Trkei zensiert queere Filme und Songs
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Trkei zensiert queere Filme und Songs

Die staatliche trkische Medienaufsicht RTK hat Strafen gegen mehrere Streaming-Dienste verhngt, die mit einzelnen Filmen gegen «Familienwerte» verstoen htten. Bei allen der in diesem Zusammenhang genannten Titeln handelt es sich um Filme mit queeren Inhalten.

Die Dienste mssten die einzelnen Filme aus ihrem Angebot entfernen und eine Ordnungsgeld von 3 Prozent des monatlichen Einkommens zahlen, gab am Donnerstag der Politiker Tuncay Keser von der Oppositionspartei CHP, der in dem Gremium sitzt, zu der von ihm abgelehnten Entscheidung bekannt. Bei den Filmen handele es sich um «All of Us Strangers» (Disney XD), «Cobalt Blue» (Netflix), «Those About to Die» (Prime Video), «Benedetta» (MUBI) und «Looking: The Movie» (HBO MAX).

Zur Begrndung sei auf Richtlinen verwiesen worden, dass Sendungen nicht «im Widerspruch zu den nationalen und moralischen Werten der Gesellschaft, der allgemeinen Moral und dem Grundsatz des Schutzes der Familie stehen» und «nicht obszn» sein drften. Keser kritisierte, es sei absurd, die Gesellschaft «schtzen» zu wollen vor «fiktionalen Produktionen mit Altersfreigaben auf kostenpflichtigen Plattformen, auf die Erwachsene gegen Bezahlung zugreifen knnen».

Vorwurf «Frderung» von Homosexualitt

Laut Medienberichten gab die fr TV- und Radioinhalte zustndige RTK in einer spteren Mitteilung an, die Filme wrden «Homosexualitt frdern», sexuell explizites Material enthalten oder Gewalt verherrlichen. Dies stehe im Widerspruch zu «nationalen und moralischen Werten» und dem Grundsatz des Schutzes der Familie. Man werde Inhalte weiter anhand von Familienwerten einstufen und Kinder vor schdlichem Material schtzen. Dies stehe im Einklang mit dem «Jahr der Familie», das Prsident Recep Tayyip Erdogan Anfang des Jahres ausgerufen hatte.

Zugleich war die Behrde bereits 2023 hnlich gegen Streamingdienste vorgegangen und hatte etwa Bugelder gegen Disney+ fr die Serie «Love, Victor», Amazon Prime fr die Serie «Modern Love» oder Netflix fr den Film «Anne+» verhngt.

Verfahren gegen Snger Mabel Matiz

In dieser Woche machten zugleich mehrere Meldungen zu einem Vorgehen gegen den populren Snger Mabel Matiz Schlagzeilen. Das Familienministerium hat demnach beantragt, den neuen Song «Perperisan» aus Angeboten wie Spotify, Youtube und Apple zu entfernen worber noch ein Gericht zu entscheiden hat.

In der Kollaboration mit dem franzsischen Duo Ko Shin Moon sehnt sich der Snger in den Lyrics nach Erlebnissen mit einem Mann. Am Donnerstag gab das Innenministerium zudem strafrechtliche Ermittlungen gegen den Snger bekannt, zu Versten gegen Artikel 226 des trkischen Strafgesetzbuches, der die Verbreitung oder Verffentlichung «obszner» Inhalte unter Strafe stellt was mit einer Gefngnisstrafe zwischen sechs Monaten und zwei Jahren geahndet werden kann.

Der 40-jhrige Singer-Songwriter, dessen YouTube-Kanal ber 900.000 Abonnent*innen hat, betonte, die Lyrics wrden «absichtlich verzerrt» interpretiert. Das Lied greife auf die Tradition der trkischen Volksliteratur zurck, die «eine Liebesgeschichte durch Metaphern erzhlt», und traditionelle trkische Volkslieder enthielten hufig sexuelle Anspielungen. «Ich mchte glauben, dass die ffentliche Ordnung und unser kollektives Wohlergehen nicht so fragil sind, dass sie durch ein bloes Lied gestrt werden knnen», schrieb er bei X.

Der LGBTI-Aktivist war bereits 2022 ins Visier der RTK geraten, die TV- und Radiosendern untersagte, das Lied «Karakul» zu spielen bzw. das Musikvideo zu senden. Auch hier ging es klar um die Liebe unter Mnnern.

Auch «Hetero»-Inhalte betroffen

Die immer autoritrere trkische Regierung geht dabei inzwischen auch hufiger gegen «Hetero»-Inhalte vor. Wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet, leitete die Medienaufsicht Anfang der Woche eine Untersuchung gegen eine populre Seifenoper ein, nachdem in einer Folge die Hauptfigur eine Affre mit ihrem Schwager hatte. «Jede Sendung, die sich gegen die Familie richtet, () wirkt sich direkt auf die Seelen unserer Kinder, die Zukunft unserer Jugend und den Frieden in unserer Gesellschaft aus», schrieb RTK-Leiter Ebubekir Sahin dazu bei X.

Zwischenzeitlich war auch eine Drehbuchautorin der Serie festgenommen worden, wenngleich angeblich zu einer anderen Angelegenheit, und soll der Handlungsstrang der Serie abgendert worden sein. Vor zwei Wochen hatte die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen die beliebte Girlband «Manifest» eingeleitet, wegen des Vorwurfs der «Obsznitt» im Zusammenhang mit ihren Tanzeinlagen bei einem Auftritt in Istanbul.

Repression ohne Ende

Generell verschrft sich in der Trkei fast tglich das Vorgehen gegen Oppositionelle, von denen viele festgenommen wurden, whrend dem Oppositionschef der CHP die Absetzung droht, und Minderheiten. Seit dem ersten Verbot des einst gro besuchten CSD in Istanbul 2015 wurden Pride-Veranstaltungen immer wieder untersagt und niedergeschlagen, auch queere Kulturveranstaltungen wurden verboten. Unter anderem in diesem Zusammenhang kam es in den letzten Jahren immer hufiger zu Strafprozessen gegen queere Aktivist*innen mit oft lnglicher Untersuchungshaft.

Im Rahmen des «Jahres der Familie» gibt es mehrere Vorschlge fr ein Gesetzespaket, das etwa fr «Trans-Propaganda» oder symbolische gleichgeschlechtliche Hochzeitszeremonien Haftstrafen vorsehen wrde (queer.de berichtete). Der «Kampf gegen die LGBT-Perversion» sei ein «Kampf fr die Freiheit, die Wrde und zur Rettung der Menschheit», sagte Erdogan im Mai (queer.de berichtete). (nb)