler Johnny Arthur verkrpert wurde. Von den maskulinen Polizisten und Detektiven hebt sich Arthur als eher soft ab und er trgt im Film einen bestimmten, damals als typisch fr Schwule geltenden schmalen Oberlippenbart. Zu Beginn des Films fllt zweimal das Wort «pansy seeds» (hier online: 8:18 und 8:40 Min.). «Seeds» (= Samen) sexualisiert die Filmsituation und «pansy» (= Stiefmtterchen) war zu dieser Zeit ein homosexuelles Signalwort. Heute wird es umgangssprachlich abwertend fr «Sissy» oder «Schwuchtel» (s. a. urbandictionary.com), aber auch als positive Selbstbezeichnung verwendet. Die homoerotische Symbolik der Bezeichnungen «Stiefmtterchen» bzw. «pansy» habe ich hier auf queer.de bereits in einem Artikel behandelt und dabei auf einen hnlich stereotypen schwulen Mann mit Oberlippenbart und «pansy» am Revers in dem Film «Palmy Days» (1931) verwiesen. Heute wird Johnny Arthur als homosexuell angesehen. Vor der Einfhrung der US-Filmzensur 1934 bernahm er in Filmen wie «The Monster» bertriebene Feenrollen («over-the-top fey roles»; s. queerty.com). Ab 1934 wurden die von Arthur verkrperten homosexuellen Charaktere abgeschwcht (englische Wikipedia).

Aktfotos und -zeichnungen innerhalb der Gesetze

Wer sich fr historische Aktfotografien fr eine homosexuelle Zielgruppe interessiert, kennt vor allem Wilhelm von Gloeden (1856-1931), der einer der Pioniere knstlerischer Aktfotografie war und sein Handwerk von seinem Vetter Wilhelm Plschow gelernt hatte. Bekannt wurde Gloeden vor allem durch seine Akte sizilianischer Knaben mit antikisierenden Requisiten und Kostmen. Fr die Zeit der Weimarer Republik scheint er jedoch keine groe Bedeutung mehr gehabt zu haben. Nach dem Ersten Weltkrieg fotografierte er nur noch selten, wurde erst ab den Sechzigerjahren wiederentdeckt und inspirierte von nun an Knstler wie Robert Mapplethorpe, Andy Warhol und Bruce Weber.

Fr die Zwanzigerjahre waren andere Aktfotografen ausschlaggebend. «Mit der Lockerung der Bekleidungsfragen und moralischen Dingen nach dem Weltkrieg nahm auch das Interesse an einem gesnderen oder doch zumindest attraktiveren Krper zu. Die Freikrperkultur erlebte einen neuen Auftrieb.» Es entwickelte sich daher der Trend, «Mnnerakte im Kontext krperlicher Gesundheit und Ertchtigung zu fotografieren» (David Leddick: «The Male Nude», 1998, S. 160).

Die Aktfotos von Adolf Brand in «Der Eigene»

Am deutlichsten ist die homosexuelle Zielgruppe wohl bei den Aktfotos in der Homosexuellenzeitschrift «Der Eigene». Fast alle der hier 1925 abgedruckten Aktfotos stammen von Adolf Brand, der sie alle in der freien Natur aufnahm (S. 439, 471, 539, 547, 555, 571 und 582). Auerdem steuerte Brand auch einige fotografische Kopfstudien bei (S. 495, 528-529, 563). Abgesehen von einer Aufnahme, die zwei Mnner zeigt (S. 582), sind die Abgebildeten in der Natur alleine und erscheinen hufig vertrumt. Es sind Fotos, die eine groe Ruhe ausstrahlen.

Fast alle Bilder Brands tragen den Hinweis «Aus der Sammlung Deutsche Rasse». Dass solche Aktfotos mglich waren, ist auergewhnlich. Brand verdankte dies wohl einem Gerichtsverfahren, das 1916 gegen ihn wegen der Verbreitung von Bildpostkarten bzw. der «Verbreitung unzchtiger Abbildungen» angestrengt wurde und fr ihn mit einem Freispruch endete. Er konnte das Gericht davon berzeugen, dass seine Bilderserie «Deutsche Rasse» «lediglich knstlerische, wissenschaftliche und rassenhygienische Zwecke, nicht aber homosexuelle Zwecke verfolge». Dass «auf allen diesen Bildern das Geschlechtsteil der abgebildeten Person, namentlich der frei herabhngende mnnliche Penis, deutlich zu sehen ist», hat das Gericht zwar vermerkt, es glaubte aber dem Angeklagten sein Motiv, nicht «geschlechtliche Lsternheit, sondern das sthetische Wohlgefallen» der Kufer erregen zu wollen («Goodbye to Berlin? 100 Jahre Schwulenbewegung», 1997, S. 53).

Heute wird dies zum Teil anders gesehen. Als die Humboldt-Universitt zu Berlin fast alle Ausgaben von «Der Eigene» digitalisierte und online stellte, pixelte sie in allen Jahrgngen auch im Jahrgang 1925 (S. 471) die Geschlechtsteile. Auf meine Anfrage hin begrndete die Uni mir gegenber dieses Vorgehen mit dem Jugendschutz.

Nebenbei bemerkt: Es ist gut und richtig, dass Begriffe wie «Deutsche Rasse» und «rassenhygienische Zwecke» heute anders und kritischer als in den Zwanzigerjahren bewertet werden. Es wrde jedoch den Rahmen dieses Artikels sprengen, wenn ich versuchen wrde, die flieenden bergnge zwischen der homoerotischen Bilderwelt von Adolf Brand und dem Film «Wege zu Kraft und Schnheit» (s.o.) bis zur NS-sthetik der Leni Riefenstahl-Filme aufzuzeigen und politisch zu bewerten auch wenn sie alle mit der Lebensreformbewegung in Verbindung stehen.

Die Aktfotos und -zeichnungen in «Die Freundschaft» und «Die Fanfare»

Auch in der homosexuellen Zeitschrift «Die Freundschaft» von 1925 wurden regelmig Aktfotos abgedruckt, u. a. von Wilhelm von Gloeden (Heft 3, 4, 9) und Wilhelm Plschow (Heft 9). Einige der hier abgedruckten Aktfotos stammen ebenfalls von Adolf Brand. Unter der berschrift «Gefallen Ihnen die Aktbilder?» verwies die Redaktion der «Freundschaft» darauf, dass Abonnenten der Zeitschrift die Aktbilder von Brand zustzlich auf Kunstdruckpapier erwerben konnten (Heft 3). Spter machte die Redaktion Werbung dafr, dass die Aktfotos von Brand auch ber den Verlag von Karl Schultz verkauft wurden: einzeln fr 1,50 Mark oder in fnf verschiedenen Mappen mit dem Titel «Deutsche Rasse», die jeweils zehn Aktfotos enthielten, fr 5 Mark pro Mappe (Heft 9). Neben Aktfotos wurden in der «Freundschaft» auch einzelne Aktzeichnungen abgedruckt (Heft 6, 7), deren Signaturen «F. Sch.» und «Hans H. Franck» jedoch bisher keinen bekannten Knstlern zugeordnet werden knnen.

Es ist schwer zu beurteilen, inwiefern die Homosexuellen-Zeitschriften im knstlerischen Bereich miteinander oder gegeneinander arbeiteten. Wurden die Redaktionen durch die Konkurrenz auf Knstler aufmerksam, die dann auch fr die eigene Zeitschrift angesprochen wurden? Der Fotograf «W. K.» (Jg. 1925, Heft 5) war vermutlich derselbe «W. K.», von dem auch im «Eigenen» (Jg. 1925. S. 481) ein Aktfoto verffentlicht wurde. Der Knstler Fritz Peter Milde, der fr die «Fanfare» (Jg. 1925, Heft 24) eine Aktzeichnung beisteuerte, ist sicherlich identisch mit Fritz Milde, der fr «Der Eigene» (Jg. 1924, S. 295) eine Kopfstudie als Tuschzeichnung schuf.

Musik auerhalb der Norm

Allen, die sich aus historischer Sicht fr Musik und Homosexualitt interessieren, kann als Einstieg Ralf Jrg Rabers Buch «Wir sind wie wir sind. Ein Jahrhundert homosexuelle Liebe auf Schallplatte und CD» (2010) empfohlen werden. Fr die Weimarer Republik (S. 21-58, 370-371) zeigt Raber anhand von rund zehn Liedern, wie unterschiedlich der Umgang mit Homosexualitt sein konnte. Von zwei Ausnahmen abgesehen, stammen diese Lieder aus der Zeit von 1927 bis 1933. Die beiden Ausnahmen sind das «Lila Lied» (1921) und «Bubi, la uns Freunde sein» (1924). In den Homosexuellenzeitschriften des Jahres 1925 habe ich nur noch einzelne Werbeanzeigen fr die Noten von «Bubi «, aber keine Hinweise mehr auf das «Lila Lied» gefunden.

Alois Hba der «Normverchter» auerhalb der «Tongeschlechter»

Der tschechische Komponist Alois Hba erlangte Weltruhm durch seine Kompositionen, in denen vor allem Vierteltne Verwendung fanden. In der «Dsseldorfer Zeitung» (5. November 1925) erschien ein satirischer Beitrag in Gedichtform ber ihn, der mit der berschrift «Die Viertelton-Pest» deutliche Kritik an seinen Kompositionen zum Ausdruck bringt. In einem darauffolgenden Gedicht heit es u. a.:

«Herr Haba ist musikkontrr, / Drum sitzt der Halbton ihm verquer.
Sein Harmoniegefhl verschiebt sich / Nach Absatz Hundertfnfundsiebzig. ()
So steht, ein schriller Normverchter, / Er auerhalb der Tongeschlechter:
Ein Urning der Musik, fanatisch, / Unfruchtbar leer und bichromatisch.»

Was heute unterhaltsam wirkt, war damals ein Angriff auf den Komponisten unterhalb der Grtellinie und offensichtlich von Ressentiments gegen moderne Kompositionsweisen getragen. Interessant ist hier die metaphorische Parallelisierung zwischen einer musikalischen Richtung und einer homosexuellen Orientierung, die auerhalb der Norm und des bisher Bekannten liegt.

Alexander Elster: «Musik und Erotik» (1925)

Alexander Elster macht seine Einstellung zu homosexuellen Musikern in seiner Broschre «Musik und Erotik» (Februar 1925) deutlich. Er behauptet zunchst, dass «produktive Musikgenies» fast ausschlielich Mnner seien: «Und da hier gerade das maskuline Moment wichtig ist, ergibt sich auch daraus, da Homosexuelle (denen doch oftmals ein greres Stck weiblicher Seele innewohnt) zwar relativ musikalisch sind, doch als schaffende Knstler eine beachtliche Ausnahme ist Tschaikowsky nicht in Betracht kommen» (S. 47). Insgesamt (s. a. S. 51-57) beziehen sich seine uerungen zwar auf positive Klischees ber schwule Mnner, wenden diese aber ins Negative. Der Autor bezieht sich dabei auch auf uerungen Magnus Hirschfelds. Das «Neue Wiener Journal» (3. Mrz 1925) griff in seiner Rezension der Broschre auch Elsters uerungen ber Homosexualitt auf.