Transfeindliche Tne auf Schloss Herrenhausen
7 mins read

Transfeindliche Tne auf Schloss Herrenhausen

Die Volkswagenstiftung betreibt fr gewhnlich Wissenschaftsfrderung im groen Stil. Doch einmal im Monat mischt sie sich auch in gesellschafts- und wissenschaftspolitische Debatten ein, um dazu auf Schloss Herrenhausen in Hannover zu Gesprchspodien einzuladen.

Da wird dann ber CO2-Zertifikate, «Kiffen ohne Knast» oder auch mal ber Goethe diskutiert. Warum also nicht auch ber den «Genderstreit: Wann ist eine Frau eine Frau und ein Mann ein Mann?». Angeblich wissen darber alle bestens Bescheid und bleiben doch irgendwie hilflos an lauter Vorurteilen und Halbwissen kleben. Ganz abgesehen davon, wie wichtig das Frau- und Mannsein und die permanente Besttigung darin genommen wird. Und wenn noch das Selbstbestimmungsgesetz hinzukommt, dann braucht es oft starke Nerven fr wirklich aufgeklrte Menschen.

Wenn auerdem ein Gesprchspodium so besetzt ist wie vor Kurzem jenes auf Schloss Herrenhausen, drfte wohl klar sein, woher der Wind weht in der dort beschworenen Gender- und Transdebatte. Denn es sprachen Till Randolf Amelung und Mareike Lotte Wulf einvernehmlich frs Contra und Heinz-Jrgen Vo in der professoralen Rolle des wackeren Verteidigers. Moderiert hat das Ganze der Journalist Axel Rahmlow, und von Deutschlandfunk Kultur wurde das Gesprch aufgezeichnet und gesendet.

Eine Diskussion, um die «Aufregung» zu vermehren

Das Ungleichgewicht in der Besetzung ist offenkundig und das Fehlen einer trans Stimme pro Selbstbestimmung gleichermaen. Paritt muss bei der Volkswagenstiftung noch gelernt werden, also ab zur Nachhilfe. Natrlich war eingangs von einer «heiklen Debatte» die Rede (warum eigentlich heikel?) und vom «Aufregerthema», um recht schnell und erwartungsgem die Aufregung zu vermehren und Klage ber all die verwirrende Begrifflichkeit zu fhren.

Dass es sich dabei um ein «neues» Thema handele, wie behauptet wurde, klingt kurios angesichts der Tatsache, dass es Transgeschlechtlichkeit schon immer gegeben hat, nur eben als Thema gesellschaftlich unter den Tisch gekehrt wurde, und wir aktuell eine Regierung haben, die endlich damit Schluss gemacht hat.

Was mich an solchen Gesprchen nervt: Dass Menschen wie ich in einen stndigen Erklrungs- und Verteidigungsmodus gedrngt werden. Die berwiegende Mehrheit identifiziert sich mit ihrem Geburtsgeschlecht, richtig, und feiert das als Normalitt. Sollen sie, aber dann sollen sie bitte auch unsere trans Normalitt anerkennen, denn eine vom Geburtsgeschlecht abweichende Geschlechtsidentitt ist fr all jene, die es betrifft, auch eine Normalitt.

Meine Existenz wird zur Verhandlungssache

Was uns verweigert wird, ist die Anerkennung der Gleichwertigkeit in der Frage von Geschlecht. Und genau da liegt der Hund begraben. Denn so wird meine Existenz zur Verhandlungssache, nie aber die der anderen. Zur Erinnerung: Bei trans, inter und nichtbinr geht es nicht um die Abschaffung von Geschlecht, sondern, wenn wir so wollen, um eine kategoriale Erweiterung. Am Ende muss ich mir noch die Infragestellung der Echtheit in meinem Menschsein gefallen lassen.

Gleichberechtigung und Gleichbehandlung stehen im Grundgesetz und sind darber hinaus noch in weiteren Gesetzen festgeschrieben wie etwa dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz. Aber sie stehen, wie mir das «Herrenhuser Gesprch» besttigte, doch nur auf dem Papier wie leider Menschenrechte berhaupt. Die werden zwar stndig beschworen, um sie aber im nchsten Moment durch lauter Ausreden aufzuweichen.

Wer Gutachten fordert, schreibt Stigmatisierung fort

Zwei Punkte will ich aus der Debatte herausgreifen, die nicht unwidersprochen bleiben drfen:

Erstens: Wer Gutachten fordert und das tun Amelung und Wulf schreibt die Pathologisierung und Stigmatisierung fort. Als das Bundesverfassungsgericht 2017 eine Klage gegen die Begutachtung zurckwies, folgte die Argumentation einem legalistischen Denken nach dem Motto, Recht ist, was der Staat als Gesetz beschliet. Aber es ist die Menschenwrde, die «exakt die Grenze der Souvernitt des Staats» bezeichnet (Omri Boehm). Fr die Frage der Legitimitt ist das Menschenrecht bindend und nicht das positive Recht des Staates. Es ist bedauerlich, dass das Bundesverfassungsgericht sich damals seiner Verantwortung mit der billigsten Ausrede entzogen hat.

Wir knnen (noch) nicht erklren, warum es trans gibt, sondern nur feststellen, dass es Menschen gibt, die trans sind, und zwar schon immer und berall auf der Welt. Nennen wir es ruhig eine anthropologische Konstante. Wenn Frau Wulf, die mit Blick auf trans so gern von Nachhaltigkeit bei Entscheidungen spricht, diese durch Begutachtung nachgewiesen glaubt, dann kann ich nur antworten: Kaffeesatzlesen ist wahrscheinlich genauso zuverlssig.

Tiefsitzendes Unbehagen gegenber trans Menschen

Zweitens: Frau Wulf erinnert gerne an den breiten Konsens, den es 1980 im Fall des sogenannten Transsexuellengesetzes (TSG) im Parlament gegeben habe. Nachdem der Gesetzentwurf in den Vermittlungsausschuss kam und die Union dort ihre Forderungen durchsetzen konnte, erst danach war sie bereit, dem TSG zuzustimmen. Zur Ironie der Geschichte gehrt, dass ausgerechnet die Unions-Forderung (Hochsetzung der Altersgrenze) das erste war, was das Bundesverfassungsgericht aus dem Gesetz als nicht verfassungskonform strich.

Im Rckblick stimmt es mich nur traurig, dass 1981 ein maximal restriktives Gesetz verabschiedet wurde und dass die Politik noch weit davon entfernt war, trans Rechte als Menschenrechte zu begreifen. In den folgenden Jahrzehnten musste deshalb das Bundesverfassungsgericht durch ein halbes Dutzend Urteile der Politik Nachhilfe in Sachen Grundgesetz und menschenrechtlichen Standards geben. Und viele haben bis heute die Lektion noch nicht gelernt.

Dass die Unionspolitikerin Mareike Wulf und mit ihr die berwiegende Mehrheit ihrer Partei darber hinaus nicht begreift, was Selbstbestimmung bedeutet, ist fatal. Und dass sie und ihre Partei deshalb nach wie vor und immer wieder nur ihr groes Missverstndnis in dieser Sache pflegt, verunmglicht eine Verstndigung. Denn die Annahme, Selbstbestimmung in Fragen der geschlechtlichen Identitt bedeute, dass wir uns unser Geschlecht frei whlen, bleibt grober Unfug und verrt nur ihr tiefsitzendes Unbehagen in Bezug auf Menschen wie mich trotz aller gegenteiligen Beteuerungen.

Trans zu sein, ist keine Wahl

Nein, Frau Wulf, trans zu sein ist keine Wahl. Es zu sein, ist wie jede Geschlechtlichkeit Schicksal. Genau darum brauchen wir die Freiheit, das Transsein uneingeschrnkt, vorbehaltlos, ohne Gngelung und Bevormundung leben zu knnen. Denn «Selbstbestimmung ist der Begriff, in dem die Freiheit des Einzelnen praktisch wird», sagt der Philosoph Volker Gerhardt ganz richtig. Und praktisch wird sie, indem wir sie leben knnen. Selbstbestimmung ist aber kein Supermarkt der freien Geschlechtswahl, wie unterstellt wird, sondern eine Frage von Menschenrecht und Freiheit.

Freiheit beginnt mit der politischen Selbstbestimmung und schliet alle menschlichen Lebensbereiche ein, nmlich als geschlechtliche, sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung, und als Selbstbestimmung, wo es um Fragen von Behinderung und Alter geht, oder um das Recht auf krperliche Unversehrtheit, um es bei diesen Beispielen zu belassen.

Im Grunde reden wir immer nur ber die Befindlichkeiten der Mehrheitsgesellschaft, die angeblich so sicher wei, was Frau und was Mann ist, aber durch ein paar trans Menschen sofort verunsichert wird. Ja, weil wir ihren Biologismus nicht teilen und wissen, dass es noch mehr als Keimdrsen, Genitalien und Krperfunktionen gibt. Aber es geht wirklich nicht um euch. Unsere Gleichstellung ist berfllig.