Schwules Leben vor 100 Jahren: Literatur
Homosexuelle Belletristik
Mittlerweile gibt es mehrere wissenschaftliche Werke, die sich mit der schwulen Literaturgeschichte der Weimarer Republik beschftigen, wie z. B. Marita Keilson-Lauritz‘ Dissertation «Die Geschichte der eigenen Geschichte. Literatur und Literaturkritik in den Anfngen der Schwulenbewegung» (1997). Die Bewertung von dem, was in der Weimarer Republik an schwuler Literatur mglich war und erschien, bleibt jedoch subjektiv. So kommen die beiden Literaturwissenschaftler Ren Kallinger (Diplomarbeit, 2011) und Wolf Borchers (Dissertation, 2001) zu vollkommen unterschiedlichen Einschtzungen: Fr Kallinger war die Zeit «eine Blte- und Hochzeit der schwulen Literatur» (S. 55), whrend Borchers leicht abfllig nur von «einer sentimentalen Erbauungsliteratur» jener Zeit schreibt (s. a. mein Beitrag fr das Jahr 1924 auf queer.de).
Nach einem Abschnitt ber die damalige Verlagslandschaft stelle ich eine Autorin und mehrere Autoren in alphabetischer Reihenfolge vor, deren Werke mit homosexuellen Bezgen 1925 verffentlicht oder rezipiert wurden. Mit Oscar Wilde ist ein nicht-zeitgenssischer Autor dabei, der jedoch auch in diesem Jahr die Auseinandersetzung ber schwule Literatur mitprgte.
Verlage mit homosexuellem Schwerpunkt in der Weimarer Republik
Die Anfnge der Verlage, die einen Schwerpunkt auf homosexuelle Literatur legten, sind schon im deutschen Kaiserreich zu finden. Max Spohr war ab 1893 der erste und damals einzige deutsche Buchhndler und Verleger, der in nennenswertem Umfang Publikationen rund um das Thema Homosexualitt wie die «Jahrbcher fr sexuelle Zwischenstufen» und viele Bcher verffentlichte. Nach Max Spohrs Tod 1905 wurden die Geschfte seinem jngeren Bruder Ferdinand Spohr bergeben. Der Schwerpunkt auf Homosexualitt blieb bestehen. Das zeigt sich auch daran, dass Ferdinand Spohr Mitte 1925 einen zweiseitigen Prospekt nur mit Publikationen ber Homosexualitt herausgab («Brsenblatt fr den deutschen Buchhandel», 1. Juli 1925). Daneben gab es noch den Verleger Adolf Brand, der u. a. die Homosexuellen-Zeitschrift «Der Eigene» (1896-1906, 1919-1932) herausgab und auch Bcher publizierte, aber ein wesentlich weniger breites Publikum ansprach.
In der Weimarer Republik kamen weitere Verleger hinzu: Dazu gehrte der Steegemann-Verlag, der 1919 von Paul Steegemann gegrndet wurde und auf moderne Literatur spezialisiert war (s. queer.de). Schwule und lesbische Literatur erschien hier bis 1924 von Maximiliane Ackers‘ Roman «Freundinnen» einmal abgesehen, von dem 1927 und 1928 Neuauflagen erschienen (siehe unten). Ebenfalls 1919 grndete Karl Schultz seine «Karl-Schultz-Verlagsgesellschaft», in der u. a. die Homosexuellen-Zeitschrift «Die Freundschaft» herauskam. 1928 zog sich Schultz aus dem Verlagsgeschft zurck. Besonders beeindruckend finde ich eine ganzseitige Werbeanzeige des Verlags in «Die Freundschaft» (Jg. 1925, Heft 1), die sich an Heterosexuelle richtete. Unter der berschrift «Normalempfindender, opfere einen Augenblick und lies» ging es Schultz in seinem ernsthaften emanzipatorischen Streben darum, ber Homosexualitt und die Forderung nach Abschaffung des 175 aufzuklren. (Es bleibt allerdings die Frage, warum er davon ausging, dass eine heterosexuelle Person diese Zeitschrift gelesen haben sollte). Wenige Jahre nach Schultz grndete Friedrich Radszuweit einen nach ihm benannten Verlag (1923-1933), den er spter zu einer Verlags-Buchhandlung ausbaute und in dem mehrere Homosexuellen-Zeitschriften wie die «Bltter fr Menschenrecht» (1923-1933), «Die Insel» mit dem Nachfolger «Das Freundschaftsblatt» (1923-1933) und «Die Freundin» (1924-1933) erschienen.
Maximiliane Ackers: «Freundinnen»
In dem Roman «Freundinnen» (1923, 1924, 1927, 1928, 1995, 2010) mit dem teilweise verwendeten Untertitel «Ein Roman unter Frauen» beschreibt die Autorin Maximiliane Ackers (1896-1982) einfhlsam die Beziehung der 17-jhrigen Erika «Eri» Felden und der etwas lteren Schauspielerin Ruth Wenk. Dabei geht es auch um Probleme am Arbeitsplatz und Beziehungen zu Mnnern. Die Beziehung der Protagonistinnen zerbricht letztendlich an der gesellschaftlichen Diskriminierung. Eine Szenebar im Roman wird als «Diele» bezeichnet, wobei unklar bleibt, welche Bar mglicherweise als Vorlage diente. Mit ihrem Roman bietet Ackers nur einen begrenzten Einblick in die lesbische Subkultur der Zwanzigerjahre. Im Roman geht es nicht um Sex zwischen den beiden Frauen, sondern nur um keusche Zrtlichkeiten wie einen flchtigen Kuss auf den Mund. Dies passt zwar zu der Unerfahrenheit der Protagonistinnen, kann aber auch darin begrndet sein, dass die Autorin eine solche Form der Entsexualisierung als notwendig ansah, etwa im Hinblick auf Zensur.
Renate Lackinger hat mit ihrem Buch «Verlorene Freundinnen. Leben und Werk von Maximiliane Ackers» (2005) die Geschichte dieses Romans (S. 40-85) und seiner Autorin geschildert, wobei sich zu Ackers‘ Leben gerade von 1923 bis 1926 kaum Unterlagen finden lieen. In ihrer Untersuchung verweist Lackinger auf die lesbischen Codes in diesem Roman, wozu mnnlich konnotierte Kleidung und Haarschnitte, aber auch die androgynen Verkrzungen von Vornamen wie «Eri» und «Maxi» gehren. Begriffe wie «Freundinnen» und «unter Frauen» verwiesen zu dieser Zeit auf Lesben. Weil das Wort «lesbisch» im ganzen Roman nicht auftaucht, stellt Lackinger fest, dass die «Deutlichkeit der lesbischen Thematik in Freundinnen () stark mit der Sprachlosigkeit in Bezug auf die Art der Liebe» kontrastiere.
Maximiliane Ackers: «Freundinnen» Werbung und Rezeption
Das Buch erschien im Steegemann-Verlag und wurde ber Friedrich Radszuweits Buchhandlung (s. o.) vertrieben. Im «Brsenblatt fr den deutschen Buchhandel» wurden vom Verlag mindestens drei ganzseitige Anzeigen geschaltet. In der Werbung fr die erste und zweite Auflage fllt jeweils der deutliche und selbstbewusste Satz auf, dass die «Gestaltung der lesbischen Liebe () vielleicht zum ersten Mal in deutscher Sprache vollkommen gelungen» sei (5. Dezember 1923; 23. April 1924). Vor dem Hintergrund des schon zuvor erschienenen lesbischen Romans «Der Skorpion» von Anna Elisabet Weirauch (1919, s. queer.de) erscheint dieser Hinweis fragwrdig. Die dritte Anzeige (27. Oktober 1927) ist uerst reierisch und verweist auf Mord, Totschlag und Kokain, die im Roman gar keine Rolle spielen. Die Entscheidung des Verlages, das Buch ohne inhaltlichen Bezug mit einem Foto der US-amerikanischen Schauspielerin Greta Nissen zu bewerben, wurde von Ackers kritisiert. In den ersten fnf Jahren wurde der Roman 10.000-mal verkauft.
Von den vielen Rezensionen, die Renate Lackinger erwhnt (s. o., S. 75-78), mchte ich nur auf die in der Wiener Zeitung «Der Tag» (18. Januar 1928) hinweisen. Grete (von) Urbanitzky selbst als lesbische Autorin bekannt schrieb hier, dass der Roman auf «gewagtes Gebiet» fhre und «jenen uns bisher nur durch Gerichtssaalberichte () bekannt gewordenen Typ junger knabenhafter Mdchen» schildere. Die Beschreibungen, in «denen das eigene Geschlecht zur Erfllung wird, sind von unendlicher Zartheit». Der Roman gehre zu den Bchern, die «durch Ehrlichkeit ergreifen, die wohl geeignet sind, klrend zu wirken und es versuchen, fr jene zu kmpfen, die nicht auf der breiten Heerstrae der sogenannten Normalmenschen wandeln». Unter den Nationalsozialisten wurde das Buch 1934 beschlagnahmt und zwei Jahre spter auf die «Liste des schdlichen und unerwnschten Schrifttums» gesetzt.
Arnolt Bronnen: «Die Septembernovelle»
In Arnolt Bronnens Erzhlung «Die Septembernovelle» (1923) ist der Lehrer Huber zwar verheiratet, mag aber keine Prinzipien und keine Festlegungen. Mit einem Jungen namens Franz fngt er ein sexuelles Verhltnis an, das bald darauf ffentlich bekannt wird. Eines Tages bringt er den Jungen sogar mit nach Hause und geht davon aus, dass seine Frau das alles verstehen wrde. Es ist Franz‘ Geburtstag und der Hochzeitstag von Herrn und Frau Huber. Als Frau Huber die beiden nackt erwischt, fhlt sie sich hintergangen und ffentlich blogestellt und ttet daraufhin den Jungen. Danach nimmt sich zuerst Frau Huber und kurz danach auch ihr Mann das Leben. Nach Borchers‘ Auffassung erscheint hier «Homosexualitt als eruptives Naturereignis (), hemmungslos und brutal (). Diese radikale Lebensweise, gegen jegliche brgerlichen Moralvorstellungen verstoend, endet schlielich in Mord und Selbstmord. Die Erzhlung ist fr ihre Zeit die erste, die Homosexualitt als Synonym fr totale Anarchie darstellt» (Borchers, S. 197).
Das Werk ist sprachlich sehr deutlich (Huber hlt «seine Hoden in der Hand», 1923: S. 29; «Schwanz», S. 22; «Eier kratzen», S. 42). Darauf wies mit groer Versptung auch Paul Weber in seiner Rezension im «Freundschaftsblatt» (Jg. 1925, Heft 2) hin wie auch darauf, dass es erstaunlich sei, dass dieses Buch nicht fr unzchtig erklrt oder konfisziert wurde. Weber sprach eine deutliche Warnung aus: Diese Novelle knne in heterosexuellen Kreisen «nur Abscheu gegen uns Homosexuelle erwecken». Das Werk sei auch nicht geeignet, «ber die Freundesliebe aufzuklren», und: «Wer es liest, vermeide es, an heterosexuell Empfindende dieses Buch weiter zu geben.»
Der Literaturwissenschaftler Joachim Campe (Nachwort in der Neuauflage der «Septembernovelle» von 1989, S. 55-65, hier S. 62) ist der Ansicht, Bronnen habe mit diesem Werk versucht, sich «von Gefhlen zu befreien, die eine Zeitlang berstark wurden» und die ihn, wie es in seiner Autobiografie «Arnolt Bronnen gibt zu Protokoll» (1954) heit, sogar «vergifteten» (s. a. Wikipedia). Der uere Anlass fr dieses homophobe und pdosexuelle Machwerk lag also vielleicht in dem Umstand begrndet, dass Arnolt Bronnen mit seiner Homosexualitt nicht zurechtkam.
Erich Ebermayer: «Der Letzte» und «Sieg des Lebens»
Erich Ebermayer (1900-1970) war ein schwuler Schriftsteller und Jurist, der mit mehreren anderen prominenten schwulen Mnnern, wie Klaus Mann und dem Reformpdagogen Gustav Wyneken, in freundschaftlichem Kontakt stand. Auf seinen homoerotischen Novellenband «Doktor Angelo» (1924) bin ich schon vor einem Jahr hier auf queer.de eingegangen. 1925 hatte er sich als Rechtsanwalt niedergelassen und auch mehrere Mnner bei Verfahren wegen 175 verteidigt.
Im Jahr 1925 erschienen zwei Werke von Ebermayer, die sich nicht als homoerotisch bezeichnen lassen, die jedoch in der Schwulenzeitschrift «Der Eigene» rezipiert wurden. Erich Ebermayers Novelle «Der Letzte» wurde im Frhjahr 1925 als Liebhaberausgabe in 500 Exemplaren gedruckt, was die Seltenheit auf dem Antiquariatsmarkt erklrt. Unter dem Titel «Tischgesprch» (Jg. 1925, S. 506-511) erschien in «Der Eigene» zunchst ein autorisierter Teilabdruck mit einem recht banal wirkenden Streitgesprch des Protagonisten Raoul Edgar mit seiner Mutter. Einige Seiten spter findet sich eine Rezension von «Dr. F. T.» (Frank Thiess?), in der es heit, Ebermayer sei ein «Meister des Wortes und der Darstellung» sowie «der tiefsten Geheimnisse des Herzens». Er schildere die Geschichte des einsamen Raoul Edgar mit seinem «Gefhle des Ausgeschlossenseins» (Jg. 1925, S. 525-526). Im Kontext der Zeitschrift sollte dies wohl auf Homosexualitt hindeuten.
In Ebermayers Roman «Sieg des Lebens» hat der 17-jhrige Dieter Bratts im Gegensatz zu seinem 19-jhrigen Freund Peter Wendelin noch keine sexuellen Erfahrungen mit Frauen. Es treibt ihn aber auch nicht dorthin (S. 15). Dennoch lsst er sich zu einem gemeinsamen Bordell-Besuch berreden. Am nchsten Morgen realisiert er seine Erlebnisse, die ihn aufwhlen, «Ekel» steigt in ihm hoch. Als sein Vater stirbt, wird die Verbindung zur Mutter nher und er fragt nach dem Sinn des Lebens. Im «Eigenen» (Jg. 1926, S. 92) erschien eine wohlwollende Besprechung von Angelo Marion (sicherlich ein Pseudonym), was vielleicht nur daran lag, dass das Buch von einem homosexuellen Autor verfasst wurde. Der Inhalt passt aber auch gut zur elitren Attitde des «Eigenen», in dem gerne betont wurde, wie edel die Homosexualitt im Vergleich mit «niederen» Formen der Heterosexualitt sei.
Das Verhltnis Erich Ebermayers zu seinem Vater
Erich Ebermayers Vater war Ludwig Ebermayer (1858-1933), der von 1921 bis 1926 Oberreichsanwalt war. In seinem Artikel «Standesangelegenheiten. Rechtsfragen aus der rztlichen Praxis» (in: «Deutsche Medizinische Wochenschrift», 13. Juni 1924, Heft 24, S. 806-808, hier S. 807) hat sich Ludwig Ebermayer im Tenor fr eine Straffreiheit homosexueller Handlungen eingesetzt. Bezogen auf seine berufliche Prominenz ist es nachvollziehbar, dass in den «Blttern fr Menschenrecht» (Jg. 1925, April, S. 18-31, hier S. 24) betont wird, «selbst Herr Oberreichsanwalt Dr. Ebermayer» habe erklrt, «dass der 175 nicht aufrechtzuerhalten sei».
Schon vor einem Jahr habe ich hier auf queer.de vermutet, dass zwischen den Verffentlichungen des Sohnes und des Vaters ber Homosexualitt «ein Zusammenhang zumindest vorstellbar» sei. Ein solcher Zusammenhang wird nun durch ein neu erschienenes Buch gesttzt. Erich Ebermayer schrieb 1969/1970 das Manuskript zu seiner Autobiografie, das erst 2004 in seinem Nachlass gefunden und Ende 2024 unter dem Titel «Jugend im Lichte des Vaters. Erinnerungen 1910-1929» erstmals verffentlicht wurde. Er berichtet hier viel ber seine Freundschaften und auch davon, dass im Jahre 1924 sein akademischer Lehrer, der Germanist Albert Kster, «wegen einer homosexuellen Affre seinem Leben ein Ende» setzte (S. 390-391). Der Germanist und Historiker Mirko Nottscheid hat in seinem Artikel ber Albert Kster im Lexikon «Hamburgische Biografie» (2012, 6. Bd.) auf diesen Hintergrund bereits zuvor hingewiesen, der aber ansonsten in der schwulen Geschichtsforschung weitgehend unbekannt ist.
Erich Ebermayer uerte sich auch mehrfach ber seine Freundschaft zu seinem Vater und dessen aufgeschlossener Haltung zu seiner Homosexualitt (S. 78, 273, 327, 330, 381-382, 400; s. a. S. 425, 428). Ralf Julke schrieb in seiner Rezension fr die «Leipziger Zeitung» (5. November 2024) deshalb vollkommen zu Recht: Seinem «Sohn gegenber pflegte (er) eine zustimmende, zurckhaltende Position, die den Sohn in seinem Anderssein akzeptierte und ihn in seinen Vorstellungen vom Leben bestrkte».
Erich Ernst «Die Symphonie des Eros» auf gefhrlichem Boden
In der homosexuellen Geschichtsforschung ist Erich Ernst heute weitgehend unbekannt. Sein Buch «Die Symphonie des Eros» (ca. April 1925, 137 S.) erschien im Verlag des Homosexuellenaktivisten Friedrich Radszuweit. In der online verfgbaren schweizerischen Homosexuellenzeitschrift «Freundschaftsbanner» (Jg. 1934, Heft 11, Teil 1; Heft 12 mit Teil 2 und Heft 13 mit Teil 3) wurde das 3. Kapitel des Buches (1925, S. 19-25) als Leseprobe abgedruckt, die vom sprachlichen Stil als reprsentativ fr das gesamte Buch angesehen werden kann. Im Kontext einer der leider nicht seltenen Geschichten vom «pdagogischen Eros» geht es um den Lehrer Gerdmann, der seinen Schler Heinz sexuell begehrt, was hier als legitim erscheinen soll.
Die Rezensionen in zwei Homosexuellen-Zeitschriften hneln sich, weil sie beide diesen Legitimierungsversuch kritisieren, ansonsten aber das sprachliche Niveau der Erzhlung loben. Im «Freundschaftsblatt» (Jg. 1925, Heft 7) bezweifelt der Rezensent Martin Splittgerber, ob es «richtig und fr unsere Zwecke nutzbringend war, () die Liebe eines Lehrers zu einem 15jhrigen Schler» zu behandeln. «Im wirklichen Leben wrde eine solche Handlung auch von unserem Standpunkt als bedenklich angesehen werden mssen.» Nach Ansicht des Rezensenten in «Die Freundschaft» (Jg. 1925, Heft 8) ist es ein «gefhrlicher Boden», auf dem sich der Autor bewege, und auch «unsere Artgenossen werden die Handlungen des Lehrers nicht billigen».
In der NS-Zeit wurde «Die Symphonie des Eros» verboten («Brsenblatt fr den deutschen Buchhandel», Register des Jahres 1933, s. a. 28. Dezember 1933). Fr Ren Kallinger («Freundesliebe Liebesfreuden?!», 2011, S. 54) avancierte «schwule Literatur in der Weimarer Republik zum Massenprodukt», was sich auch bei «Trivialliteratur» wie «Die Symphonie des Eros» zeige.
Peter Hamecher Gedichte zwischen den Geschlechtern
Peter Hamecher (1879-1938) war Autor und Schwulenaktivist und stammte aus Lechenich bei Kln. Um 1900 zog er nach Berlin, nahm Kontakt zu den Homosexuellenaktivisten Adolf Brand und Magnus Hirschfeld auf und bettigte sich als Dichter, Essayist, Erzhler und Herausgeber. Seine Verffentlichungen waren stark von seinem Interesse an schwuler Literatur geprgt.
Seine literarischen Spuren lassen sich auch 1925 finden. So erschienen in der Homosexuellen-Zeitschrift «Der Eigene» mehr als 20 Artikel von ihm (hier online), darunter sein eher kryptisches Gedicht «Wir spielen» («Der Eigene», Jg. 1925, Heft 9, S. 398). In der Homosexuellen-Zeitschrift «Die Freundschaft» verffentlichte er 1925 zwei recht hnliche sentimentale Erzhlungen, die Empathie wecken sollen und in beiden Fllen mit dem Freitod des Homosexuellen enden. In «Hans» (Jg. 1925, Heft 5) schildert der Ich-Erzhler seine zweijhrige Freundschaft mit dem blonden Hans whrend ihrer gemeinsamen Militrzeit. Hans verteidigte Kameraden und auf einer Tanzveranstaltung eine Frau gegen bergriffe seines brutalen Vorgesetzten. Aus Angst vor den absehbaren Konsequenzen erschoss er sich. In seinem Text «Paul. Eine Strichjungen-Tragdie. Nach den Mitteilungen eines Kriminalbeamten» (Jg. 1925, Heft 6) diente der Hinweis auf einen (vermutlich fiktiven) Polizisten mglicherweise der Legitimierung der Schilderung von Prostitution. Der Polizist betont, dass manche Stricher nur durch «Elend oder Verfhrung» in die aktuelle Situation gekommen seien. Einer von ihnen ist Paul, der mit 18 Jahren aus seiner zerrtteten Familie fortlief und zwei Jahre lang anschaffen ging. Weil er mit seiner Lebenssituation berfordert war, erhngte er sich.
Zu Hamechers sonstigen Texten aus dieser Zeit gehren auch viele Sachtexte wie «Arthur Rimbaud. Zu seinem siebzigsten Geburtstag» (in: «Bltter des Deutschen Theaters», Jg. 1924/1925, S. 23-24). Hamecher beschreibt hier die Liebe Arthur Rimbauds, der heute als einer der einflussreichsten franzsischen Lyriker gilt, zu Paul Verlaine. Der Lyriker Verlaine, «schon berhmt und brgerlich eingeordnet, verliebt sich in die frische, kraftatmende Mnnlichkeit des Gassenjungen», der das «Antlitz» eines «gestrzten Engels» gehabt habe. Diesen Text und viele weitere von Peter Hamecher aus der Zeit von 1901 bis 1933 habe ich vor einigen Jahren unter dem Titel «Zwischen den Geschlechtern. Literaturkritik, Gedichte, Prosa» (2011, S. 302-303) neu herausgegeben. Ich wnsche mir, dass sie hoffentlich das Interesse an einem faszinierenden Autor wieder wecken knnen, der bereits seit 1901 offen schwul auftrat. Eine Gedenktafel an seinem Geburtshaus in Lechenich ist in Vorbereitung.
Christian von Kleist ber erotische Begegnungen
Christian von Kleist (1901 nach 1933) wurde «von seiner Familie wegen seiner homosexuellen Neigungen verstoen». Mit etwa 18 Jahren zog er nach Berlin, wo er sich Adolf Brand anschloss. «Er war gern gesehener Gast bei Knstlerfesten und lie sich auch als Aktmodell in antikisierender Pose ablichten. Unter seinem Pseudonym ‚Kyrillʻ erschienen die beiden einfhlsamen Novellen ‚Wolf Bergenʻ (1927) und ‚Nackttnzeʻ (1928). Um 1933 emigrierte er in die USA, wo sich seine Spuren verlieren» (zitiert nach Bernd-Ulrich Hergemller: «Mann fr Mann», 2010, S. 658). Zwei Aktfotos von Kleist sind in Joachim S. Hohmanns Anthologie «Der heimliche Sexus. Homosexuelle Belletristik in Deutschland von 1900 bis heute» (1979, S. 279) abgedruckt.
In Adolf Brands Zeitschrift «Der Eigene» publizierte Kleist in den Jahren 1921 bis 1930 mehrere Liebesgedichte, Novellen und Rezensionen. 1924 wurde hier ein Foto von Christian von Kleist verffentlicht mit dem Hinweis, dass er «Mitarbeiter» dieser Zeitschrift sei (S. 201), was in diesem Zusammenhang mutig und wie ein offen schwules Auftreten wirkt. Im «Eigenen» von 1925 (Heft 12, S. 579) erschien Kleists Gedicht «Sommermorgen», das eine erotische Begegnung zwischen zwei Menschen (unklaren Geschlechts) beschreibt, die sich einem «tiefen, heien Kuss» hingeben. 1926 rezensierte er im «Eigenen» (Jg. 1926/1927, Heft 5, S. 159-160) Klaus Manns Roman «Der fromme Tanz», der im Jahr zuvor erschienen war.
Thomas Manns 50. Geburtstag
Der Schriftsteller Thomas Mann (1875-1955) wurde auch schon zeitgenssisch als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller angesehen. Thomas Manns Schwrmereien fr Jnglinge bzw. junge Mnner fanden in seinen Werken «Buddenbrooks» (1901), «Tonio Krger» (1903) und vor allem in seiner Novelle «Der Tod in Venedig» (1911) literarischen Niederschlag.
Zu seinem 50. Geburtstag am 6. Juni 1925 erschienen viele lobende Presseartikel. In einigen von ihnen ging es auch um die Frage, ob das, was er schrieb, frei erfunden oder Ausdruck seiner eigenen Gefhle sei bzw. durch welche Anlsse er inspiriert wurde. Einige Zeitungen wiesen dabei dezent auf die Parallelen zwischen seinem Leben und seinem homoerotischen Werk hin. Fr einen der Zeitungsautoren war Thomas Mann «einsam mit seiner Wrme und seiner Empfindung». Bei dem Versuch, Parallelen zwischen Leben und Werk herzustellen, kommt er auf den «uns ganz abseits» fhrenden «Tod in Venedig» zu sprechen, worin sich Mann «auf das psychopathische, psychoanalytische Gebiet (bewegt) die Geschichte vom widernatrlichen Liebesleben», was der Autor als (nicht genau definierten) «Nachteil» bzw. als «Fehler» Manns ansieht («Hagener Zeitung», 4. Juni 1925). Fr Willibald Omankowski ist alles, was Thomas Mann geschrieben hat, «in hohem Mae Selbstbekenntnis und Selbstportrait», hiervon nimmt er auch den «Tod in Venedig» als den «Hhepunkt seines Schaffens» nicht aus («Essener Arbeiter-Zeitung», 5. Juni 1925; «Volkswacht», 5. Juni 1925). Ein weiterer Artikel greift das Motiv der Nord-Sd-Polaritt auf, das Thomas Mann in einigen seiner Werke behandelt und das auch fr einen unterschiedlichen Umgang mit Sexualitt steht: In «seinen Eltern verband sich nordisch protestantische Nchternheit mit einem sdlich freien, vielleicht gar leis ausschweifenden Leben». Das Nordisch-nchterne werde in «Buddenbrooks» deutlich. Gelegenheit, das Sdlich-ausschweifende zu beurteilen, habe er in «Tonio Krger» und in «Der Tod in Venedig» gefunden («Deutsche Reichszeitung», 6. Juni 1925). Einen Tag vor seinem Geburtstag erschien die Wiedergabe eines Interviews, in dem Thomas Mann betonte, der «Tod in Venedig» sei «unter dem unmittelbaren Einfluss» von Sigmund Freud entstanden. Ohne Freud so Thomas Mann htte er das «erotische Motiv» nicht oder «ganz anders gestaltet» (u. a. «Westflische Neueste Nachrichten», 5. Juni 1925).
Thomas Mann und ein Disput ber den «Zauberberg»
Thomas Manns Roman «Der Zauberberg» (November 1924) habe ich vor einem Jahr hier auf queer.de schon ausfhrlich behandelt, u. a. die Nebenhandlung der Liebe von Hans Castorp zu Pribislav Hippe und wie ein Bleistift von Thomas Mann phallische Assoziationen weckte (s. a. Wikipedia). Wie nicht anders zu erwarten war, wurden in brgerlichen Zeitungen weder 1924 noch 1925 Artikel gefunden, die auf diese homoerotische Nebenhandlung eingingen.
Ergnzen mchte ich jedoch noch einen Disput in zwei Homosexuellen-Zeitschriften von 1925, die beide den «Zauberberg» lobten. «Die Freundschaft» (Jg. 1925, Heft 5, S. 88) wies auf die Liebe Castorps zu Hippe hin, wobei Hans Castorp als «effeminierter Spro und Zrtling seiner Familie» bezeichnet wird. Diese uerung fhrte zu einer Erwiderung eines Autors namens Kain unter der berschrift «Ich protestiere!» in «Der Eigene» (Jg. 1925, Heft 11, S. 496-497). Kain kritisiert, dass die «Freundschaft» damit versucht habe, «ausgerechnet» Thomas Mann in das «Gebiet des effeminierten Tantentums einbeziehen zu wollen». Die «vollkommenste Form der uns bekannten Lebewesen» sieht der Autor in einem Mann, whrend eine «Sympathie» fr Lesben alleine schon vom «sthetischen Standpunkt» her abzulehnen sei. Verachtung von Frauen und Lesben war in diesem Teil der Homosexuellenbewegung leider weit verbreitet, wurde aber selten so explizit ffentlich geuert.
Thomas Mann ber die Ehe und die Bisexualitt
Aufgrund der Bedeutung von Thomas Mann mchte ich auch auf eine nicht-belletristische Verffentlichung von 1925 hinweisen, die seine Einstellung zur Homosexualitt gut verdeutlicht.
In seinem Text «Die Ehe im bergang» (in: «Das Ehe-Buch», 1925, S. 212-226, insbesondere S. 214-220) weist Thomas Mann darauf hin, dass der Unterschied zwischen Mnnern und Frauen im Schwinden begriffen sei. Die mnnliche Jugend sei femininer und weicher geworden und nhere sich der weiblichen Schnheit an. Die Homoerotik erfahre von der Jugend «gelassene und unbefremdete Duldsamkeit» und sei mit der Wandervogelbewegung verbunden. Die Homoerotik bzw. «der mann-mnnliche Liebesbund» und die «Sexualkameradschaft» genssen nunmehr ein gewisse «Gunst» und wrden nicht nur im Lichte der Medizin gesehen, auch wenn der Staat sie bestrafe weil diesem «blindlings an mglichst vielen Geburten () gelegen ist». Die Antike lehre, dass es Grnde gebe, sich fr sie zu interessieren. Auch Hans Blher habe plausibel begrndet, dass sich «die Herkunft des Staates selbst aus dieser Sphre» ergebe. Aus verschiedenen Grnden sei gegen diese Gefhle nichts einzuwenden und auch mit dem Urteil «unsthetisch» sei ihnen nicht beizukommen, weil sthetik nichts mit Moral zu tun habe. Allerdings fehle der Homoerotik «der Segen der Natur und des Lebens», sie sei gesellschaftlich verpnt und erscheine hoffnungslos. «Es entsteht nichts aus ihr, sie legt den Grund zu nichts.» Sie mge stolz und frei sein, sei aber flatterhaft, weil ihr die Treue fehle. Sie sei zudem nicht «grndend, nicht familienbildend» und nicht zeugend. Aber auch solche «Fortpflanzungsgedanken» seien keine Argumente gegen Homoerotik. Seine Romanfiguren wie Gustav Aschenbach aus «Der Tod in Venedig» bezeichnet Thomas Mann als «Flchtlinge», die er sehr gut verstehe.
Nach Auffassung von Hermann Kurzke («Thomas Mann. Epoche, Werk, Wirkung», 1997, S. 192-194, hier z. T. online) sieht Thomas Mann in diesem Text die patriarchale Struktur im Wandel, wodurch sich die Frau «vermnnliche» und der Mann «verweibliche». Dies sei fr Mann kein Zeichen eines Zerfalls, sondern die Freisetzung einer Grundbefindlichkeit und einer natrlichen Bisexualitt. Darauf aufbauend entwickele Mann in dieser «Gelegenheitsschrift» eine argumentativ stringente Theorie der Homosexualitt, von der sich Vorstufen bereits in seinem Brief vom 4. Juli 1920 an Carl Maria Weber finden lieen (zu diesem Brief siehe meinen Artikel ber Thomas Mann auf queer.de).
Klaus Mann «Vor dem Leben»
Der lteste Sohn Thomas Manns war Klaus Mann (1906-1949), der im Gegensatz zu seinem Vater seine Homosexualitt auslebte. Seine homosexuellen Beziehungen wurden von seinem Vater offenbar toleriert. Aus dem Jahr 1925 sind von ihm drei Verffentlichungen bekannt, darunter sein erstes Theaterstck «Anja und Esther» (April 1925; siehe nchste Folge dieser Serie) und sein erster Roman «Der fromme Tanz» (Oktober 1925, siehe unten).
Klaus Manns Band «Vor dem Leben» (April 1925) umfasst verschiedene kleinere Erzhlungen und sollte zunchst im Verlag von Steegemann (s. o.) verffentlicht werden, erschien dann aber im Enoch-Verlag. In dem Band «Maskenscherz» (1990, hier zitiert nach der Neuauflage von 1995) wurden diese Texte wieder abgedruckt. Einige von ihnen handeln von homoerotischem Begehren und schwulem Sex. In «Die Jungen» (S. 30, 32-33), einer von mehreren Schlergeschichten, wird Harald, weil er sich schminkt, mehrfach fr einen «Lustknaben» gehalten. In «Ludwig Zoffcke» (S. 90-91) lernt die junge Lolo Herrn Zoffcke kennen und geht mit ihm nach Hause. Es gefllt ihr, wie er sich wild ber sie wirft und sie lsst sich auf Sex mit ihm ein. Dabei betont er mehrfach, dass er hnlich wild auch beim Sex mit jungen proletarischen Burschen vorgehe. In «Kaspar-Hauser-Legenden» (S. 121-123) findet Kaspar Hauser einen toten Mann von vielleicht 30 Jahren mit sehr schnen Hnden. Er legt sich neben den Toten, fragt sich, ob er in seinem Leben wohl einen Freund gehabt habe, streichelt seine Haare und ksst ihn auf den Mund.
Am meisten irritiert hat mich Klaus Manns Erzhlung «Der Alte» (S. 97-99): Ein Lehrer eines Internats lsst sich in seinem Zimmer gerne von Schlerinnen und Schlern besuchen. Bei Mdchen geht er meistens nach einer Viertelstunde zu Zrtlichkeiten ber und sein Mund «sucht» dann ihren Mund. Auch der Besuch eines Jungen auf seinem Zimmer wird ansatzweise geschildert, dieser bekommt von seinem Lehrer zunchst Gebck geschenkt. Viele von Klaus Manns Erzhlungen sind autobiografisch geprgt. Von September 1922 bis Juni 1923 war Klaus Mann Schler der Odenwaldschule, wo er wohl auch seine ersten homosexuellen Kontakte erlebte und sich zum ersten Mal in einen Mitschler verliebte. Von der Odenwaldschule (1910-2015) wurde seit Ende der Neunzigerjahre jahrzehntelanger sexueller Missbrauch von den Sechziger- bis in die Neunzigerjahre bekannt. 2015 wurde die Schule geschlossen. Wenn Klaus Manns Erzhlung «Der Alte» auf Tatsachen beruht, fand sexueller Missbrauch an der Odenwaldschule auch schon in den Zwanzigerjahren statt.
Klaus Manns Roman «Der fromme Tanz»
In Klaus Manns erstem Roman «Der fromme Tanz» (Oktober 1925, hier zitiert nach der Taschenbuchausgabe von 1982) schildert er das Leben des 18-jhrigen Andreas Magnus, der aus einem grobrgerlichen Elternhaus stammt und nach Berlin reist, um das Grostadtleben zu entdecken. In Berlin lernt er auch die «einschlgigen» (fiktiven) Lokale «Das Paradiesgrtlein» und «Sankt-Margaretenkeller» kennen (S. 66-70). Dabei verliebt er sich in Niels und es kommt ihm «nicht in den Sinn, sie (die Liebe zu Niels) vor sich zu leugnen, sie zu bekmpfen als ‚Entartung‘ oder als ‚Krankheit'» (S. 129). Spter reist er Niels nach Paris hinterher und sie besuchen dort ein Knstlerfest (S. 132-151). Am Ende des Romans erkennt Andreas, dass er noch viel verreisen und vieles erleben mchte (S. 158-159). «Der fromme Tanz» gilt als einer der ersten deutschsprachigen Homosexuellen-Romane. Aufgrund der vielen Parallelen zwischen der Figur Andreas Magnus und dem Autor Klaus Mann ist es naheliegend, dass der Roman autobiografische Zge trgt, und nur vor diesem Hintergrund ist auch die Behauptung zu verstehen, Klaus Mann habe sich damit «ffentlich zu seiner Homosexualitt» bekannt (Wikipedia). Andreas Magnus‘ Vater wird im Roman «Dr. Magnus» genannt, eine mgliche Anspielung auf den Homosexuellenaktivisten Dr. Magnus Hirschfeld.
Die Reaktionen auf diesen Roman waren gemischt: Fr das in Detmold erscheinende sozialdemokratische «Volksblatt» (8. Januar 1926) war es das beste Buch des Jahres. Die konservative «Westflische Zeitung» aus Bielefeld (10. Mrz 1926) uerte sich ber die Geschichte des 19-jhrigen Knstlers, der sein Vaterhaus verlsst und sich in Berlin und Paris «in zweifelhaften Pensionen, in Kabaretts, Kaschemmen unter geschminkten homo- und bisexuellen Herrchen und Dmchen» herumtreibt, kritisch. Fr das katholische «Westflische Volksblatt» (1. November 1926), das in Paderborn erschien, zeigt der Roman nur ein «haltloses Schwanken zwischen unnatrlichem Triebleben und moralischer Verantwortungslosigkeit».
Im Buch ist als Erscheinungsdatum 1926 vermerkt offenbar mit der Absicht, den Roman lnger aktuell erscheinen zu lassen. Tatschlich erschien der Roman schon Anfang Oktober 1925 (s. «Brsenblatt fr den deutschen Buchhandel», 6. Oktober 1925). Die Nennung des Jahres fhrte zu Irritationen, weil in der Homosexuellen-Zeitschrift «Der Eigene» (Heft 12) im Dezember 1925 ein Auszug als «Abschnitt aus einem Entwicklungsroman» (S. 532-534), ohne Nennung des Titels, und ein Foto von Klaus Mann (S. 531) abgedruckt wurden. Dabei handelte es sich jedoch nicht um einen Vorabdruck, wie angenommen, sondern um einen auszugsweisen Nachdruck aus «Der fromme Tanz».
Albert H. Rausch «Vorspiel und Fuge» (1925) als Blut-und-Boden-Kitsch
Albert Heinrich Rausch (1882-1949) war ein Schriftsteller, der unter seinem Pseudonym Henry Benrath einige homoerotische Novellen und Erzhlungen verffentlichte. Fr Wolfgang Popp («Mnnerliebe. Homosexualitt und Literatur», 1992, S. 276) haben seine Erzhlungen keine groe Bedeutung und spielen in der schwulen Literaturgeschichte sogar eine «unangenehme Rolle», weil der Autor homoerotische Mnnerfreundschaften mit «nationalistischem Grenwahn» koppele. Vor einem Jahr bin ich hier auf queer.de auf Rauschs «Ephebische Trilogie» (1924) eingegangen und habe sie im Kontext von «Blut und Boden»-Kitsch behandelt, was auch ber ein Werk des darauffolgenden Jahres in hnlicher Form geschrieben werden kann.
In seinem Werk «Vorspiel und Fuge. Les prludes» (1925) beschreibt der Ich-Erzhler, wie er seit seiner Kindheit ein Gefhl der Fremdheit gegenber allen anderen gesprt habe. Dann verliebte er sich in Adrian, der ihm erstmals das Gefhl von Gemeinsamkeit gab. Er erzhlt auch von anderen Erlebnissen mit Frauen und Mnnern und erinnert sich an seine Schulzeit, an «Selbstbefleckung» und Erlebnisse mit Jungen und Mdchen. Der Erzhler wnscht sich eine «Vereinigung» mit anderen Menschen ber die «Grenzen des Geschlechtes» hinaus (S. 86). In diesem Werk verwendet Rausch eine ausgeprgte Symbolsprache, wozu viele Blutmetaphern gehren, die sich in ihrer unklaren Bedeutung auf Leben, Verbundenheit, Erektion, Abstammung und nationalsozialistische Rassenideologie beziehen knnen. Beispiele: «Was gab, von seinem Blut, der andere?» (S. 30); «einer Rasse, die ihr Blut nicht verflscht» (S. 39); Menschen mit «lebendigem, erregbarem Blut» (S. 70); «In meinem Blute hob sich der erste groe Gesang meiner Jugend» (S. 85). Vor dem Hintergrund der Herkunft des Autors unterstreichen seine diversen Ortsangaben in Baden-Baden die autobiografischen Bezge. In seiner zum Teil kritischen Rezension schreibt Christian von Kleist in «Der Eigene» (Jg. 1926/1927, S. 190-191), dass sich in diesem Werk, das sdliche Sinnenfreude ausdrcke, ein Talent offenbare und dass ber der Schnheit der Landschaften und Menschen stets «Eros als die befreiende und erlsende Macht» walte.
Oscar Wildes 25. Todestag und die Homosexuellenbewegung
In der schwulen Geschichte spielt der irische Schriftsteller Oscar Wilde eine groe Rolle. Seine Verurteilung wegen Homosexualitt 1897 war ein Skandal und eine persnliche Tragdie, aber auch einer der Anlsse, warum Magnus Hirschfeld und andere Mnner in Berlin mit dem Wissenschaftlich-humanitren Komitee (WhK) die weltweit erste Interessenvertretung fr Homosexuelle grndeten. Am 30. November 1900 starb Wilde weitgehend vereinsamt in Paris. Am 30. November 1925 jhrte sich sein Todestag zum 25. Mal.
Magnus Hirschfeld ging in seinen Schriften oft und positiv auf Oscar Wilde ein. Das lag nicht nur daran, dass Wilde als prominenter Homosexueller eine positive Identifikationsmglichkeit bot, sondern auch daran, dass er mit diesem Dandy seine Theorie der sexuellen Zwischenstufen als besttigt ansehen konnte (s. Magnus Hirschfeld: «Die Homosexualitt des Mannes und des Weibes», 1914, u. a. S. 112, 373, 509).
In der homosexuellen Kunst- und Kulturzeitschrift «Der Eigene» wurde Wilde insgesamt nur zweimal behandelt, beide Male abwertend. Zuerst fasste Franz Pohl in seinem Artikel «Oscar Wilde zum 30. November 1925» (Jg. 1925, Heft 12, S. 537-542) Wildes Karriere, seine Verurteilung und seine letzten Jahre zusammen mit dem Fazit: «Wilde hatte gesndigt, er selbst bereute es bitter.» Ein paar Seiten spter betonte Alessandro Vittorio unter der berschrift «Ueber die Unwrdigkeit des menschlichen Daseins und eine neue heroische Lebensanschauung» (Jg. 1925, Heft 12, S. 546-552): «Aus der Perversion Wildes entsprang sein Aesthetizismus.» Das Einzige, was Vittorio an Wilde offenbar bewunderte, war, dass dieser nicht versucht habe, sich seiner Bestrafung durch Flucht zu entziehen (was er wohl als mutig und «mnnlich» ansah). Der Grund der Abneigung gegen Wilde wird so indirekt deutlich: Als Dandy entsprach Wilde nicht dem maskulinen homosexuellen Ideal dieses Teils der Homosexuellenbewegung.
Oscar Wildes 25. Todestag in der nicht-homosexuellen Presse
Auch fr einige nicht-homosexuelle Zeitungen war Wildes 25. Todestag ein guter Anlass, um auf sein Leben und Werk einzugehen. Einige Zeitungen zeigten sich in Bezug auf Wildes Homosexualitt erstaunlich tabuisierend und emotionalisierend. Es wurden der «tiefe Fall» Wildes («Remscheider General-Anzeiger», 28. November 1925), sein «tragisches Schicksal» («Velberter Zeitung», 1. Dezember 1925) und «sein Weg zum Abgrund» («Westflische Neueste Nachrichten», 1. Dezember 1925) beklagt. Dabei wurde insgesamt wenig Empathie deutlich fr den «durch eigene Schuld so traurig verkommenen» Dichter («Klnische Zeitung», 28. November 1925).
Besonders mchte ich einen Artikel von Dr. Ernst Friedrichs hervorheben, der unter dem Titel «Der Dichter des Dorian Gray» u. a. in der «Velberter Zeitung» (30. November 1925) ber Wilde schrieb: «Wir denken heute milder ber ihn und bercksichtigen das Krankhafte in seiner Veranlagung.» Auch seiner sthetischen Kleidung «liegt etwas Krankhaftes zu Grunde». Seine Werke seien zwar witzig und geistreich, aber auch Ausdruck von «Unmoral». Offenbar ist diese Meinung Ausdruck der als «modern» geltenden Tendenz, Homosexuelle nicht mehr als kriminell, sondern als krank anzusehen. Heute lsst sich dies als kleiner Schritt in die richtige Richtung oder auch einfach nur als Transformation von Vorurteilen bewerten.
Oscar Wilde die Bcher zu seinem 25. Todestag
Bereits 1924 erschienen einige wichtige Bcher ber Wilde, wie Frank Harris‘ Biografie «Oscar Wilde. Eine Lebensbeichte» und Carl Sternheims Drama «Oscar Wilde». Im Steegemann-Verlag erschien die Erzhlung «Der Priester und der Mesnerknabe» (1922, 1924), die zu dieser Zeit flschlicherweise noch als Werk Wildes angesehen wurde. In der «Freundschaft» (Jg. 1925, Heft 9) wurde der Verlag ausdrcklich dafr gelobt. Offenbar wegen Wildes 25. Todestag am 30. November 1925 wurden einige seiner Schriften neu aufgelegt wie «Letzte Briefe» an seinen Liebhaber Robert «Robbie» Ross. 1925 erschienen erstmals auch die beiden nachfolgend beschriebenen Bcher.
Vom deutschen Theaterdirektor Carl Hagemann (1871-1945) erschien die Biografie «Oscar Wilde. Sein Leben und sein Werk» (1925). ber den Prozess wegen homosexueller Handlungen schreibt Hagemann ausfhrlich und recht lebendig, seine tabuisierende Sprache war von Zeitgenoss*innen vermutlich leicht zu dechiffrieren (S. 27-54). Mit seinem Verhalten habe Wilde, so Hagemann, auch die Menschen provoziert, «die nicht gewillt sind, () Menschen von besonderer Veranlagung auch nur das geringste nachzusehen». Mit Lord Alfred Douglas habe ihn eine «intime Freundschaft» verbunden und mit anderen «jungen Leuten» solle er «heimliche(n) Gewohnheiten» gehuldigt haben. Bei dem Prozess in London sei es darum gegangen, einen «anders Gearteten () zu vernichten». Aufgrund der «ihm zur Last gelegten Dinge(n)» sei «es wohl keine Frage, da Oscar Wildes Verurteilung zu recht erfolgte». Fr Wilde sei es eine Lust gewesen, fr pervers zu gelten und () anders zu sein als die anderen und () ffentlich zu betonen, da er anders sein durfte und anders sein wollte». Hagemann sah sein Buch nicht als den richtigen Ort, um ber die Berechtigung einer Strafandrohung zu schreiben, aber er wies zumindest darauf hin, dass der 175 in Deutschland «nicht haltbar, zu beseitigen oder doch ganz anders zu fassen» sei.
Die von Laurence Housman verffentlichten «Gesprche mit Oscar Wilde. Ein Zusammentreffen in Paris» (1925) sind recht banal und thematisieren Homosexualitt nicht. In seinem Nachwort uert sich Housman jedoch einige Seiten lang ber Wildes Homosexualitt (S. 91-97). Seine Sprache ist zum Teil tabuisierend, seine Position aber fr seine Zeit recht offen: Er wnscht sich eine heilsame Behandlung von Homosexuellen «ohne soziale und moralische chtung», weil sie schlielich schon seit ihrer Geburt oder frhen Kindheit das seien, «was sie sind». Der Prozess um Wilde habe zu einer wichtigen Enttabuisierung von Homosexualitt gefhrt. Wildes «Sturz hat der Menschheit einen groen Dienst erwiesen, indem () das ‚Unnennbare‘ nennbar wurde». Housman wagt folgende Hypothese: «Solange menschliche Erinnerung den Namen Oscar Wildes bewahrt, wird er stets mit einer schattenhaften Andeutung jener pathologischen Verirrung verbunden sein, die zu seinem Sturze fhrte.»
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