Trauer um die groe schwule Liebe
Der mit nur 36 Jahren viel zu frh an den Folgen von Aids verstorbene Schriftsteller Pier Vittorio Tondelli ist in der italienischen Literatur nach wie vor ein groer Name. Sein letzter Roman «Camere separate» von 1989 besitzt in Italien bis heute Kultstatus. 2025 wre Tondelli 70 Jahre alt geworden. Der Gutkind Verlag nahm dies zum Anlass, den Autor auch im deutschsprachigen Raum zugnglich zu machen. Mit Hinrich Schmidt-Henkel, der bereits Autoren wie Michel Houellebecq, douard Louis oder Jon Fosse ins Deutsche bertrug, gewann der Verlag einen bersetzer erster Gte. Doch wie hat dieser schwule Klassiker die letzten drei Jahrzehnte berstanden?
Nun muss man zugestehen, dass der Roman von 1989 ist. Anders jedoch als queere Klassiker wie Christopher Isherwoods «A Single Man» (1964), dessen Werk Tondelli offenkundig kannte und aufgreift, bleibt «Getrennte Rume» (Amazon-Affiliate-Link ) in vielerlei Hinsicht ein Kind seiner Zeit. Besonders zeigt sich das an der (heillos toxischen) Liebesbeziehung zwischen Tondellis Protagonisten Leo, einem renommierten italienischen Autor, und Thomas, einem jungen deutschen Musiker aus Mnchen.
Thomas ist vor zwei Jahren gestorben
Ihr Verhltnis (oder vielmehr Verhngnis) nimmt einen himmelhochjauchzenden Anfang, als der unerfahrenere Thomas dem etwas lteren Leo nach einem ungeschickten ersten Flirt bei einem Konzert von einer Empore im Pariser Zenith im wahrsten Sinne des Wortes in die Arme springt. Momente der Wonne, die jedoch von den ersten Seiten an mit einem dunklen Schleier berzogen sind: die Stationen von Thomas und Leos Beziehung entfalten sich nmlich im Rckblick, denn «Thomas oder zumindest alles, was auf Erden diesen Namen trug und fr [Leo] und alle, die Thomas liebten, in diesem Namen enthalten war ist nicht mehr da. Thomas ist tot.»
Der Tod von Thomas liegt bei Einsetzen der Handlung bereits zwei Jahre zurck. Leo wiederum versucht, all die Erinnerungen und die tiefe Trauer von sich abzuschtteln, indem er tut, was er, wie sich zeigt, eigentlich auch schon zu Thomas‘ Lebzeiten in der Beziehung getan hat: als rastloser Kosmopolit die Welt bereisen nun jedoch nicht nur stets fliehend vor Verantwortung, sondern auch «vor dem Entsetzen darber, dass er Thomas verloren hat.» Ob in Paris, Berlin, Mnchen, New York, Mailand, London oder sogar Duisburg berall holt ihn dieser Verlust ein. Fr die Lesenden bleibt er jedoch ein vager Schatten: Damit die behauptete groe Liebe sprbar wrde, htte Tondelli deutlicher erzhlen mssen, woraus sie sich speiste. Stattdessen konzentriert er sich auf die barocke Ausschmckung von Leos desolatem Innenleben, wo sich prunkvolle, schwergewichtige Stze aneinanderreihen.
Coming-out im Beichtstuhl
Der immer wieder mit-thematisierte, in ewigem Clinch zu queeren Lebensentwrfen stehende Katholizismus spiegelt sich streckenweise in einem sakralen Pathos. Nicht selten streift das den Kitsch. Leo, von indoktriniertem Selbsthass geplagt, trifft schlielich die kathartische Entscheidung, «das Leben selbst als Liturgie» zu feiern. In einer paradigmatischen Szene enthllt er seine unorthodoxen Leidenschaften einem Priester bei der Beichte. Im Kontext der Entstehungszeit im katholisch geprgten Italien hatten solche Einsprengsel vor allem 1989 natrlich groe Sprengkraft.
Diese Radikalitt, wenngleich nicht subtil, schindet auch noch heute Eindruck. Selbiges gilt fr den scharfen Blick, mit dem Tondelli soziale Milieus und feine Unterschiede skizziert. Denn Leo befindet sich mit Thomas in einem stndigen Ringkampf, der auch aus ihren Klassenunterschieden herzurhren scheint. Leo ist bereits ein halbwegs erfolgreicher Schriftsteller, als er und Thomas sich kennenlernen. Thomas hingegen ist ein mittelloser Musiker, der ein karges Einzimmerapartment in Paris bewohnt. Bei gemeinsamen Reisen kommt Leo fr Unterknfte und Verpflegung auf, was zu Streitigkeiten fhrt. Liegt hierin am Ende sogar die Ursache fr die stndige Bipolaritt aus extremer Nhe und rumlicher Distanz zwischen ihnen oder, wie Leo selbst die Beziehung definiert, fr die titelgebenden «getrennten Rume»?
Fraglos hat Tondelli mit seinem unfreiwillig letzten Roman ein ppig-ambitioniertes und durchaus lesenswertes Zeitzeugnis geschaffen: Mit Trauer, Verlust, Einsamkeit und Ortlosigkeit widmet er sich Themen, die universell anschlagen. Doch wo das Buch niederschmetternd sein will, kippt es bisweilen ins Larmoyante. Wie Leo selbst mandert «Getrennte Rume» zwischen den Zeiten, Assoziationen und Erinnerungen. Die literarische Stringenz eines Isherwood erreicht Tondelli jedoch nicht.
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