Selten war «Priscilla» so sexy!
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Selten war «Priscilla» so sexy!

Wenn die Freilichtbhne Tecklenburg in der Sommersaison das groe Burgtor ffnet, strmen Musicalfans aus ganz Deutschland in die nordrhein-westflische Kleinstadt. Dieses Jahr gibt es auf einer der grten Open-Air-Bhnen des Landes passend zum Pride Month sogar queere Sichtbarkeit: «Priscilla Knigin der Wste» feierte am Freitag seine umjubelte Premiere. Bis zum 22. August gibt es ber 20 weitere Vorstellungen.

2006 wird «Priscilla Queen of the Desert», wie es im Original heit, uraufgefhrt und das als erste Musicaladaption, die einen australischen Film als Vorlage nutzt. 1994 entsteht unter der Regie von Stephan Elliott der gleichnamige Kinofilm, der zwar seiner Zeit eher gemischte Kritiken einfhrt, sich aber dafr schnell zum queeren Kultfilm mausert. In den spten Nullerjahren schafft es das Musical sogar an den Broadway sowie an den West End.

Eine queere Reise durch die Wste

Inhaltlich ist «Priscilla» schnell erzhlt: Tick, eigentlich eine erfolgreiche Dragqueen in Sydney, wird von seiner Ex-Frau Marion, die er aufgrund seiner Homosexualitt verlie, angerufen und darum gebeten, fr ein paar Shows in ihrem Wohnort Alice Springs aufzutreten. Tick winkt ab, wird jedoch hellhrig, als Marion ihm von seinem achtjhrigen Sohn erzhlt, der endlich seinen Vater kennenlernen mchte. Er nimmt seine engsten Freund*innen Bernadette eine schlagfhige trans Frau hheren Semesters, die gerade ihren Ehemann verlor und Adam mit, der als Dragqueen Felicia Karriere machen mchte. Zu dritt reisen sie in dem alten Bus «Priscilla» durch die Wste, der sich jedoch nicht gerade als sicheres Verkehrsmittel herausstellt

Die Story ist etwas dnn, die Figuren grtenteils Prototypen. «Priscilla» ist einerseits ein wenig in die Jahre bekommen und hat ordentlich 90s-Zeitgeist inne, andererseits ist jedoch die Erkenntnis erschreckend, wie hnlich einige der Szenen auch gute drei Dekaden spter auf der Strae noch stattfinden knnen. Von Transfeindlichkeit ber Ageism bis hin zu Body Shaming ist so ziemlich alles dabei, was man sich vorstellen kann. Trotzdem ist «Priscilla» im Kern eindeutig Komdie und kippt nur selten ins Bedeutungsschwangere und Dramatische.

Das Publikum singt mit in Tecklenburg

Auf der Freilichtbhne Tecklenburg, die immerhin bis zu 2.300 Personen Pltze bietet, kommt das Stck durchgehend richtig gut an. Es wird viel gelacht, mitgeklatscht, teilweise sogar mitgesungen und zu gern dem Aufruf, bei einem kleinen Country-Line-Dance mitzuwirken, gefolgt. «Priscilla» lief bisher in deutschsprachigen Lndern uerst selten, ebenso ist der Film hier eher unbekannt, sodass ein Groteil des Publikums ganz unvoreingenommen und ohne Erwartungen in die Show geht.

Selbstredend wird es im Humor hufiger ordinr, anzglich und beleidigend. Besonders Bernadette mit groer Attitde von dem Niederlnder Gerben Grimmius stark performt hat einige One-Liner, bei denen man kurz berlegt, ob man laut losprustet oder doch eher etwas pikiert schluckt. Mit aktuellen Querverweisen zu «RuPaul’s Drag Race» und dem Dschungelcamp wird es im wahrsten Sinne sassy. Adrian Becker muss als Tick emotional seine ganze Bandbreite prsentieren und taumelt gekonnt zwischen innerer Zerrissenheit, Diskriminierung und Selbstverwirklichung hin und her. Tobias Bieri komplettiert das Trio und darf in vielen Szenen uerst knappe Outfits tragen und viele Blicke auf seinen durchtrainierten Krper ziehen.

Eine kleine Raritt fr deutsche Musicalfans

Sowieso geizt «Priscilla» nicht mit Sexyness. Es dauert keine drei Minuten, ehe man einen Menstrip sieht. Das Strkste an der Inszenierung unter der Regie von Ulrich Wiggers ist das wunderschne und schillernde Kostm und die ppig auffahrende Requisite. Wer noch nach Inspiration fr ein CSD-Outfit sucht, wird hier in quasi jeder Szene fndig. Mehr ist manchmal eben auch einfach mehr. Auch wenn bei manchen der rund 50 Darsteller*innen zur Premiere einige der aufwndigen Choreos noch nicht ganz sitzen, so ist aber wie so oft in Tecklenburg das groe Bild, bei dem die riesige Bhne bis in die hintersten Ecken genutzt wird, immer erschlagend und mitreiend.

Musikalisch gibt es eine ganze Ladung an queeren Hymnen aus gleich fnf Jahrzehnten. Wenn zu Petula Clarks «Colour My World» ein Song aus 1966 entstaubt, Musical-esque arrangiert wird und als riesige Ensemble-Nummer hervorragend funktioniert, ist das fr ltere Besucher*innen ein Wohlfhlmoment, manch anderer fhlt sich bei «I Will Survive» von Gloria Gaynor richtig aufgehoben, der nchste dann bei «Hot Stuff» von Donna Summer oder mimt das «La la la» in Kylies «Can’t Get You Out Of My Head» mit. Gesanglich stechen die sehr berhrend gesetzten Harmonien in Cyndi Laupers «True Colors» hervor, episch und melancholisch wirds gen Finale mit «We Belong» von Pat Benatar. Die 18-kpfige Band spielt unter der musikalischen Leitung von Giorgio Radoja das gesamte Stck ber auf hohem Niveau.

Deutsche Musicalfans bekommen mit «Priscilla» eine kleine Raritt zu sehen. Wer dieses Jahr einen Abstecher nach Tecklenburg macht, darf in dem Picknickkorb neben Sektchen und Weintrauben auch noch die Federboa dazulegen.